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ANGESTELLTE Der geplatzte Stehkragen

aus DER SPIEGEL 48/1953

Zweimal die Woche leiht sich der Arbeitslose Walter Eggert, den der Krieg in das Straßendorf West-Victorbur bei Aurich verschlug, von seinem Nachbarn eine Schreibmaschine. Dann hört die Witwe Wilhelmine Schröder aus der kleinen Kammer hinter ihrem Gemischtwarenladen den ganzen Tag nur Maschinengeklapper: Ihr Untermieter schreibt im Durchschnitt sieben Bewerbungen je Woche.

Diese Beschäftigung teilt der 43jährige Eggert mit den 200 000 westdeutschen Angestellten, die in der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung als ziemlich hoffnungslose Fälle registriert sind und die bisher auch kein Appell an die Moral der Unternehmen wieder in Lohn und Brot gebracht hat.

Jeden Monat muß Eggert den Vorrat seiner Zeugnisabschriften erneuern. Denn nach über 1200 Bewerbungsschreiben während seiner fünfjährigen Arbeitssuche hat er die traurige Erfahrung gemacht: Nur in 25 Prozent aller Fälle kommen die eingereichten Unterlagen zurück.

Diese Unterlagen sind bei Walter Eggert durchaus nicht schlecht. Es befinden sich darunter:

* Ein Lehrzeugnis der Firma Richard Vogel (Teppiche, Läuferstoffe, Linoleum),

Berlin SW 68, vom 30. September 1926, in dem es heißt: »Herr Eggert hat zwei Jahre in meinem kaufmännischen Geschäftsbetrieb gelernt. Er hat sich während dieser Zeit reichliche Branchenkenntnisse angeeignet, die ihm für sein weiteres Fortkommen von wesentlichem Nutzen sein werden. Herr Eggert ist im Büro, im Lager und Verkauf ausgebildet worden.«

* Ein Zeugnis des Teppich-Spezialhauses Conrad Fischer, Berlin W 35, das ihm attestiert: »Herr Eggert war in meinem Geschäft als selbständiger Verkäufer tätig. Er hat außerdem sämtliche vorkommenden schriftlichen Arbeiten, Expedition, Korrespondenz usw., allein ausgeführt. Alle ihm übertragenen Arbeiten führte er zu meiner Zufriedenheit aus ... und wünsche ich ihm für seinen weiteren Weg das Allerbeste.«

Diese Schlußformel blieb für Eggert ein frommer Wunsch. Aus seinem Angestelltenverhältnis wurde er in einen wehrwichtigen Betrieb dienstverpflichtet und zum Dreher umgeschult Dann steckte man ihn zur schweren Artillerie, bei der er während des Frankreich-Feldzuges verwundet wurde. Nach zwei Jahren Arbeitsurlaub schickte ihm sein Wehrbezirkskommando 1942 einen zweiten Stellungsbefehl, diesmal zur Marine.

Noch im Nachkriegsjahr 1946 fuhr der ehemalige Verkäufer dann in Minenräumbooten vor nordnorwegischen Küsten umher, bis man ihm endlich eine Fahrkarte nach Ostfriesland gab. Bei Witwe Schröder, die hinter dem Tresen ihres Gemischtwarenladens

einsame Bauerngroschen zusammenkratzt, fand Walter Eggert zwischen Dollart und Nordsee eine Schlafstelle. Nur Arbeit fand er nicht.

Es war die Zeit, in der die Rede aufkam, daß jeder Bauer seinen Kuhstall mit Teppichen auslegen könne. Einen Teppichverkäufer jedoch brauchte niemand. Eggert hatte es nicht nötig, sich unbedingt in Teppichen festzubeißen. Schließlich hatte er auch alles übrige gelernt, was einen Verkäufer ausmacht, und vor allem: Er hatte seine, wenn auch durch den Krieg unterbrochenen, Berufsjahre und -erfahrungen.

