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Paul Schallück über Fritz Erler Der Graue

aus DER SPIEGEL 19/1965

Paul Schallück, 42, lebt in Köln. Er schrieb unter anderem die Romane »Ankunft null Uhr 12« und »Engelbert Reineke«.

Das Wort hat der Abgeordnete Erler. Vorn in der ersten Reihe, von einer Feder hochgeschnellt auf mindestens einsachtzig, schmalbrüstig, leicht vorgeneigt, vermutlich wenig Unterhautfell, relativ schmaler Kopf, blasses Gesicht, weitläufige Stirn, seitlich blond-grau - silber, kleiner Mund, helle Augen hinter funkelnder Brille nicht geschickten Formats, die macht den Blick scharf. Geht zum Rednerpult im grauen Einreiher, nicht modisch-elegant, einfach, mit Mädchenschritten federnd auf einem Zehn-Meter-Brett, blickt auf den Spickzettel, nervöses Temperament gezügelt, bis auf den Mund, der schnappt fischähnlich, formuliert schon. Ein Mönch, ein Strafverteidiger, ein Lyriker, ein Asket, ein Intellektueller?

Es wird ruhig im Saal, wenn Erler zum Rednerpult geht, zuerst bei Freunden, Kollegen, Mitstreitern, den früheren Genossen. »Fritz Erler ist ein brillanter Vorsitzender unserer Fraktion. Er ist der sachkundige und unangefochtene Oppositionsführer im Deutschen Bundestag«, so Willy Brandt auf dem Karlsruher Parteitag 1964; bei der Wahl zum Vorstand erhielten beide die gleiche Stimmenzahl, den gleichen Applaus. Kollegen sagen, er sei der Figaro der Partei; andere beschämt schon lange sein Arbeitseifer: Haushalt, Wohnungsbau, Geld und Kredit, Mitglied im Auswärtigen Ausschuß, im Wehrausschuß, Vizepräsident der Gesellschaft für auswärtige Politik, Delegierter im Rat der Europäischen Bewegung, Zweiter im Vorstand, Fraktionschef, Reisender durch Wahlgaue, Kontaktfinder zwischen Washington und Moskau, Stockholm und Ankara.

Bei alldem könne er nicht auch noch den Gesellschaftslöwen spielen, sagt er; das bedauert man. Freunde sagen, er sei der außenpolitische Kopf der Partei, nicht nur, weil er akzentfrei Französisch und Englisch spricht, spanische und italienische Zeitungen liest; andere meinen: Kopf, doch wenig Phantasie. Man sagt, er habe staatsmännisches Format; schon der Knabe wollte Diplomat werden; als Rudolf Breitscheid fragte: hast du das Geld dazu, wurde er es nicht; andere beunruhigt die eckige Kurve seines Temperaments. Mitarbeiter sprechen vom kameradschaftlichen, freundschaftlichen Verhältnis; andere schimpfen ihn zugeknöpft, etwas hochmütig, ein Feuer, das nicht wärmt. Man bewundert sein Reaktionsvermögen; ... andere fürchten den Zorn seiner Ungeduld: »ich habe zur Frage eins schon gesagt...«, »wissen Sie, das ist einfach zu dumm ...«

Man schätzt seine intensiven Reden und beklagt, daß er zum Mit-Denken, nicht auch zum Mit-Fühlen anrege; »ich glaube nicht, daß ich das bin, was man einen Volkstribunen nennt. Begeisterungsstürme habe ich bisher nicht entfesselt«, sagt er ohne Bedauern; das wirft man ihm vor, und er meint, statt mit Begeisterung sollen wir's mal mit Nachdenken versuchen. Gut, einen Unangefochtenen in der Spitze zu wissen; aber unheimlich, daß man ihn so gar nicht packen kann. Weißt du, flüsterte mir ein Freund, daß sie ihn den »Grauen« nennen? Ich weiß es: Der Vorsitzende der Sozialistischen Schülergemeinschaft von Groß-Berlin ging 1933 in den Widerstand, hatte bei der kleinen Gruppe »Neu-Beginnen« den Decknamen »Grau«, wurde 1938 aber als »Walter« verhaftet nach achtwöchigem Soldatenspiel, tagelang wurde er als »Walter« nach sich selbst, nach »Grau« ausgequetscht und als unerkannter »Grau« schließlich vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt; das überlebte der Vater nicht, Friseur Erler vom Prenzlauer Berg, alter Sozialist, 1918 im Arbeiter- und Soldatenrat.

In der Gestapo-Zentrale saß »Grau« alias »Walter« alias Erler zusammen mit SS-Leuten, einem katholischen Priester und dem Reichstagsabgeordneten Kurt Schumacher, lehrte ihn Skat spielen und anderes; Erler alias »Grau« magerte in Zuchthäusern, im Emslandmoor zum Skelett ab; das graue Skelett floh aus einem Gefangenentransport, der nach Dachau ging, verbarg sich bis zum Einmarsch der Alliierten in Biberach. Noch immer geht er als »Grauer« zum Rednerpult, und viele, die ihm 1954 den Zugang zum Parteivorstand verwehrten, setzen 1965 auf seine Zukunft...

