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THEATER / ZUCKMAYER Der fröhliche Wanderer

aus DER SPIEGEL 37/1955

In der Nacht vom 6. zum 7. August des Jahres 1945 gibt der amerikanische Atomphysiker Löwenschild eine Party für seine Mitarbeiter. Während schon die Sonne aufgeht, ist man noch tüchtig beim Feiern. Die Gäste spielen »Liebesschlange«, eine Art Polonäsentanz, bei dem sie sich an den Hüften halten und springend und singend durch alle erreichbaren Räume des Hauses ziehen. So bleibt der große Raum, in dem das Fest stattfand, für einen Augenblick verlassen, freilich in denkbar unordentlichem Zustand. Leere Flaschen liegen herum, die Aschbecher laufen über, überall stehen Teller, Büfettplatten, halbvolle Gläser und nicht ausgetrunkene Tassen. In der Ecke dudelt der Radioapparat vor sich hin. Ein indianisches Hausmädchen tritt herein und beginnt etwas Ordnung zu schaffen.

In diesem Augenblick unterbricht der Rundfunk sein Programm. Ernst und etwas pathetisch klingt die Stimme des Ansagers: »Achtung, Achtung! Wir unterbrechen die Sendung. Bleiben Sie an Ihrem Empfangsgerät! Wir bringen eine wichtige Nachricht... Verlassen Sie Ihr Gerät nicht!«

Die so angekündigte Nachricht ist bedeutsam genug. Der amerikanische Ansager gibt den Abwurf der ersten Atombombe bekannt: »Ihre Zerstörungsgewalt ist über zweitausendmal so groß wie die der stärksten bisher angewandten Sprengbomben«, erläutert er. »Die Stadt Hiroshima ist unter einer mehr als zehntausend Meter hohen Rauchwolke verschwunden. Man rechnet mit ihrer vollständigen Vernichtung.« Das Indianermädchen, einzige Hörerin der Meldung in diesem Haus, steht schweigend dabei und besieht sich den Sonnenaufgang. Der Vorhang fällt.

Mit dieser Szene endet der zweite Akt von Carl Zuckmayers neuem Schauspiel »Das kalte Licht«. In diesem Stück geht es um den Atomverrat, um den Verrat von Geheimnissen aus jenen Kernspaltungslaboratorien, die - jedenfalls bis zur Genfer Atomkonferenz (SPIEGEL 35/1955) - von den Regierungen und Militärs aller atomwaffenproduzierenden Länder mit einem dichten Schweigekordon umgeben worden waren.

Zuckmayers Atomverräter aus politisch-menschlichem Idealismus heißt nicht Klaus Fuchs, sondern Kristof Wolters. Von einer allzu großen Ähnlichkeit zwischen dem berühmten englischen Atomspion und seinem negativen Helden will Zuckmayer nichts wissen. Zwar lehnt sich, wie er sagt, sein Bühnenwerk an die Affäre Fuchs an, »aber nur in rein äußeren Punkten... Sämtliche Personen sind frei erfunden. Der Stoff kam mir ganz aus dem Ungefähren. Er kam mir bei der Überlegung: Wo liegen die großen tragischen Konflikte in dieser Zeit?

»Der heutige Mensch befindet sich in einer Art weltanschaulicher Verwirrung. Er fragt sich: Gehört man noch zu einer Nation oder steht man über ihr? Ist die nationale Frage überhaupt noch gültig? Gibt es eine Brücke zwischen Wissenschaft und Glauben? Das alles braut heute im Innern des Menschen und führt zu einer tragischen Wirrnis. Auf der Suche nach einem Punkt, an dem sich all das deutlich aufweisen läßt, kam der Stoff zu mir.«

Es ist nicht das erste Mal, daß Stoffe, die der Wirklichkeit entstammen, zu Zuckmayer gekommen sind. Auch »Der Hauptmann von Köpenick« und »Des Teufels General«, Zuckmayers größte Theatererfolge, basieren auf Ereignissen, die nicht der Phantasie des Dramatikers entstammen. Ebenso lassen sich die meisten seiner anderen Schauspiele und Prosastücke auf »wahre Begebenheiten« zurückführen. Aber diese Methode des Dichtens ist in der Literatur seit je vollkommen legitim. Was den Autor Zuckmayer in seinen glücklichen Momenten auszeichnet, ist der Sinn dafür, wann ein Fall - unabhängig davon, zu welcher Zeit er sich ereignete - auch literarisch »aktuell« ist.

Es sieht aus, als habe Zuckmayer mit seinem Atomverratsstück den richtigen Moment getroffen. Noch vor der Uraufführung in Hamburg, die Gustaf Gründgens am Wochenende im Deutschen Schauspielhaus besorgte, war das Stück von 33 anderen deutschen Bühnen auf den Spielplan gesetzt worden, bei zehn weiteren Theatern gilt die Annahme als sicher.

Damit steht fest, daß die eben beginnende Theaterspielzeit 1955/56 im Zeichen Zuckmayers stehen wird. Die deutschen Bühnen stürzten sich auf sein Atomverratsdrama, weil trotz aller wohlorganisierten Talentsuche, trotz aller Förderungsunternehmungen, trotz der von vielen Bühnen eingerichteten Studioaufführungen und der zahlreichen Preisverleihungen dem deutschen Theater seit 1945 nicht ein einziges dramatisches Talent zugewachsen ist, das beim Publikum einen wirklich durchschlagenden Erfolg erzielen konnte.

Ebensowenig haben andere deutsche Dramatiker, die in den zwanziger Jahren oder vor 1945 schon arriviert waren, in diesen zehn Jahren den Intendanten deutscher Bühnen aus der Verlegenheit helfen können. So dominieren seit dem Zusammenbruch unter den Titeln die Schauspiele ausländischer Autoren - nicht etwa, weil die Anbetung des Fremdländischen ein Wesenszug der Deutschen wäre, sondern weil von deutschen Dramatikern so herzlich wenig Brauchbares angeboten wird.

