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JUBILÄUM Der ewige Zauberspiegel

Mit Rückblicken auf die frühen Jahre der TV-Unterhaltung und auf die Geschichte der Talkshows feiert das Erste sein Bestehen seit einem halben Jahrhundert. Eine Berliner Gedenkausstellung behauptet: »Fernsehen macht glücklich.« Stimmt das?
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 52/2002

Eine Weihnachtsgeschichte aus Deutschland, fürchtet euch nicht: Es begab sich am 25. Dezember 1952 zu der Zeit, da Konrad Adenauer in Westdeutschland Kanzler war. Mitten in Hamburg war ein großer Platz mit einem großen Namen: Heiligengeistfeld. Zwei Bunker standen dort, in denen wenige Jahre zuvor die Menschen Schutz vor den Bomben gesucht hatten. Nun aber, an jenem ersten Weihnachtsfeiertag vor 50 Jahren, wurde das deutsche Fernsehen der Nachkriegszeit geboren: Der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) eröffnete sein regelmäßiges Programm.

Hirten auf dem Felde bekamen das Wunder nicht mit, dafür tausend bundesweit angemeldete Zuschauer. Den TV-Verkündigungsengel gab der NWDR-Intendant Werner Pleister: »Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, das neue, geheimnisvolle Fenster zu Ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt, Ihren Fernsehempfänger, mit dem zu erfüllen, was Sie interessiert, Sie erfreut und Ihr Leben schöner macht.«

Und dann fensterlte es in die deutsche Stube: ein Fernsehspiel namens »Stille Nacht, Heilige Nacht«, Grüße aus aller Welt zum deutschen TV-Start und, frühes Betthupferl um 21.15 Uhr, »Max und Moritz«, ein »Tanzspiel in 7 Streichen«. Tags drauf - nach der Übertragung des Wiederholungsspiels um den DFB-Pokal zwischen St. Pauli und Hamborn 07 und der - Vergangenheit, die nicht vergehen will - Niederlage der Kiez-Mannen, gab''s »Eine nette Bescherung - ein Weihnachtsstollen zum Kaffee serviert von Peter Frankenfeld« mit Ilse Werner, Friedel Hensch und den Cyprys sowie Helmut Zacharias.

Jedem Anfang, auch einem so bescheidenen wie dem vor 50 Jahren, wohnt ein Zauber inne - aber auch ein schrecklicher Zweifel: Gibt es wirklich Fortschritt? Sie sind alle dahingegangen, der große Peter, die trällernde Friedel, der ewig grinsende Geiger Zacharias, aber leben sie nicht noch heute und heißen Gottschalk, Marianne und Michael oder André Rieu und puderzuckern noch immer den unverdaulichen Stollen deutscher TV-Unterhaltung?

Allerdings: Mit »Max und Moritz«, vertanzt, könnte dem Zuschauer heute zur besten Sendezeit nicht mal mehr Arte kommen, selbst wenn der Kultursender zwei neue Nijinskys hüpfen ließe. Oder doch? In neuer Verpackung? Als Tanztragödie zweier unverstandener Helden der Spaßgesellschaft unter dem Titel: »Die siegreiche Kälte der Witwe Bolte«? Und Fußball zu Weihnachten wäre auch heute denkbar, wenn die Profis nicht just zu dem Termin Karibik-Urlaub machten. Natürlich hat sich das Fernsehen seit seinen Jugendtagen entwickelt. Aber was sich verändert hat, ist vor allem die Welt gewesen. TV hielt meistens Schritt mit dem Zeitgeist, war nicht langsamer, aber auch nicht schneller. An diesem Samstag sendet der NDR eine sehenswerte Dokumentation aus den frühen Fernsehtagen unter dem Titel »Die NWDR-Rolle«. Darin berichten Pioniere wie der frühe TV-Reporter Jürgen Roland von der Arbeit im Hamburger Bunker, ein Schauspieler liest die Aufzeichnungen des

ersten TV-Kritikers, Kurt Wagenführ, dazu flimmern Ausschnitte aus der Zeit.

All diese Zeugnisse belegen, wie fest der Zeitgeist die Inhalte und Formen des Fernsehens prägt. Biederkeit ist Trumpf. Der Moderator Jacques Königstein, der 1954 in seiner Körperfülle wie die Inkarnation des Wirtschaftswunders aussieht, wohnt in Essen dem »Gas-Bundeswettkochen« bei, begrüßt, jalant ist der Rheinländer, »über 2000 charmante und liebreizende Essenerinnen«. Zehn junge Damen »aus allen Gauen Deutschlands« (Königstein) kochen um die Wette: Fischrollen mit Tomaten und Sahne, zum Dessert »Kirschennester«.

