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Der Fluch des Che

Global Village: Wie Bolivien den 40. Todestag des wohl berühmtesten Revolutionärs begeht
aus DER SPIEGEL 41/2007

Der Mann, der den bekanntesten aller Guerilleros erschoss, wohnt in der größten bolivianischen Stadt, Santa Cruz de la Sierra, in einem typischen Viertel der Mittelschicht. Die Straße ist ruhig, sie liegt in der Nähe der Avenida Paraguay, einer der Hauptstraßen der Millionenmetropole. Der Mann, der hier wohnt, ist 68 Jahre alt, hat weißes Haar und ist von untersetzter Statur. Einst hatte er in der Armee gedient, die ihn vor zehn Jahren in Ehren entließ. Der Ex-Militär ist verheiratet, er hat fünf Kinder. Fremden stellt er sich als »Pedro Salazar« vor, doch sein wirklicher Name ist Mario Terán.

Am 9. Oktober 1967, vor 40 Jahren, hat Mario Terán Ernesto »Che« Guevara umgebracht.

»Er hatte sein Gewehr geschultert und in jeder Hand ein Bier, als er die Anhöhe zur Schule heraufkam«, erinnert sich Landarbeiter Manuel Cortéz, 63. Er wohnt neben der Dorfschule des Weilers La Higuera, rund 250 Kilometer südwestlich von Santa Cruz. Cortéz war Zeuge gewesen, als Che am Tag zuvor zusammen mit seinem Kampfgefährten Willy in die Schule gesperrt worden war - das bolivianische Militär hatte die völlig ausgemergelten Guerilleros in einer nahen Schlucht gestellt. »Die ganze Nacht feierten die Soldaten ihren Triumph«, sagt Cortéz.

Das Schulgebäude aus Lehm und Stroh war in zwei Klassenzimmer unterteilt. Im rechten war Willy eingesperrt, links Che. »Tötet mich nicht, lebend bin ich mehr wert als tot!«, soll der gebürtige Argentinier bei seiner Festnahme gerufen haben. Doch Boliviens damaliger Machthaber, General René Barrientos, gab am Morgen des 9. Oktober den Befehl, die Guerilleros hinzurichten.

Zuerst erschoss ein Soldat Ches Mitkämpfer Willy. Gegen 11.30 Uhr betrat Mario Terán das Zimmer links daneben. Aus seinem M-20-Karabiner feuerte er eine Salve auf den am Boden hockenden Rebellenchef. Che wurde von neun Schüssen getroffen. Er war sofort tot.

Fotos von Terán gibt es kaum. Seit 40 Jahren hat er nie öffentlich über Che gesprochen, seine Adresse ist Boliviens bestgehütetes Geheimnis. Er habe ein Abkommen mit der CIA, die ihn beschütze, spekulieren Ex-Guerilleros. Er fürchte sich vor einem Rachekommando der Kubaner, glauben ehemalige Mitstreiter. Er habe »Angst vor dem Fluch des Che«, meint Julia Cortéz, die ehemalige Dorfschullehrerin, die Che kurz vor dem Tod noch eine Suppe brachte.

Die Leute in der Kleinstadt Vallegrande, wo Anthropologen vor zehn Jahren die Überreste des Erschossenen bargen, glauben fest an den Fluch des Che: Von jenen Politikern und Militärs, die für seinen Tod mitverantwortlich waren, sind bereits sechs eines gewaltsamen Todes gestorben. Sie wurden ermordet, kamen bei Unfällen ums Leben oder stürzten mit dem Hubschrauber ab - wie Präsident Barrientos.

Eines der Opfer war General Gary Prado, der den Guerillero festgenommen hatte: Beim Hantieren mit einer Waffe löste sich ein Schuss, der ihn ins Rückgrat traf. Seither ist er querschnittsgelähmt. »Es gibt keinen Fluch, das ist Quatsch«, knurrt er aus seinem Rollstuhl.

Prado, 68, kommandierte jene Spezialeinheit, die den Guerilleros auf deren Odyssee durch die kargen Berge des bolivianischen Südostens nachstellte. Er wolle das Ansehen der Soldaten retten, die gegen die Guerilla kämpften, sagt der Alt-General: »Das war eine ausländische Intervention. Der Mythos vom heiligen Che muss endlich zerstört werden.«

Ein eher aussichtsloses Unterfangen. Zum 40. Todestag rollt eine Welle der Che-Nostalgie durch Lateinamerika. Über der Grube am Rand der Flugpiste Vallegrande, wo sich Ches Knochen fanden, haben kubanische Revolutionsveteranen ein Mausoleum errichtet. Die Schule in La Higuera wurde renoviert, sie ist jetzt ein Museum. Auch die Wäscherei im Krankenhaus von Vallegrande, wo das berühmte, Jesus-gleiche Foto des aufgebahrten Leichnams entstand, wurde zur Wallfahrtsstätte für Revolutionstouristen aus aller Welt.

Boliviens Präsident Evo Morales, in dessen Amtszimmer ebenfalls ein riesiges Bildnis Ernesto Guevaras hängt, wird nun die »Ruta del Che« einweihen. Für ein Trinkgeld sollen Jungen aus Vallegrande Besucher zu den letzten Zeitzeugen bringen: zur ehemaligen Dorfschullehrerin, die den Revolutionär für einige Minuten sprechen konnte; zum Fotografen, der den Leichnam heimlich in der Wäscherei knipste; zur Krankenschwester, die ihn wusch, bevor Ärzte den Körper mit Formol vollpumpten und Ches Hände abschnitten.

Touristen aus der ganzen Welt pilgern nach La Higuera. Im Telegrafenamt, wo die Guerilleros eine letzte Verbindung zur Außenwelt suchten, hat ein Franzose ein Gästehaus eingerichtet. Nebenan behandeln kubanische Ärzte kostenlos die bettelarmen Landarbeiter. In den Lehmhütten hängen Bildnisse des Revolutionärs, viele beten zu »Santo Ernesto«. Wunder soll er vollbringen.

Mario Terán ist nie nach La Higuera zurückgekehrt. Er sei Alkoholiker, so heißt es, er lebe in steter Angst. »Nein, er ist wohlauf«, versichert General Prado: »Er hat nur die Nase voll von dem Che-Rummel.«

Jüngst hat er sich das bisher einzige Mal an die Öffentlichkeit gewandt. Sein Sohn übergab »El Deber«, der größten Zeitung von Santa Cruz, einen Brief.

Darin bedankt sich der Mörder Ches ausgerechnet bei Fidel Castro: Kubanische Ärzte hatten ihn vergangenes Jahr in einem Krankenhaus in Santa Cruz kostenlos am Auge operiert. »Er hat sich unter falschem Namen behandeln lassen«, sagt einer der Ärzte, die in La Higuera arbeiten.

Mario Terán ist offenbar dem Fluch des Che entkommen. Bislang jedenfalls.

JENS GLÜSING

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