In dieser Situation beherrschte Zuckmayer jahrelang die deutschen Nachkriegs-Spielpläne (siehe Tabelle). Er war nahezu der einzige, der den Theatern etwas zu bieten hatte, und auch seine Theatererfolge aus der »Systemzeit« erwiesen sich - im Gegensatz zu denen anderer ehemals erfolgreicher Dramatiker - noch nach dem Kriege als ausgesprochen publikumswirksam.

In den nächsten Wochen wird nun das Publikum entscheiden, ob sich der außerordentliche Erfolg wiederholt, den Zuckmayer mit seinem Udet-Stück »Des Teufels General« erringen konnte. Die weit über fünftausend Aufführungen dieses Schauspiels sicherten Zuckmayer in der bundesdeutschen Theaterstatistik die unbestrittene und einsame Spitzenstellung unter allen seriösen lebenden Dramatikern deutscher Sprache.

Allein mit dem Sinn für Aktualität hätte Zuckmayer die Spitzenstellung in der Statistik nicht erobern können. Er hat nicht nur einen Blick dafür, was bühnenwirksam ist und bei den Leuten ankommt, er hat auch eine bestimmte Technik, für die jene Party der Atomwissenschaftler mit der darauffolgenden Meldung vom Massentod in Hiroshima typisch ist. Zumeist wird in Zuckmayers Schauspielen ausgiebig gezecht: der Erfolg, den der Autor mit seinem »Fröhlichen Weinberg« hatte, scheint ihn zur Darstellung alkoholgeschwängerter Stimmungen ermutigt zu haben.

Zuckmayer benutzt das heitere Panorama fröhlicher und lärmender Trunkenheit als kontrastierenden Hintergrund. Die nachfolgende Katastrophe wirkt dann um so drastischer. Während des Festes, bei dem der General Udet-Harras so wortgewaltig-männlich mit sich und mit den Nazis abrechnet, tickt hinter der Tapete ein Diktaphon der Gestapo. Zu seinem »Gesang im Feuerofen« bewog den Autor Zuckmayer eine Zeitungsmeldung, die er im Vorwort wiedergab: »Damals (am Weihnachtsabend 1943) hatte sich in dem alten Schloß ... eine Schar junger Leute dieser Gegend, von denen viele der Widerstandsbewegung angehörten, aber an die Deutschen verraten worden waren, zu einem Ball eingefunden. Mitten in ihre Feststimmung platzte das Eindringen der deutschen Heerespolizei, die zwanzig von den Tänzern niederschoß oder in den Flammen des Brandes umkommen ließ, den sie um das Gebäude gelegt hatte.«

Solche Kontraste zwischen Festlichkeit und Katastrophe, zwischen Ausgelassenheit und Untergang, zwischen Lebenslust und Verrat scheinen am ehesten Zuckmayers Vorstellung vom Leben zu genügen. Er liebe, bekennt er, das »bedrohte, umstellte, unendlich tragische und unendlich freudvolle Leben ... Ich liebe das Leben und seine Wege und bin mir stets ihrer Abschüssigkeit und ihrer rutschigen Moräne, der vampirisch saugenden Totenmäuler, der pilzigen Fäule in Spalten, Ritzen und Höhlen, des Verwesungshauchs und des Dämonengetrippels über und unter der Erdkruste bewußt. Ich weiß das Ansaugende der Unsicherheit, das Halluzinatorische der menschlichen Einbildungskraft, das Schwankende des gesellschaftlichen Bodens, die immer über uns kreisende, unter uns schwelende Katastrophengefahr«.

Das Dämonengetrippel, das er über und unter der Erdkruste wahrzunehmen versteht, hat ihn jedoch niemals lange an seiner Lieblingsbeschäftigung hindern können, dem Gehen. Als er sich 1952 in einer Festrede für die Verleihung des Goethe-Preises bedankte, erklärte er den Zuhörern in der Frankfurter Paulskirche: »Wenn man mich fragt, womit ich die meiste Zeit meines bisherigen wachen Lebens verbracht habe, so kann ich ohne Zögern sagen: mit Gehen.« Und er schließt daran eine kleine Philosophie, derzufolge Leute mit sitzender Beschäftigung leicht zu einer Art von »Gedrücktheit« neigen, es aber andererseits »ein wenig hochtrabend« sei, von »Gedankenflug« zu reden. Angemessen scheine ihm die Bezeichnung »Gedankengang«. Denn beides, Denken und Gehen, gehöre zusammen. »Beides ist eine Tätigkeit, die kleine Teilstrecken eines unendlichen Weges durchmißt.«

Als Carl Zuckmayer in Hamburg ankam, um die Proben zum »Kalten Licht« zu beobachten, hinkte er an zwei Krücken. Seine Leidenschaft für den »Gedankengang« hatte ihm noch in den Vereinigten Staaten eine böse Verletzung eingebracht. Er war bei einem Spaziergang in der Nähe seiner Farm in Vermont (USA) von einem unter seinen Füßen abbröckelnden Felsstück mehrere Meter tief gesprungen und hatte sich das linke Knie erheblich verletzt. Einem Hamburger Orthopäden gelang es, mit Sandsack-Gymnastik und täglichen Massagen das vom Gipsverband befreite Bein noch rechtzeitig zur Premiere wieder funktionstüchtig zu machen.

In der Zwischenzeit dürfte sich Zuckmayer auf den zweiten Quell der Produktivität besonnen haben, zu dem er sich in der Paulskirche bekannte, zum Schlaf als dem »eigentlich hervorbringenden, fruchtbaren Teil« unseres Daseins. »Seit Jahren steht alles«, sagte er damals, »was ich an Material notiere, ... in zwei gleichzeitig geführten und verschieden betitelten Serien kleiner Heftchen. Die eine heißt ''Im Gehen geboren'', die andere ''Im Schlafe geschenkt''.«

Solche Hinwendung zu Natur und Gesundheit, zu natürlichen Vorgängen und gesunden Beschäftigungen ist charakteristisch für den Mann Zuckmayer und für die Personen in seinen Werken. Zuckmayer, mittelgroß, breit, wettergebräunt und kräftig, gibt sich eher das Aussehen eines gemütlichen rheinhessischen Landwirtes als das eines Literaten. Dem einzigen wirklich erfolgreichen deutschblütigen Dramatiker in der Bundesrepublik ist nichts von Kulissenstaub und Bühnenmoder anzumerken: In seine breiten, muskulösen Hände scheint der Pflug besser zu passen als der Füllfederhalter.

