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»Der größte Tag für die konservative Sache«

In einem überwältigenden Wahlsieg fegte Ronald Reagan den demokratischen Präsidenten Jimmy Carter aus dem Amt. In diesem Ausmaß nicht vorhergesehen, war das Ergebnis der Präsidentenwahl dennoch nicht überraschend: Das konservative Amerika hat sich gesammelt, das Heil in den Werten der Vergangenheit zu suchen.
aus DER SPIEGEL 46/1980

Nur mit Urgewalten ließ sich nach dem Urteil sonst kritischer amerikanischer Zeitungen vergleichen, was am vorigen Dienstag über die USA hereinbrach: Ein »Erdrutsch« erschütterte das Land, eine »Sturmflut« rollte über Amerika, vor der alle Dämme brachen.

Da dämmerte »ein neues Zeitalter« herauf, erlebte die Welt »einen der großen Wendepunkte der US-Geschichte«, wurde Amerika, so die New Yorker »Daily News«, »reaganisiert«.

Den Sieger schreckte ein Anruf aus der Badewanne: In ein Handtuch gehüllt nahm Ronald Wilson Reagan, 69, die Glückwünsche des vernichtend geschlagenen Präsidenten Jimmy Carter entgegen, noch bevor die Wahllokale im Westen der USA geschlossen hatten.

Und noch bevor sich der gewählte 40. Präsident der USA zum Abendessen mit reichen kalifornischen Freunden niederließ -- in neun der 50 Bundesstaaten wurde immer noch gewählt --, gab sich Jimmy Carter auch öffentlich geschlagen.

Als am Ende alle Wahllokale geschlossen, alle Stimmzettel gezählt waren, stand fest: Jimmy Carter hatte nicht, wie vielfach vorausgesagt, eine Wahlniederlage, er hatte eine politische Katastrophe erlitten -- und Ronald Reagan einen der glanzvollsten Wahlsiege der amerikanischen Geschichte errungen.

Zum erstenmal seit 28 Jahren eroberten die Republikaner wieder die Mehrheit im Senat; sie verringerten den überwältigenden Vorsprung der Demokraten im Repräsentantenhaus und eroberten die Regierungsgewalt in vier weiteren bislang von Demokraten gehaltenen Bundesstaaten.

»Wir haben jetzt die Chance«, jubelte der frühere Football-Spieler und jetzige Kongreßabgeordnete Jack Kemp aus New York, einer der Lieblinge des neuen Präsidenten, »dasselbe zu tun, was Konrad Adenauer einst in Deutschland vollbrachte: die Partei des Friedens und Wohlstands zu werden, die für zwei Generationen an der Macht bleibt.«

Amerikas Wähler hatten, ohne Frage, ein Fanal gesetzt, vergleichbar dem Richtungswechsel bei der Präsidentschaftswahl von 1932.

Auch damals war ein Präsident, der Republikaner Herbert Hoover, aus dem Amt gefegt worden, hatte der Ex-Gouverneur des zu jener Zeit bevölkerungsreichsten Bundesstaates, der Demokrat Franklin D. Roosevelt aus New York, mit seinem triumphalen Wahlsieg zugleich die Vorherrschaft der gegnerischen Partei über Amerikas Politik beendet, hatte vor allem eines die Nation zum rabiaten Kurswechsel bewogen: die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft, um Preisstabilität und Arbeitsplätze.

Damals erhofften sich Millionen Amerikaner Hilfe und Rettung vom Staat, von den für US-Begriffe beinahe linken Sozialprogrammen der Demokraten.

1980 dagegen wandten sich Millionen in die entgegengesetzte Richtung, stimmten gegen den Einfluß des Staates, von dem sie ihr Leben zu stark reguliert und stranguliert sahen, gegen »Big Government«, zu viele Steuern, zuviel Bevormundung. Diesmal sollten die Republikaner das angeschlagene Amerika retten, das -- nicht nur in ihren Augen -- nun schon seit Jahren das Bild eines siechen Giganten bietet.

Die Leitmacht der westlichen Welt

* ist gezeichnet von einer schweren Wirtschaftskrise mit zweistelligen Inflationsraten, langen Schlangen von Arbeitslosen, schwerem Haushaltsdefizit, roten Zahlen sogar bei einst so unerschütterlichen Wachstums-Garanten wie General Motors;

* wird seit über einem Jahr von einem bärtigen Ajatollah im Iran einfallsreich gedemütigt und erwies sich als unfähig, 52 US-Geiseln aus dessen Gewalt zu befreien;

* läuft (angeblich) Gefahr, von den Sowjets militärisch auf den zweiten Platz verdrängt zu werden.

Und dazu kam mit Jimmy Carter ein Präsident, dessen fraglos guter Wille nicht ausreichte, eine Weltmacht von der Größe und dem Anspruch der USA zu führen.

