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»Der Geist Amerikas ist gut«

US-Präsident Ford glaubt weiterhin an eine friedensfördernd. Funktion Amerikas -- und hält zu Kissinger. Vom Kongreß forderte er 722 Millionen Dollar für Waffen gegen Nordvietnam, obwohl Ihm 300 Millionen verweigert worden waren. Amerikas Kollaborateure in Südvietnam sollen evakuiert werden.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Ein hilfloses Kind, das bei der Freiheitsstatue Schutz sucht, ein Atlas, dessen Last in Scherben fällt -- und er merkt's nicht einmal.

Ratlos, flüchtig, unter Vietnams Flüchtlingen, oder nach einer Bruchlandung seiner Friedenstaube, oder mit letzter Entschlossenheit: Er schleudert seinen Nobelpreis in den Müll -- so sieht die internationale Presse »Super-K« nach vollbrachtem Werk: Amerikas Außenminister Henry Kissinger vor dem Resultat seiner Vietnam-Friedensregelung.

Er hatte sich zu besseren Zeiten selbst als Cowboy mit weißem Pferd und weißem Hut gesehen, der in die Stadt einreitet und Ordnung schafft. Daraus ist nun ein »Held der griechischen Tragödie geworden, verflucht von den Göttern«, urteilte ein Mitarbeiter des US-Senatsausschusses für Auswärtige Angelegenheiten: »Er spielt wieder den Besorgten, bläst Trübsal, schaut verletzt aus und verraten.«

Schon forderte der rechte Senator Jesse Helms aus North Carolina den Rücktritt des Ministers, denn sein »Wert als Unterhändler ist vorbei, seine Diplomatie liegt in Trümmern«. Kissinger jedoch ließ seinen Präsidenten vorige Woche sagen, es sei alles gar nicht so schlimm: »Trotz einiger Fehler, trotz einiger Rückschläge haben die USA bewirkt, daß der Frieden eine greifbare Möglichkeit geworden ist«. befand der Präsident der strauchelnden Weltmacht.

Eine »Botschaft über die Lage der Welt« hatte er angekündigt, eine große Rede, »die gewichtigste, die ich je vor dem Kongreß halten werde«. Erwartet wurde eine große Geste, vielleicht auch ein Beweis, daß er sich nicht mehr von seinem Außenminister Henry Kissinger die Hand führen lasse: »Früher oder Später«, hatte er vor kurzem geäußert, »werde ich die Kontrolle über die Außenpolitik selbst übernehmen müssen.«

Doch was Ford dann am vergangenen Donnerstagabend Abgeordneten und Senatoren sowie dem Fernseh-Volk präsentierte, zeigte so klar wie eh und je die Handschrift jenes »Menschen von unglaublicher Weisheit und unermüdlicher Hingabe« (Ford noch am vorigen Montag über Kissinger), der die letzten 24 Stunden vor Fords Auftritt fast ununterbrochen im Weißen Haus zugebracht hatte: Die großen Worte -- »Die Welt erwartet von uns

jene Kraft und Weitsicht, die wir in großen Stunden unserer Geschichte so oft bewiesen haben"), und die alten Wünsche, die der demokratisch beherrschte Senat ihm längst abgeschlagen hatte:

>Geld für Südvietnam (diesmal 722

Millionen Dollar Militärhilfe);

* diplomatischen Druck auf Nordvietnam, den Vormarsch kurz vorm Sieg zu stoppen;

* Waffenlieferungen an die Türkei und Wirtschaftshilfe für Griechenland;

US-Streitkräfte. die keiner anderen Armee unterlegen sind, und

* Vertrauen in die CIA.

Schuld daran, daß eben diese Politik bisher keine Erfolge brachte, sind laut Ford nur die anderen -- die Nordvietnamesen, die »systematisch« und »flagrant« das Pariser Abkommen verletzten, und die Südvietnamesen« deren strategischer Rückzug »armselig« verlief. Und Schuld tragen, natürlich, die Mitglieder des von der Opposition beherrschten Kongresses.

