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WALLFAHRTEN Der gemanagte Rock

aus DER SPIEGEL 16/1959

In den Haushaltungen, Gaststätten, Geschäften, Behörden und Kirchen der Bischofsstadt Trier an der Mosel ist seit etwa Jahresfrist ein lebhaftes Planen und Vorbereiten im Gange, das jetzt hektische Formen anzunehmen beginnt: Bürger, Beamte und Klerus der 86 000-Seelen-Stadt präparieren sich darauf, demnächst tagtäglich 30 000 bis 50 000 Pilgern gegen angemessenes Entgelt Obdach, Nahrung, Andenken und Erbauung zu gewähren.

Die erhebende Aussicht auf ein gesegnetes Fremdenverkehrs-Jahr verdanken die Trierer ihrem Bischof Matthias Wehr, der sich bereits 1957 entschloß, das nach

seinen Worten »größte Denkmal«, das die Menschheit von Jesus Christus besitzt, vom 19. Juli bis zum 20. September 1959 zur Schau zu stellen: den Heiligen Rock Christi, das Gewand des Religionsstifters, zu dessen Taten die Vertreibung der Händler aus dem Tempel gehört.

Die Trierer Diözesan-Kirchenzeitung »Paulinus« nannte den Aufruf zur Heilig-Rock-Wallfahrt 1959 ein »Geschenk des Bischofs« - mit gutem Grund, denn bisher hat sich noch jede Ausstellung der Tunika Christi als eine wertvolle Gabe für Kasse und Seele erwiesen; allein zur letzten Schaustellung im Jahre 1933 kamen 2,2 Millionen Pilger nach Trier, angeführt von 35 Bischöfen. Dem Bischof Wehr verschafft die von ihm inszenierte Pilger-Parade, zu der diesmal drei bis vier Millionen Teilnehmer erwartet werden, zudem die Aussicht, daß der Nachwelt ein würdiges Bild von ihm erhalten bleibt: Bisher sind alle Trierer Schausteller-Bischöfe in den kirchlichen Chroniken als bedeutend abgeschildert worden.

Das Objekt freilich, das so Großes zu bewirken vermag, der zur Zeit noch hinter

Stahl und Schlössern vor profanen Blikken wohlverwahrte Heilige Rock, zählt nicht eben zu den Reliquien, deren Verehrungswürdigkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Im Gegenteil, selbst Historiker und Theologen katholischer Konfession machen kein Hehl daraus, daß die Geschichte der Tunika Christi, des nach der Bibel ungenähten Gewandes, über das römische Soldaten unter dem Kreuz das Los geworfen haben sollen, überaus dubios ist.

Zur Erbauung der Gläubigen wird seit Hunderten von Jahren erzählt, daß die römische Kaiserin Helena (etwa 250 bis 330), von der die Historie fast nichts, die Legende desto mehr zu berichten weiß, den Rock aus dem Orient mitgebracht und dem Trierer Bistum, dem ältesten in Deutschland, zum Geschenk gemacht habe. Jene Helena, die Konkubine des »bleichen« Kaisers Constantius, hatte offenbar besonderes Geschick beim Auffinden von Textil-Heiligtümern: Sie soll auch in einem »huetlin« (einer kleinen Hütte) zu Bethlehem »Unserer Frauen Hemd« gefunden haben.

Gestützt werden diese im Bezirk der Heiligenlegenden (Helena gilt als Heilige) passend angesiedelten Berichte durch eine lange Zeit dem Papst Silvester I. (314 bis 335) zugeschriebenen Urkunde. Auf diesem Pergament heißt es in hymnischer Wortpracht:

Wie im Heidentume durch eigene Kraft, so ergreife auch jetzt, Trier, den Primat über Gallien und Germanien, den Dir schon Petrus, das Haupt der Kirche, verlieh, den ich, Silvester, sein unwürdiger Diener und Nachfolger, durch den Patriarchen von Antiochien, Agricius, Dir erneuere und bestätige - zu Ehren der Kaiserin Helena, welche In Trier geboren, die Stadt mit dem aus Judaa mitgebrachten Körper des Apostels Matthias, nebst dem Rocke und dem Nagel des Herrn, einem Zahne des heiligen Petrus, den Sandalen des heiligen Andreas, dem Haupte des Papstes Cornelius herrlich beschenkte und prächtig schmuckte Wer dies Privileg wissentlich angreift, sei exkommuniziert.

