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»Der größte Spionageskandal«

Wie ein Betrüger FBI, Sicherheitsbehörden und Bürger prellte *
aus DER SPIEGEL 11/1984

In aller Ruhe schwebte Helmut Kohl an Bord der Bundeswehr-Boeing »Otto Lilienthal« über den Atlantik, dem Militärflughafen Andrews Air Force Base, nahe Washington D. C., entgegen.

Der deutsche Kanzler bereitete sich auf den Besuch bei Ronald Reagan vor, seinem guten Freund im Weißen Haus.

Hätte ihm einer seiner Sicherheitsbeamten in jener Nacht vom 3. zum 4. März mitgeteilt, was sich derweil zwischen den Sicherheitsbehörden in Amerika und Deutschland abspielte, sogar seine Nachtruhe wäre dahin gewesen: Zu dieser Stunde liefen hitzige Telephonate zwischen dem amerikanischen FBI und dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) in München-Pullach um einen Fall von höchster Brisanz.

Es ging um nicht weniger als um den Verdacht, daß Bonn ein neuer Fall Guillaume bevorstehe, daß Helmut Kohl nach Willy Brandt der zweite Bundeskanzler sei, dem Ost-Berlin einen Agenten an höchster Stelle, diesmal gar im Staatssekretärsrang, beigegeben habe. Der Verdacht: Am 29. Februar meldet sich beim FBI in Los Angeles ein Mann mit der Mitteilung, er sei DDR-Agent, biete brisante politische Enthüllungen und verlange dafür politisches Asyl in den USA.

Die Beamten sind alarmiert, als Franz Bernhard - so nennt er sich - auspackt: Er sei »Hauptmann der Abteilung A I des Ministeriums für Staatssicherheit« (MfS) in Ost-Berlin, er habe sechs Jahre lang in der Bundesrepublik spioniert und als Kurier das Material anderer Agenten nach Ost-Berlin befördert.

Er nennt Namen - etwa den grünen Ex-General Gert Bastian und den Leiter des Ministerbüros von Manfred Wörner, Jochen Trebesch ("Grille"); er nennt Adressen mehrerer Sammelstellen, darunter die Anschrift eines Ludwigshafener Bürgers, der nur wenige Kilometer von Kohls Oggersheimer Eigenheim entfernt lebe und dessen Hausdach auffallend viele Antennen zierten.

Dann rückt »Bernhard« mit seinem Knüller heraus: Sein oberster Dienstherr, DDR-Spionagechef Markus Wolf, habe im engsten Beraterkreis des deutschen Kanzlers einen Top-Agenten plaziert - den Presse-Staatssekretär Peter Boenisch, Agentenname »Terrier«. Zum Beweis legt er Honorarabrechnungen des MfS mit dem ehemaligen Springer-Journalisten Boenisch vor. Seine eigene Identität stützt er auf einen Dienstausweis des MfS, ausgestellt auf den Namen »Gerhard Franke«, unterschrieben von Markus Wolf.

Seinen und seiner Frau Reisepaß auf den Namen »Bernhard« will er ebenso wie Reisedokumente auf die Namen »Meixner« und »Weber« bei der DDR-Botschaft in Washington abgegeben haben.

Die FBI-Fahnder an der Westküste geraten in Aufregung. Mit eigenen Mitteln sehen sie sich außerstande, aufzuklären, ob die beiden tatsächlich Ost-Agenten oder Betrüger sind.

Die Amerikaner rufen ihre deutschen Verbündeten zu Hilfe. In der Aufregung wenden sie sich an eine Adresse, die vom deutschen Gesetz her nicht für Inlandsaufklärung und Spionageabwehr zuständig

ist, an den BND, hier: an den Washingtoner Residenten des Pullacher Dienstes. Der schaltet am Samstag, dem Anreisetag des Kanzlers, seine Zentrale in Deutschland ein.