Für einen Augenblick mochte es zwar scheinen, als artikuliere Jimmy Carter nach dem Watergate-Fiasko tatsächlich das Empfinden des Volkes, die Sehnsucht S.144 nach moralischer Erneuerung Amerikas.

In Wirklichkeit aber präsidierte Jimmy Carter bereits einem Volk, das für den Verfall der Größe Amerikas schon ein Heilmittel gefunden hatte: die Rückkehr zu den Werten der Pionierzeit, die konservative Erneuerung, den Weg nach rechts.

Das war schon 1968 erstmals sichtbar geworden, in der Wahl Richard Nixons und den fast zehn Millionen Stimmen, die damals der rabiate Rechte George Wallace erhielt. Das hatte sich 1972 manifestiert in der triumphalen Wiederwahl Nixons und der Niederlage des liberalen George McGovern. Und das setzte sich im Grunde mit der Wahl Jimmy Carters fort.

Denn der hatte sich den Konservativen im Wahlkampf des Jahres 1976 sehr wohl als Konservativer präsentiert (den Liberalen freilich auch als Liberaler), als Kandidat, der sich der eigenen Demokratischen Partei kaum verbunden fühlte und deren Führer in Washington nach der Auskunft eines engen Mitarbeiters »allesamt haßte«.

Der Ruck nach rechts ging denn auch unter Jimmy Carter unaufhaltsam weiter: 1978 bereits, zwei Jahre nach Carters Wahlsieg, blieb bei den Wahlen zum Senat eine Reihe liberaler Demokraten auf der Strecke.

Verbittert über den Niedergang und die fortwährenden Demütigungen Amerikas formierten sich Amerikas Konservative zu einer »Neuen Rechten«, einer »Moralischen Mehrheit«, die keinen Zweifel ließ an ihren Zielen: Amerika zu befreien von den »Ungläubigen«, die für so widerwärtige Dinge wie Abtreibung, Gleichberechtigung der Frau oder auch Abrüstungsverträge mit Kommunisten eintraten.

Da formierte sich ein »Nationales Konservatives Politisches Aktionskomitee«, da trommelten konservative Fernsehpriester auf Millionen gläubige Zuschauer ein, diesmal auf jeden Fall zur Wahl zu gehen und richtig, rechts nämlich, zu wählen (SPIEGEL 37/1980).

Wo immer ein liberaler Abgeordneter oder Senator zur Wiederwahl antrat, sammelten Moralisten Hunderttausende für den konservativen Widersacher und gingen mit eigenen demagogischen Anzeigen an die Öffentlichkeit.

Ihren Spitzenkandidaten hatten sie sich längst ausgesucht: den alten Ronald Reagan, der sich bereits 1968 und 1976 um den Einzug ins Weiße Haus bemüht hatte. Auf einer Jubelveranstaltung voller Patriotismus und Bigotterie hoben sie ihn im Spätsommer im texanischen Dallas auf ihren Schild.

Als am vorigen Dienstag abgerechnet wurde, konnte der Moral-Reverend Jerry Falwell stolz triumphieren, 90 Prozent der von der »Moralischen Mehrheit« unterstützten Kandidaten seien erfolgreich gewesen: »Es war der größte Tag in meinem Leben für die konservative Sache und für die amerikanische Moral.«

Die Strecke konnte sich sehen lassen: Nahezu sämtliche Befürworter des Salt-II-Vertrages waren gescheitert, gedemütigt von rechten Überzeugungstätern; statt der Church und McGovern werden künftig die Jesse Helms und Strom Thurmond das Wort haben, radikale Rechte, die bislang als Außenseiter galten.

Der »Dixiecrat« Thurmond aus South Carolina etwa, 77, einstmals rassistischer Demokrat und 1948 Gegenkandidat des Präsidenten Harry Truman, ein erklärter Gegner der Bürgerrechtsgesetze, wird nun anstelle Edward Kennedys Vorsitzender des Justizausschusses.

Was damit auf die Nation zukommt, deutete Thurmond schon am Tag nach der Wahl an: Er sei für die Wiedereinführung der Todesstrafe und natürlich auch für ein tägliches Pflichtgebet zu Beginn des Schulunterrichts.

Vor allem profitierte Ronald Reagan von der Wühlarbeit seiner moralischen Helfer. Die Mehrheit der einst von Roosevelt aufgebauten demokratischen Koalition -- Arbeiter, Katholiken, Juden -- kam ihm ein großes Stück entgegen, verbittert über ihre desolate wirtschaftliche Lage und über den schwachen, unentschlossenen Mann im Weißen Haus.

»Seid Ihr heute besser dran als vor vier Jahren, als Mr. Carter Präsident wurde?«, fragte Reagan publikumswirksam und schaute zufrieden in die Menge, wenn ihm ein vielstimmiges »No« antwortete.