Um die Echtheit dieses sogenannten Silvester-Diploms ist Viel gestritten worden. Heute steht fest, daß es - in der zitierten Form, die den Heiligen Rock erwähnt - erst im 12. Jahrhundert verfaßt wurde, also falsch ist. Die Wissenschaftler, auch und besonders die katholischen, die lange um die Erhaltung dieses Zeugnisses kämpften, haben es inzwischen, zu den Akten gelegt.

Nicht zu den Akten gelegt, das heißt, nicht eindeutig in den Bereich der Legende zurückverwiesen ist der in dem disqualifizierten Dokument erwähnte große Reliquienschatz, der sich immer noch der uneingeschränkten Anerkennung der Kirche erfreut und dessen Prunkstück der Rock Christi ist.

Die Tatsache der schon sehr alten Verehrung dieses Gewandes ist unbestritten: Zumindest seit dem 12. Jahrhundert gilt die schriftliche Bezeugung der von den Trierern als »Heiliger Rock« bezeichneten Reliquie als sicher. Der Umstand, daß damit lediglich die Trierer Tradition bestätigt, nichts aber über die Echtheit des Rockes gesagt ist, hat bis heute niemanden gehindert, die Gewandreste den Gläubigen zur Verehrung darzubieten.

Zur ersten öffentlichen Rockschau kam es allerdings relativ spät: 1512, als Kaiser Maximilian I., der »letzte Ritter« der deutschen Volksschul-Lesebücher, einen Reichstag nach Köln einberief. Daß der Rock zuvor nie gezeigt worden war, wird mit der seinerzeit verbreiteten Furcht erklärt, daß, wer das Gewand Christi schaue, mit Blindheit geschlagen werde. Diese Sorge war vergessen, als der Kaiser, der aus Anlaß des Reichstages auch Trier besuchte, den verschollenen Rock suchen ließ, der dann auch prompt auf wunderbare Weise »in seiner Anwesenheit gefunden wurde«.

Die wiederaufgefundene Reliquie wurde in der Zeit von 1513 bis etwa 1553 insgesamt zehnmal ausgestellt, hernach aber nur selten: 1585, 1594, 1655, 1810, 1844, 1891 und 1933.

Der Zulauf zur Reliquienschau war fast immer imposant, der Ablaß-Spendensegen reichlich, die Kritik an diesem Fetisch-Festival der Kirche hart, wenngleich sie durch die allzu groben Formulierungen der Wortführer entwertet wurde:

- Ulrich von Hutten bezeichnete das Trierer Schaustück schlicht als ein »altes, lausiges Wams«;

- Martin Luther sprach von der »großen Bescheißerey« und nannte den »Teufelsmarkt zu Trier« ein »verführlich, lügenhaft und schändlich Narrenspiel«.

Eine wissenschaftliche Kontroverse um die Echtheit des Trierer Rockes kam erst zu Beginn der Aufklärung in Gang. Belebt wurden die Zweifel an der Echtheit der Reliquie besonders dadurch, daß der Trierer Kult keineswegs Anspruch auf Exklusivität erheben konnte: Rom, Jerusalem, Moskau, Santiago, Oviedo, Gent, London, Mainz, Köln, Frankfurt, Bremen und Loccum - von diesen und manchen anderen Orten wurde zu irgendeinem Zeitpunkt einmal behauptet, sie besäßen Christi Leibrock.

Berühmtheit erlangte der Heilige Rock zu Argenteuil an der Seine unweit Paris, der denselben Vorzug wie jener von Trier hat: Beide erhielten für ihre Echtheit eine ausdrückliche päpstliche Bestätigung. Die Bonner Professoren Dr. Johann Gildemeister und Dr. Heinrich von Sybel, die seinerzeit ironisch als »Rock-Vergleicher« bezeichnet wurden, bereiteten schon vor über hundert Jahren der römischen Kirche mit ihrer historischen Untersuchung über den »Heiligen Rock zu Trier und die zwanzig anderen Heiligen Ungenähten Röcke« soviel Ungemach, wie es heute keinem deutschen Professor, der auf Reputation hält, auch nur annähernd möglich wäre.

