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»Der Grad von Opportunismus ist ungeheuer«

Aufwendig und vergleichsweise wirkungslos vertritt Bonns konservatives Diplomatenkorps die Republik im Ausland. Immerhin: Die von CDU-Mitgliedern und -Sympathisanten durchsetzte Behörde paßte sich wider Erwarten rasch in den letzten zwei Jahren ihren neuen, sozialliberalen Herren an. Ein Hauptmotiv: Die Auslandsjobs bringen viel Geld. Manche Botschafter lassen sich an Schrulligkeit und absonderlicher Lebensführung kaum übertreffen.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Der Vordenker in Bonns Auswärtigern Amt weigert sich, nachzudenken. Dirk Oncken, als Leiter des AA-Planungsstabes seit 1970 Generalstabschef von Außenminister Walter Scheel, hält die völkerrechtliche Anerkennung der DDR für undenkbar.

Von seinem Minister dazu angehalten, Modelle für die Endlösung der deutschen Frage zu entwickeln, lehnte es der 52jährige Konservative rundweg ab, eine Perspektive deutscher Außenpolitik auch nur zu erwägen: die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Ost-Berlin.

Dem ranghohen Diplomaten fehlt es nicht an Phantasie oder Intelligenz. Bewußt betreibt er Résistance gegen die letzte Konsequenz einer Politik, die sein Vorgänger im Planungsstab, Egon Bahr, entworfen hatte. Dirk Oncken beruft sich auf sein Gewissen.

Onckens Aktion Widerstand scheint jene Befürchtung zu bestätigen, mit denen die Sozialliberalen bei ihrem Machtwechsel 1969 in das Amt in Bonns Adenauerallee eingezogen waren. Sie bedrückte der Verdacht, das elitäre Diplomatenkorps sei unfähig, der Brandt/Scheelschen Ostpolitik zu folgen.

Die neuen Herren von Bonn mußten damit rechnen, das von Konrad Adenauer. seinem Gehilfen Walter Hallstein und Außenminister Heinrich von Brentano planmäßig mit CDU-Anhängern durchsetzte Ministerium werde den neuen Ostkurs entweder nur widerwillig befolgen oder gar sabotieren. Die Friedenspolitik des Kabinetts Brandt/Scheel stand auf dem Spiel.

Paul Frank, den Amtschef Scheel im Juni 1970 zum Staatssekretär und AA-Zuchtmeister berufen hatte, beurteilte bei seinem Einzug in die Chefetage die Lage noch immer äußerst kritisch. Frank erinnert sich: »Ich habe mir damals diese Frage mit Beklemmung gestellt: Wird das Amt mitziehen? Ich wußte ja, was politisch bevorstand.«

* Mit Botschafter Hans Hellmuth Ruete und Frau Ruth.

Bevor stand der Bruch eines Tabus, das strikt zu respektieren und gegen den Rest der Welt zu verteidigen den Diplomaten bis dahin ein Gutteil Existenzberechtigung verschafft hatte: Die DDR, noch kurz zuvor -- selbst zu Zeiten des SPD-Außenministers Willy Brandt von CDU-Kanzler Kiesinger als »Phänomen« abqualifiziert, wurde nun von SPD-Kanzler Brandt und FDP-Außenminister Scheel als »zweiter Staat in Deutschland« anerkannt.

Die neuen Herren erweiterten die schlichte, einseitig nach Washington und Paris orientierte Politik ihrer Vorgänger. Noch nie war das Amt so gefordert worden. Nahezu gleichzeitig machte die neue Regierung die EWG wieder flott, schloß die Verträge von Moskau und Warschau, leitete Verhandlungen mit Prag ein, brachte Viermächte-Gespräche über Berlin in Gang, versuchte eine gemeinsame EWG-Außenpolitik vorzubereiten und warb für eine Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE).

Nun schickt sich die Regierung sogar an, den letzten weißen Fleck auf der Bonner Landkarte zu löschen: Sie bereitet die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Volksrepublik China vor.

Mit ihrer Ost- und Entspannungsoffensive wurde die Bundesrepublik zum erstenmal seit ihrer Gründung ein selbständig handelndes weltpolitisches Subjekt, löste sich aus der Bevormundung durch ihre westlichen Verbündeten und zwang so ihre Diplomaten zum Umdenken.

Die Neuorientierung mußte schwerfallen. Denn der erste Kanzler der rheinischen Republik, Konrad Adenauer, war bei der Neugründung des Ressorts 1951 darauf bedacht, neben einer routinierten Kernmannschaft aus den Zeiten des früheren NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop Außenseiter aus dem Kölner Katholiken-Klüngel auf Schlüsselpositionen zu hieven: so den Kölner Beigeordneten Josef Löns, der schon bald die Personalabteilung übernahm, und den Kölner Amtsrichter Hans Berger, dem er die Rechtsabteilung übertrug.

Unter den CDU-Herren hatten nur wenige Sozialdemokraten den Sprung in die oberen Ränge der Amtshierarchie geschafft. Als Genossen bekannten sich lediglich Wilhelm Hoppe, heute Ministerialdirektor und Leiter der Personalabteilung, Otto Heipertz, heute Ministerialdirigent und Leiter der Handelsmission in Prag, Detlev Scheel, heute Botschaftsrat in Moskau, Gerhard Ritzel, heute Botschafter in Oslo, und Hans Arnold, heute Botschafter in Den Haag, London-Botschafter Karl-Günther von Hase, der schon Brentano als AA-Sprecher diente: »Natürlich gab es sehr viel mehr CDU-Anhänger als SPD-Anhänger.« Eines Parteibuchs der Union bedurfte es gar nicht, denn die Mehrzahl der konservativen Beamten sah in der restaurativen Christenpartei ohnehin ihre politische Heimat.

In den Tagen des Machtwechsels, so erinnert sich der heutige AA-Pensionär und Frank-Vorgänger Georg Ferdinand Duckwitz an jene Tage, »gab es erhebliche Debatten«. Denn, so der Ex-Staatssekretär und Brandt-Vertraute, »manchen stürzte plötzlich ihr ganzes Haus zusammen«. Durch geschickte Seelenmassage gelang es Duckwitz, einem Anhänger der Ostpolitik, viele Widerstände zu überwinden. Er konzentrierte seine Missionsarbeit auf die Referatsleiter, »die Säulen des Amtes, die galt es zu gewinnen« (Duckwitz).