In Scharen schwenkten treue Demokraten von gestern über zu dem netten Ronald, der soviel mehr Wärme ausstrahlte als der Besserwisser Carter.

Welches Programm Reagan im einzelnen vertrat, war dabei sekundär. Im September noch ermittelte sein Meinungsforscher Richard Wirthlin, daß 40 Prozent der Wähler keine Ahnung hatten, wofür der republikanische Kandidat eigentlich stand. Sie identifizierten ihn allenfalls als einen Mann, der schon ein Vierteljahrhundert lang aktiv im politischen Geschäft und 1976 als Präsidentschaftsbewerber nur knapp an Gerald Ford gescheitert war.

Ronald Reagan geriet nicht einmal in Gefahr, als Jimmy Carter offen erklärte, einem Reagan könne man die Verfügungsgewalt über Amerikas Atomwaffenarsenale nicht anvertrauen: In der Fernsehdebatte eine Woche vor der Wahl fiel es dem Ex-Fernsehstar Reagan leicht, sich als Mann des Friedens zu präsentieren.

So waren denn eigentlich schon lange, bevor die Amerikaner zur Wahl gingen, die Weichen gestellt, schien sicher, daß Jimmy Carter, der unpopulärste Präsident seit der Erfindung der Meinungsumfragen, schon nach einer Amtsperiode schmählich abgewählt werden würde.

Vor seinen Mitbürgern in Plains weinte Jimmy Carter nun wieder -wie 1976 nach seiner Wahl.

Sein Rivale andererseits mochte den Sieg, zumindest in diesem Ausmaß -über S.148 acht Millionen mehr Wählerstimmen, zehnmal mehr Wahlmännerstimmen als Carter --, zunächst kaum wahrhaben. Ihm wäre möglicherweise, wie dem Deutschen Helmut Schmidt einen Monat zuvor in Bonn, ein knapper Sieg, der zu engem Zusammenstehen zwingt, viel lieber gewesen.

So aber sieht er sich, kaum als Sieger gefeiert, bereits im Visier all jener, die glauben, sie allein hätten ihm zum Sieg verholfen. Die ersten Wechsel wurden vorige Woche präsentiert (siehe Seite 152), weitere werden gewiß folgen.

Für den Anfang will Ronald Reagan offenbar versuchen, sich mit Deklamationen aus der Affäre zu ziehen. So soll der Stab, der Reagans Einzug ins Weiße Haus vorbereitet, sein besonderes Augenmerk auf die Exekutivvollmachten des Präsidenten richten: Noch in der ersten Woche seiner Amtszeit, die am 20. Januar 1981 beginnt, möchte Reagan den einen oder anderen spektakulären Beschluß verkünden, um die Richtung zu weisen für die nächsten vier Jahre.

Erwogen wird beispielsweise ein Einstellungsstopp für den Öffentlichen Dienst, die Aufhebung des Weizenembargos gegen die Sowjet-Union, die Reorganisation des nationalen Sicherheitsrates mit einer Entmachtung jenes Amtes, das einst von Henry Kissinger und zuletzt von Zbigniew Brzezinski zum Gegenamt des State Department ausgebaut worden war.

Doch die Helfer von rechts werden ihn hetzen, alle Wahlversprechungen einzulösen, auch jene, von denen er vielleicht weiß, daß sie gar nicht einzulösen sind: etwa sein Vorsatz, zugleich die Steuern kräftig zu senken und die Rüstungsausgaben zu erhöhen, um Moskau besser in die Schranken zu weisen; sein Wunsch, Amerika nach außen wieder in Führung zu bringen, zugleich aber auf den Rat der Europäer zu hören; oder schließlich sein Vorsatz, mit Moskau über Abrüstung nicht getrennt zu verhandeln, sondern nur im Zusammenhang mit dem sowjetischen Auftreten in der Welt.

»Ich bin sicher«, sinnierte der scheidende Jimmy Carter, »daß Gouverneur Reagan alles tun wird, um seine Wahlversprechen zu erfüllen ... und soviel wie möglich von der Vorherrschaft unserer Nation wiederherzustellen ... Aber die historische Entwicklung geht nun einmal unausweichlich dahin, daß wir manche Dinge, die wir früher kontrollierten, heute nicht mehr in der Hand haben.«

Als Ronald Reagan am vorigen Donnerstag erstmals als gewählter Präsident vor die Presse trat, gelobte er zwar sogleich allen seinen Helfern: »Wir werden euch nicht enttäuschen.« Aber das klang ähnlich wie vor vier Jahren Jimmy Carters »Ich werde euch niemals belügen.«

S.144Frau Rosalynn, Tochter Amy, Enkel Jason.*

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