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Der Engel aus Kiel

aus DER SPIEGEL 38/1992

Als könne der Besucher nicht schnell genug wegkommen aus Bonn, so steil steigt der Jet der Bundesluftwaffe in den Himmel über dem Regierungssitz.

Als müsse er einen faden Nachgeschmack loswerden, so schnell bestellt der Ministerpräsident einen Kaffee und einen Wodka.

Als spreche ein Engholm-Parodist, so prompt überzieht der »Mann des Feuilletons« (Titanic) die Polster seines Sitzes mit Bemerkungen zur Farbenlehre eines gewissen Hans Magnus Enzensberger.

Als sei seine gerade gehaltene Rede unwichtig wie jede andere gewesen, so freimütig räumt der Kanzlerkandidat ein, »heute nicht gut drauf gewesen zu sein«, weil er am Vorabend so nett und zu lange mit Schleswig-Holsteinern beisammengesessen habe.

Als sei die Zeit stehengeblieben, so spricht Björn Engholm von seiner letzten Rede als Bundestagsabgeordneter, von jener Rede vor genau zehn Jahren, kurz nach dem Sturz der Regierung Schmidt, als die Fraktion ihn, den gestürzten Bundesbildungsminister, nachts um 22 Uhr verdonnerte, am nächsten Morgen dem Wirtschaftsminister Lambsdorff Paroli zu bieten.

Der Abgeordnete Engholm prophezeite der neuen Regierung, unbeirrt von irritierenden Zwischenrufen ("Fischminister!« - »Und der will in Schleswig-Holstein Ministerpräsident werden!« - »Bankrotteur!"), sie werde die »von ihr propagierten Werte zur bloßen Ideologie verkommen« lassen; und er ließ im Hohen Haus zum Abschied den erschreckend weitsichtigen Satz zurück: Die junge Generation »wird sich in der Zukunft von Parlament, von Parteien und Politik noch weiter abwenden«.

Zehn Jahre später, nach Bonn eingeflogen als die letzte Hoffnung der Sozialdemokratie, legt Engholm den Abgeordneten Sätze von noch größerer Schwere aufs Gemüt. Den »Anfang vom Ende der deutschen Nation« beschwört er, »die Stabilität des gesamten politischen Systems« sieht er bedroht.

Zehn Jahre Weltgeschichte haben Deutschland an den »Rand des Abgrundes« gebracht und Engholm mit ausgebreiteten Armen davor. Zwei Katastrophen haben den Mann aus Kiel zum Retter befördert: die Barschel-Affäre und die deutsche Einheit.

Aber die Bonner Volksvertreter mögen ihn nicht, ihren Engel aus Kiel. Die Abgeordneten der Regierungsfraktion dürfen ihn nicht mögen; darum schenken sie ihm nicht mal Zwischenrufe. Und die Abgeordneten seiner eigenen Partei wollen ihn nicht mögen; darum geben sie ihm nicht mehr als Pflichtbeifall.

Engholm spricht zu den Sozialdemokraten, als müsse er sie im Plenum von jener Politik überzeugen, die ihre gemeinsame sein soll. Nur gelegentlich richtet er den Blick und die Worte nach rechts, wo ihn die Unionsabgeordneten anschweigen, und nach ganz vorne rechts, wo der Kanzler seine Schlipsspitze rollt und die Hosenträger ordnet.

Die Kälte, die ihm aus der linken Hälfte des Saales so gezielt entgegenschlägt wie einst Helmut Schmidt, habe ihn nicht überrascht, sagt Engholm hinterher, »bei dem, was vorher war«.

»Vorher« war die Attacke von Petersberg, »der Schlag in die Magengrube der SPD«, wie es ein Vertrauter Engholms formuliert.

»Vorher« war der Angriff auf das, was für viele Sozialdemokraten ihre Partei im großdeutschen Taumel noch unterscheidet von der CDU: das uneingeschränkte Asylrecht für jeden politisch Verfolgten und der ausschließliche Verteidigungsauftrag der Bundeswehr.

Beide Verfassungsprinzipien, aus dem Antifaschismus der Nachkriegszeit geboren, sind längst mehr als Artikel des Grundgesetzes. Sie sind Denkmäler für alle die, die jene alte Bundesrepublik verteidigen, die es nicht mehr gibt.

»Die verteidigen nicht mehr das Asylrecht«, sagt Norbert Gansel, einer der SPD-Bundestagsabgeordneten, die Engholm unterstützen, »die verteidigen nur noch den Asylparagraphen.« Von »Asyl« könne man nicht mehr reden in einem Land, in dem Asylbewerber und über fünf Millionen Ausländer zu Verängstigten werden und »eine der größten Wellen von Gewalt seit der Reichskristallnacht« über ihnen zusammenschlage.