Die »Sache« ist eine seiner liebsten Vokabeln. Wenn die Sache es verlangt, spricht er scharf, ironisch, leidenschaftlich oder leidenschaftslos, effektvoll, eloquent, pathetisch oder unpathetisch. Ist die Sache schwach, witzlos, sentimental, ist auch der Redner witzlos, schwach, sentimental: »... unser geteiltes Deutschland, das aus tausend Wunden blutet... Und wenn er sagt: »Die Bundesrepublik Deutschland hat eine schwere Niederlage erlitten«, meint man ihn körperlich mitleiden zu sehen, sachlich. Fritz Erler bleibt bei der Sache.

Auch am Abendtisch bei mir zu Hause bleibt er bei der Sache, verliert er das Federnd-Fordernde nicht, hebt er den Zeigefinger, ballt er die Faust, schlägt er auf den Tisch - nur leiser, lockerer, rücksichtsvoller, mit humorigem Esprit und bereit zu Abschweifungen In manche »Sachen« zwischen Politik und Poesie, Kindererziehung, Pop Art, Zigarre und Kirche, Wetter und Anekdote. Wenn es der Sache paßt, erzählt er einen Witz. Er kann es und spart nicht mit Persönlichem: Der Vater sorgt sich um den Ältesten, der Ehemann denkt wehmütig an Frau und Kinder in der Sechs -Zimmer-Wohnung zu Pforzheim am Hang, der Strohwitwer an das Asyl in Bonn. Fünf Sechstel der Zeit beschlagnahmt die Politik.

Aber »ein Mann muß ein Hobby haben«; er fährt mit dem Wagen, Baujahr 1957, hinaus, eine Handvoll Schlaf macht den Ermüdeten fit, er wandert oder liest Fremdländisches aus Lust an der Sprache, spielt Mozart-Platten oder Schach. Sechs Wochen vor einer Wahl hört er auf zu rauchen. Er liebt Paris, wo er als Austauschschüler mehrfach die Ferien verbrachte und lernte, daß »essen eine musikalische Veranstaltung ist«. Ein angenehmer Gast, anpassungsbereit, liebenswürdig, sympathisch, sagt hinterher meine Frau, und die Nachbarn lassen durchblicken, daß sie dem Erler vertrauen: Der ist ehrlich, der ist fair und vernünftig .

Gerechtigkeit ist für ihn kein Abstraktum. Er ist nicht erstarrt in der Ideologie und in den Zuchthausjahren weder verbittert noch fanatisiert. Was Solidarität bedeutet, hat er erfahren, auch im Moor, als ein Mitgefangener ihm das Leben rettete. Kein Mann des Entweder-Oder, nicht erst im Internierungslager bereit, zwischen großen, kleinen, halben Nazis zu differenzieren. Ein Demokrat - mit ausgeprägtem Verhältnis zur Macht ...

1964 sagte er: »Solange die Bundesregierung Dinge tut, die wir für richtig halten, werden wir sie unterstützen - auch wenn es die Regierung ist.« Er bleibt bei der Sache und Demokrat und Sozialist und Pragmatiker, der die Synthese von programmatischem Denken, idealistischem Streben und realistischem Prüfen nicht aufgibt. »Wenn man es kann, bin ich dafür.« Also bleibt er reserviert gegenüber dem revolutionären Enthusiasmus einiger »Genossen«, die nicht begriffen haben. Sie grollen ihm.

Erstaunlich bei der geistigen Elastizität, der Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit, dem Pragmatismus dieses Mannes: der Motor, der ihn heute treibt, ist der gleiche Wille, der den Jungsozialisten, den Widerstandskämpfer, den Zuchthäusler, den Dolmetscher, den Landrat, den jungen Bundestagsabgeordneten handeln ließ. Neun Monate vor dem Abitur hielt der Primus auf den Reichsfreiherrn vom und zum Stein eine Rede und sagte: »Die Bedeutung des Mannes beruht darauf, daß er bei aller Achtung vor der großen Vergangenheit die Schlacken vergangener Jahrhunderte beiseite räumte und damit der Zukunft zum Durchbruch verhalf.« Im Godesberger Programm half der Erwachsene mit, Ballast abzuwerfen, bei aller Achtung vor der großen Vergangenheit seiner Partei. Erstaunlich, beinahe bestürzend die Logik dieses Lebens und nur so zu verstehen: »Ich habe mich in meiner Haut immer sehr wohl gefühlt. Ich war eigentlich immer verhältnismäßig selbstbewußt, in den Grenzen, es darf nicht zu Größenwahn entarten. Aber man muß wissen, wer man ist.«

Demokrat, Sozialist, Pragmatiker - ein Vollblutpolitiker, den man sich beinahe auf jedem wichtigen Ministersessel vorstellen kann...

Minister-Kandidat Erler

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Industriekurier

»Ich bin der Größte«

Paul Schallück
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