Entsprechend hat Zuckmayer wenig Sinn für feinere psychologische Nuancen, für gespaltene Persönlichkeiten etwa oder für die seelisch-produktiven Spannungen, die Krankheiten zuweilen hervorbringen. Die Menschen in seinen Schauspielen sind gesunde, tüchtige Männer und Frauen, diesseitig, unternehmungslustig und lebensfroh. Zuckmayer läßt sie mit schmunzelndem Behagen recht oft über die Stränge schlagen. Die Unterhaltungen, die sie - oft genug in breitem Dialekt - miteinander führen, kann jedermann ohne Anstrengung verstehen, die Probleme, die sie bewegen, sind jedermann begreiflich.

Auf der negativen Seite im Personenregister Zuckmayerscher Theaterstücke stehen nur selten richtige, abgefeimte Bösewichter, sondern meist Mickerlinge, Schwächlinge und Spielverderber, von denen anzunehmen ist, daß sie in ihrem Leben zuwenig spazierengegangen sind und zuwenig geschlafen haben.

Im Jahre 1896, das er heute ein »glücklicherweise gesegnetes Weinjahr« nennt, ist Zuckmayer im rheinischen Nackenheim an einem Sonntag zur Welt gebracht worden - mit Hilfe einer Hebamme, die aus dem Wirtshaus herbeigeschleppt werden mußte und »dank leichter Trunkenheit eine leichte Hand« hatte. Sein Vater, Inhaber einer Fabrikationsstätte für Flaschenkapseln, stammte »aus mainfränkischem und süddeutschem Geschlecht«, die Mutter »von Kind auf christlich erzogen, entstammt einer jüdischen Familie, die schon seit Jahrhunderten, vermutlich seit dem sechzehnten, in unserer rheinischen Heimat lebte und bei der ein französischer Einschlag anzunehmen ist.«

Ungefähr darf von Zuckmayers Abkunft und Stammesart gelten, was er des Teufels General Harras zu dem jungen Leutnant Hartmann sagen läßt: »Vom Rhein. Von der großen Völkermühle! Von der Kelter Europas! Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor - seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie 'ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. - Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündener Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flößer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant - das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt ... Vom Rhein - das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse.«

Schon lange ehe er den General Harras diese Worte sprechen ließ, hatte Zuckmayer seinen Nackenheimer Mitbürgern recht drastisch erläutert, was er ursprünglich unter »natürlichem Adel« und »Rasse« der Rheinländer verstand, und zwar 1925 mit dem Volksstück »Der fröhliche Weinberg«. Im »Weinberg« wurden die abendländischen Produkte der »Völkermühle« auf eine Art beschrieben, die Nackenheims Bürger voller Entrüstung dem Autor noch jahrzehntelang nachgetragen haben.

Ehe er sich mit ergiebigen literarischen Unternehmen wie dem »Weinberg« befaßte, hatte Zuckmayer - als Jüngling - pazifistische Lyrik geschrieben. Dessenungeachtet meldete er sich 1914, das Notabitur in der Tasche, sofort freiwillig. Er war damals auch ganz einverstanden, daß ihm die »Frankfurter Zeitung« einige Anti-Kriegsgedichte, die sie schon angenommen hatte, »wegen der veränderten Zeitumstände« zurückschickte - »was mich auch restlos überzeugte«.

Nach dem Weltkrieg, in dem er es bis zum Leutnant gebracht hatte, schnupperte Zuckmayer 1918 an der Frankfurter Universität »wie ein Rehbock am Waldrand, der auch niemals an einer bestimmten Stelle fressen will«, und ging 1919 nach Heidelberg. Dort lehrten damals der Literaturhistoriker Friedrich Gundolf, der Soziologe Alfred Weber und der Philosoph Karl Jaspers. Bei den »Soziologen-Abenden« mit Vortrag und Diskussion saßen Zuckmayer und seine Freunde Carlo Mierendorff und Theo Haubach*). Zur gleichen Zeit studierte bei Gundolf ein junger Mann namens Joseph Goebbels.

Mit Haubach und Mierendorff diskutierte Zuckmayer über Politik. Er nahm aber auch mit ihnen gemeinsam Fechtstunden. Mierendorff wurde später nach langen KZ-Jahren durch eine Fliegerbombe getötet. Haubach endete als Mitglied des »Kreisauer Kreises« auf dem Schafott. Mit dem Haupt dieses Kreises, dem Grafen Helmuth von Moltke, wurden Mierendorff und Haubach im Jahre 1927 in Zuckmayers österreichischem Landhaus bekannt.

In dieser Sturm-und-Drang-Zeit schrieb Zuckmayer - der sich schon als Kind fest entschlossen hatte, ein berühmter Dramatiker zu werden - das erste Schauspiel, dem eine Aufführung beschieden war: »Kreuzweg«, eine Kette lyrischer Visionen, unbelastet von allen theater-technischen Vorkenntnissen.

Das Manuskript schickte er an Ludwig Berger, einen um sechs Jahre älteren Bekannten aus Mainz. Berger hatte damals seine ersten Erfolge hinter sich und war vom Berliner Staatsschauspiel-Intendanten Leopold Jessner als Nachwuchs-Regisseur in das Haus am Gendarmenmarkt geholt worden. Jessner nahm den »Kreuzweg« zur Uraufführung an und übertrug Berger die Regie.