Seit einem halben Jahr, sagt Engholm, seit die Asylantenzahlen so schnell ansteigen, daß die Gemeinden in Schleswig-Holstein damit drohen, die Aufnahme von Bewerbern zu verweigern, habe er den Gedanken nicht mehr unterdrücken können, »daß wir uns am falschen Ufer verfechten«.

Engholm ist eher ein Zauderer. Er kommt so mühselig zu politischen Entscheidungen wie ein Wal zu Nahrung. Tausende Tonnen Wasser läßt das Tier in sich hineinschwappen, für ein paar Gramm Plankton.

Aus vielen Gesprächen saugt Engholm auch in diesem Fall Informationen, aus Gesprächen mit Kirchenvertretern, mit seinem Sozialminister Günther Jansen, mit dem Vorsitzenden der Landtagsfraktion Gert Börnsen, mit Sozialverbänden, mit Willy Brandt. Das sei damals schon etwas anderes gewesen, als er nach Skandinavien ins Asyl geflohen sei, habe Willy ihm versichert, und als nach dem Kriege der Artikel 16 formuliert worden sei, habe man an einzelne gedacht, nicht an eine halbe Million.

Auf seiner Reise durchs Baltikum sah Engholm »eine große Wanderungswelle von Hunderttausenden« im Entstehen, die das Asylrecht »kurzerhand wegspülen« kann; bei seinen Besuchen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern schockte ihn die fortschreitende »Deindustrialisierung«, die »ökonomische Verödung« ganzer Landstriche, die Arbeitslosigkeit ganzer Familien; in dem Sozialdemokraten wuchs die Vision eines Deutschland, das leichte Beute sein wird für Rechtsradikale.

»Bis zu 20 Prozent« traut Engholm den Ultra-Rechten zu; die beiden großen Parteien sieht er zukünftig nur noch bei 30 Prozent.

Die Angst vor einem abrutschenden Deutschland und die Zweifel am Asylverfahren vermischten sich in Engholms Kopf mit dem Kalkül, aus der politischen Defensive herauszukommen und der CDU nicht länger als Prügelknabe dienen zu müssen.

Engholms Befreiungsschlag wird, wenn die SPD ihm folgt, das Bild der Sozialdemokratie schwarz-rot-gold einfärben. Wer die »Asylantenflut« eindämmen will, wer dafür ist, daß »Deutschland auch militärisch seiner Verantwortung nachkommt« und gegenüber Kriminellen »mehr staatliche Härte walten zu lassen«, der kann dann getrost auch SPD wählen.

Aber nicht nur das Bild der Sozialdemokratie wird Engholm verändern, auch die Partei wird er verändern. Mehr instinktiv als konzeptionell hat er in Petersberg einen Weg eingeschlagen, an dessen Ende die SPD der alten Bundesrepublik am Ende sein wird. Abgelöst durch die SPD der Großmacht Deutschland, durch eine neue deutsche Sozialdemokratie, die sehr national, leidlich europäisch und einigermaßen sozial sein wird.

Der kühne Sprung vom falschen Ufer auf die andere Seite muß auch Engholm verändern. Vorher war er ein politischer Flaneur, dem »Muße pflegen« so wichtig war wie regieren. Er war einer, der mit der Distanz zur Politik Politik machte.

Vor seinem Comingout pflegte er Entscheidungen meist durch Fragen zu beeinflussen. Jetzt hat er sich entschieden, Antworten zu geben.

Ihn treibt, und da ist er bis in die Wortwahl ganz Kohl, die »historische Verantwortung«. Das Duell der beiden Verantwortungsträger am vergangenen Mittwoch hat allerdings gezeigt, daß der eine diese Verantwortung bereits dadurch erfüllt sieht, daß er noch im Amt ist und bleibt, während der andere mehr zu wollen scheint als den Sessel des anderen.

Kohls Auftritt war angsteinflößend. Den Staat in den Händen eines Mannes zu sehen, der die Pogrome in Rostock und anderswo mit dem Trillerpfeifen von Demonstranten beim Münchner Weltwirtschaftsgipfel vergleicht, »stimmt nachdenklich«, wie Engholm sagen würde.

Kohls Abstand zur Wirklichkeit muß fast so groß sein, wie der von Erich Honecker war; wie sonst kann man erklären, daß er, gefangen im Weltbild der fünfziger Jahre, »Sportvereinen« und »Kirchen« eine ähnlich große Verantwortung bei der Lösung der sozialen Probleme im Osten zuweist wie den Parteien.

Die Vorschläge, die der Bundeskanzler anzubieten hatte, waren so dürftig, daß er sie besser nur in Nebensätzen vorgetragen hätte.

So gut wie alle Akteure dieses Parlaments wirkten furchterregend klein, angesichts der großen »historischen Aufgabe«, die sie unablässig beschwören.

»Nicht das Geld geht Deutschland aus, aber der Verstand«, hielt der Ost-Berliner Abgeordnete Werner Schulz (Bündnis 90/Grüne) dem Bundestag vor und brachte damit die allgemeine Ratlosigkeit auf den Begriff. Ohne dadurch allerdings die blinde Heiterkeit stören zu können, die im Hohen Haus so allgegenwärtig ist wie beim »Glücksrad« auf Sat 1.