Aber: »Wo ich mich auch bewarb, immer fand man eine höfliche Ablehnungsformel. Und hinterher konnte ich, wo dies möglich war, feststellen, daß man einen jüngeren Verkäufer genommen hatte.«

Diese Erfahrung machte in den vergangenen Jahren mit Walter Eggert das ganze Heer jener Angestellten, die durch die Kriegsereignisse, durch die Entnazifizierung und durch den Konkurs mancher Scheinblütenfirmen während der ersten D-Mark-Jahre im Alter über 40 zum Arbeitsplatzwechsel gezwungen wurden.

Für sie alle kam wie ein niederschmetternder Bumerang zurück, was sich die Angestelltenschaft, die noch bis 1933 in den Statistiken mit den Beamten zusammen erfaßt war, zur Sicherung ihrer sozialen Lage und eines gehobenen Lebensstandards erkämpft hatte: gesonderte hohe Angestelltenversicherung, eigene Krankenkassen und ein Tarifsystem, das wie bei den Beamten mit steigendem Alter höhere Gehälter vorsah.

Damit aber ist die Einstellung älterer Angestellter unter dem Druck ihrer erworbenen Sozialansprüche in Deutschland wie in anderen Ländern *) für die Betriebe zu einer Kostenfrage geworden. Schon im November 1951 klafften die durchschnittlichen Monatsgehälter männlicher Angestellter in der Bundesrepublik weit nach Altersgruppen auseinander.

* Bis 24 Jahre: Leistungsgruppe vier 238 Mark, Gruppe drei 298 Mark und Gruppe zwei 400 Mark.

* Ab 45 Jahre: Leistungsgruppe vier 354 Mark, Gruppe drei 485 Mark und Gruppe zwei 588 Mark.

Weil dazu noch die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung in Höhe von zehn Prozent dieser Gehälter kommen, begann die unter ständigem Zwang der Kostensenkung stehende westdeutsche Wirtschaft, ältere Angestellte als zu teuer abzulehnen.

Ganz im Gegensatz zu der steigenden Einkommens-Verbesserung der westdeutschen Arbeiterschaft ergab sich damit auch ein sozialer Abrutsch des Angestelltenstandes insgesamt. Denn bei dem Druck der Arbeitslosenreserve auf diesem Sektor kamen auch die Gehaltsforderungen der beschäftigten Angestellten kaum noch zum Zuge. Der legendäre Stehkragen ihres Berufsstandes war geplatzt.

Als Walter Eggert bei seinen Bewerbungen immer wieder an die unüberwindliche Mauer der betrieblichen Kostenrechnung stieß, versuchte er es auf andere Weise: »Ich kann den Leuten zwar nichts andrehen, aber trotzdem: Ich wurde Vertreter.«

Mit Essig und Senf reiste Eggert durch die ostfriesischen Dörfer. Dann ging er mit Bürsten auf die Nordseeinseln. Seine Provisionsbilanz in der zweiten Jahreshälfte 1950 betrug 291,40 Mark. Darunter als Spitzengehalt der Monat Juli, in dem Eggert für 90 Mark Provisionsverdienst Bürsten auf der Insel Borkum absetzte. ("Das war ein gutes Geschäft.") Schlechtester Monat war der September. Er brachte aus dem haarigen Geschäft ganze zehn Mark Verdienst.

So sah der Essig-, Senf- und Bürstenreisende im Oktober 1950 keinen anderen Ausweg mehr als den zum Stempelschalter. Seit jenem Monat bezieht Eggert von der Nebenstelle Aurich des Arbeitsamtes Emden Unterstützung aus der Arbeitslosen-Fürsorge: alle vierzehn Tage 46,50 Mark und einige Mark Teuerungszulage.