Der »Kreuzweg« fiel durch, obwohl Siegfried Jacobson in seiner »Weltbühne« den Autor als »einen jungen Gerhart Hauptmann« begrüßte. Eine Dame im Parkett sprach Zuckmayers Mutter an: »Das muß ein armer Irrer geschrieben haben.«

»Aber«, sagt Zuckmayer, »ich war nun unwiderruflich ein Dramatiker, wenn auch ein durchgefallener. Ich blieb in Berlin, ohne Geld, ohne Stellung, ohne Ruhm, und Berlin begann mich zu fressen.«

Um ein Haar hätte es nichts von ihm übriggelassen. Zuckmayer hungerte wie noch nie in seinem Leben. Er versuchte sich in vielerlei Berufen. Ungeeignet erwies er sich als Nachtlokal-Schlepper und Rauschgifthändler, geeignet hingegen als militärisch ausgebildeter Reiter. Der Schauspieler Albert Steinrück brachte ihn zur Ufa, und Zuckmayer focht als Kavallerist unter dem Fridericus Otto Gebühr die Schlacht bei Leuthen mit.

Im Herbst 1922 bekam Zuckmayer eine Stellung als Regie-Assistent und Dramaturg am Stadttheater in Kiel. Es fand sich dort ein Kreis zusammen, der entschlossen war, von der Ostsee aus das deutsche Theater zu revolutionieren. Man spielte Stücke von Georg Kaiser, Ernst Barlach und Bertolt Brecht. Nach ein paar Monaten aber bliesen die schockierten Kieler Abonnenten zur Rebellion und kämpften verbissen um ihre heiligsten Güter. Zuckmayer beschloß, dieses Engagement nun wenigstens mit einer Verzweiflungstat zu beenden. Er grub den »Eunuch« des altrömischen Dramatikers Terenz aus, übertrug ihn in die Sprache der Gegenwart und ließ den Feldherrn mit seinen Parasiten in zeitgenössischen Generals-Masken auftreten. Die naturalistische Erotik des Stücks war schon im Original bemerkenswert.

Die Generalprobe fand vor geladenen Gästen statt. »Im Parkett saßen, mit ihren Damen, die Spitzen der Kieler Gesellschaft, der Behörden, der Universität. Es rauschte von Tirpitzbärten. Nach dem Prolog, der wie im römischen Theater mit dem Symbol des Phallus zur Verherrlichung des schöpferischen Eros gehalten wurde, wagte im Haus niemand mehr zu atmen - denn keiner wollte sich ein Schreckenswort entgehen lassen. Niemand verließ das Theater, ehe der letzte Vorhang die Hoffnung begraben hatte, daß es noch schlimmer kommen könne.«

Noch in derselben Nacht wurde der Stadtrat einberufen, am nächsten Morgen das Theater polizeilich geschlossen und Zuckmayer wegen »völliger künstlerischer Unfähigkeit« fristlos entlassen. Er prozessierte: Das Gericht sprach ihm eine Monatsgage zu. Sie hatte, als sie ihn in der Inflation erreichte, den Wert einer halben Tomate.

Diese halbe Tomate verzehrte der durchgefallene Dramatiker in München, wo er mittlerweile bei der Schauspielhaus-Direktorin Hermine Körner untergekommen war. Frau Körner wollte den Münchnern Zuckmayers »Eunuch«-Fassung vorführen, scheiterte aber am Widerspruch ihrer Schauspieler. Dafür begegnete Zuckmayer in ihrem Haus dem Bertolt Brecht, der schon damals ein Programm- und Lehrgenie war, und dem Regisseur Erich Engel. Als Engel zu dem heute fast legendären Theaterleiter Max Reinhardt nach Berlin ging, nahm er das ungleiche Dramaturgenpaar mit. »An einem Theaterbetrieb wie den Reinhardt-Bühnen ist der Dramaturg entweder ein untergeordneter Bürobeamter oder ein mehr oder weniger intellektueller Zierat. Für beides waren Brecht und ich keine Kapazitäten. Wir wollten selbst Theater machen, neues Theater, wir wollten neue Stücke durchsetzen, inszenieren - und zwar womöglich unsere eigenen.«

Weil das nicht ging, erschien Zuckmayer nur morgens im Büro, packte die dort aufgestapelten sechs Briketts in seine Aktentasche und verschwand wieder, um an einem neuen Stück zu arbeiten. Das neue Stück hieß »Pankraz erwacht« und war eine ironische Szenenfolge aus Karl Mays Wildem Westen. Aufgeführt wurde es von der »Jungen Bühne«, einem idealistischen Sonntag-Morgen-Unternehmen. Zuckmayers Premiere ("Das Stück hatte immerhin richtige Rollen") bescherte ihm nur einen kleinen Achtungserfolg. Aber sie begründete die Karriere des Regisseurs Heinz Hilpert**) und führte zum Triumph eines neuen Charakterdarstellers: Rudolf Forster.

»Andererseits«, sagt Zuckmayer, »brachten solche progressiven Experimente auch die Gefahr mit, sich als Nichts-als-Radikale, Querköpfe, Außenseiter zu verbohren, und auf einer Stufe stehenzubleiben, auf der man unbedingt mit Dynamit spielen muß. Gerade für unsere Generation, die von der Chaotik des Zeitgeschehens allzusehr bedrängt wurde, war diese Gefahr sehr groß. Viele sind ihr erlegen. Nach der Premiere wußte ich ganz genau: jetzt galt es nicht mehr, literarische Bomben zu werfen, sondern etwas Richtiges zu machen.«

Von diesem Augenblick an hat Zuckmayer wirklich nur noch »Richtiges« geschrieben, ordentliche, tüchtige und handfeste Theaterstücke, die eher derb waren als intellektuell und denen auch später die Nationalsozialisten zu ihrem Leidwesen nicht nachsagen konnten, sie seien Produkte der jüdischen Asphaltliteratur. Sie waren genau das Gegenteil, saftige und kräftig-derbe Ware, die Helden dazu Kerle und Käuze, und die unausgesprochene Devise solcher ländlich-gesunden, zuweilen gefühlvollen Dramatik hieß: leben und leben lassen.

