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JUGEND WEST Der ganz normale Wahnsinn

Als Mirco sich vor einen Zug warf, um dem Terror einer Gang zu entkommen, schien das eine Chance für den Hamburger Stadtteil Neuwiedenthal zu sein. Doch das Geflecht aus Macht und Hierarchie und Angst ist nicht zu knacken. Von Hajo Schumacher
aus DER SPIEGEL 8/1997

Frau Pfitzner hat sich eine deutsche Dogge zugelegt. Für 400 Mark gab es Antaris im Tierheim, mit 62 Kilogramm zwar etwas untergewichtig, aber dafür mit 97 Zentimetern Stockmaß.

Eigentlich reichte Ute Pfitzner, 39, der Trubel in ihrer Wohnung. Sie hatte ja schon den halbblinden Yorkshire Dustin, zwei Meerschweinchen, dazu vier Kinder und ihren Lebensgefährten Werner Gütter, 45, der auf besseres Wetter wartet, um endlich wieder mauern zu können. »Aber jetzt fühlen wir uns mit Antaris doch wohler.«

Gut macht sich Antaris auch auf dem Balkon: Wenn er die Vorderpfoten in die Betonblumenkästen mit den Gartenzwergen stemmt und über die Brüstung blickt, »steigt uns keiner mehr in die Bude«.

Es muß ein ruhiger Tag im »Stubbenhof«, einer Straße im Hamburger Stadtteil Neuwiedenthal gewesen sein, als die Familie die Wohnung besichtigte. »Ein Traum«, erinnert sich Frau Pfitzner: 95 Quadratmeter für nur 1600 Mark warm.

Unheil schwante ihr erstmals, als jemand seine Mülltüten durchs Treppenhaus nach unten fallen ließ. Frau Pfitzner legte die Gummihandschuhe an, wühlte sich »durch gebrauchte Tampons und anderen Schweinkram«, um die Identität des Schmutzfinken zu ermitteln. Ohne Ergebnis. Zumindest stellte sie einen Nachbarsjungen, der von oben mit rohen Eiern auf den Müllhaufen zielte, den aber nur selten traf.

Skeptischer wurde die Mutter, als ihr Sohn Dennis aufgeregt von einem neunjährigen Nachbarsjungen mit halbautomatischem Gasrevolver erzählte. Da fiel ihr auch auf, daß in der Boutique »Geschenkideen« in der nahen Rehrstieg-Passage ("Einkaufen mit Niveau") neben Dornröschen-Videos ein ordentliches Sortiment Gaswaffen angeboten wird.

Anfang Februar kam dann der vorläufige Höhepunkt: Polizisten hatten das Haus umstellt, holten den Nachbarsjungen Kenan aus der Wohnung im Erdgeschoß und posierten mit dem Festgenommenen, bis die Kameras den Fang im Bild hatten.

Kenan und sechs andere Jungen aus der Nachbarschaft, zwischen 14 und 18 Jahren alt, wurden verhaftet, weil sie Jugendliche über Jahre erpreßt haben sollen. Erst Zigaretten, dann etwas Geld, zuletzt viel Geld. Eine junge Mutter sollen sie zum Geldabheben zur Bank begleitet haben.

Mirco, der ihnen zuletzt seinen Lehrlingslohn von 750 Mark abliefern mußte, warf sich am 31. Januar vor einen S-Bahn-Zug und starb. Aus Scham, aus Angst und weil er fürchtete, die Bande könnte seiner Familie etwas tun, hatte Mirco geschwiegen. »Ich verabschiede mich von dieser bösen Welt«, schrieb er zum Abschied: »Ich werde die, die mir das Geld abgezockt haben, für immer verfolgen.«

Mircos Selbstmord paßt in den harten Alltag von Neuwiedenthal. Hätte sein Vater Jan nicht zahlreiche Freunde zu Aussagen über die tagtäglichen Erpressungen und Nötigungen gedrängt, hätten nicht Pfarrerin und Lehrer assistiert und hätte nicht die Hamburger Polizei vorübergehend eine Entschlossenheitsshow inszeniert - der Fall Mirco wäre so stillschweigend in einem Hängeregister verschwunden wie die Akten über den Selbstmord eines 21jährigen, der 1996 ein paar Straßen weiter von einem Hochhaus sprang.

Hat sich die Aufregung um Mircos Tod gelegt, wird der Alltag in Neuwiedenthal noch härter als zuvor. Die ihre Aussage machten, werden bereits massiv bedroht. Der Versuch, die Mauer des Schweigens einzureißen, hat eine Menge offener Rechnungen geschaffen, die beglichen werden, wenn wieder Desinteresse über dem Viertel liegt.

Dabei bedeutet wie in vielen anderen Vororten auch Leben in Neuwiedenthal ohnehin den ganz normalen Wahnsinn. Jugendliche haben sich daran gewöhnt, mit Gassprühdosen, mit Messern und am besten nie allein vor die Tür zu gehen.

