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Rudolf Augstein über Herbert Wehner Der geschundene Siegfried

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 19/1965

Als einen Minister unter Erhard, unter Gerstenmaier, unter Brandt kann ich ihn mir gar nicht vorstellen. Aber er hat schon manch andere Häutung erfahren. Diese alte Haut ist jeweils eins mit der neuen, selbst noch, wenn er als Presbyter den Klingelbeutel herumreicht. Es gibt kaum einen so wenig wandlungsfähigen Mann, der sich so glaubhaft, und das muß hier nicht heißen glaubwürdig, wandelt.

Undenkbar, er brächte das ohne Schmerzen zuwege. Er gehört zu den Typen, die nichts ohne Schmerzen hinter sich bringen, man möchte meinen, sogar das Pfeiferauchen nicht. Aber kaum vorstellbar auch die radikale Umkehr aus einer mit den Zähnen festgehaltenen Position in ihr Gegenteil.

Zwischen den wildesten Kundgebungen gegen den Atomtod und dem Bekenntnis - denn ohne Bekennen geht es auch bei diesem deutschen Politiker nicht - zur Nato und zur atomaren Bewaffnung liegt kaum ein Jahr. Er hat's durchgesetzt, auf eine Raus-aus - den-Kartoffeln-Manier, die wir ihm bis ans Ende seiner Tage verübeln werden.

Zwischen dem Deutschland-Plan der SPD, jenem perfektionistischen Papier -Gespinst, das der SED, fünf Jahre zu früh und zu spät, eine gemeinsame Sprache abnötigen wollte, und der Zustimmung zu einer totgezeugten MLF liegen fünf Jahre. Fünf Jahre zwischen der Kennzeichnung Adenauers als einer »Nachgeburt des Führers« und der Bereitschaft in Karlsruhe, sich eher in Stücke reißen zu lassen, als mit einem harten Wahlkampf den Anfang zu machen. Zwischen der von ihm gebilligten Forderung Carlo Schmids, die Oder -Neiße-Grenze zu berühren, indem man sie für unberührbar erklärt, und seinem Recht-auf-Heimat-Abkommen mit den Sudetendeutschen in Bergneustadt: zwei Jahre. Noch ein Jahr vor seiner Damaskusrede im Bundestag 1960 hat er ausgerufen: »Für uns gibt es keine Gemeinschaft mit den verlogenen Leuten in der Spitze der CDU, die die Einheit Deutschlands schon längst abgeschrieben haben.«

Eine Denkweise von Leninscher Konsequenz, scheint mir. Jede Änderung der Taktik, jeder Stellungswechsel, jede Standortlosigkeit ist erlaubt, Gesinnung und Überzeugung hinderlich, wenn nur die Partei dadurch an die Macht kommt. Er hat's gelernt, von der Pike, wenn das preußische Bild hier erlaubt sein soll. Aber sieht er die Unterschiede? Lenin wollte nie die Koalitions-Regierung, schloß ganze Mehrheiten aus der Partei aus, um nur ja nie an einer Koalition beteiligt zu werden. Lenin wollte, im Gegensatz zu ihm, keine parlamentarische Demokratie, mußte nicht den Wähler und nicht den Bürger überzeugen, sondern nur die oligarchische Garde der Berufsrevolutionäre: erst, wie die Macht zu erringen, dann, was mit ihr anzufangen sei.

Lenin zielte auf einen Umsturz der Gesellschaft. Er hingegen, in seiner derzeitigen Haut, will die SPD gesellschaftsfähig machen. Lenin zielte auf eine Diktatur. Er hingegen hat sich von der Plattform des Parlaments-Staates Bundesrepublik nur mit demagogischer Gestik entfernt. Ob seine Mittel durch Erreichen des Zieles gerechtfertigt werden? Ob sie zu rechtfertigen sind?

Mit der FDP kann er nicht wohl regieren wollen. Gar nicht einmal, weil sie zu schwach und zu uneins wäre. Er nach seinem Konzept braucht das Zusammengehen mit der CDU, ob man das nun regieren nennen kann oder nicht. Er glaubt, ohne den Segen der alten Mächte nicht in der guten Stube der deutschen Wahlbürgerseele Fuß fassen zu können. Und so ringt er gemäß dem Vorwurf jenes holländischen alten Meisters: »Herbert worstelt met den Engel.«

Hinken tut dieser Jakob, aber niemand weiß, ob seine Hüftverletzung nicht seine Stärke ausmacht. Wenn er um 180 Grad schwenkt, gelingt es ihm, selbst nicht an Taktik, sondern an das von ihm den Genossen einzuprügelnde Motiv zu glauben. Er scheint 1961 überzeugt gewesen zu sein, so ziemlich als einziger, daß eine Regierung Adenauer-Brandt zur Rettung Berlins notwendig sei - letzte Weihnacht, zum erstenmal seit vier Jahren, enthielten seine Glückwunschkarten nicht mehr den handschriftlichen Zusatz »An Berlin denken« (1959), »Berlin halten!« (1960), »Die Mauer überwinden« (1961), »Den Berlinern danken« (1962), »Für Berlin arbeiten!« (1963).

