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Der Graf muß warten

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aus DER SPIEGEL 40/1986

Ex-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) läßt spekulieren - über seine Zukunft. Als das »Wall Street Journal« letzte Woche unter Berufung auf amerikanische Finanzkreise meldete, der Graf sei als neuer geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Gespräch, mochte Lambsdorff weder dementieren noch bestätigen: »Kein Kommentar.« New Yorker Insider vermuten allerdings, daß der Graf das Wall-Street-Gerücht selbst gepflanzt hat. Er schreibt gelegentlich Gastkolumnen in dem angesehenen Blatt und trifft sich manchmal mit Seth Lipsky, einem leitenden Redakteur des Blattes. Seit feststeht, daß er nicht wegen Bestechlichkeit verurteilt werden wird, wartet Lambsdorff voller Ungeduld auf das Ende des Spenden-Prozesses. »Theoretisch«, so ließ der Vorsitzende der 7. Großen Strafkammer, Hans-Henning Buchholz, am vorletzten Donnerstag die Verteidiger in einem vertraulichen Gespräch wissen, könne das Urteil noch vor Weihnachten gesprochen werden. Keinesfalls aber wolle er den Prozeß in der heißen Phase des Wahlkampfs, also in den ersten drei Januarwochen, beenden, sondern dann erst nach der Wahl. Die Hoffnung der Anwälte, der als Zeuge geladene CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep könne zur Beschleunigung des Verfahrens beitragen, erfüllte sich nicht. Zwar verweigerte Kiep am vergangenen Donnerstag nicht die Aussage. In wichtigen Fragen verließ aber auch ihn das Gedächtnis. So konnte er sich und der Kammer nicht erklären, wie Spenden der Staatsbürgerlichen Vereinigung (SV) über die Schweiz den Weg in die CDU-Kassen fanden. Aufregung gab es, als die Staatsanwälte Kiep mit Dokumenten konfrontierten, die sie bei einer Durchsuchung der SPD-Schatzmeisterei im Mai 1986 beschlagnahmt hatten (SPIEGEL 29/1986). Die Unterlagen belegen, daß die Schatzmeister schon lange wußten, welche Steuergesetze sie beim Spenden verletzten und verletzen halfen. Allerdings bestätigte Kiep, daß die Spender darüber nicht informiert waren, worauf besonders der frühere Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch Wert legt. Dessen Verteidiger Reinhold Vester beantragte deshalb die Beiziehung sämtlicher von den Staatsanwälten bei der SPD gefundenen Unterlagen. Folgte die Kammer diesem Antrag, so bedeutete dies allerdings eine weitere Verzögerung des Prozesses.

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