Zur Ausgabe
Artikel 48 / 96

ALGERIEN / REVOLUTIONSSCHATZ Der fünfte Mann

aus DER SPIEGEL 44/1970

Die Leiche lag bäuchlings im Doppelbett. Um den Hals waren ein Ledergürtel und eine Krawatte geschlungen, im Mund steckte ein blutiger Knebel, das Gesicht des Toten war blau-schwarz verfärbt.

Der Generaldirektor des Frankfurter Hotels »Intercontinental« hatte die Leiche letzten Dienstag, alarmiert von einem jugoslawischen Zimmermädchen, im Zimmer 1414 seiner Nobel-Herberge entdeckt. Fingerabdrücke von Interpol klärten zwei Tage später die Identität des Toten: der Erdrosselte, den seine Mörder zuvor betäubt hatten, war Belkassim Krim, einstmals Mitglied des neunköpfigen algerischen Revolutionsrats, seit sieben Jahren im Exil lebend, zuletzt in Lausanne.

Als Täter vermutet die Polizei drei Nordafrikaner, die neben dem Mordzimmer gewohnt haben und seit der Tatzeit verschwunden sind. Ober das Tatmotiv tappt die Kripo im dunkeln.

Hatten die drei jenes Todesurteil an Belkassim Krim vollstreckt, das ein algerisches Revolutionstribunal voriges Jahr über ihn verhängt hatte? Oder war Krim ein Opfer der Rivalitäten unter den verfeindeten algerischen Exilgruppen? Beides scheint denkbar.

Denkbar ist aber auch, daß Belkassim Krim sterben mußte, weil er den Weg zu einem Vermögen von rund 40 Millionen Mark versperrte, hinter dem Algeriens Regierung seit sieben Jahren herjagt.

Algerische Arbeiter in Frankreich wie arabische Ölscheichs hatten der algerischen Freiheitsbewegung FLN während des Kampfes gegen die französischen Kolonialherren zu einer ansehnlichen Kriegskasse verholfen. Als der Krieg 1962 beendet wurde, waren davon noch 40 Millionen Mark übrig, eingezahlt bei mehreren Schweizer Banken.

Allein-Verfügungsberechtigter war Mohammed Chider, wie Krim eines der neun Mitglieder des FLN-Revolutionsrats, der 1954 das Startsignal zum Kampf gegen die Franzosen gegeben hatte. Während der Kriegsjahre war Chider Schatzmeister der FLN, nach der Unabhängigkeit Algeriens im Jahre 1962 zunächst Generalsekretär der in eine politische Partei umfunktionierten Freiheitsbewegung.

1963 verzog Chider in die Schweiz -- mit der Vollmacht für den »Revolutionsschatz«, wie die Millionen in Algerien genannt werden. Vergebens prozessierte die algerische Regierung gegen den Abtrünnigen auf Herausgabe des Geldes: Chider behielt Millionen, die er inzwischen auf die kleine Genfer »Banque Commerciale Arabe« transferiert hatte.

Am 3. Januar 1967 erschossen zwei Männer mit nordafrikanischem Aussehen den Exil-Politiker vor seiner Madrider Wohnung. Die Tat blieb bis heute unaufgeklärt.

Die 40 Millionen waren fortan ohne Verfügungsberechtigten. Algeriens Regierung vermutet, daß sie noch immer auf den Konten der »Banque Commerciale Arabc« (BCA) liegen -- und klagte nunmehr gegen die Bank.

Doch mit den gleichen Argumenten wie einst Mohammed Chider bestreitet heute BCA-Anwalt Louis Bouquet den Algeriern das Recht zu klagen: Weder der algerische Staat noch die Staatspartei, die sich wie die Freiheitsbewegung FLN nennt, seien, so Bouquet im Juni vor einem Genfer Gericht, legitime Nachfolger des einstigen FLN-Revolutionsrates, des alleinigen Eigentümers des Schatzes.

Nach dieser Argumentation, der sich ein Genfer Gericht bereits 1965 anschloß, hätte allein der Revolutionsrat noch Ansprüche auf das Millionen-Vermögen -- oder besser: die Männer, die von dem einst neunköpfigen Rat heute noch leben.

Es sind nur noch vier -- drei kamen bereits im Algerienkrieg um, nach Chider starb nun auch der fünfte Mann.

Von den restlichen vier leben zwei im Exil: Mohammed Boudiaf, der wie Belkassim Krim 1969 zum Tod verurteilt wurde, und Alt Ahmed, der 1966 aus einem algerischen Gefängnis entwich und heute wahrscheinlich in Madrid wohnt.

Die beiden anderen leben in Algerien: Der eine, Ex-Staatschef Ben Bella, ist seit fünf Jahren prominentester Gefangener des Regimes, der andere, Rabah Bitat, ist Transportminister der Regierung Boumedienne.

Ob Belkassim Krim -- und Mohammed Chider -- der Jagd auf den legendären Revolutionsschatz zum Opfer fielen, wird sich möglicherweise nie nachweisen lassen. Näheren Aufschluß könnte aber vielleicht jener Mann liefern, der Krim vorletzten Freitag zum Genfer Flughafen brachte: Francois Genoud, Verwaltungsrat der BCA.

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 96
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.