Der deutschen Spionagezentrale scheint rasche, unkonventionelle Amtshilfe für die Amerikaner wichtiger als der korrekte Dienstweg, der geradeaus zur westdeutschen Spionageabwehr, zum Verfassungsschutz nach Köln, führen müßte. Ein hoher BND-Mann: »Die waren sehr aufgeregt, sie glaubten, vor der Entdeckung des größten Spionageskandals der Welt zu stehen.«

Die Hilferufe aus USA werden drängender. Schließlich war Kohls Start von Köln-Wahn für 15 Uhr (MEZ) gleich 9 Uhr (Washington-Zeit) gleich 6 Uhr (kalifornische Zeit) avisiert. BND-Spezialisten lassen sich am Telephon die genauen Maße und Schrifttypen des angeblichen MfS-Dienstausweises durchgeben. Ihr Urteil: »So was haben wir noch nie gesehen.«

Mit Mühe gelingt es den Pullachern, die amerikanischen Kollegen davon abzuhalten, im Bonner Kanzleramt Großalarm auszulösen. Am Sonntagmorgen um 7.15 Uhr schließlich wird die Sache, die eigentlich gar nicht seine ist, dem Vizepräsidenten des BND, Norbert Klusak, zu heiß. Er versucht, den Präsidenten des Verfassungsschutzes, Heribert Hellenbroich, aus dem Bett zu klingeln - vergeblich.

Dann versucht er sein Glück bei dessen Vize Stefan Pelny. Der hört sich die Story an und kann den Geheimdienstkollegen beruhigen: Pelny und sein Chef Hellenbroich kennen die Geschichte vom übergelaufenen DDR-Agenten und vom »Terrier« im Kanzleramt bereits seit fast zwei Wochen - vom SPIEGEL.

Am 10. Februar hatte sich, zunächst in New York, anschließend im Washingtoner Büro des SPIEGEL ein Paar namens »Metzger« gemeldet, das sich später in »Rudi Weber« und Frau verwandelte. Beide waren mit 14 Gepäckstücken, darunter einer schweren Metalltruhe, beladen und behaupteten, entflohene MfS-Agenten zu sein.

Und sie zeigten Unterlagen vor über »Terrier« alias Peter Boenisch: Eine gelbe Karteikarte mit gedrucktem Kopf »Ministerium f. Staatssicherheit Abteilung A 1. Geheimsache!« wies Zahlungen vom 10. August bis 15. Dezember 1983 von insgesamt 125 000 Mark auf.

Neun schreibmaschinengetippte Bögen zeigten den Briefkopf »MfS Abt: A I Akz: 2539/ ... Informations-Auswertung« und einen Stempel »Geheimsache! Abteilung A 1« sowie die Unterschrift »Wo« in schwarzer Tinte.

Acht dieser Papiere enthielten Berichte über die Affäre Kießling/Wörner mit Zitaten und Meinungen aus offenbar höchster Quelle, aus der unmittelbaren Umgebung des Bundeskanzlers, der im Amtsdeutsch mit »BK« bezeichnet wird.

Leseprobe: »Der BK wirkt eingeschüchtert und ratlos«, oder: »Nach dem Telephonat (mit Strauß) wirkt der BK hilflos und bedarf der Ermunterung.«

Die Papiere wollte Metzger/Weber am 3. Februar im Ost-Berliner MfS gestohlen haben. An diesem Tage habe er Material aus der Ludwigshafener Sammelstelle abgeliefert und sei Zeuge einer chaotischen Verwirrung im Ost-Berliner Ministerium geworden: »Alles raste durch die Gänge, quer durch den Bau lief das Wort Andropow, Türen wurden aufgerissen, einer brüllte nach der Sekretärin, ein anderer schrie: 'Auf, auf, zum Funken'.«

Auf den Einwand, der sowjetische Staats- und Parteichef Jurij Andropow sei erst eine Woche später verschieden, antwortete Metzger/Weber: »Die müssen gewußt haben, daß es zu Ende geht.«

Während seiner langjährigen Tätigkeit, so die Erzählungen des Überlaufenden, habe er viele Berichte von »Terrier« in Ludwigshafen abgeholt und - unter verschiedenen Decknamen - über West-Berlin via Bahnhof Friedrichstraße »in die Hauptstadt« transportiert. Lange Jahre habe der »Terrier« nur Personen aus der journalistischen Szene dem MfS als Ansprechpartner empfohlen: einen Photoreporter, der viel Geld für die Beschaffung von Alkohol brauchte; einen prominenten Chefredakteur, der angeblich bei seinem Verleger hoch verschuldet sei; einen Korrespondenten wegen Frauengeschichten.