70 Prozent aller Hamburger Räuber sind jünger als 21. Daß die reichste Stadt Deutschlands den höchsten Anteil jugendlicher Krimineller hat, verblüfft Kriminologen nicht. Die glitzernden Shoppingmeilen und Neuwiedenthals triste Grauhäuser liegen 25 Minuten S-Bahnfahrt auseinander.

Mircos Tod hat das Leben in den Trabantenstädten kaum sicherer gemacht. Tage danach wurde erneut ein Junge erpreßt und im benachbarten Kirchdorf-Süd eine Kinderbande mit 22 Schuß Munition in Reserve und einer Browning 7,65 gefaßt, die sie einem 13jährigen vorhielten. Vergangenen Donnerstag wurde ein Trio bei der Geldübergabe in Wilhelmsburg gestellt.

Wie viele Banden diese Art von Umverteilung betreiben, weiß niemand. Sicher ist nur: Das Chaos der Trabantenstädte, in denen die Outlaw-Mentalität grassiert, ist zielstrebig konstruiert worden. Menschen unterschiedlichster Herkunft werden in Sozialwohnungen gesteckt.

Unter dem Sparzwang der vergangenen Jahre fielen auch die letzten Refugien. In Mircos Gegend gibt es keinen Basketballkorb, auf dem Rasen darf nicht gekickt werden, und ein kleines Schwimmbad soll geschlossen werden. Dann wurden Sozialarbeiterstellen gestrichen, so viele, bis sich selbst hartgesottene Streetworker nicht mehr nach Neuwiedenthal wagten. Auch die Polizeibeamten vom Revier 47 verspürten noch nie große Lust, den Anzeigen und Beschwerden zu folgen.

Selbst nach Mircos Tod, als sein Freund Stephan, 16, am Telefon bedroht wurde ("Wir bringen dich um, wenn du aussagst"), geschah nichts. Gelangweilt riet ein Beamter dem Jungen, sich ans LKA zu wenden. Erst als Stephan den Fall einem Radioreporter erzählte, eilten zwei Beamte beflissen in die Wohnung.

Das seit Jahren gewachsene Geflecht aus Macht und Hierarchie und Angst ist kaum zu knacken. Wer in der Enge Neuwiedenthals aufwächst, lernt sofort den Wert von Kleidung, einem neuen Spoiler am Auto, eines Feuerzeugs oder nur eines Silvesterknallers und damit den Rang in der Hierarchie des Viertels zu taxieren. Im Moment sind Handy-Besitzer oben, vor allem die, deren Gerät noch nicht gesperrt ist, weil sie die Gebühren zahlen können.

Schlechter angesehen als die Bewohner des Hochhausblocks Stubbenhof sind höchstens die Rußlanddeutschen, die im Containerdorf zusammengepfercht sind. Auf der rechten Wange von Mircos Freund Stephan sind noch vier dünne Linien zu sehen, frisch vernarbte Wunden, die ihm einer von fünf Russen vor vier Wochen mit dem Messer ritzte, weil er nicht mehr als zehn Mark dabeihatte. Gegen die Übermacht traute er sich nicht, die Flasche mit CS-Gas aus seiner Tasche zu ziehen.

Stephan, Mirco und die anderen trafen sich an einer morschen Holzbank am Luhering, die in ein Stück schwarzer Erde betoniert ist. Sie spuckten Pfützen, redeten über Mädchen oder ihre türkischen Freunde ("Den darf man nicht länger als zwei Minuten inne Mülltonne sperren, sonst fängt er an zu tapezieren").

Und immer schauten sie die Straße hoch Richtung Stubbenhof. Schon ihre Klamotten mußten die »Asozialen« provozieren. Jedes der vielen großen Labels signalisierte: Du hast noch weniger Kohle als wir.

Sie hatten Angst, aber sie waren auch neidisch. Denn Mirco und seine Freunde taten nur so, als ob sie eine Bande seien. Doch die vom Stubbenhof, die spielten nicht nur Ghetto-Romantik, die sie aus den Videoclips von Viva und Nike kannten, sie waren eine echte Gang.

Sie nahmen, was sie wollten, lachten über die Polizei, hatten Waffen und zogen in den Kellern reichlich Gras und Hasch weg. Die Gang lobt, die Gang straft, die Gang ist ihre einzige Ordnung.

Sie waren hart drauf, und Amor war der Härteste. Der deutsche Junge mit den tunesischen Eltern war eher schmächtig, aber er hatte die Gesetze begriffen, er wußte, wie man Angst verbreitet, und nutzte es gnadenloser als alle anderen.

Zu oft war die Polizei bei ihm zu Hause, zu oft hatte jemand Anzeige wegen Diebstahls oder Nötigung erstattet, als daß Amor nicht gemerkt hätte, daß ihm kaum Gefahr droht, schon weil man seine Dreistigkeit nicht ertragen mochte. Amor hatte begriffen, daß die Evolution rund um den Stubbenhof rückwärts läuft, daß das Machtgefüge ein archaisches war: Wer zuerst schlägt, wer sich am heftigsten aufplustert, wer am frechsten fordert, der ist der Chef.