Den solcherart bedrängten Bischöfen zu Trier blieb im vergangenen Jahrhundert nichts anderes übrig, als - auf der Suche nach Bundesgenossen - ihre Zuflucht bei poetisch angehauchten, aber wissenschaftlich unbedarften Schönschreibern zu nehmen, die sich als Rock-Fürsprecher produzierten. Der Bischof Joseph von Hommer begründete das so:

»Wie wollen wir verlangen, daß Tatsachen, die vor achtzehnhundert Jahren geschehen sind, mit Zuverlässigkeit behauptet werden sollen, wenn nicht göttlich inspirierte Schriftsteller sie bezeugen?«

Derselbe Trierer Hirte erklärte kategorisch: Völlige Gewißheit über die Echtheit des heiligen Rockes dürfen wir nicht fordern!«, fügte jedoch in einem Anflug von Toleranz hinzu: »Entdecken sich in der Zukunft nicht Quellen, welche das Gesagte entweder entkräften oder bestätigen, so begnüge man sich einstweilen mit dem Gesagten!«

Ende des 19. Jahrhunderts begnügte sich sogar der Trierer Domkapitular von Wilmowsky nicht mehr mit dem Gesagten. Der Domherr hatte - ein seltenes Privileg - die Schaurobe zwischen den großen Ausstellungen gesehen und erklärte öffentlich, die Reliquie sei nur ein byzantisches Seidengewebe, das möglicherweise einen Lappen des Heiligen Rockes umhülle.

Das wiederum konnte der damalige Trierer Bischof Korum, von Papst Leo XIII. zu einer neuen Rock-Schaustellung ermuntert, nicht auf sich sitzen lassen: Das Protokoll einer von ihm im Juli 1890 angeordneten Untersuchung durch einen von ihm bestimmten Personenkreis stellte fest, »daß die Untersuchung nichts geliefert hat, was mit den uralten Traditionen der Trierer Kirche in Widerspruch sich befindet«, womit es haarscharf an der Streitfrage »Echt oder nicht?« vorbeizielte. Diese Frage zu prüfen, vermied die

Kirche sorgsam, und wie dürftig sogar die Routine-Prüfungen des jeweiligen Gewebezustandes waren, ergibt sich aus Beschreibungen des Rockes.

Was tatsächlich in Trier vorgewiesen wird, sieht nach dem nur wenigen Klerikern und Theologen bekanntgewordenen bischöflichen Protokoll von 1890 so aus:

Die Reliquie besteht in ihrer Ganzheit aus drei übereinandergefügten Stofflagen, von denen die Vorderseite größtenteils einen gemusterten Seidenstoff zeigt, die Rückseite einen übergelegten gazeartigen (Crêpe de Chine) Stoff... Für den Ursprungsort des gemusterten Seidenstoffes wird der Orient, für die Ursprungszeit das 6-9. Jahrhundert angenommen werden dürfen. Die farbliche Musterung besteht in goldgelben und purpurvioletten Kreisen, die Figuration in größeren Quadraten ... Innerhalb dieser Quadrate sind je zwei gegeneinandergekehrte Vögel erkennbar ... Der Unterstoff besteht auf der Rückseite zweifellos aus einer ungemusterten Koperseide ... das Alter dieses überalt ungemusterten Unterstoffes läßt sich mit Sicherheit nicht bestimmen. Zwischen dem Über- und Unterstoffe befinden sich lückenhaft zusammenhangende Stoffteile...

Während in diesem Untersuchungsprotokoll von »lückenhaften Stoffteilen«, die »ohne Zweifel ursprünglich das ganze Gewand gebildet haben«, die Rede ist, wurde der Heilige Rock nahezu gleichzeitig den gläubigen Pilgern als komplettes Gewand dargestellt.