Bei seiner wohlwollenden Schlafstellenwirtin gibt Eggert für Essen und Wohnung von Fall zu Fall so viel ab, wie er erübrigen kann. An jedem Stempeltag studierte er die im Aushang der Arbeitsamtsnebenstelle hängenden Stellenangebote. Für ihn war nur selten etwas darunter, und wenn, dann klappte es nicht: »Immer wieder stellte ich fest, daß man mit über 40 Jahren zu alt ist.«

Trotzdem klapperte Eggert unermüdlich auf der geliehenen Schreibmaschine und verklebte runde 300 Mark an Briefporto. Alles ohne Erfolg, so daß er den Arbeitsamts-Beamten schließlich erklärte: »Ich nehme mir bald einen Strick. Wie alt oder besser wie jung muß man eigentlich sein, um noch unterzukommen?«

Über diese Frage haben auch westdeutsche Arbeitsämter und die Nürnberger Bundesanstalt

*) Besonders in dem Wohlfahrtsstaat England ist die Unterbringung älterer Angestellter zu einem erstrangigen Problem geworden. Zu seiner Lösung hat das britische Arbeitsministerium ein besonderes Komitee eingerichtet, das Zwangsmaßnahmen zur Einstellung älterer Angestellter berät. In einer der nächsten Parlamentssitzungen wird der Parlamentssekretär Watkinson das Thema zur Debatte stellen. für Arbeitslosenversicherung und -vermittlung Untersuchungen angestellt. Dabei ging es im Kern immer darum, festzustellen, ob den Betrieben die beruflichen Erfahrungen älterer Angestellter die Mehrkosten an Tarifgehältern, an Sozialabgaben und die etwaigen Belastungen aus dem Kündigungsschutzgesetz wert sind.

Von den im Rahmen einer gründlichen Studie befragten westdeutschen Betriebsleitern haben 51,5 Prozent das verneint. Sie lehnen die Einstellung älterer Angestellter ab.

Als Begründung gab die Hälfte von ihnen bereits bestehende Überalterung der Angestellten ihrer Firma und die Sorge um die Sicherung des Nachwuchses an. Die anderen aber erklärten offen, ältere Angestellte seien ihnen zu teuer bzw. zu wenig anpassungs- und leistungsfähig.

Außer der Kostenfrage nannten die Geschäftsleitungen als Ablehnungsgründe:

* Ältere Angestellte sind den heutigen Anforderungen der Wettbewerbswirtschaft und dem Arbeitstempo vielfach kaum noch gewachsen.

* Ältere sind weniger anpassungsfähig; sie stellen sich schwerer von ihren früheren Berufs- und Betriebsgewohnheiten auf neue Arbeitstechniken und -bedingungen um.

* Ältere ermüden schneller.

* Ältere sind gegen Krankheiten anfälliger.

* Ältere scheuen Risiken und versuchen, schwierige Entscheidungen den Betriebsleitern selbst zu überlassen.

* Ältere werden leicht bequem, wenn sie einen vorteilhaften Kündigungsschutz genießen und ihre Altersversorgung gesichert wissen.

* Ältere sind insbesondere bei Belehrungen oft gereizt und uneinsichtig und stören dadurch das Betriebsklima.

Im Gegensatz zu diesen negativen Begründungen hat die Bundesanstalt festgestellt, daß mindestens 70 Prozent der arbeitslosen Angestellten kaufmännischer Berufe voll arbeitsverwendbar sind. Eine sorgfältige Arbeitsmarktanalyse der Arbeitsbehörde Hamburgs kommt sogar auf eine Quote von 75 Prozent.

Die Voreingenommenheit und der Kostenstandpunkt der Wirtschaft jedoch lassen diese Erkenntnisse nicht zum Tragen kommen, so daß die meisten langfristig arbeitslosen Angestellten in der Bundesrepublik über 40 Jahre zählen (s. Graphik S. 12). Länger als ein Jahr ohne Anstellung sind

* von den 21- bis 24jährigen 12 Prozent,

* von den 40- bis 54jährigen dagegen 46 Prozent.

Für die meisten dieser älteren Angestellten wäre die Annahme einer anderen Beschäftigung ein »Abstieg«, den sie mit ihrer vermeintlichen Stellung in der heutigen Gesellschaft nur schwer vereinbaren können. Aber selbst das Umsatteln auf einen Arbeiterberuf hat seine Schwierigkeiten.