Neben dem politischen Einschnitt mußte das Amt auch noch eine Führungskrise verkraften, die sein Selbstverständnis tangierte. Denn der neue Minister Walter Scheel, dem der Ruf einer rheinischen Frohnatur anhing, bestenfalls geeignet zum außenpolitischen Frühstücksdirektor, schien zunächst die schlimmsten Erwartungen zu über treffen.

Unsicher und schlecht vorbereitet, bot er bei seinen ersten Bundestagsauf-

* Mit Botschafter-Gattin Lilo Pauls.

tritten das Bild eines AA-Chefs, wie ihn das Amt nicht einmal in Heinrich von Brentano erlebt hatte. Hinzu kam, daß Kanzler Brandt, der seinen Gehilfen Egon Bahr aus dem AA ins Palais Schaumburg mitgenommen hatte, aller Welt deutlich machte, wer in Bonn wirklich die Außenpolitik betreibt. Ich habe Angst, wenn Herr Honecker Bundeskanzler werden sollte.«

Der Kanzler ließ die Verhandlungen mit Moskau nicht vom Amt, sondern von Bahr führen. Ohne seinen Außenminister zu konsultieren, griff er mit einem Brief an den damaligen Warschauer KP-Chef Wladyslaw Gomulka in die AA-Verhandlungen mit Polen ein.

Das Renommee des Amtes erreichte einen Tiefpunkt im April 1970. Scheel spielte bei der Entführung und Ermordung des Bonner Guatemala-Botschafters Graf Spreti dilettantisch die Rolle eines Leichenbitters.

Doch die Revolte der Beamten blieb aus, Widerständler Oncken ein Einzelfall. Die Masse der AA-Beamten nahm den Wechsel von Kiesinger zu Brandt, von der SBZ zur DDR, von der strikten Westbindung zur Öffnung nach Osten widerspruchslos hin, manche mit der Faust in der Tasche, manche fatalistisch. Praktiker Duckwitz hat dafür die Erklärung parat: »Der größte Teil sitzt eben da und ist Beamter und sagt: Dann wird es eben gemacht.«

Tatsächlich haben seit Neugründung des Amtes nur drei Beamte aus politischen Gründen den Dienst freiwillig quittiert: 1959 der Gesandte Albrecht von Kessel, weil er Adenauers einseitigen Westkurs näht billigte, 1965 der Legationsrat Haus Graf Huyn, weil er mit der antigaullistischen Politik seines Außenministers Gerhard Schröder nicht einverstanden war, und 1971 Botschafter Horst Osterheld, der in Chile nicht gegen einen DDR-Botschafter konkurrieren wollte.

Ein Bonner Staatssekretär: »Der Grad von Opportunismus im AA ist ungeheuer.« Und der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, unter Brandt ein Jahr lang Staatssekretär des Amtes, findet die Erklärung im Hausbrauch: »Die haben die Politik von 1936 ebenso verkauft wie die Politik von 1932.«

Der als Gegner der neuen Ostpolitik vorzeitig pensionierte frühere Vatikanbotschafter Hans Berger, ehemaliger Widerstandskämpfer gegen Hitler, hält sogar die übergroße Mehrheit seiner Kollegen für Karrieristen und Opportunisten. Verbittert beschwor er kürzlich im Freundeskreis das Schreckbild eines Amtes, das sich nicht einmal einem Kommunisten verweigern würde: »Ich habe Angst, wenn eines Tages Herr Honecker Bundeskanzler werden sollte.«

So bizarr Bergers Besorgnis ist, so glatt zog das Amt mit -- glatter als von allen erwartet. Außenminister Scheel: »Es hat lediglich hier und da ein paar Anpassungsprobleme gegeben.«

Beflissen dienen Scheels Scharen am Polarkreis und am Äquator, in arktischer Kälte und tropischer Hitze, als Botschafter im isländischen Reykjavik und im malawischen Blantyre-Limbe.

Sie residieren in feudalen Châteaus und primitiven Häusern, in musealen Palästen und schlichten Hotelzimmern, im Schlößchen von Corsière hoch über dem Genfer See und im Einfachbungalow der Obervolta-Hauptstadt Ouagadougou, im Pariser Empire-Palais Beauharnais und im Prager Hotel Jalta.

Sie repräsentieren die Bundesrepublik Deutschland in Mammutbotschaften und Mini-Missionen, in Washington und Paris, wo 260 und 148 Bedienstete für Bonn Wache schieben, in der Trinidad-Hauptstadt Port of Spain und im nordnigerianischen Kaduna, wo nur sechs Botschafts- und drei Konsulatsangehörige die schwarzrotgoldene Fahne hochhalten.

Fürsorglich honoriert der Staat den Einsatz seiner Diplomaten in der Fremde mit fetten Prämien und großzügigen Subsidien und verschafft ihnen so das höchste Einkommen aller bundesdeutschen Beamten. Zu ihrem Handwerkszeug gehören Frack und Mercedes, Golfschläger und Reitpferd.

Elitäre Tradition und modisches Peter-Stuyvesant-Image haben den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik zu einem exklusiven Klub für Adelssprößlinge und Söhne des Establishments werden lassen. Arbeiterkinder sind im Corps diplomatique kaum auszumachen. Noch 1971 kamen von 39 jungen Attachés nicht weniger als fünf aus Adelsfamilien. Beamtenkinder stellten in den letzten Jahren mit 37 Prozent das Gros des Nachwuchses. Aus Professoren-, Offiziers- und Pastorenfamilien stammten dreizehn Prozent, und Abkömmlinge von Ärzten, Apothekern und Anwälten sind mit acht Prozent vertreten.

Chefs von »Cocktail-Party-Behörden«.

Gesteuert wird das feudale Unternehmen aus dem Haus der tausend Fenster an der Bonner Adenauerallee 99-103, dem Auswärtigen Amt. Als einzige Bundesbehörde firmiert das AA noch heute so, wie es von seinem Gründer Otto von Bismarck vor 102 Jahren benannt worden war.

Walter Scheel, der 36. Nachfolger des längst vergessenen, von Bismarck am 1. Januar 1870 zum ersten Amtschef ernannten Karl Hermann von Thile, steht heute einer Behörde vor, die in nahezu allen Tandem der Erde präsent ist und 101 Botschaften, 61 Generalkonsulate, 17 Konsulate, fünf Handelsvertretungen, acht Vertretungen bei internationalen Organisationen und neun Schutzmachtvertretungen unterhält. Darüber hinaus muß sie 232 Wahl- und Wahlvizekonsulate beaufsichtigen, die von einheimischen Laien-Diplomaten, nebenberuflich, Umgang und Umsatz fördernd, betrieben werden.