1891 schrieb der Kaplan Georg Friedrich Dasbach aus Anlaß einer neuen Ausstellung in einer Festschrift für die Pilger:

Der Heilige Rock Ist ein noch allen Seiten geschlossenes, mit Ärmeln versehenes Gewand... Die Größe desselben Ist in der Länge vorn 4 Fuß 9 Zoll = 1,48 Meter; die Rückseite 5 Fuß = 1,57 Meter, die Breite ist am untern Theile 3 Fuß 6 Zoll = 0,46 Meter lang und 1 Fuß = 0,31 Meter breit ... Der Stoff des Gewandes ist Linnen oder Baumwolle, und dieser zeigt gar keine Musterung. Dies stimmt mit der Vorstellung überein, die wir uns vom Kleide des Heilandes machen müssen. Derselbe trat als öffentlicher Lehrer auf, darum wird sein Kleid zwar kein Prachtgewand, aber auch nicht ein allzu gewöhnliches Gewand gewesen sein, es wird die Mitte zwischen beiden Arten gehalten haben.

Obschon die Wissenschaft inzwischen Methoden entwickelt hat, mit deren Hilfe das Alter christlicher wie vorchristlicher Stoffreste ziemlich genau ermittelt werden kann, besteht offenbar keine Chance, daß der Rock etwa gelegentlich der Wallfahrt in diesem Sommer einen akademisch beglaubigten Ahnenpaß erhält. Bisher hat Bischof Wehr eine exakte Untersuchung des Rockes weder genehmigt noch gar veranlaßt.

Der Trierer Hirte scheint sich mit folgenden - positiv deutbaren - Indizien begnügen zu wollen:

- einer in Trier aufbewahrten Elfenbeintafel aus dem 5. bis 8. Jahrhundert, deren Bildwerk mutmaßlich die Überbringung der Christus-Reliquien nach Trier unter Kaiserin Helena darstellt, und

- der historisch fundierten Auffassung,

daß man in Trier im 4. Jahrhundert mit dem Bau einer Basilika begonnen hat, deren Altar möglicherweise eine Herrenreliquie aufnehmen sollte.

Für die Bestätigung der Echtheit des Rockes wären weitere Forschungen und insbesondere eine Gewebe-Definition notwendig, die allerdings in Trier nicht zur Debatte stehen, weil die Reliquien-Gläubigkeit solche Mühen ohnehin überflüssig macht. Zudem ist es bequemer, wissenschaftlichen Zweifel pauschal mit der römischen Definition des Begriffes »Reliquie« gegenstandslos zu machen: Danach bezieht sich die Verehrung einer Christusreliquie als »cultus relativus« letztlich auf Christus selbst, bleibt also »möglich und sinnvoll, auch wenn ihr unmittelbarer Gegenstand nur eine altehrwürdige Erinnerung oder Nachbildung sein sollte«.

Der Mangel an Authenzität wird nach katholischer Auffassung außerdem durch das Faktum langer, ununterbrochener Verehrung ersetzt.

Die schlichte Feststellung, daß es für die religiöse Bedeutung einer Reliquie belanglos sei, ob sie nun echt ist oder nicht, führt freilich zu einer Konsequenz, die der Professor Dr. Balthasar Fischer von der Theologischen Fakultät zu Trier laut »Trierischer Landeszeitung« so beschrieb: »...Die Frage nach der Echtheit (des Rockes) sei keine Glaubensfrage, sondern eine wissenschaftliche Frage, die nicht zum verpflichtenden Glaubensgut gehöre.« Zu der gleichen Auffassung bekannte sich Domkapitular Dr. Paulus in einer Pressekonferenz: »Ein Akt des Glaubens an den Heiligen Rock wird in keiner Weise ... abgefordert.«

Mit diesen Erklärungen exerziert die Kirche eine ziemlich verwegene Gedankenakrobatik: Sie ruft Millionen Gläubige ausdrücklich zur religiösen Verehrung des Heiligen Rockes auf, erklärt aber gleichzeitig, daß dies kein Akt des Glaubens sei.

Das entspricht zwar genau der offiziösen Reliquien-Definition, ist aber unzweifelhaft mehr, als dem Verständnis des einzelnen zugemutet werden kann. Den Pilgern wird denn auch ohne Einschränkung in Prospekten erklärt, daß es sich in Trier um Christi Kleid handele; die präzise Feststellung, daß ein Gewebe von höchstens symbolischem Wert ausgestellt wird, wäre allerdings auch kaum geeignet, Millionen nach Trier zu treiben. Die Manager der großen Show lassen dementsprechend alle Erörterungen über Echtheit und Bedeutung des Rockes entschlossen beiseite und machen Reklame, als gelte es, dem Kölner Karneval oder dem Münchner Oktoberfest Konkurrenz zu machen.