Als im Sommer dieses Jahres Umschüler für Terrazzo- und Betonierungsarbeiten gesucht wurden, machte Walter Eggert aus West-Victorbur einen Vorstoß, um sich umschulen zu lassen. Die Auskunft, die er bekam, klingt ihm noch heute im Ohr: »Das Höchstalter bei dieser Umschulung ist 38 Jahre.« Und als er versuchte, als Bauhilfsarbeiter nach Rheinland-Pfalz zu kommen: »Dieselbe Auskunft: zu alt.«

Auch Eggerts Arbeitsamtsleiter Schmull von der Nebenstelle Aurich bestätigt: »Es

ist ungemein schwierig, diese Leute um 45 unterzubringen.«

Die höheren Löhne oder Gehälter, die höheren Sozialabgaben und die größeren Urlaubsrechte dieser Angestellten seien das Hemmnis, das durch die größere Erfahrung und Praxis jüngeren Bewerbern gegenüber nicht aufgewogen werde. »Junge Verkäufer von 20 bis 22 Jahren z. B. erhalten 175 bis 200 Mark Monatsgehalt, ein Mann wie Eggert hätte Anspruch auf 430 Mark.«

Die Gruppe der Angestellten über 40 Jahre war in den vergangenen Jahren oft der Gegenstand arbeitsamtlicher Werbeaktionen unter den Betriebsleitungen. Aber auch das volkswirtschaftlich richtige Argument, man solle doch lieber den Andrang Jüngerer zu den übersetzten Angestelltenberufen bremsen, weil sie anpassungsfähiger sind und eher in eine andere Sparte hinüberwechseln können, scheitert in den meisten Fällen an der Kostenfrage und der oft abfälligen Einschätzung.

In der Kölner Ausgleichsstelle für Arbeitsvermittlung ist die historische Antwort eines akademisch gebildeten Betriebsleiters verzeichnet: »Ach, diese alten Säcke.«

Für die Politik der Bundesregierung sind die älteren Angestellten ein Problem, das aus der ersten Parlamentsperiode ungelöst in die zweite übernommen werden mußte. Schon im April vergangenen Jahres hatte der Deutsche Handlungsgehilfen-Verband (DHV) Vorschläge für eine gesetzliche Regelung der Beschäftigung älterer Angestellter nach Bonn geschickt.

Der DHV möchte ein Gesetz, nach dem wie bei Schwerbeschädigten jeder Betrieb mit über zehn Angestellten eine bestimmte Quote der Älteren beschäftigen muß Weiter wird zwischen der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und dem Bonner Arbeitsministerium Anton Storchs erwogen, ob arbeitslosen älteren

Angestellten mit Krediten zu einer neuen selbständigen Existenz verholfen werden kann.

Für Walter Eggert aus West-Victorbur sind das zunächst nur Wechsel auf die Zukunft. In der dritten Oktoberwoche dagegen glaubte er einen Tag lang, schließlich doch noch zu einem Arbeitsplatz zu kommen, wenn auch in einer völlig anderen Branche. An den Anschlagstellen des Arbeitsamtes und in Gaststätten hatte er gelbe Plakate gesehen, die zur »Arbeitsaufnahme im deutschen Steinkohlenbergbau« aufriefen.

Jeder könne, so hieß es in diesen Ankündigungen, seine Lebensbedingungen verbessern durch Dauerarbeitsplätze, Spitzenlöhne und neue Werkwohnung. Als Eggert jedoch abends zu der Versammlung in die Gastwirtschaft Helgoland kam, las er auf den Prospekten erst den für ihn entscheidenden Zusatz: »Diese Möglichkeit bietet sich allen 16- bis 35jährigen Arbeitswilligen.«

Da schlug der arbeitslose Angestellte Eggert den Kragen des inzwischen abgeschabten Mantels hoch und ging. Zurück in das schmale Hinterzimmer, aus dem er seit Jahren ebenso vergeblich herauszukommen versucht wie seine gesamte Altersgruppe aus dem Hinterzimmer der westdeutschen Wirtschaft.

[Grafiktext]

ZU ALT MIT 45 JAHREN
Von den Dauerarbeitslosen unter den männlichen Angestellten*)
gehören zu den Altersgruppen

18-345%
35-4411%
45-5430%
über 54 Jahre54%


* 2 Jahre und länger arbeitslos. Nach einer Hamburger Statistik.

[GrafiktextEnde]

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