Knapp 4500 der mehr als 6000 Köpfe zählenden AA-Mannschaft tun umschichtig Dienst im Ausland und werden beneidet von ihren Kollegen in der Zentrale, die Tag für Tag in schmucklosen Zellen ihre acht Stunden absitzen, beseelt von der Hoffnung, bald wieder im Ausland diplomatische Privilegien genießen zu dürfen.

Die meisten von ihnen träumen davon, einmal in ihrem Beamtenleben Botschafter zu werden, möglichst in einem »fetten Land« (AA-Jargon). Denn nur im Ausland ist die wundersame Wandlung möglich vom unscheinbaren Bürokraten zum respektablen Vertreter des Bundespräsidenten, zur Exzellenz, die, mit allen protokollarischen Privilegien aus höfischer Zeit ausgestattet, im Gastland -- vor allem bei jungen Nationen der Dritten Welt -- oft genug als Anachronismus erscheinen muß.

Der schöne Schein einer heilen Diplomatenwelt kann nicht mehr verdecken, daß so mancher deutsche Botschafter im Ausland nur noch als Chef einer »Cocktail-Party-Behörde« (der ehemalige Präsident des Bundesrechnungshofes, Volkmar Hopf) agiert, in seinen Berichten an die Zentrale in meist aussichtsloser Konkurrenz mit Presse und Fernsehen liegt und so gut wie nichts mehr zu verhandeln hat.

Erst Willy Brandt, der den Auswärtigen Dienst in seiner Berliner Bürgermeisterzeit auf zahlreichen Auslandsreisen in Aktion erlebt hatte, gab, als er 1966 als Außenminister in das bis dahin CDU-beherrschte Amt einzog, den Anstoß zu einer Neubesinnung: Er berief im Herbst 1968 eine Reformkommission, mit dem Ziel, dem Corps diplomatique die Zöpfe zu kappen.

Nach zweieinhalbjähriger Arbeit kamen die Kommissare zu dem Ergebnis: »Die Wahrnehmung der auswärtigen Beziehungen im herkömmlichen Sinne stellt kein gültiges Leitbild mehr dar.« Der Dienst müsse sich »den qualitativen und quantitativen Veränderungen außenpolitischer Tätigkeit ebenso wie dem Wanndel diplomatischer Methoden« anpassen.

Tatsächlich leiden das Amt und seine Beamten auch heute noch unter der

* Bei der Amtsübergabe im Dezember 1966.

Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Eifersüchtig versucht die Traditionsbehörde den Anschein zu wahren, das AA mache, wie zu Bismarcks Zeiten, konkurrenzlos die gesamte Außenpolitik und vertrete sie exklusiv im Ausland. Der Amtsspitze fällt es schwer, sich damit abzufinden, daß in den letzten 20 Jahren wichtige Bereiche der Bonner Außenpolitik von anderen Ressorts okkupiert worden oder auf internationale Organisationen wie die EWG übergegangen sind.

Und wie im 19. Jahrhundert verstehen sich Bonns Diplomaten als die einzig sachkundigen Interpreten der auswärtigen Politik. Viele von ihnen befassen sich nur widerwillig mit den spröden und glanzlosen Problemen jenseits der klassischen Diplomatie wie Entwicklungspolitik, Wirtschaftshilfe und soziale Fragen. Konservativ von Herkunft und Gesinnung, klammern sie sich an überständige Traditions-Klischees und neigen auch politisch zum Überkommenen.

Gleichwohl war der neue Amtschef Walter Scheel -- vor allem aus politischen Gründen -- behutsam mit dem AA-Personal umgegangen. Der Minister über seine Personalpolitik: »Mit diesem feinen Instrument muß man spielen, wenn man da Saiten rausschneidet, gibt es einen Mißklang.«

Eine Exzellenz möchte am liebsten ihren deutschen Paß verbrennen.

Scheel machte FDP- und Lebemann Sigismund Freiherr von Braun zum Staatssekretär neben dem energischen Frank, den SPD-Mann Hoppe zum Personalchef, seinen Parteifreund Jürgen Diesel zum Leiter der Ost-Unterabteilung und Guido Brunner, gleichfalls FDP-Mitglied, zu seinem Sprecher. So rücksichtsvoll ging Scheel vor, daß er sogar prominenten Ratgebern früherer CDU-Kanzler große Botschaften als politisches Exil anbot. Karl-Günther von Hase akzeptierte die Londoner Mission und Günter Diehl, Pressestaatssekretär und enger politischer Vertrauter Kiesingers, ging als Botschafter nach Neu-Delhi.

Andere Befürworter der alten Politik blieben zunächst auf Posten -- Wilhelm Grewe bei der Nato in Brüssel, Alexander Böker bei der Uno in New York. Swidbert Schnippenkötter beim Europa-Sitz der Uno in Genf, Hans Berger beim Vatikan und Rolf Lahr in Rom.

Erst im Herbst vergangenen Jahres versetzte Scheel auf Druck der SPD den fanatischen Gegner der Ostpolitik, Berger, in den Ruhestand. Grewe durfte nach Tokio rotieren, Junggeselle Böker zog zum Vatikan um, wo er mit dem ebenfalls unverheirateten Rom-Botschafter Lahr ein Sonderlingsgespann bildet, über das Hermann Schmitt-Vockenhausen, Bundestags-Vizepräsident und Mitglied der AA-Reformkommission, spottet: »Jetzt haben wir dort zwei, die mit dem Dienstwagen die Heringe in Ostia holen lassen, weil sie dort billiger sind.«

Böker knüpft damit an die Tradition seines sparsamen Vorgängers Berger an, von dem überliefert wird, er habe bei der Getränkebestellung für eine Einladung an die Kurie in breitem Kölsch gesagt: »Elf Mark für 'ne Flasche Wein, dat iss jenuch für dä Vatikan.«

Seinen Kollegen gilt der gutaussehende Böker (AA-Jargon: »Der schönste Mann der deutschen Diplomatie") als Musterfall für Opportunismus im Amt. Obwohl Böker in New York behauptete, er könne die Ostpolitik der Regierung nicht vertreten, ließ er sich gleichwohl an den Vatikan versetzen, wo er nach der Ratifizierung des Warschauer Vertrages für die Konsequenzen dieser Politik bei einer möglichen Neueinteilung der katholischen Diözesen östlich von Oder und Neiße einstehen muß. Vorgänger Berger wunderte sich: »Ich weiß nicht, wie der Herr Böker das machen will.«

Tatsächlich fühlt sich Böker als Vertreter der SPD/FDP-Regierung nicht wohl in seiner Haut. Einem Freund gestand er, nach seiner Pensionierung möchte er am liebsten seinen deutschen Paß verbrennen. Auf die Frage, wie er bei dieser Gemütslage überhaupt noch Botschafter der Bundesrepublik sein könne, enthüllte Böker das wahre Motiv für sein Ausharren im Dienst: »Ich brauche das Geld.«

Im Auswärtigen Dienst lohnt es sich, Karriere zu machen, jenseits von Überzeugung und politischem Engagement. Der Bonner Staat hat seinen Diplomaten einen goldenen Käfig gebaut, den die Herren nur ungern verlassen.

