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PORTUGAL Der Greis, der brüllte

Für die Präsidentenwahl haben die Sozialisten einen Altstar aktiviert - Mário Soares, die Symbolfigur des demokratischen Aufbruchs.
aus DER SPIEGEL 3/2006

Nachts ist das alte Eden-Theater im Herzen von Lissabon erleuchtet wie ein Tempel. Weißes Licht strahlt aus den mächtigen Art-déco-Glastürmen, die den zentralen Restauradores-Platz überragen. In der Mitte der Fassade zwischen zwei wuchtigen Marmorsäulen prunkt in diesen Tagen, über vier Stockwerke ausgerollt, das Bild des vielleicht weltweit bekanntesten lebenden Portugiesen: Mário Soares in der Pose des Großen Vorsitzenden und weisen Staatenlenkers.

Mit fast schon sakral anmutender Verehrung huldigen hier seine Unterstützer dem 81-jährigen Greis, der seit der Revolution 1974 als unumstrittener Vater der portugiesischen Demokratie gilt.

Schon in den vierziger Jahren hatte er gegen die Diktatur des Nationalökonomen António de Oliveira Salazar gestritten. Als linke Offiziere das Regime nach vier Jahrzehnten gestürzt hatten, vereitelte Soares eine kommunistisch geprägte Diktatur. Er war der erste gewählte Premier und ab 1986 zehn Jahre lang Präsident. Jetzt ist der Gründer der Sozialistischen Partei noch einmal angetreten, um zu verhindern, dass erstmals seit der Nelkenrevolution am kommenden Sonntag ein Konservativer zum Staatsoberhaupt gewählt wird.

Aus dem Ruhestand hat ihn der Mann getrieben, mit dem er ein Jahrzehnt lang eine schwierige Kohabitation praktiziert hatte, der Ökonomieprofessor Aníbal Cavaco Silva, 66, zwischen 1985 und 1995 Ministerpräsident mehrerer Regierungen der in Portugal konservativen Sozialdemokraten.

Erst sehr spät entschlossen sich die Sozialisten, den vor einem Jahrzehnt abgetretenen »König Mário« noch einmal ins Rennen zu schicken. Seine Beliebtheit soll dafür sorgen, dass die neun Millionen Wahlberechtigten nicht schon in der ersten Wahlrunde den konservativen Kandidaten küren. Denn allzu deutlich wurde bereits, dass es einen deutlichen Stimmungsumschwung gegeben hat, seitdem im vergangenen Februar die Sozialisten unter José Sócrates, 48, mit absoluter Mehrheit an die Macht gekommen sind.

Die letzten Umfragen geben dem konservativen Cavaco etwa 60 Prozent der Stimmen. Seine fünf Gegenkandidaten aus dem Lager der Sozialisten und Kommunisten scheinen weit abgeschlagen. Soares setzt nun all seine Kraft daran, einen zweiten Wahlgang zu erzwingen, um den voraussichtlichen Sieger der ersten Runde mit der dann geeinten Linken zu schlagen.

Wortgewaltig schwor der »pai da pátria«, der Vater der Portugiesen, zum Wahlkampfauftakt im trostlosen Industrievorort Loures deshalb seine Anhänger ein: »Wir müssen Portugal überzeugen, dass der Sieg uns gehören muss.«

Der eisigen Feuchtigkeit in der tristen Mehrzweckhalle trotzte Soares wie einst Sowjet-Potentaten - im dicken Wintermantel. Die Kälte müsse durch die »menschliche Wärme« der Kameraden überwunden werden, brüllte er mit gar nicht greisenhafter Stimme. Sein neoliberaler Gegner sei »wie ein Eukalyptusbaum, unter dem alles Leben abstirbt«.

Soares preist sich an als Garant des Bewährten. »Aus den gleichen Gründen wie immer«, so sein Wahlkampflied, möge ihm das Volk vertrauen. »Soares é fixe«, rufen die Unentwegten, er ist unverwüstlich, auf ihn ist Verlass.

Seit der Jahrtausendwende steckt Portugal in einer tiefen Krise. Zum sechsten Mal in Folge wird in diesem Jahr die Wirtschaft unter dem EU-Schnitt wachsen, das Haushaltsdefizit wird abermals die Vorgaben des Stabilitätspakts sprengen. So viele Arbeitslose wie heute gab es zuletzt vor zwei Jahrzehnten, die Gewerkschaften rechnen mit zehn Prozent.

Die erst im vorigen Winter mit großen Hoffnungen angetretene sozialistische Regierung hat in Rekordzeit an Glanz verloren. Als eine Haushaltsprüfung ergab, dass das Defizit trotz Sparpolitik der konservativen Vorgänger auf sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts angeschwollen war, musste eine Innovationskampagne, der versprochene »technologische Schock«, warten. Statt ihre Löhne zu erhöhen, war der Premier gezwungen, die Privilegien der Beamten zu stutzen und die Mehrwertsteuer auf 21 Prozent anzuheben.

»Weil Portugal in großen Schwierigkeiten steckt«, wirbt der sozialistische Altmeister Soares, habe er sich der neuerlichen Kandidatur nicht verweigern können, »jetzt, wo ich weise und gesund bin«.

Als »Erleuchteten«, einen Neunmalklugen mit messianischen Tendenzen, diffamiert Soares dagegen seinen Gegner Cavaco Silva. Die Mehrheit der Portugiesen allerdings scheint die Vorstellung, dass erstmals ein konservativer Technokrat den Präsidentenpalast Belém erobern könnte, nicht zu schrecken. Wo er auch in den vergangenen Wochen hinreiste, drängten sich die Bürger um den steifen Cavaco.

Der schlanke braungebrannte Professor mit den grauen Schläfen verspricht, mehr zu tun, als nur »Bänder zu durchschneiden«. Er will den Unternehmern »Anregungen geben«, wie sie sich in Eigeninitiative aus der Krise befreien können. Auch in Portugal gelte: »Leistung muss sich wieder lohnen.«

Doch für Soares ist der Favorit nur ein »engstirniger Experte«. Wer keine Allgemeinbildung habe, sich in Geschichte und Philosophie nicht auskenne, dürfe auch nicht das Präsidentenamt erringen, wettert der Altpolitiker. Er dagegen, der »Politiker mit Leib und Seele«, wolle nichts lieber als »Moderator der Gesellschaft« werden. Und noch etwas will er nicht verschweigen: »Ich schäme mich nicht, Sozialist zu sein.«

Solche Bekenntnisfreude ist eher selten geworden in Europa. Am Sonntag werden die krisenzermürbten Portugiesen zeigen, wem sie mehr zutrauen - dem Romantiker oder dem Manager. HELENE ZUBER

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