Auch das ist in Trier in jeweils zeitgemäßer Form schon immer so üblich gewesen. Von der geplanten Wallfahrt 1959 läßt sich schon heute dasselbe sagen, was der Augenzeuge und Schriftsteller Friedrich Jaskowski ("Verlauf und Fiasko des Trierer Schauspiels im Jahre 1891") im vergangenen Jahrhundert als für eine derartige Veranstaltung bemerkenswert notierte: »Die ganze Stadt verwandelte sich in ein Gasthaus.«

Da die 271 Hotels, Gaststätten und Cafés der Stadt Trier und die 368 Betriebe des gastronomischen Gewerbes im dazugehörigen Landkreis bei weitem nicht ausreichen werden, die Pilgerscharen aufzunehmen, sollen zunächst an jeder der acht Pilgerkirchen, von denen aus während der Wallfahrt die Prozessionen zum Hohen Dom ziehen, große Behelfsgaststätten eingerichtet werden, außerdem soll ein Kino als Restaurant herhalten.

Die Sorge, wie die Stadt Trier mit einem Pilgerstrom von 30 000 bis 50 000 Menschen täglich fertig werden soll, beschwert freilich nicht den Bischöflichen Stuhl: Sie wird ihm weitgehend von Stadt und Staat abgenommen. Nach dem Trierer Haushalts-Voranschlag 1959 werden 45 000 Mark für die Wallfahrts-Sonderwerbung und 400 000 Mark für Bauvorhaben aufgebracht, die vor allem im Hinblick auf den erwarteten Pilgerstrom notwendig sind. Allein für die Hälfte dieser Summe sollen Bedürfnisanstalten gebaut werden, weil bei früheren Wallfahrten die Not der stundenlang in langer Prozession einherziehenden Pilger groß war, obwohl zuvorkommende Trierer Bürger ihre Örtlichkeiten gegen ein geringes vermieteten. Außerdem erhalten das Fremdenverkehrsamt und die Städtische Pressestelle gegenüber dem Vorjahr erheblich höhere Mittel. Das Verkehrsamt mit seinem rührigen Werbeleiter Dr. Heinz Mülhause lanciert Zeitungsartikel über den Rock, kümmert sich um Pilgerprospekte und um anderweitige Reklame.

Selbstverständlich wird in den vielsprachig werbenden Druckerzeugnissen, auch in denen der Stadtverwaltung, peinlich darauf geachtet, daß selbst leise Zweifel an der Echtheit des Hauptmagneten für die Trier-Reisenden, nämlich des Heiligen Rocks, nicht einmal zwischen den Zeilen spürbar werden.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung unterstützt die Stadt Trier wacker bei den Vorbereitungen für die Ausstellung. Der Staats-Etat wird dabei nicht unerheblich belastet werden. Der lokale »Trierische Volksfreund« wußte bereits zu berichten, daß »die personellen Abstellungen in die Moselstadt ... erheblich zu Buche schlagen« werden, weil für die in die Reliquienstadt beorderten Staatsdiener unter anderem Trennungsentschädigungen, Verpflegungs- und Tagegelder zu zahlen sind.

Leiter der Vorausabteilung eines in Trier agierenden Hilfstrupps der Landesregierung ist der Assessor Ganz, ein Organisationsexperte von hohen Graden. Die Arbeit der unter seiner Leitung stehenden Quartiermeisterei läuft bereits auf vollen Touren, denn die ablaßheischenden Pilger* sollen diesmal wirklich vorbildlich umsorgt werden - ein Vorsatz, den die Trierer Bürger sehr begrüßen, denn schließlich haben diese Pilger neben ihrem religiösen Demonstrationswert ein nicht gering einzuschätzendes ökonomisches Gewicht.

Zwar sollen in diesem Jahr allzu grobe Auswüchse nach dem Willen der Wallfahrtsleitung vermieden werden: Tabakspfeifen, Bierseidel und Busentücher, auf denen der Heilige Rock abgebildet ist, sollen diesmal entgegen der früher üblichen Praxis tunlichst nicht zum Verkauf angeboten werden. Jedoch hat die Wallfahrtsleitung gegen Talisman-Anhänger für Autoschlüssel mit dem Bild des Heiligen Rockes nichts einzuwenden.