Zwar beziehen die AA-Beamten die gleichen Grundgehälter wie ihre Kollegen in den anderen Bonner Ressorts, doch sobald sie den Fuß auf ausländisches Territorium setzen, schnellt ihr Einkommen auf eine im Inland unerreichbare Höhe.

Ein kompliziertes Verbundsystem von Auslandszulagen, Haushaltszuschlag, Kaufkraftausgleich, Kinderzuschlag und eventuell einer Gefahrenzulage kann das heimische Einkommen auf ein vielfaches auf stocken, zumal nur das Grundgehalt versteuert werden muß (siehe Graphik Seite 39).

Nicht zu verachten ist auch das Diplomaten-Privileg, im Gastland zollfrei Tabak, Spirituosen und andere teure Genußmittel einkaufen zu können.

Weiteren finanziellen Vorteil verschaffen sich gewitzte AA-Bedienstete in Ländern mit hohen Zöllen oder Einfuhrkontingenten für Importwagen. So bestellen beispielsweise clevere Brasilianer ihre Mercedes-Limousinen bei deutschen Botschaftsangehörigen vor.

»Mit der Würde haben wir schnell Schluß gemacht.

Das Auto wird in Deutschland mit Diplomaten-Rabatt bestellt, auf Bundeskosten nach Südamerika verschifft und zollfrei eingeführt. Dort läuft es wenige Kilometer, wird dann in der Garage aufgebockt und zwei Jahre später -- der Frist, die zwischen Import und mit Abgaben unbelastetem Wiederverkauf vorgeschrieben ist -- als »Gebrauchtwagen« zu einem stark überhöhten Preis an den einheimischen Besteller weitergereicht.

Die Missionschefs und ihre Vertreter werden von der fürsorglichen Zentrale noch zusätzlich mit einer Aufwandsentschädigung ausgestattet, die es ihnen ermöglicht, für Deutschland im Luxus zu leben.

Am großzügigsten wird Bonns Mann in Washington bedient. Er bekommt im Jahr nicht weniger als 206 496 Mark für Partys, Präsente und Personal. Selbst nach Libreville in Gabun fließen noch 28 800 Mark Aufwandsgeld. Die Vize-Botschafter erhalten jeweils 30 Prozent der Chefsumme, und selbst ein Botschaftsrat kann noch mit zehn Prozent rechnen.

Voll Neid registrierten Bundesbeamte in den anderen Bonner Ressorts, wie großzügig der Staat seine Diener im Ausland bedenkt. So bezieht ein Regierungsdirektor der Gehaltsstufe A 15 im Bundesverkehrsministerium monatlich 4046 Mark, seinem ranggleichen Kollegen, der als Missionschef in Libreville (Gabun) fungiert, fließen dagegen monatlich 10 031 Mark zu.

Bis vor knapp drei Jahren konnten die Herren ihre Aufwandsentschädigungen praktisch unkontrolliert verwenden. Es galt als unfein, über Geld zu reden und unter der Würde eines deutschen Botschafters, seine Repräsentationsausgaben zu belegen.

Folge der feudalen Praxis: In der Heimat und an anderen schönen Plätzen Europas entstanden großzügige Privatvillen der Herren Botschafter, für die weniger begünstigte Kollegen in der Zentrale die Spottformel »AEG«-Häuser erfanden. AEG: Aufwands-Entschädigung gespart.

Erst ein Aufsteiger aus dem diplomatischen Unteroffiziersstand machte den freizügigen Sitten ein Ende. Als der heutige Personalchef Wilhelm Hoppe, der sich durch Fleiß und Können aus dem gehobenen in den höheren Dienst emporgedient hatte, als Unterabteilungsleiter für die Spesenfonds zuständig wurde, erlegte er den Diplomaten striktes Abrechnungsgebot auf. Hoppe: »Mit der Würde haben wir schnell Schluß gemacht.«

Heute ist das Amt in der Lage, eine präzise Statistik über die Party-Aktivitäten seiner Diplomaten zu führen. Spitzenreiter war die Pariser Botschaft, die im Jahre 1970 auf 160 Veranstaltungen 7121 Gäste bewirtete. London meldete 164 Einladungen mit 5173 Gästen und Washington 3966 Gäste auf 152 Veranstaltungen.

Doch der Dienst bietet noch andere Verlockungen. In keinem anderen Verwaltungszweig der Bundesrepublik kann beispielsweise ein rangniederer Oberregierungsrat über Nacht zur Exellenz mit Spitzeneinkommen werden und in exotischen Ländern ein Herren-Leben fuhren. Gelegentlich erliegen Bonns Repräsentanten dabei so sehr der Atmosphäre ihrer Gastländer, daß sie zu absonderlichen Figuren werden.

So verfiel Anfang der sechziger Jahre der damalige Botschafter in Saigon York Alexander Freiherr von Wendland dem landesüblichen Glauben an Aphrodisiaka. Im Garten seiner Residenz züchtete er Wasserhirsche, deren Geweih von Zeit zu Zeit abgesägt, zerrieben und mit Ginseng-Schnaps versetzt wurde.

Dem wunderlichen Freiherrn war das vermeintlich wundertätige Geweih so kostbar, daß er die Hirsche Tag und Nacht von einem Boy bewachen ließ, weil er fürchtete, einheimische Liebhaber könnten den Tieren heimlich den Kopfschmuck rauben,

Auch Wendlands Nachfolger Günther Schlegelberger kultivierte in Saigon einen Tier-Tick. In einem Käfig hielt er zwei Geparden, die ein Diener täglich ausführen mußte. Partys belebte die schrullige Exellenz gelegentlich, indem er die Raubkatzen freiließ und sich am Schrecken der Gäste weidete.