Kein anderer Mann in diesem Land kann einen erfolglosen Verrat mit solch innerer Überzeugtheit versuchen, daß, er nach dem Fehlschlag noch an Renommee gewonnen hat. Als die FDP in der SPIEGEL-Krise zum erstenmal demokratische Entschlußkraft gezeigt hatte, wollte er ihr sogleich das Licht ausblasen, um derart zu Adenauer in die Regierung zu schlüpfen.

Sein Köder, Verlängerung der Adenauer-Kalamitäten bis 1965, wurde von der empörten Bundestagsfraktion eingeholt. Aber wieder glaubte er an seine Parole, die SPD müsse »die Kontinuität der demokratischen Ordnung gewährleisten« und »Lebensfragen der inneren und äußeren deutschen Politik, die im Gegeneinander schwer diskutierbar bleiben würden«, lösen helfen. Führende Christ-Demokraten zogen ob solcher Staatsgesinnung den Hut.

Als er Lübke durchboxte, der, wäre es nach ihm gegangen, von der SPD mitnominiert worden wäre, rechnete er auf einen Dank, von dem man nicht recht sieht, wie der Präsident ihn je abstatten sollte. Er aber glaubte an sein Motiv, man dürfe keinen de-Gaulle freundlichen Präsidenten, keinem Krone ungewollt Vorschub leisten. O temporal

Warum er Strauß immer wieder ein vermittelndes Händchen hinstrecken läßt, glaube ich zu ahnen. Es ist nicht nur, daß er die Stimme des CSU-Vorsitzenden für den Fall einer Koalition mit den »Christen« in der Schwebe halten will, vielmehr: Die schmerzhaften Häutungen haben ihn nicht dickhäutig gemacht, wie so manchen anderen. Man hat ihm, so meinte er einmal, die Haut vom lebendigen Leibe gezogen, diesem mehr Marsyas als Siegfried, dem keine Körperstelle ohne Lindenblatt blieb, und der von sich sagt: »Zu einer Empfindlichkeit neige ich von Haus aus.« Er, mit seiner respektablen Vergangenheit, will niemandes Richter für vergangene Taten sein. Immer noch kann man ihn zusammenzucken lassen, wenn man ihn einen früheren Kommunisten, einen Anhänger totalitärer Weltanschauung nennt. Da er weiß, welche Sudelköche im südlichsten Osten unseres Landes eingeschult werden, will er Brandt und sich den Wiederaufguß ersparen: Kein Leninist, auch hier nicht.

Sonderbarerweise will er ausdrücklich kein Politiker sein, sondern ein »politischer Praktiker und parlamentarischer Praktiker«. Aber, »der Sozialdemokrat, der sich am meisten angepaßt hat und eigentlich gar keine Opposition mehr betreibt«, der möchte er nun wieder nicht sein. »Weltbühne«, sagt er zu solch einem Intellektuellen-Urteil, »Selbstüberschätzung«.

Ob nun angepaßter Politiker oder gar kein Politiker, kein Politiker in Deutschland redet so wenig Papier wie er. In

seinem Vokabular finden sich häufig die Wörter »schauderhaft«, »fürchterlich«, »furchtbar«, und am häufigsten das Wort »schrecklich«. Die Wohnungen hat er »unablässig gewechselt«. Als er nach Rußland kam, schrieb er aus dem Gedächtnis fünfhundert Namen nieder: »wann und wo und wie sie hochgegangen waren«.

Über das Schrecklichste, das er weiß, redet er selten und schreibt er nie: Über den Terror in Moskau, den er »einfach mitgelitten und selbst erlebt« hat. Er ist vielleicht der menschlichste Sozialdemokrat. Ich war nicht sehr erstaunt, nach der SPIEGEL-Affäre zu erfahren, daß kein anderer sich so hartnäckig für die Entlassung der Inhaftierten eingesetzt hat wie er.

Angepaßt will er nicht sein, aber das höchste Lob, das er zu vergeben hat, heißt doch »genialer Taktiker«. So nennt er Adenauer. Niemand bohrte hartnäckiger als diese beiden. Ob sie im untrauten Miteinander der Demokratie über die Runden oder hingeholfen haben, darüber gibt es noch kein letztes Wort.

Ihm mehr als jedem anderen verdanken wir eine SPD, die im Jahre 1965 behauptet, »daß wir unseren Rechtsanspruch auf die verlorenen Ostgebiete nicht aufgeben können«, und daß eine Bundesrepublik ohne MLF »den Status einer minderen Nation« hat.

Ihm mehr als jedem anderen dankt die SPD, daß sie, als Bürgerpartei, 1965 erstmals konkurrenzfähig und ohne Rückgabe in die Wahlen zieht.

Ihm wird die SPD im Herbst Sieg oder Niederlage zu verdanken meinen.

Minister-Kandidat Wehner

Unter Schmerzen in die gute Stube?

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