Überhaupt soll der Devotionalien-Handel durch die geistliche Mahnung zur Mäßigung grundsätzlich keineswegs eingeschränkt werden: Schließlich vergibt der Bischöfliche Stuhl durch eine von ihm eingesetzte Spezialkommission eigens Konzessionen in Form von Güteprädikaten an die einschlägigen Geschäfte. In den von hoher kirchlicher Stelle mit Güteschildern ausgestatteten Läden sollen die Pilger Andachtsgegenstände - zum Beispiel Madonnen-Statuen aus Porzellan - kaufen, die für die Berührung mit dem Rock geeignet sind.

In Trier ist es nämlich schöne Sitte, daß die Pilger, die vor dem Heiligen Rock im Hohen Dom defilieren, solche Mitbringsel in Händen halten und vor dem Heiligtum einem dafür bereitstehenden Priester übergeben, der damit - stellvertretend für den Pilger - die Gewebehüllen berührt.

Die Schwierigkeiten, diesen fetischhaften Brauch theologisch zu erklären, sind von jeher groß gewesen - die Begründungen dafür wurden immer wieder modernisiert. Ein noch in der Erinnerung vieler Trierer haftendes Beispiel von erstaunlicher Anpassungsfähigkeit ist die 1933er-Interpretation dieses Aktes. Erklärte der Domkapitular und Professor Dr. Nikolaus Irsch als Chronist ("Die Wallfahrt zum Hl. Rock im Dome zu Trier 1933") mit Billigung des damaligen Bischofs Bornewasser:

Andachtsgegenstände werden an den HI. Rock angerührt, als Andenken an ihn aufbewahrt, als Unterpfand göttlicher Gnade geschätzt ... Eine Sitte, die im Leben der Vorzeit zahlreiche Anklänge hat und in ganz neuzeitlicher Symbolik auf anderem Gebiete wieder auflebt. Den Fahnen der SS- und SA-Formationen wird die Weihe dadurch gegeben, daß sie an andere Banner angerührt werden, welch letztere wieder die Blutfahne vom 9. November 1923 berührt hoben.

Dieser Vergleich steht keineswegs im Gegensatz zu Auffassungen und Praktiken der römischen Kirche: Von jeher werden auch Gegenstände, mit denen lediglich einmal die Überreste eines Heiligen berührt wurden, als Reliquien des Heiligen bezeichnet und verehrt. Auch die damals in Deutschland führende politische Bewegung hatte nichts an solchen Vergleichen auszusetzen, stellte sie doch teilweise sogar die Staffage dieser religiösen Massenveranstaltung.

Die Bischofsschreiber schwelgten 1933 in barocken Schilderungen der prächtigen Wallfahrt. Gedeckt durch bischöfliches Imprimatur berichteten sie, wie eifrig zum Beispiel die P.O., die Politische Organisation (der NSDAP), sich für das Gelingen eingesetzt habe: » ... besonderen Dank verdient die vortreffliche P.O.-Kapelle, die (in brauner Kluft mit Hakenkreuzbinde) so oft auf dem Domfreihof spielte und den Liedgesang bei der Schlußprozession begleitet hat.«

Von der Schlußprozession wird gesagt, daß sie die glänzendste von allen war und die »Uniform der Hitlerleute« den langen Zug der »Christussoldaten« erfreulich belebt habe.

Die SA stand für die Rock-Prozession Spalier, als habe es gegolten, Blutordensträger zu ehren. Sie übernahm sogar für die bischöfliche Wallfahrtsleitung Polizeifunktionen. Ein für die »gute Organisation« typisches Pressephoto, das zeigte, wie eine gemischte Polizei-SA-Streife einen Tippelbruder auf dem Domfreihof festnahm, fand damals weite Verbreitung.