Das Politikgebaren der bedächtigen achtziger Jahre, das sich daran erschöpfte, das Handeln zum Wohle der Wähler zu ersetzen durch Handlungen, die dieses Handeln vortäuschen, ist trotz schreiender Probleme ungebrochen und wird lediglich gesamtdeutsch garniert mit rührenden Berichten von Volksbesichtigungen ("Ich war in Leuna").

Der Hoffnungsträger aus Kiel argumentierte, als wolle er nicht Kanzler werden, sondern Wirtschaftsminister. Fleißig im Detail, aber klein im großen Wurf, doch immerhin darum bemüht, Lösungen zumindest für die wirtschaftlichen Probleme des deutschen Ostens zu suchen.

Im sozialdemokratischen Keynesianismus der frühen siebziger Jahre sieht Engholm die Instrumente, die helfen können beim sozial erträglichen Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus, auch wenn sie ursprünglich einmal zur Transformation in die andere Richtung gedacht waren.

Gegen die Tatenlosigkeit der Regierung und die Demagogie der Rechten setzt Engholm auf die Propaganda der Tat, auf milliardenschwere staatliche Investitionsprogramme, die dort greifen sollen, wo der Markt sonst ökonomische Wüsten und soziale Steppen produzieren würde.

»Wer die besseren Konzepte für den Aufbau des Ostens hat«, da ist Engholm sicher, »der wird auch die nächste Bundestagswahl gewinnen.« Und damit das so ist, hat er jetzt, zwei Jahre vorher, begonnen, die zwei Angriffsflächen aus dem Weg zu räumen, die den Wählern eventuell die Sicht verstellen könnten.

Daß sein Foto infolgedessen tagelang in den Fernsehnachrichten zwischen den Brandbildern aus Rostock auftauchte, beirrt ihn nicht. Er spricht bedauernd von der »Duplizität der Ereignisse«.

Daß die Parteilinke ihm vorwerfe, er hätte die Meinungsbildung in der SPD von unten her beginnen müssen, bügelt er ab. »Das hätte länger als ein Jahr gedauert.«

Daß die Reaktion in der Partei heftig sein werde, hat er erwartet. Die blinde Wut jedoch ("Faschist«, »Rassist"), die kränkt ihn.

Daß sich die CDU- und die SPD-Fraktion seines Landtages am Freitag letzter Woche zu einem gemeinsamen Asyl-Beschluß durchrangen, feiert er als »Anstoß für die großen Fraktionen im Bundestag«.

Die »Verantwortungspraktiker« der SPD-Parteibasis sieht Engholm an seiner Seite, die »Verantwortungsethiker« auch. Die »Gesinnungsethiker« jedoch, »die lieber mit wehenden Fahnen in den Tod ziehen, als Positionen zu räumen«, die werden ihm den Sieg auf dem Sonderparteitag nicht einfach machen.

»Selbstverwirklichungs-Politiker« nennt Norbert Gansel diese Sozialdemokraten, die in der Partei seien, um sich selbst zu verwirklichen, und die durch ihre Prinzipientreue die SPD in eine geradezu tragische Situation bringen könnten. Besonders in der mittleren Funktionärsebene seien sie anzutreffen, sagt Gansel, »und in großer Zahl auf Parteitagen«.

Auf seinen Spagat zwischen Praktikern und Ethikern, zwischen Werftarbeiter und Günter Grass war Engholm immer stolz. Ist diese Akrobatik plötzlich zu anstrengend geworden oder der Abstand zwischen beiden zu groß?

Engholm saugt an seiner Pfeife, guckt aus dem Fenster des Luftwaffen-Jets, legt die Pfeife zur Seite und grinst, als habe er jemandem einen Streich gespielt. »Grass wird sich ärgern, klar. Aber der kann Asylantenzahlen lesen, soll er mal machen. Den kann ich überzeugen. Der Arbeiter aber, der bildet sich seine Meinung auf Grund von Erlebnissen; für den zählt nur, was wir machen, nicht was wir denken, nicht was wir reden.«

Von Robert Kennedy hat Engholm den schönen Satz: »Einige sehen, was sie sehen, und sagen: Warum? Ich sehe, was ich träume, und sage: Warum nicht?« In zehn Jahren werde man auf dem Mond landen, habe John F. Kennedy 1961 seinen Landsleuten versprochen. »Mein Traum«, sagt der Engel, als unter ihm Kiel auftaucht, »mein Traum: In einem Jahrzehnt die deutsche Einheit hinkriegen - ökonomisch, mental, kulturell.«

Und wenn das Jahrzehnt schon auf dem Sonderparteitag zu Ende geht?

Engholm schmunzelt siegessicher. »Ja und? Ich bin doch nicht Barschel!«

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