Nicht Kirschen, sondern Erdbeeren haben es dem ersten deutschen TV-Koch, Clemens Wilmenrod, angetan. Der gelernte Schauspieler steckt einfach eine Mandel in eine Erdbeere. Fertig ist das Gourmetdessert. Für die Damen gibt es dazu noch eine amüsante Geschichte.

Das Fernsehen der Fünfziger trägt - ganz Kind der Zeit - Unschuldsmine. Der Bundespostminister Hans Schuberth, der zum Jahreswechsel 1953 spricht, vergleicht das Fernsehen mit einem Gefäß. Daraus, hofft der Mann, nehme man, »was einmal zur Gesundung der deutschen Seele mitbeitragen möchte«. Adolf Grimme, damals NWDR-Generaldirektor, meint: »Durch diese Zauberschale« (so nennt er märchenbewusst den TV-Apparat) »wird die Ferne zur Nähe werden, und der Raum zwischen uns und fremden Ländern wird wie aufgehoben sein.«

Doch die Heilung der deutschen Seele und die Nähe zu anderen Völkern gab es nicht, wie die Würdenträger glauben machten, mal kurz aus der Zauberschale. Sie waren nur durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu haben. Aber gerade um die Schrecken der NS-Herrschaft macht das Fernsehen - es gibt wenige Ausnahmen - damals einen Bogen. Für die Kinder am Nachmittag steht Tante Ilse, Ilse Obrig, bereit - die hatte in gleicher Funktion bereits der Kinderstunde des NS-Fernsehens gedient, das von 1935 bis 1943 in Stuben der Reichspost zu sehen gewesen war. Keiner nimmt damals daran Anstoß, für den Umgang mit Kindern gilt die politische Unschuldsvermutung.

Irene Koss, die erste Ansagerin, gibt sich distanzlos dem neuen Medium hin, sie verströmt Fröhlichkeit, wenn ein Bunter Abend bevorsteht, ihr Antlitz hüllt sich in leichte Strenge, wenn sie die Kinder am Nachmittag mit der Ansage »Guten Tag, ihr lieben Mädel und Jungen« begrüßt, sie macht ein trauriges Gesicht, wenn mal wieder ein Bildausfall zu beklagen ist.

Das schöne Fräulein Irene wird zum Symbol des Fünfziger-Jahre-Fernsehens: Das neue Medium sucht seinen Frieden mit der scheinbar ungebrochen herrschenden bürgerlichen Familie, mit Koss präsentiert es die wohlerzogene, gegen jede Versuchung gefeite Tochter.

Weder mit der Familienserie »Unsere Nachbarn heute Abend: Die Familie Schölermann« (Beginn 1954 mit 111 Folgen) noch mit der »Firma Hesselbach« (seit 1960) wird die dominierende Stellung der Familie angetastet: Die Ehe ist heilig, die Mutter eine gute Seele, der Vater der Boss, den Kindern weisen die Eltern den rechten Weg.

Das Fernsehen als Helfer des Zeitgeistes bestärkt die Gesellschaft in der Illusion der eigentlich heilen Familie, obwohl sich deren Krise als Folge von industrieller Mobilität längst ankündigt. Schließlich ist der Bildschirm selbst Täter bei der Zerstörung familiären Lebens. Viele können Geschichten erzählen von der Zeit, als der »Zauberspiegel« die Macht im Wohnzimmer übernimmt. Die einzigen Familien, in denen es kein Fernsehen gibt, sind bald nur noch die im Fernsehen.

Vergeblich weisen TV-Spiele der sechziger Jahre auf die Erosion der familiären Beziehungen hin, Problemstücke mag schon damals das große Publikum nicht besonders. Es wohnt in jener Zeit lieber dem Aufstieg der Schauspielerin Inge Meysel zur »Mutter der Nation« bei, einer imponierenden Frau, die als Tochter eines jüdischen Vaters während der NS-Zeit von der Nation mit allerlei Schikanen um Geborgenheit gebracht worden war.

So entstand 1965 ein Siebenteiler, der in der Hall of Fame des populären Fernsehens einen sicheren Platz hat: »Die Unverbesserlichen« von Robert Stromberger. Dieses Spiel von den Illusionen einer Mutterglucke, die das Auseinanderstreben einer Familie verhindern will, ist eine Art Endpunkt der auf ein Massenpublikum zielenden Fernsehbemühungen um die verflixte Institution. Danach wird Familie im TV zum Klischee oder dient in Soaps wie »Lindenstraße« (seit 1985) als Vehikel für schiere Dauer.