Was sich in Mitteleuropa nur noch Multimillionäre leisten können, gehört zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens Bonner Diplomaten in der Dritten Welt. Selbst mittlere Chargen halten sich eine vielköpfige Dienerschaft. So wußte die Pressereferentin an der Botschaft in Djakarta, Ursula Müller, auf Anhieb nicht einmal zu sagen, wie viele Bedienstete in ihrem Sold stehen. Chef-Boy »Number one« klärte sie auf: derzeit seien es sieben.

Solches Wohlleben oder die Aussicht darauf macht verständlich, daß so mancher AA-Beamter im Ausland und in der Zentrale lieber auf politisches Engagement verzichtet, als Schaden an seiner Karriere zu riskieren.

Zwar forderte Außenminister Walter Scheel noch im Herbst letzten Jahres vor der Personalversammlung seine Beamten auf, »offenen und kritischen Geist« zu beweisen, doch ziehen es die meisten Scheel-Untergebenen vor, nicht die Probe aufs Exempel zu machen. Eine Ex-Exzellenz: »Ein Diplomat, der sich politisch engagiert, geht ein hohes Risiko ein.«

»Sie sind wohl nur auf Scheißposten.«

Die Ruhestands-Regelung erhöht das Risiko. Nach der gegenwärtigen Rechtslage können Angehörige des Auswärtigen Dienstes vom Staatssekretär bis hinunter zum Vortragenden Legationsrat 1. Klasse (Ministerialrat) ohne Angabe von Gründen in den Ruhestand versetzt werden -- in den übrigen Bundesressorts ist dies nur bei Staatssekretären und Ministerialdirektoren möglich. Sie erhalten dann die Pension, die sie bis zum Zeitpunkt des Ausscheidens verdient haben, bestenfalls 75 Prozent ihres Grundgehalts. Ein Beamter auf Auslandsposten würde nur noch einen Bruchteil seines früheren Einkommens erhalten.

Auch AA-Chef Scheel hat das Problem erkannt: »Es ist ein Handikap, daran denken zu müssen, daß man jemandem bei einer Versetzung in den Ruhestand materielle Nachteile zufügt. Es wäre für den Staat viel billiger, wenn man einen Beamten bei vollen Bezügen pensionieren könnte, als ihn halben Herzens auf seinem Posten zu lassen.«

Die Reformkommission hat für diese Fälle »ein neues Rechtsinstitut des Wartestandes« vorgeschlagen, wonach Beamte bei vollen Bezügen für einige Jahre aus dem Verkehr gezogen werden können, ohne daß sie daraus Nachteile für spätere Beförderung und Pension in Kauf nehmen müßten.

Eine solche Regelung, die den vom Staat ohnehin mit allen Sicherheiten ausgestatteten Beamten ein weiteres Privileg zuschanzen würde, hätte Scheel die Peinlichkeit einer Operation erspart, die er wenige Wochen nach seinem Einzug in den Ministerbau des AA ausführen mußte, weil sie schon von seinem Vorgänger Brandt eingeleitet worden war. Damals wurden 25 hohe Beamte vorzeitig in den Ruhestand versetzt, weil sie nach langen Amtsjahren im Dienst verschlissen waren.

Nach dem Aufsehen um die Aktion 25 und erst recht nach dem Eklat um die vorzeitige Pensionierung des politisch unliebsamen Vatikanbotschafters Berger tut sich die Amtsspitze schwer, abgeschlaffte Tropen-Veteranen und politisch überständige Diplomaten loszuwerden.

So sehr sorgt sich das Amt um das Wohlergehen seiner Bediensteten, daß es in aller Stille einen der 25 Geschaßten wiedereingestellt hat. Wilhelm Kopf, 62, schien den AA-Personalverwaltern über Gebühr verbraucht. Der im Dienst am Bund weitgereiste Außenminister erinnert sich: »Ob ich nach Dschidda, Mogadischu, Saigon oder Kalkutta kam, überall stand Herr Kopf auf dem Flugplatz.« Scheel zu Kopf: »Sie sind wohl nur auf Scheißposten.«

»Die Integrationskraft des AA wird nur noch vom Jesuitenorden übertroffen.«

Anfang 1970 wurde Kopf wegen Tropenuntauglichkeit als Generalkonsul in Kalkutta pensioniert. Doch inzwischen macht er als Botschafter in der Uganda-Hauptstadt Kampala wieder Dienst -- in den Tropen. Es war ihm gelungen, einen Arzt zu finden, der ihm nachträglich die Tropentauglichkeit bescheinigte.

Kopf, der schon seit Jahren als Ministerialrat eingestuft war und mit diesem Rang auch nach Kampala gehen sollte, bat ausdrücklich darum, auf den Rang eines Regierungsdirektors zurückgestuft zu werden. Seine Begründung: Er wolle vor den Risiken des politischen Beamten sicher sein.

Wichtiger noch als das Korps der Alten erscheint der Reformkommission, »Spielraum« für eine längerfristige Personalplanung zu gewinnen: »Der Auswärtige Dienst lebt heute personell von der Hand in den Mund. An die Stelle der Personalplanung tritt deshalb weitgehend der Zwang, Löcher zu stopfen.«

Auf Anregung der Kommissare begann Personalchef Hoppe mit dem Aufbau einer Personalreserve, die im Endstadium acht Prozent des Dienstes umfassen soll: »Damit steht und fällt unsere Reform.« Tatsächlich wird erst das AA-Reservekorps möglich machen, daß sich Beamte künftig sprachlich und fachlich drei Monate lang auf einen Auslandsjob vorbereiten können und nicht, wie heute, Knall und Fall auf Posten ziehen müssen.

Für ein weiteres Handikap des Dienstes weiß auch die Reformkommission keine schlüssige Abhilfe. Sie rügt, daß zwei Drittel der jungen Attachés Juristen sind, was angesichts der zunehmenden Bedeutung wirtschaftlicher und wissenschaftlich-technologischer Fragen von Nachteil für das Amt sei.

So waren von 39 Teilnehmern des 71er Attaché-Jahrgangs 22 Juristen. Und von 1236 Beamten des höheren Dienstes haben 48 Prozent ein juristisches Studium abgeschlossen; nur 14 Prozent sind Volks- oder Betriebswirte.