Als die Berichte aber plötzlich politisch wurden, sei er, so der Kurier Metzger/Weber, »stutzig geworden«. Er habe sich gedacht, die Agenteninformationen könnten nur von einem stammen, der »unter einem großen Dach mit denen in Bonn sitzt, aber weder bei der einen noch bei der anderen Partei zum inneren Kreis gehört. Mir wurde immer gewisser, es könnte nur der Boenisch sein«.

Mit dem Material in der Aktentasche habe er dann unbehelligt das MfS verlassen und sei am Abend des 3. Februar nach Frankfurt geflogen. Dort habe er von der Frau des Ludwigshafener Agenten neue Papiere und Photos für London übernommen und sei anderentags in die englische Hauptstadt geflogen.

Am 4. Februar sei er dann samt Übergepäck und Frau nach New York gejettet; ein gemeinsames Baby blieb in Frankfurt zurück.

Die Geschichte vom Diebstahl der »Terrier«-Akten schien den SPIEGEL-Redakteuren reichlich unglaubwürdig. Der Augenschein der sogenannten Dokumente beseitigte restliche Zweifel, daß hier ein Betrüger am Werke war.

Karteikarten und »Informations-Auswertungen« erwiesen sich schon beim sorgfältigen Augenschein als Fälschungen: In den Texten kam kein Wort mit »ß« vor; auf amerikanischen Schreibmaschinen fehlt dieser Buchstabe. Und die angeblichen MfS-Dokumente waren auf Bogen getippt, die exakt dem amerikanischen Format, nicht aber deutschen DIN-Normen entsprechen. Der Überbringer dazu: »In der Hauptstadt kümmern wir uns nicht um DIN-Normen.«

Weitere Widersprüche: Das Paar war, einen Tag früher als angegeben, am 3. Februar mit PanAm-Flug 101 aus London in New York gelandet. Die beiden hatten 175 englische Pfund für Übergepäck gezahlt und zogen noch am Ankunftstag ins New Yorker »Barbizon Plaza«-Hotel.

Eingereist waren die beiden weder als »Metzger« noch als »Weber«, sondern als »Mr. Knoche« und »Mrs. Zoeller«, im Hotel hatten sie als »Zoeller« aus Hamburg eingecheckt.

Die Ungereimtheiten ließen es sicher erscheinen: Metzger alias Weber alias Franke alias Knoche alias Zöller hatte die »Terrier«-Geschichte erfunden, das Material war getürkt. Freilich blieb die Frage offen, wieso Zöller mit seinen Märchen und Aufschneidereien Journalisten und die Sicherheitsbehörden diesseits und jenseits des Atlantik leimen wollte. Zöller selbst hatte den SPIEGEL aufgefordert, sein Material und seine Personaldaten von Geheimdienstexperten überprüfen zu lassen.

Der SPIEGEL folgte der Empfehlung und informierte Verfassungsschutz-Präsident Hellenbroich samt Vize Pelny. Der Befund entsprach den Erwartungen: »An keiner Stelle gibt es einen Hinweis, der des Nachdenkens wert wäre. So arbeitet kein DDR-Agent.«

Auf der Suche nach einem Motiv für Zöllers Aktivitäten riskierte Hellenbroich eine Ferndiagnose: »Psychotisch.« Damit und mit der Bitte, Peter Boenisch die Lügenstory zu erzählen, war die Geschichte für die deutsche Abwehr erledigt.