Die siebziger und achtziger Jahre sind die Zeit der Gegensätze - TV wird ein flatterhafter Geselle, von dem man nicht weiß, worauf er hinaus will. Mit dem »Millionenspiel«, einem Stück über den Wahnsinn der heraufziehenden Mediengesellschaft, und »Smog«, einem Umweltdrama, versuchen Autoren wie Wolfgang Menge, den Anschluss an die Aktualität zu halten. Gleichzeitig tritt die Geschichte in den Vordergrund. Die US-Serie »Holocaust« (1979) öffnet vielen erst die Augen über die NS-Verbrechen, die elfteilige Hunsrück-Saga »Heimat« (1984) von Edgar Reitz wird ein Highlight, Eberhard Fechner liefert seine meisterlichen Porträts ab.

In dieser Zeit, in der man gern von der Krise der Unterhaltung spricht, weil die Großen der Branche wie Kuli und Frankenfeld sichtbar ermüden, entsteht noch in der ARD eine der folgenschwersten Neuerungen des Fernsehens: die Talkshow. Wie sich dieses Gewerbe vom Ahnherrn des Genres, Dietmar Schönherr ("Je später der Abend«, 1973), bis heute entwickelt, zeichnet eine dreiteilige Sendung nach unter dem Titel »Das Ganze eine Rederei« (Autor: Klaus Michael Heinz, vom 6. bis 8. Januar um 23 Uhr in der ARD).

Wichtigste Erkenntnis: Mühelos macht das Fernsehen aus einer Sendung über Talkshows wieder eine Talkshow. Die Form verweist mühelos auf sich selbst. Bereits das öffentlich-rechtliche Medium war in jenes Zeitalter eingetreten, das etwas geschwollen das der Selbstreferentialität genannt wird und bis heute regiert. Fernsehen bezieht sich auf Fernsehen, schafft sich eine eigene Wirklichkeit (und Ewigkeit), am liebsten besuchen sich die Talkmeister untereinander.

Mitte der Achtziger startet das Privatfernsehen. Erst mit wenig beachteten Versuchen und verdeckt durch die Dramatik der deutschen Einigung, ist es Anfang der neunziger Jahre unübersehbar.

Es sind weniger neue Genres, mit denen die Privaten überraschen - auch RTL und Sat.1 senden Krimiserien, TV-Movies und Talkshows. Es ist der Mentalitätswandel. Quote wird wichtig, marktwirtschaftlicher Erfolg. Die Privaten entdecken den Zuschauer und der Zuschauer sich selbst. In den Proll-Talks am Nachmittag treten Menschen auf, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen alter Prägung keines Blickes gewürdigt hätte.

Das Denken der Mandarine in den Fernsehspielabteilungen der ARD, das vom Kulturauftrag geprägt war, gerät ins Wanken. Die Verachtung für den schrillen Ton, das Reißerische, das Alberne, das Obszöne müssen die Programmmacher des Gebührenfernsehens als Quotenbremse begreifen. Mit der Schulmeisterei, einem Geburtsfehler des Kindes vom Heiligengeistfeld, ist es vorbei.

Und die Öffentlich-Rechtlichen lernen schnell. Was Sat.1 kann, kann bald auch die Degeto, die Schnulzentochter der ARD. Jörg Pilawa kopiert das Günther-Jauch-Quiz.

Gutes Fernsehen ist, was gefällt. Nur Fundamentalisten toben dagegen, wie Hans Magnus Enzensberger in seinem berühmten Essay über das »Nullmedium«.

Im Namen der Philosophie hisst der Systemtheoretiker Niklas Luhmann die weiße Fahne: »Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien«, leitete er sein Buch »Die Realität der Massenmedien« ein.

Das Baby aus dem Bunker ist erwachsen, aber macht es auch glücklich, wie eine Schau im Berliner Filmmuseum behauptet? Fünf Räume hat die Ausstellung dem TV-Glück gewidmet: In Zelten auf Sandboden flimmert altes Kinderprogramm, vor schwungvollen Sofaecken läuft »Heimat«, nur im Stehen ist Heinz Maegerleins Sechziger-Jahre-Quiz »Hätten Sie''s gewusst?« in seiner ergreifenden Steifheit zu belächeln; Helmut Rahn schießt sein 3:2 gegen die Ungarn, und Robert Lembke steckt grinsend ein Fünferl ins Schweinderl. Sieht so das Paradies aus? Fürchtet euch nicht. NIKOLAUS VON FESTENBERG

* Mit Joseph Offenbach (1969).

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