Die Vorherrschaft der Juristen im AA hat der deutschen Außenpolitik jenen konservativen formelhaften Charakter gegeben, den der frühere amerikanische Präsident John F. Kennedy einmal verächtlich als »Legalismus« abtat. Dazu kommt, daß Juristen als »die Inkarnation des Status quo« (Scheels erster Parlamentarischer Staatssekretär Ralf Dahrendorf) stets »konservativer sind als die Gesellschaft, in der sie leben« (ein Bonner SPD-Minister).

Der Primat des Juristischen bestimmte die Grundstruktur des Außenamtes, die »auf Vorsicht gedreht und auf konservative Elemente gegründet ist«, so Bonns Botschafter in Den Haag, Hans Arnold. Ein solcher Dienst aber kann nur schwer ein Gespür für gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Veränderungen in der Welt entwickeln.

In einer kritischen Analyse des AA kam Heinrich End* nach fünfjähriger Praxis im Dienst zu dem Schluß: »Das Kartell der Juristen gewährleistet jene gemeinsame Sprachregelung, die Behandlung der Probleme von Fall zu Fall und das gesellschaftliche Einverständnis, dem sich auch die nichtjuristischen Beamten des Auswärtigen Dienstes anpassen müssen.«

Der Komment der Anpassung geht bis in Äußerlichkeiten. So gilt es im Amt als angemessen, stets dunkle Anzüge mit Westen zu tragen und selbst auf bescheidene modische Accessoires zu verzichten. Es ist verpönt, Kritik direkt zu üben; sie wird immer mit einer Floskel eingeleitet, in der Übereinstimmung mit der Meinung des zu Kritisierenden betont wird: »Selbstverständlich haben Sie recht, aber vielleicht kann man den einen Punkt noch präzisieren ...«

Die Herren Attachés haben erkannt, daß der Einfluß auf die Außenpolitik um so größer ist, je weniger Änderungen der einzelne vorschlägt.

Wer auszubrechen versucht, unterliegt einem Sanktionsmechanismus: Er wird, selbst wenn er Spitzenpositionen bekleidet, vom zumeist mündlichen Informationsfluß ausgeschlossen und damit isoliert. Selbst junge Attachés aus der unruhigen Studentengeneration der letzten Jahre werden vom Amt rasch assimiliert. Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler erkannte: »Die Integrationskraft des Auswärtigen Amtes wird nur noch von der des Jesuitenordens übertroffen.«

Kommen die in der Bonner Adenauer-Allee auf Anpassungskurs getrimmten Karrierediplomaten auf Auslandsposten, dann liieren sie sich dort zumeist mit dem Establishment. Der auslandserfahrene Eppler: »Ich habe selten einen Diplomaten getroffen, der die Regierung, bei der er akkreditiert ist, nicht verteidigt hat.«

Solch angepaßtem Status-quo-Denken verhaftet, verstehen sich viele von Deutschlands Diplomaten immer noch als Botschafter im klassischen Sinne und verkennen dabei, daß sich ihre Aufga-

* Heinrich End: »Erneuerung der Diplomatie«. Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin, 1969.

ben gegenüber dem 19. Jahrhundert gewandelt haben. Vom traditionellen Auftrag, präsent zu sein, Bericht zu erstatten und Verhandlungen zu führen, ist nur noch die Präsenz uneingeschränkt übriggeblieben.

Im Zeitalter der Gipfeltreffen, der um die Welt jettenden Außenminister und der multilateralen Diplomatie in Uno, Nato und EWG gibt es für Botschafter kaum noch etwas zu verhandeln. Ein selbstkritischer Missionschef: »Wenn sich ein Staatssekretär heute nur anderthalb Tage in einem kleineren Land aufhält, dann gibt es dort für den deutschen Botschafter ein Jahr lang politisch nichts mehr zu tun. Dann ist alles geregelt, bis hin zur Steuerfreiheit für das Goethe-Institut.«

»Ein Botschafter soll seinen Zweck erfüllen wie ein Wasserglas.«

Auch die Berichterstattung in die Heimat ist weitgehend durch Presse, Funk und Fernsehen überholt. Botschafter Arnold räumt ein: »Es kann nicht Aufgabe eines Botschafters sein, die Deutsche Presse-Agentur schlagen zu wollen.«

Nur selten können die diplomatischen Berichterstatter erfüllen, was ihr Staatssekretär Frank verlangt: »Ein Botschafter soll ein menschliches Kommunikationsmittel mit Verstand sein. Er soll seinen Zweck erfüllen wie ein Wasserglas.«

Wird einmal einem Missionschef eine politische Entscheidung abverlangt, dann gerät er nur allzuoft ins Schwimmen. So bat ein deutscher Botschafter, der sich in seinem südamerikanischen Gastland anläßlich einer Messe mit der DDR-Flagge konfrontiert sah, den gerade angereisten Entwicklungshilfeminister Eppler um Rat, wie denn wohl ein AA-»Drahterlaß« zu interpretieren sei, in dem er angewiesen worden war, nur dann einzuschreiten, wenn das DDR-Emblem »ostentativ« gezeigt werde. Eppler schlug das naheliegende vor: Der Botschafter solle selber entscheiden, was ostentativ sei.

Politisch überfordert erscheint sogar ein erfahrener Karrierediplomat wie Washington-Botschafter Rolf Pauls. Der elegante Herrenreiter gilt als charmanter Entertainer, der auf dem Parkett, von seiner Frau Lilo gelegentlich in Hot Pants assistiert, eine gute Figur macht.

Doch weiß mittlerweile selbst Bundeskanzler Willy Brandt, daß es ein Fehler von Außenminister Willy Brandt war, den in Israel erfolgreichen Pauls in die USA zu versetzen.

Bonns wichtigstem Botschafter fehlt offenbar der rechte Zugang zu politisch entscheidenden Figuren der Nixon-Administration, und er ist auch nicht in der Lage, die neue Bonner Ostpolitik überzeugend darzustellen.

Von Haus aus eher ein Konservativer, gehört Pauls dennoch zu den wenigen in der Botschaft, die der Ostpolitik Verständnis entgegenbringen. Neben dem früheren Brandt-Referenten, Botschaftsrat Claus Sönksen, gilt lediglich der Pauls-Vertreter, Gesandter Hans-Heinrich Noebel, als rückhaltloser Befürworter des neuen Kurses.

Mit dem Mini-Sender im Dekolleté die Domestiken dirigiert.