Für deutsche Polizisten und Staatsanwälte sind freilich Norbert Volkhard Zöller, geborener Knoche, geboren am 26. Januar 1946 in Rastenberg, und seine Frau Andrea Claudia Zöller, geboren am 4. Oktober 1957 in Neuwied, keine Unbekannten. Der Offenbacher Staatsanwalt Detlev Thorer ermittelt seit 1982 unter dem Aktenzeichen 32 Js 78305/82 wegen versuchten oder vollendeten Betrugs in insgesamt 30 Fällen.

Bürger in Offenbach, Ludwigshafen und New York, die Zöller nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft prellen wollte oder ausgenommen hat, schwärzte er hinterher als DDR-Agenten an. Der Schaden geht in die Hunderttausende - und das nur vom 28. Oktober 1982 an gerechnet.

An diesem Tage gingen beim Landeskriminalamt Bayern und beim Polizeipräsidium in Offenbach Anzeigen einer Presseagentur Zöller aus dem hessischen Rodgau ein: Zwei Journalisten der »Schweizer Illustrierten« hätten Zöllers Sekretärin entführt und ihr unter Drohungen »Redaktionsgeheimnisse« erpreßt. Eine Oberstaatsanwältin ordnete die Festnahme der Eidgenossen an, doch sie »entkamen« nach Zürich.

Tatsächlich hatte Zöller dem »Playboy« und der Illustrierten für 1500 Franken eine Story ("Linda Wayne - ich schaffe es auch ohne Vaters Millionen") andrehen wollen, seine Frau Claudia heiße in Wahrheit Linda, Tochter des US-Western-Helden John Wayne und einer von diesem 25 Jahre zuvor geschwängerten Komparsin. Die von Zöller angeschuldigten Journalisten hatten dagegen bei Zöllers Sekretärin herausgefunden, daß die Story erfunden war.

Staatsanwalt Thorer entschloß sich Anfang 1983, die Presseagentur Zöller zu untersuchen: Er entdeckte reichlich Material über Zöllers Aktivitäten, besonders bei einer »Miss Germany Corporation«.

In Zeitungsanzeigen hatte der Miss-Manager um Drucker, Designer und Werbeexperten geworben. Er fand sie - und ihr Geld; etwa einen Würzburger Unternehmer, dem er jährliche Druckaufträge in Höhe von 300 000 Mark garantierte. Der Franke zahlte 40 000 Mark Provision und wartet noch heute auf die Bezahlung von Rechnungen in Höhe von 64 000 Mark.

Auf ähnliche Weise räumte Zöller bei einem Offenbacher Designer 20 000 Mark Provision plus 8700 Mark als Kredit, bei einem Ludwigshafener Film- und Photofachmann 25 000 Mark ab. Am 28. Mai 1983 stieg im Düsseldorfer Hilton die erste - und einzige - Gala.

Das Fest wurde eine Pleite, statt 700 kamen nur etwa 250 Gäste. Die Schadensbilanz liest sich wie eine Hitparade. Auf ihr Honorar warten: Caterina Valente (45 000), Chris Howland (7910), Paul Kuhn (16 000), Die Saragossa-Band (6800). Dazu steht Zöller beim Hilton mit 50 000 Mark, bei einem Dekorateur mit 10 700 Mark in der Kreide.

Erfahrungen im Show-Geschäft hatte Zöller schon früher gesammelt - als er noch Norbert Knoche hieß.

Im Gefängnis von Verden an der Aller enthüllte er 1978, wie er in verschiedenen Rollen für Furore sorgte: als Manager der Beatles, als Moderator der Europawelle Saar oder als Bruder des Sängers Abi Ofarim.

Am Montag vergangener Woche, Kanzler Kohl war noch bei Präsident Reagan, erließ die Offenbacher Staatsanwaltschaft einen achtseitigen internationalen Haftbefehl; tags darauf griff die US-Polizei in Los Angeles zu. Am Aschermittwoch traf im Wiesbadener Landeskriminalamt ein Fernschreiben ein: Ehepaar Zöller festgenommen.

Die deutsche Justiz plagt jetzt eine Sorge: Wie soll sie in der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von 40 Tagen alles gegen Zöller vorliegende Material übersetzen, mit dem der Auslieferungsantrag begründet werden muß?

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