Der Ärmste besaß offenbar weder Pilgerplakette noch Pilgerbüchlein, für die auch in diesem Jahr jeder Gläubige, der den Rock schauen will, zunächst einmal eine Mark bezahlen muß - was in Hinblick auf die zahlreichen Pilger, denen außerdem Spendenfreudigkeit für die Anliegen der Kirche unterstellt werden darf, eine schöne Summe erbringen wird. Das Wallfahrtsreglement ist streng: »Alle Pilger müssen Pilgerbüchlein und Pilgerabzeichen besitzen. Beim Eintritt in den Domfreihof wird das Pilgerbüchlein abgestempelt.«

Auch am Umsatz der vielfältigen Druckerzeugnisse, die aus Anlaß der Wallfahrt hergestellt werden, wird der Trierer Bischöfliche Stuhl indirekt beteiligt sein: Bischöfliche Stellen sind Gesellschafter des örtlichen Paulinus-Verlages, der die Rockwochen zweifellos auch diesmal mit Heiligenbildchen, Pilgerbüchlein und ebenso umfangreichen wie lukrativen Anzeigenkollektionen in der hauseigenen »Trierischen Landeszeitung« feiern wird - 1933 war das Bestreben unverkennbar, möglichst den letzten Pilger-Würstchenstand für die Insertion und damit für die gute Sache zu gewinnen. »Geistlicher Direktor« des Paulinus-Verlages ist ein Vertrauter des Bischofs Wehr: der Prälat Dr. Alois Funk.

Freilich fällt es diesmal schwer, kostensparend auf Themen und Texte der letzten Wallfahrtpropaganda zurückzugreifen. Die damals - 1933 - in der Produktion von Histörchen fürs Gemüt recht rege Trierische Presse machte zum Beispiel mit einem Schmuck-Photo Furore, auf dem gezeigt wurde, wie ein schnurrbärtiger, uniformierter Nationalsozialist ein krankes Kind zum wundertätigen Heiligen Rock trägt.

Entsprechendes fand sich in den Texten katholischer Publikationen, die rühmend erwähnten, daß die Partei einen ihrer namhaften Führer nach Trier entsandt hatte: »Im Dom wartet das Volk. Im Chor knieten seine Führer, die Vertreter der geistlichen und weltlichen Gewalten.« In diesem als »glänzendes Bild« deklarierten Gepränge kniete auch »der Vertreter der staatsformenden Grundgesinnung, Gauleiter Staatsrat Simon«.

Die staatsformende Grundgesinnung wird auch in diesem Jahr in Trier vertreten sein, wenn der Heilige Rock vom Metropoliten der Kölner Kirchenprovinz, Kardinal-Erzbischof Dr. Frings, enthüllt wird. Diesmal wird als prominentester Pilger der christliche Präsidentschaftskandidat Adenauer aus Bonn erwartet.

Auch die durch die Auflösung der Politischen Organisation alter Art vakant gewordenen Positionen in der Wallfahrtsleitung sind wieder sinngemäß besetzt: Die Organisationsleitung liegt in Händen des jungen Union-Freundes Gerhard König, die Leitung des Geschäftlichen in Händen des Vorsitzenden der Trierer Jungen Union (CDU), des Theodor Reles, der damit als Kassierer der Superschau fungiert.

Wie sehr die Kasse das große Spektakel der Verehrung Christi und seines Rockes zu Trier bestimmt, verriet der brav-bürgerliche »Bonner Generalanzeiger« schon am 6. Februar dieses Jahres. Vorausschauend stellte die Zeitung fest:

»Im vergangenen Jahr wurden beinahe fünfzig Millionen Menschen von den beiden Zentren des europäischen Fremdenverkehrs angezogen. Allein nach Lourdes ... strömten im vergangenen Jahr fast acht Millionen Wallfahrer und Schaulustige. Die Brüsseler ,Expo 58' übertraf mit 42 Millionen Besuchern selbst die kühnsten Erwartungen. Und jetzt hoffen die Trierer, in diesem Jahr nicht schlecht abzuschneiden«

* Aus der bischöflichen Pilgereinladung: »Se. Heiligkeit, Papst Johannes XXIII., gewährt wiederum allen Pilgern ... einen vollkommenen Ablaß.«

Trierer Bischof Wehr

»Teufelsmarkt«, sagte Luther

Rockschau unter Kaiser Maximilian (l.), Der heilige Rock (r.) Wiedergefunden auf Befehl

Trierer Parteimusik 1933: Im Chor knieten die Vertreter...

Pilger in Uniform

... der staatsformenden Grundgesinnung

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