Im Jahre 1925 heiratete Zuckmayer die Österreicherin Alice von Herdan. Das Ehepaar bezog zunächst ein möbliertes Zimmer. »Nur so nebenbei und aus Spaß« schrieb Zuckmayer in diesem Jahre bei einem Verwandten, der eine burgartige Villa in Wannsee besaß, ein Volksstück. Ein Weingutbesitzer und dessen hübsche Tochter kamen darin vor, ein junger Rheinschiffer, ein verkorkster Student, ein Wirt, ein Weinhändler, feine Leute aus der Stadt und singende Tsingtau-Veteranen. »Plötzlich hatte ich den ersten Akt fertig.« Die Szenen gerieten deftig und prall, Kraftworte prasseln wie ein Sommerregen, Liebespaare raufen sich zusammen, ein schürzenjagendes Herrchen schläft betrunken auf dem Misthaufen ein. Das Stück hieß »Der fröhliche Weinberg«.

Sämtliche Berliner Bühnen lehnten es ab, dieses Schauspiel aufzuführen. Schließlich geriet ein Manuskript dem Berliner Kunst-Erzvater Julius Elias in die Hände. Elias witterte einen Erfolg. Er zwang den Theaterdirektor Saltenburg, den »Weinberg« anzunehmen: als Pflicht-Dreingabe zu drei französischen Boulevard-Stücken, für die Elias die Rechte besaß.

Am 22. Dezember 1925 fand im Berliner Schiffbauerdamm-Theater und in Frankfurt am Main die »Weinberg«-Premiere statt. Eduard von Winterstein spielte den Weingutsbesitzer Gunderloch, Käthe Haack dessen hübsche Tochter Klärchen. Schon vor der Premiere hatte der Theaterkritiker und Literaturhistoriker Paul Fechter dem Autor auf das Manuskript hin den Kleistpreis zugesprochen***). Aber Zuckmayer hatte noch immer kein Geld. Am Premierenmorgen versuchte er, bei den Ullsteins, den Inhabern des damals größten deutschen Zeitungskonzerns, einen kleinen Vorschuß auf das Honorar für einen versprochenen Roman zu bekommen. Aber die Herren meinten, man wolle doch erst einmal abwarten.

Am nächsten Morgen dachten sie anders. »Der fröhliche Weinberg« wurde der größte deutsche Theatererfolg der zwanziger Jahre. Das Berliner Premierenpublikum amüsierte sich an den Kerlen vom Rhein wie nie zuvor, und der allmächtige Kritiker Alfred Kerr schrieb: »Unter den Blinden ist der Einäugige König. Es lebe König Zuckmayer!« Noch in der Nacht trafen die ersten Annahme-Telegramme aus der Provinz ein. »Die Geschäftsleute sprachen von Zuckmayer wie von einem jählings hochgeschnellten Aktienpaket, das man gestern noch hätte billig haben können«, erinnert sich Zuckmayer.

Nicht zuletzt waren die »Weinberg«-Skandale an diesem Märchen-Erfolg beteiligt. »In diesem Stück springen alle Teufel der Unzucht aus dem Weinfaß«, wurden von den Mainzer Kanzeln herab die Gläubigen gewarnt. Auch jüdische Gruppen protestierten, weil sie sich durch die Gestalt des Agenten Löbche Bär, einer komischen Figur aus dem »Fröhlichen Weinberg«, lächerlich gemacht fühlten. Am tiefsten verletzt von solcher Art »Hosenlatzdramatik« zeigten sich Nackenheims Bürger. Ihre Fehde gegen den Sohn der Stadt endete erst 1952. Als Friedensvertrag diente ein Ehrenbürgerbrief für den Autor. Heute kann der Rhein-Reisende auf großen Schildern lesen: »Der fröhliche Weinberg Nackenheim«.

Carl Zuckmayer verzichtete nach diesem Erfolg ein für allemal auf den Abwurf literarischer Bomben. Er blieb zunächst dem Volk auf der Spur, dem schäumenden Leben und den traurigen Zufällen in ländlich-gemütlichen Bereichen. Zuckmayer hatte es aufgegeben, mit Dynamit zu spielen. Es zeigte sich nämlich, daß die andere, ruhigere Methode, Theater zu machen, zugleich auch die erfolgreichere war.

Die Zuschauer merkten: Dieser Autor hat keinen Spaß an empfindsamen Seelen oder an interessanten Verfallserscheinungen. Er liebt das deftige, kernige Leben, es kann ihm gar nicht deftig genug sein. Seine Figuren schwitzen vor Gesundheit und Fülle, und weder ein Misthaufen noch Stalldunst, weder Tabaksqualm noch Alkoholschwaden bringen sie zum Naserümpfen. Der Sehnsucht des großstädtischen Theaterpublikums nach Originalität und Kraft, nach Männlichkeit und robuster Energie kam dieser Autor nur zu gern entgegen.

Zwei Jahre nach dem »Weinberg« schrieb er eine Volksballade auf den edlen Hunsrück-Räuber und Napoleon-Zeitgenossen »Schinderhannes«. Zuckmayers Schinderhannes-Lied »Im Schneppenbacher Forste, da geht der Teufel rumdibum« wird heute noch in der Ingelheimer Gegend als eine Art Volkslied gesungen.

1928 verfaßte Zuckmayer die gefühlvolle und höchst rührende Zirkusgeschichte »Katharina Knie«, deren handelnde Personen im schönsten hessischen Dialekt reden. Als das Stück mit dem Schauspieler Albert Bassermann in der Inszenierung von Karl Heinz Martin am Lessingtheater geprobt wurde, kam ein offizieller Anwaltsbrief aus der Schweiz. Darin stand, die Dynastie des Schweizer Nationalzirkus Knie habe mit Besorgnis davon Kenntnis genommen, daß ihr Name in einem Stück verwendet werde, das noch dazu von »einem moralisch zweifelhaften Autor« stamme.

Zuckmayer hatte ohne Bedenken einen der populärsten alten Artistennamen vom Rhein verwendet. Er schrieb zurück, die Dynastie könne sich jederzeit eine Probe im Theater ansehen. Die Dynastie kam. Sie bestand aus vier riesigen und mißtrauischen Knies, nämlich aus: Charles (Elefanten), Louis (Pferde), Frederic (Tiger) und Eugene (Geschäfte).