Auch in Moskau, der Hauptstadt des wichtigsten Partners der neuen Politik, gibt es nach Berechnungen der AA-Spitze unter den 17 höheren Beamten nur eine verschwindende Minderheit von Anhängern der Ostwendung, an ihrer Spitze der Gesandte Carl Heinz Lueders, der allerdings fast ausschließlich mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt ist, und der frühere Leiter der Handelsmission in Helsinki, der SPD-Mann Detlev Scheel.

Sogar der bisherige Botschafter Helmut Allardt, seit dem 31. März in Ruhestand und durch den Brandt-Vertrauten und bisherigen Leiter der außenpolitischen Abteilung im Kanzleramt Ulrich Sahm abgelöst, hatte erhebliche Bedenken. Ein AA-Beamter über die Bestellung des neuen Missionschefs: »Jetzt erhöht sich die Zahl der engagierten Befürworter der Ostpolitik in der Moskauer Botschaft von drei auf vier.«

Der einflußreichste politische Beamte in der Großen Grusinischen Straße Nr. 17, Botschaftsrat Joachim Peckert, gilt als CSU-Anhänger, der die Brandt-Scheel-Linie strikt ablehnt. So verfaßte er kürzlich eine fünfzehn Seiten lange Studie über das Projekt einer Europäischen Sicherheitskonferenz, die sich nach dem Zeugnis von Lesern wie ein Memorandum der Bayern-Union gegen das Vorhaben ausnahm.

In Paris residiert mit Hans Hellmuth Ruete ein farbloser Schreibtisch-Beamter, der zwar Anhänger der neuen Regierung ist, sich aber sehr schwer tut, in den politischen Zirkeln der französischen Metropole Fuß zu fassen -- dies schon deshalb, weil sein Französisch sehr zu wünschen übrig läßt. Wegen seiner prächtigen Empire-Residenz im Palais Beauharnais (Renovierungskosten: etwa 20 Millionen Mark), wo aus drei Küchen 800 Gäste gleichzeitig verköstigt werden können, wird er als »Wirt der Nation« gehöhnt, doch steht er gesellschaftlich im Schatten seines Vorgängers Sigismund von Braun.

Noch heute erinnern sich Braun-Gäste an die rauschenden Feste des lebenslustigen Weltmannes und seiner Gattin, die bei großen Partys mit einem Mini-Sender am Dekolleté ihre Domestiken dirigierte.

In London dient Karl-Günther von Hase, loyaler Diener der CDU-Kanzler Adenauer, Erhard und Kiesinger, heute ebenso loyal der sozialliberalen Regierung. Ralf Dahrendorf: »Er ist einer der letzten Preußen.«

Nach Englands EWG-Beitritt wird auch von Hase eine Erfahrung nicht erspart bleiben, unter der sein Kollege in Den Haag, Hans Arnold, schon seit Jahren zu leiden hat: Je mehr nämlich die Kompetenzen innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft von den nationalen Regierungen auf die Brüsseler Behörden übergehen, desto mehr werden die Aufgaben der Botschaften ausgehöhlt. Logische Konsequenz dieses Bedeutungsschwundes wäre nach Meinung Arnolds, innerhalb der Gemeinschaft die Botschafter abzuschaffen und lediglich eine Art von nationalen Repräsentanten einzusetzen.

Doch nicht nur das Selbstverständnis der Außenbeamten ist angekratzt, auch die Zentrale fühlt den Bedeutungsschwund. Zwar hat das Amt die Traditionsbezeichnung aus dem Bismarck-Reich übernommen, als ihr Chef tatsächlich noch für den ganzen Bereich der auswärtigen Politik zuständig war. Heute dagegen ist die Gemischtwarenhandlung Auswärtiges Amt nur noch eine Scheinfirma.

Es läuft Gefahr, schon bald völlig überflüssig zu werden -- eine Riesenbehörde ohne wirklichen Einfluß. Denn wichtige Teile der auswärtigen Politik, beinahe die wichtigsten, sind abgewandert:

* Die Grundlinien der Außenpolitik. in besonders heiklen Fragen selbst ihre Details, werden von Kanzler Brandt festgelegt und, wie beim Moskauer Vertrag, von seinem engsten Vertrauten Egon Bahr exekutiert;

* die Bündnis- und Verteidigungspolitik wird vom Verteidigungsministerium wahrgenommen;

* die Entwicklungspolitik und damit praktisch die gesamte Außenpolitik gegenüber der Dritten Welt ressortiert im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das sich mit eigenen »Länderbeobachtern« in derzeit dreizehn Staaten zunehmend als Konkurrenz-Unternehmen etabliert;

* die internationale Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technologie wird vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft gesteuert; und

* die internationale Währungspolitik wird vom Wirtschafts- und Finanzministerium verantwortet.

Besonders schmerzlich wurde Außenminister Scheel der Kompetenzverlust deutlich, als Wirtschaftsminister Karl Schiller am 10. Mai 1971 den Wechselkurs der DM freigab, damit eine Krise der deutsch-französischen Beziehungen auslöste und die Bundesrepublik international der Gefahr einer Isolierung aussetzte.

»Diese DDR-Phobie hat uns Milliarden gekostet.«

Von der Furcht geplagt, ständig weiter an Einfluß auf die Außenpolitik zu verlieren, forderte AA-Chef Scheel im Herbst letzten Jahres in einer Kabinettsvorlage die volle Verantwortung für die gesamte Außenpolitik zurück: »Einheitlichkeit der außenpolitischen Aussage und des außenpolitischen Handelns ... ist nur zu erreichen, wenn die Führung der Außenpolitik und die Koordinierung aller außenpolitisch relevanten Aktivitäten im Einvernehmen mit der Bundesregierung dem Auswärtigen Amt vorbehalten werden.«

Durch eine glaubwürdige Führung seines Amtes möchte Scheel nach den Schwierigkeiten seiner ersten Monate heute demonstrieren, daß er diesem hohen Anspruch gerecht werden kann.

Der Außenminister erkannte rasch, daß er die Schwierigkeiten von Amt und Materie unterschätzt hatte. Er machte sich ans ungeliebte Aktenstudium und erarbeitete sich in wenigen Monaten ein solides Wissen. Auf internationalen Konferenzen verblüffte er seine Gegenspieler durch Nervenstärke und Kondition. Geschickt verstand er es, im anfangs skeptischen Ressort das Vorurteil abzubauen, er sei nur ein rheinischer Bruder Leichtfuß.

Ein Bonner Spitzendiplomat: »Scheels Renommee weist eine aufsteigende Linie auf, ohne jeden Knick und mit zunehmenden Zuwachsraten.«

Unumstrittener Chefberater und erster politischer Beamter ist Staatssekretär Paul Frank, dessen Verhandlungsgeschick und politische Begabung außer Zweifel stehen.