Ihnen vor allem legte Ford ("Wir haben nicht die Absicht, anklagend den Finger zu erheben") den desolaten Zustand der amerikanischen Außenpolitik zur Last: Nur weil der Kongreß den Vietnamesen-Süd weitere Hilfe versagte, seien die Vietnamesen-Nord ermutigt worden, sogar ihre Reserven in Marsch zu setzen. Durch den Stopp der US-Waffenlieferung an die Türkei sei »das Leiden auf Zypern verlängert« worden. Besonders schwer wurde die US-Außenpolitik laut Ford durch die Verschärfung des von der Regierung eingebrachten Handeisgesetzes »geschädigt«.

Denn durch die vom Kongreß beschlossenen Restriktionen gegen die Opec-Länder fühlten sich nun am Ölboykott von 1973 gar nicht beteiligte Länder wie Venezuela, Ecuador, Nigeria und Indonesien verprellt; und die Auflage an die Sowjet-Union, als Gegenleistung für Handelsvorteile jüdische Bürger ausreisen zu lassen, habe letztlich sogar zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit in den USA geführt, weil die Aufträge der Russen nun an die sofort eingesprungenen Westeuropäer und Japaner gingen.

Das alles hatten die Amerikaner in den vergangenen Wochen und Monaten schon mehrfach gehört, von Ford, vor allem aber von jenem Mann, dessen Gedanken Ford jetzt dem Kongreß vortrug, ohne ihn ein einziges Mal bei Namen zu nennen: von Henry Kissinger.

Über ein Jahr lang hatte der Professor als »eine Art stellvertretender Präsident für internationale Angelegenheiten« ("Time") agiert, als unbestrittener Chef der amerikanischen Außenpolitik, weil sein erster Präsident durch Watergate gelähmt, der nächste unerfahren war.

Doch seit im Januar der neugewählte US-Kongreß zusammentrat, werden Kissinger die Fehlschläge seiner Außenpolitik -- Indochina und Nahost, Zypern und Portugal -- beinahe täglich vorgehalten, dazu die autoritäre Art, Außenpolitik als Ein-Mann-Show zu betreiben.

Für einen der besten Vietnam-Kenner Amerikas, den Publizisten David Halberstam, ist Kissinger »ein Mann, der Vertrauen fordert und selbst keins vermittelt ... ein Mann, der seinen eigenen Erklärungen so lange gelauscht hat, daß er ihnen im Gegensatz zu uns allen sogar glaubt und deshalb vermutlich weniger über Vietnam weiß als das amerikanische Volk«.

Mehrmals schon mußte sich Gerald Ford öffentlich vor ihn stellen, nach dem Scheitern von Kissingers letzter Nahost-Mission sogar öffentlich erklären lassen, der Minister werde mindestens bis Januar 1977, wenn Fords gegenwärtige Amtszeit zu Ende geht, im Kabinett bleiben. Denn missen kann und mag er seinen Henry nicht.

In den vergangenen Wochen bereits unfähig oder nicht willens, eine eigene Meinung vor allem zu Vietnam zu vertreten ("O nein, nur das nicht"), übernahm Ford weiterhin die Vorstellungen seines Mentors.

Mit ernster Miene, stockend gelegentlich, verlas er sein Manuskript, wie immer aufrecht, hielt er daran fest: »Der Geist Amerikas ist gut, und das Herz Amerikas ist stark. Laßt uns stolz sein auf das, was wir getan haben, und zuversichtlich in bezug auf das, was wir tun können.«

Was zu tun ist, davon zumindest scheint Kissinger den Präsidenten überzeugt zu haben: Nach Kambodscha nun auch Vietnam abzuschreiben -- aber so. daß die Schuld nicht bei der Regierung gesucht wird.

Für seine Forderungen nach zusätzlichen 722 Millionen Dollar -- sein Antrag vom Januar auf 300 Millionen war nicht durchgekommen -- stellte Ford dem Kongreß ein Ultimatum: Das Geld müsse bis zum 19. April bewilligt sein. Das aber, so mußte der alte Parlamentarier Ford wissen, ist nicht durchzusetzen. »Er wird das Geld für die Millionenhilfe nicht bekommen«, kündigte der demokratische Senator Henry Jackson bereits an.

Ebensowenig läßt sich wohl Fords Wunsch nach einem Sondereinsatz der US-Streitkräfte erreichen: zur Evakuierung von etwa 6000 US-Bürgern -- und von Tausenden Kollaborateuren aus Südvietnam.

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