Martin setzte eine Probe an und ließ das Stück durchgehend vorspielen. Bassermann übertraf sich selbst. Gegen Schluß des ersten Akts hörte man aus dem dunklen Parkett sonderbare Geräusche. Am Schluß des zweiten Akts nahmen diese Geräusche Orkan-Ausmaße an. Die vier Brüder Knie heulten vor Rührung und Begeisterung.

Die Neigung des Autors Zuckmayer zum »spielenden Eros«, zu den vitalen Bauerngöttern, zu Saft und Kraft, zur Räuberromantik und Zirkusluft war keinesfalls nur literarisch. Den wanderlustigen Dichter trieb seine Abenteuerfreude so weit, daß er sich sogar auf den Schultern eines Artisten über das Hochseil radeln ließ. Aus lauter Karl-May-Begeisterung taufte er seine Tochter, die 1926 geboren wurde, auf den Namen Winnetou. Der Standesbeamte kapitulierte erst vor der entrüsteten Frage: »Sie kennen wirklich die irische Heilige Winnetou nicht?« Winnetou spielt heute in Baden-Baden Theater.

Noch bevor Zuckmayer sein zweifellos bestes Stück gelang, die geniale Komödie »Der Hauptmann von Köpenick«, war er an einer der wenigen Spitzenleistungen der deutschen Filmproduktion beteiligt. Er schrieb - nach Heinrich Manns Roman »Professor Unrat« - das Drehbuch zu dem Film »Der blaue Engel«. Dieser Film (mit Marlene Dietrich und Emil Jannings in den Hauptrollen) geriet so vorzüglich, daß sich Heinrich Mann später entschloß, auch seinen Roman auf den Filmtitel umzutaufen.

1930 ging Fritz Kortner zu Zuckmayer und sagte: »Ich will einen Film über Wilhelm Voigt und seine Taten in Köpenick machen. Schreib mir das Drehbuch.« Zuckmayer ging zur »Vossischen Zeitung« und wälzte Archivbände aus dem Jahre 1906. Dann erklärte er Kortner, das wäre kein Film, sondern haargenau ein Stück für ihn. »Der Hauptmann von Köpenick« wurde 1931 am Deutschen Theater unter Hilperts Regie uraufgeführt. Hundertmal spielte ihn dort Werner Krauss, weitere hundert Male Max Adalbert. Adalbert war dann auch der Hauptmann des Films, der 1931 gedreht wurde. Zur Zeit befaßt sich Zuckmayer im Hamburger Hotel »Vier Jahreszeiten« mit den Vorarbeiten für einen neuen Köpenickfilm, den Walter Koppels »Realfilm« unter der Regie von Helmut Käutner herstellen will.

Als Handlungsgerippe für den »Hauptmann von Köpenick« diente Zuckmayer jener berühmte Streich des Schusters Wilhelm Voigt, der eines guten Tages, als preußischer Hauptmann verkleidet, mit sechs Soldaten im Köpenicker Rathaus erschien, den Bürgermeister gefangen setzte und die Kasse mitnahm. Die Soldaten hatte sich Voigt von der Straße weg besorgt. Die ganze Welt lachte damals über das prompte Funktionieren des deutschen Uniform-Gehorsams.

Unter der Feder Zuckmayers verwandelten sich List und Verschlagenheit des Schusters Voigt in den kreatürlichen Protest einer gequälten Seele.

Voigt ist der vorbestrafte und ausgestoßene arme Hund, der nichts anderes will als eine Aufenthaltserlaubnis. Weil sie ihm immer und überall verweigert wird, sinkt er mit Behördenhilfe von Stufe zu Stufe. Er möchte in Köpenick kein Geld stehlen, sondern einen Paß, der allein ihm ermöglichen würde, Arbeit zu bekommen.

Um die Ironie des Falles vollständig zu machen, hat Zuckmayer noch zwei besondere Pointen erfunden. Er läßt den Schuster Voigt militärischen Drill bei einem Zuchthausdirektor lernen, der mit seinen Sträflingen preußische Siege nachexerziert, und er läßt seinen Voigt bei der Verhaftung des Köpenicker Bürgermeisters dieselbe Uniform tragen, die dieser Bürgermeister einst abgelegt hat: »Sone Uniform, die macht det meiste janz von alleene.«

So satirisch diese Komödie ausgefallen ist, so sehr ist sie auch auf Rührung und echte Herzbewegung berechnet. Zuckmayer plädiert - zur Erbauung und zur Zufriedenheit seines Publikums - immer wieder für Güte und Tüchtigkeit, und fast immer haben seine Helden ein goldenes, fast zu großes Herz. Voigt liest einem todkranken, schwindsüchtigen Mädchen Märchen vor, er hört auch zuweilen innere Stimmen:

»De innere Stimme hab ick jehört. Da hatse jesprochen, du, und da is alles totenstill jeworden in de Welt, un da hab icks vernommen; Mensch, hatse jesagt - einmal kneift jeder 'n Arsch zu, du auch, hatse jesagt. Und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben? Und da muß ick sagen: Fußmatte, muß ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muß ick sagen. Und zum Schluß haste jeröchelt und jewürcht, um det bißchen Luft, und denn wars aus. Det sagste vor Gott, Mensch. Aber der sagt zu dir: Jeh wech! sagt er. Ausweisung! sagt er! Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er! Det biste mir schuldig! Wo is et!? Wat haste mit jemacht? - Und denn, Friedrich - denn is et wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis.«

Auch für den Dichter Zuckmayer war es nach dem 30. Januar 1933 ziemlich bald vorbei mit der Aufenthaltserlaubnis. »Die Emigration ging mir ans Leben«, erinnert er sich heute. »Der Schock hatte mich unfruchtbar gemacht.«

Tatsächlich war, wie schon einmal zwischen dem »Weinberg« und dem »Hauptmann von Köpenick«, Zuckmayers schriftstellerische Kraft erlahmt. Die Pause wurde abermals mit schwächeren Stücken und Prosaschriften unbefriedigend ausgefüllt. Damals waren es der »Schinderhannes« und »Katharina Knie« gewesen, nun entstanden der Illustrierten-Roman »Eine Liebesgeschichte«, der Chirurgenroman »Herr über Leben und Tod«, von dem sogar der Autor nicht viel hält, der »Zauberberg«-ähnliche Roman »Salwàre« und die Theaterstücke über den »Schelm von Bergen« und den Volkssänger »Bellmann«. »Bellmann« wurde 1953 umgedichtet und bekam den Titel »Ulla Winblad«.

