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Hausmitteilung Der Fall Claas Relotius

aus DER SPIEGEL 52/2018
Moreno

Moreno

Foto: XAVIER CERVERA / PANOS PICTURES

Dieses Haus ist erschüttert. Uns ist das Schlimmste passiert, was einer Redaktion passieren kann. Wir hatten über Jahre Reportagen und andere Texte im Blatt, die nicht die Wirklichkeit abbildeten, sondern in Teilen erfunden waren. Unser Kollege Claas Relotius hat sich nicht auf die Recherche verlassen, sondern seine Fantasie eingesetzt, hat sich Zitate, Szenen, Personen ausgedacht, um viele seiner Geschichten besser, spannender wirken zu lassen. Für einen Journalisten ist das unverzeihlich.

Für uns ist aber genauso erschreckend, dass es Relotius so lange gelungen ist, uns zu täuschen. Wir waren immer stolz auf unsere Sicherungssysteme, auf den aufwendigen Produktionsprozess für unsere Texte. Sie werden von Ressortleitern, Dokumentaren, Chefredakteuren und Schlussredakteuren gelesen und gegebenenfalls verbessert. Vor allem die Dokumentare haben die Aufgabe, Fehler in den Texten zu finden, sie sind unsere Faktenchecker. Im Fall Relotius haben unsere Sicherungssysteme versagt. Die Fälschungen wurden nicht erkannt, die Machwerke gingen in Druck, fanden begeisterte Leser und eine Menge Jurys, die sie mit Preisen auszeichneten. Das beschämt uns.

Zum Glück ist es einem unserer Mitarbeiter gelungen, diesen Fall aufzudecken. Juan Moreno schöpfte bei einer gemeinsamen Recherche mit Claas Relotius in Amerika Verdacht, überprüfte die Arbeit des Kollegen und deckte massive Fälschungen auf. Weil Relotius bald gestand, fanden wir noch weitere Manipulationen. Juan Moreno haben wir viel zu verdanken. Er zeigte eine der wichtigsten Eigenschaften von Journalisten: Misstrauen. Manchmal braucht man sie leider auch gegenüber Kollegen. Im Fall Relotius gab es davon zu wenig. hier berichtet Moreno von seinen Gegenrecherchen.

Am Mittwoch haben wir auf SPIEGEL Online damit angefangen, die Ergebnisse unserer hausinternen Recherchen zu veröffentlichen. In diesem Heft machen wir, hier , damit weiter. Dies wird ein langer Prozess, wir werden jeden Stein umdrehen und haben eine Kommission ins Leben gerufen, die den Fall Relotius, aber auch alles andere, was vielleicht noch kommen könnte, gründlich durchchecken wird. Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden wir öffentlich machen.

Parallel dazu haben wir begonnen, uns Gedanken über die Abläufe und Strukturen zu machen. Hinter vielem steht nun ein Fragezeichen, auch wenn die meisten Journalisten und Journalistinnen dieses Hauses sauber arbeiten. Wir müssen uns vor allem überlegen, wie wir unsere Recherchen noch besser kontrollieren, auch wenn wir keine totale Überwachung haben wollen. Guter Journalismus braucht auch Freiheit. Fehler und Täuschungen werden sich daher wohl nie vollkommen ausschließen lassen, aber wir müssen sie unwahrscheinlicher machen.

Natürlich stehen wir jetzt im Feuer der Kritik. Wir dokumentieren einige Reaktionen hier . Einen unserer Kollegen von außen, »Zeit«-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, haben wir zu einem kritischen Blick auf den SPIEGEL eingeladen. Das Gespräch mit ihm finden Sie hier .

Sagen, was ist – das war das Motto unseres Gründers Rudolf Augstein. Wir haben es auf die Titelseite gesetzt, weil wir weiterhin daran glauben, weil dieser Satz unsere Leitlinie bleiben wird, auch wenn so eklatant dagegen verstoßen wurde. In diesem Heft sagen wir das, was wir derzeit über uns sagen können. Fortsetzungen folgen.

Uns tut sehr leid, dass dies passiert ist, dass wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, das angetan haben, und wir versprechen, dass wir alles tun werden, um unsere Glaubwürdigkeit wieder zu stärken.

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