Amor war Legende: Manchmal, tuscheln die anderen, habe er seinen Kopf gegen einen Baum oder die Wand gehauen. Erst dachten sie, er mache Spaß, dann fürchteten sie, sein Gehirn würde bald herausplatzen. Seine Jungs vertrauten ihm blind. Hinter Amors Schutzschild verwandelte sich sogar Kenan, der vorübergehend festgenommene Nachbarssohn von Frau Pfitzner, in einen coolen, aggressiven Typen.

Zu Hause bei Vater Ibrahim dagegen trägt er brav die Puschen herbei, kocht und serviert schweigend Kaffee und redet nur, wenn er übersetzen muß. Ein kurzes Zucken mit dem Kopf, und Kenan ist aus dem Wohnzimmer verschwunden.

Vor Amor kuschten sogar die Sozialpädagogen aus dem Haus der Jugend, seit er einem von ihnen Prügel verpaßt und ein Messer in den Oberschenkel gerammt hatte. Wenn Amor kam, überließen sie ihm die Sitzecke, den Billardtisch und ließen sich als Nazi-Schweine beschimpfen.

Daß Amor, sein Bruder Sadok und ihr Freund Ali als einzige noch im Gefängnis sitzen, beleidigt Amors Vater tödlich. Seit 23 Jahren arbeite er in Deutschland, zahle Steuern, benehme sich anständig. Und nun wollen ihm diese »arbeitslosen, versoffenen Deutschen«, die von seinen Sozialbeiträgen leben, erzählen, daß sein Sohn ein Verbrecher ist. Er ist ja nicht einmal Tunesier: »Alle unsere Kinder haben einen deutschen Paß«, sagt die Mutter stolz: »Und wir auch.«

Na gut, räumt der Vater ein, Amor sei ja nicht immer leicht gewesen. Er flog von der Schule, hatte keine Ausbildung. Als letzte Rettung wollte er zur Bundeswehr. Aber erpressen? »Niemals! Er hat doch alles gehabt.« Stolz zeigt der Vater das Zimmer seiner beiden großen Söhne. Zwei Betten, kaum Platz für einen Tisch. Die Tapeten lappen von den Wänden, neben dem Fernseher liegt ein Beeper von Motorola.

»Wer Täter ist und wer Opfer«, sagt Harald Stemmler, Mircos früherer Lehrer, sei in dieser Gegend kaum zu unterscheiden, sondern eher eine Frage des Schicksals, je nachdem auf welcher Straßenseite und in welcher Familie man aufwachse. Eindeutige Täter seien nur die Planer, die in den sechziger Jahren all die Neuwiedenthäler errichtet hatten, und die Politiker, die sich fortan nicht mehr darum kümmerten. Die, sagt Stemmler, »müßte man zu lebenslangem Zwangswohnen dort verurteilen«.

Mit seinen Schülern hat Stemmler eine Einladung an Hamburgs Bürgermeister verfaßt. Weil Wahlkampf ist, stehen die Chancen gut, daß sich Henning Voscherau persönlich vom Segen sozialdemokratischer Wohnungspolitik überzeugt.

Mircos Vater will auch einen Brief an Voscherau schreiben. Aber er findet weder die Kraft noch die Worte, um dem Politiker mitzuteilen, daß er sich »verarscht« fühlt. Immer wieder liest der Vater ein routiniertes Kondolenzschreiben von Voscherau: »Angst und Opportunismus, gezieltes Wegsehen zerstören den Rechtsstaat und die ihn tragende Gesellschaft.«

»Damit ist das für ihn wohl erledigt«, glaubt Mircos Vater. Er ist tief verletzt: Erst lassen die Politiker das Viertel vergammeln, und wenn passiert, was passieren muß, dann heulen sie plötzlich mit.

Schweigend sitzt er am Küchentisch, raucht, trinkt Kaffee und geht gelegentlich in die zugige Küche, um ein paar Pillen zu schlucken. Mircos Mutter versucht, in der psychiatrischen Landesklinik den Tod des Sohnes zu verwinden, seine kleinere Schwester starrt in den Fernseher.

Er hatte versucht, Mirco beizubringen, »was meins und deins« ist, daß sie damals bei den Rockern einen Ehrenkodex hatten, daß »Schwächere nicht verhauen werden«, daß man sparen müsse, wenn man sich etwas nicht kaufen kann. Diese Erziehung, sagt Mircos Vater bitter, hat ihn nicht hart genug gemacht für das Leben auf den Straßen. »Wenn ich ihn zum Abziehen und Linken erzogen hätte, dann würde er vielleicht noch leben.«

Auf dem Reißbrett existieren bereits Pläne für NF 15, gleich an der Grenze zu Neuwiedenthal. Der Code steht für Neugraben-Fischbek, eine weitere Trabantensiedlung für etwa 10 000 Menschen.

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