Nach Aufenthalten in Österreich und in der französischen Schweiz fuhr Zuckmayer im Juni 1939 mit Frau und Tochter in die Vereinigten Staaten, versuchte sich als Drehbuchautor bei der Hollywoodfirma Warner Brothers und später als Lehrer in der von Erwin Piscator geleiteten Theaterabteilung einer Exil-Hochschule in New York. Dort sollte er jungen Amerikanern das Stücke-Schreiben beibringen und Fragen beantworten wie: »Wie viele Sätze darf ein Liebesdialog haben?«

1941 pachtete Zuckmayer in Vermont ein altes, 1783 erbautes Farmhaus, um von seiner Hände Arbeit zu leben. Der emigrierte Dichter war endlich zu einer Arbeit zurückgekehrt, die ihm befriedigender schien als Hollywood-Dramaturgie und Schauspiel-Theorie, zum ebenso strapaziösen wie gesunden und männlichen Umgang mit der Scholle, zu Viehzucht, Holzhacken und weiten Wanderungen über Land. Er hatte sich ein zweites Mal entschlossen, etwas »Richtiges« zu machen, und für sein ländliches Exil eine Gegend ausgesucht, die es ihm noch am ehesten erlaubte, die Emigration zu vergessen: »Vermont ist ähnlich wie die Gegend der deutschen Mittelgebirge oder wie Kärnten. Man ackert dort noch mit Pferden. Es ist das Gegenteil von dem, was man sich unter Amerika vorstellt.«

Die Zuckmayers lebten dort ziemlich bescheiden vom Handel mit Ziegenmilch, vom Gänseverkauf an deutsche Familien und von den Erträgnissen des Kräutergartens, den Frau Alice hegte. Erst 1942 setzte sich Zuckmayer wieder an die Schreibmaschine. Ihm ging die Nachricht vom Tode seines alten Freundes Udet im Kopf herum.

»Des Teufels General« wurde gegen Kriegsende fertig. Zuckmayer stellte den Antrag, mit irgendeiner Aufgabe nach Deutschland geschickt zu werden. Das Resultat war zunächst seine amerikanische Einbürgerung. Erst im Herbst 1946 wurde der ungeduldige Autor als Beamter des Reorientation-Office nach Deutschland geschickt, und erst im Jahre 1947 genehmigten die Besatzungsbehörden die Aufführung des Udet-Stückes auf deutschen Bühnen.

Im Dezember 1946 wurde »Des Teufels General« in Zürich unter Hilperts Regie mit Gustav Knuth in der Titelrolle uraufgeführt, im November 1947 folgte in Hamburg die deutsche Erstaufführung. Der Erfolg war ungeheuer. Das Stück hielt sich, wo immer es gespielt wurde, monatelang auf dem Spielplan und setzte eine Diskussionswelle in Gang, der auch der reisefrohe Autor Zuckmayer bei aller Lust am Gespräch nicht gewachsen war.

Die sensationelle Wirkung des Stückes auf die der Reeducation ausgelieferten Deutschen ist heute leicht zu erklären. Während sonst deutsche Offiziere oder gar Prominente aus der NS-Zeit, wenn sie überhaupt auf eine Bühne kamen, allenfalls mit Massenmord, gemeinen Verhören, Hinrichtungen und sadistischen Quälereien beschäftigt waren, sahen die Offiziere bei Zuckmayer ganz menschlich aus. Es waren wieder mal »Kerle«, kräftig und witzig zum Teil - und gewaltige Saufbrüder, dies freilich im sympathischsten Sinn.

Der General Udet-Harras ist, wahrhaftig, ein Sünder ("Schon mit dreizehn hinter den Mädeln her ..."), aber einer mit Format, einer, der daran krepiert wäre, nicht dabeizusein, wenn es Luftkrieg gibt, einer, der Bescheid weiß ("Ich kenne den Teufel. Den hab ich gesehn - Aug'' in Auge!"), der den Juden hilft ("Jeder hat einen Gewissensjuden. Damit er ruhig schlafen kann."). Harras ist ein Instrument der Nazis, aber er ist ein Mordskerl. Und auch einige andere, die in deutschen Offiziersuniformen stecken, hoben sich von dem Bilde des deutschen Soldaten ab, das 1947 im Schwange war: Der junge Leutnant Hartmann hat bohrende Zweifel, ob er der richtigen Sache dient, der Ingenieur aus dem Luftfahrtministerium Oderbruch treibt sogar Sabotage.

Diese Konzeption traf so genau ins Herz des deutschen Publikums, daß die Filmindustrie noch sieben Jahre später in die Konjunktur einsteigen konnte, um nun ihrerseits den männlichen deutschen Offizier und heimlichen Hitler-Gegner zum erfolgreichen Filmtyp zu machen, so als »Canaris«, so als Widerstandskämpfer im »20. Juli«, so nicht zuletzt in der Filmfassung von Zuckmayers »Des Teufels General«, die Helmut Käutner inszenierte. Zuckmayer attestierte dem Filmregisseur: »Ich bin begeistert. Sie haben ein neues Kunstwerk geschaffen.«

Dem Schauspiel »Des Teufels General« ist es wohl zuzuschreiben, daß im Falle Zuckmayer jene Barriere, die nach 1945 zwischen vielen emigrierten Dramatikern und dem deutschen Publikum stand, niemals spürbar geworden ist. Während in den Nachkriegsjahren so manches Schauspiel überhaupt nur auf die Bühne kam, weil sein Autor in den berühmten »zwanziger Jahren« einen Namen hatte, während so mancher Dramatiker dem Publikum auf dem erläuternden Programmzettel überhaupt erst als einstige Bühnengröße wieder vorgestellt werden mußte, hat es bei Zuckmayer eines solchen Hinweises nie bedurft. Zuckmayer und Bertolt Brecht sind die einzigen Stückeschreiber, die schon an der legendären Theaterblüte zwischen 1920 und 1930 teilhatten und ihre führenden Positionen nach der Rückkehr aus der Emigration nicht durch die Erinnerung an einstige Größe, sondern durch neue Leistungen sofort zurückeroberten.