Freilich hängt ihm auch der Ruf besonderer Anpassungsfähigkeit an. CSU-Außenpolitiker Karl Theodor von und zu Guttenberg süffisant: »Kein Beamter des Auswärtigen Amtes hat sich -- jeweils zur rechten Zeit -- mehr für die Politik Brentanos, Schröders, Brandts und Scheels engagiert als der jetzige Staatssekretär Paul Frank. Auf Paul Frank ist Verlaß; er hat sich ein für allemal für Paul Frank entschieden.«

Als Behördenchef operiert der Staatssekretär nicht immer glücklich. Der herrische Mann sieht seinen Ehrgeiz darin, Bonns Auswärtigen Dienst »so gut wie den britischen Foreign Service« zu machen. Doch findet er im Umgang mit seinen Untergebenen oft nicht den richtigen Ton und zeigt, anders als sein Vorgänger, der väterliche Georg Ferdinand Duckwitz, nur wenig Integrationskraft.

Bestenfalls an der Peripherie des Entscheidungszentrums bewegt sich der zweite Staatssekretär des Amtes, Sigismund von Braun, zuständig für EWG-, Handels- und Kulturpolitik. Der Society-Beau und Bruder des Raketenbauers Wernher von Braun gilt als krasse Fehlbesetzung. Er ging in die Annalen der deutschen Party-Diplomatie ein, als im Ehescheidungsprozeß des britischen Herzogs von Argyll seine »sehr nahen Beziehungen« zur Herzogin aktenkundig wurden.

Im schwierigen EWG-Geschäft fehlt von Braun die notwendige Detailkenntnis. Er selber macht auch keinen Hehl daraus, daß ihn die Europa-Probleme und die lästigen Brüsseler Dauer-Konferenzen wenig interessieren.

Scheel macht sich nun daran, dem alten Amt organisatorisch einen New Look zu verpassen. Er billigte einen Plan seines Verwaltungschefs Hoppe, die überholte AA-Struktur für die immer bedeutender werdende wissenschaftlich. technologische Zusammenarbeit neu zu ordnen.

Danach werden die Referate für alle überseeischen Länder, mit Ausnahme Nordamerikas, aus der politischen und der handelspolitischen Abteilung herausgelöst und zu einer neuen, sechsten, Abteilung Übersee zusammengefaßt.

Die neue handelspolitische Abteilung soll künftig aus einer Unterabteilung für die gesamte Außenwirtschaftspolitik und einer weiteren Unterabteilung bestehen, in der die Referate für europäische wirtschaftliche Integration, internationale Großforschung und technologische Kooperation zusammengefaßt werden.

Dagegen weigert sich die Amtsspitze, einem anderen Vorschlag der Reformkommission zu folgen und eine Reihe von asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Zwerg-Botschaften zu schließen.

Gegenwärtig gelten nach einer AA-Statistik 47 der insgesamt 201 diplomatischen und konsularischen Vertretungen der Bundesrepublik als Mini-Missionen, die außer ihrem Chef keinen weiteren Beamten des höheren Dienstes beschäftigen.

Das Bonner Botschafts-Netz war besonders stark expandiert, als die CDUgeführten Bundesregierungen in der Phase der Entkolonialisierung jeden neuen Staat mit einem eigenen Botschafter und mit Entwicklungsmillionen beglückten, um zu verhindern, daß dort die DDR diplomatisch Fuß fassen konnte. Staatssekretär a. D. Duckwitz: »Das war doch kindisch. Diese DDR-Phobie hat uns Milliarden gekostet.«

Was einst zur Abwehr des zweiten deutschen Staates entstanden war, soll nun als Basis für eine aktive Konkurrenz der BRD mit der DDR erhalten werden. Denn Scheels Politplaner gehen davon aus, daß spätestens nach der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Uno und der darauf folgenden DDR-Anerkennungswelle die auf internationale Reputation versessene Ost-Berliner Regierung auch den kleinsten Staat mit einer sozialistischen Exzellenz beehren wird.

Der Staatssekretär versucht sich am Unmöglichen.

Chefberater Frank möchte deshalb schon heute der Bonner Diplomatie neue Ziele weisen -- weg von der simplen DDR-Abwehr und hin zu einem sinnvollen Wettbewerb mit den anderen Deutschen um die Beseitigung von Not und Elend in den Entwicklungsländern.

Frank sagt voraus: »Das Konkurrenzverhältnis zur DDR wird unser Schicksal sein.« Die bundesdeutsche Präsenz werde künftig einen ganz anderen Sinn erhalten: »Es sind dann kleine vorgeschobene Stützpunkte unseres Einflusses auf die Bemühungen, die Probleme unserer Zeit zu lösen.«

Bei seiner Zukunftsplanung muß der Staatssekretär freilich einkalkulieren, daß er die neuen Aufgaben mit einer Diplomatenmannschaft meistern muß, die nach Tradition, Herkunft und Selbstverständnis dafür kaum geeignet ist: Eine Fragebogenaktion der Personalabteilung unter den jungen Chargen des höheren Dienstes ergab beispielsweise, daß sich auch unter dem Nachwuchs nicht genügend Diplomaten für Entwicklungshilfe und Wirtschaftsprobleme interessieren, für jene Bereiche also, wo nach Franks Konzept künftig der Wettbewerb mit der DDR ausgetragen werden muß.

Überdies möchten die jungen Beamten nach Möglichkeit jene Regionen meiden, wo die Not am größten ist. Nach der Umfrage trauen sich nur relativ wenige einen Einsatz in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten zu.

Offenbar hängen immer noch allzu viele Nachwuchsdiplomaten einem falschen Berufsbild an und schätzen statusgemäßes Wohlleben nach herkömmlichem Karrieremuster in attraktiven Ländern mehr als politische und soziale Kärrnerarbeit in den Krisenzonen. Frank abschätzig über den Typ: »Mister Rolex.«

Die Nummer zwei im AA hat längst erkannt, daß sein Haus nur noch Diplomaten gebrauchen kann, »die ihrem ganzen Habitus nach modern sind im guten Sinne des Wortes«. Durch gezielte Beförderungen will er seinen Untergebenen das neue Leitbild einhämmern.

Frank: »Mister Rolex hat keine Chance mehr.« Der Staatssekretär versucht sich am Unmöglichen.

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