Aber wiederum bezahlte Zuckmayer den verdienten Erfolg seines »Generals« mit einem Qualitätsnachlaß der darauffolgenden Stücke. Über die 1948 entstandene »Barbara Blomberg« schrieb anläßlich der Berliner Aufführung Margret Boveri: »Geschichte ist geduldig, und diese Geschichte aus der Zeit König Philipps und Herzog Albas muß es sich gefallen lassen, Vorstellungen wie Angriffskrieg und Kampf für den ''way of life'' in die Vorgänge des sechzehnten Jahrhunderts eingepreßt zu bekommen. Noch bedenklicher erschien die Unglaubwürdigkeit Barbaras selbst ...«. Das Maquis-Drama »Gesang im Feuerofen«, das 1950 uraufgeführt wurde, nannte Albert Schulze Vellinghausen »eine Stilisierung aus Mangel, und nicht aus Fülle«.

Die Frage ist nun, ob Carl Zuckmayer mit seinem von verdächtigem Bühnenpathos immerhin angekränkelten Diskutierstück »Das kalte Licht« wieder einen, den vierten Gipfel seiner dramatischen Produktion erreicht hat. An Aktualität mangelt es der Handlung nicht, um so weniger, als nun sogar der sowjetische Agent Buschmann durchaus menschliche, ja idealistische Züge hat. Die Argumente, mit denen er dem jungen Wissenschaftler Kristof Wolters zusetzt, klingen durchaus plausibel: »Ich verstehe eins nicht: wie ein Mensch, der sich mit Mathematik befaßt, die Logik der Ereignisse verleugnen kann, die alle in eine bestimmte Richtung weisen - und eine Gesellschaft akzeptieren, die offensichtlich keine Aufgabe mehr hat, als an ihrer eigenen Planlosigkeit zugrunde zu gehen.«

»Wer sagt, daß ich sie akzeptiere?« antwortet Wolters. »Prinzipiell bin ich mit Ihnen ganz einer Meinung.«

Buschmann: »Aber moralisch? Moralisch hocken Sie in Ihrem Schneckenhaus und schwitzen Millesimalbrüche aus. Das können Sie gar nicht verantworten! Ein Mensch wie Sie wird gebraucht. Sie haben sich da, scheint's, eine ganz merkwürdige Moral zugelegt, Sie glauben, Sie könnten sich teilen, aufspalten, in einen, der politisch denkt, und in einen andern, der sich geistig darüber hinaushebt. Aber ich glaube nicht, daß ein Mensch sich heute solchen Luxus leisten kann.«

Tatsächlich hat Buschmann Erfolg. Wolters, Parzival einer neuen Zeit, bekehrt sich zu der Meinung, daß die Revolutionierung des physikalischen Weltbilds nicht Privatbesitz einer Nation sein darf. Er übermittelt bis 1949 Nachrichten an Sowjet-Agenten. Als der westliche Geheimdienst ihn stellt, hat er damit bereits Schluß gemacht. Er ist dahinter gekommen, daß er nur als Instrument im Machtkampf benutzt wurde. Geheimdienstmann Northon diskutiert ihn Schritt für Schritt in eine ausweglose Ecke.

»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen«, fragt Wolters, »Sie könnten auf der Verliererseite stehen? Auf der, die endgültig vorbei ist?«

Northon: »Selbst wenn das so wäre: dürfte dadurch mein Gefühl für Recht und Unrecht, für Gut und Böse tangiert werden?«

Wolters: »Sie glauben doch nicht, daß Gut nur auf der einen, Böse nur auf der anderen Seite zu suchen ist?«

Northon: »In einer gespaltenen Welt müssen wir beides dort suchen, wo es am nächsten liegt. Das ist: in uns selbst.«

Wolters: »Die Spaltung unserer Welt also halten Sie für ein Axiom?«

Northon: »Ich will Ihnen sagen, wofür ich sie halte - es ist nicht die Meinung eines Politikers, oder eines Philosophen, nur eines Zeitgenossen. Ich halte sie für eine Tragödie, eine echte sogar - weil der Konflikt, auf dem sie beruht, durchaus unvernünftig, unnötig, außermenschlich und widersinnig ist. Spätere Geschlechter werden es nicht mehr verstehen, daß man sich um eine alleinseligmachende Wirtschaftsordnung stritt.«

Gustaf Gründgens, der zum erstenmal ein Zuckmayer-Stück inszenierte, nannte das Schauspiel »eine große Sinfonie in drei Sätzen«. Das Thema heißt dabei nicht Atom-Verrat, sondern Denk- und Glaubenskrise der Gegenwart. Der ideologische Verrat ergibt einen Gewissenskonflikt, für den sich höchstens im Zeitalter der Religionskriege geschichtliche Parallelen finden lassen.

Er wolle aber, erklärte Zuckmayer einem New-Yorker Korrespondenten, keine Weltanschauungen mitteilen, »weder pro Ost noch pro West«. Die Entscheidung bleibt den Zuschauern überlassen. Zuckmayer formulierte es im schönsten Hessisch: »Denke müsse die andere!«

*) Carlo Mierendorff wurde prominenter SPD-Führer und Reichstagsabgeordneter; Theo Haubach war maßgebend am »Reichsbanner« (einer vorwiegend sozialdemokratischen Kampftruppe) beteiligt.**) Heinz Hilpert ist seit einigen Jahren Intendant des »Deutschen Theaters« in Göttingen. ***) Der Kleistpreis wurde jedes Jahr von einem anderen, allein entscheidenden Kritiker vergeben.

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