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Argentinien Der große Bluff

Mit einer angeblichen Rückkehr zur Demokratie will Argentiniens Militärregime die peronistischen Massen gewinnen, das Massen-Idol Perón aber gleichzeitig ausmanövrieren. Das Spiel könnte blutig enden.
aus DER SPIEGEL 32/1972

In seinem Büro in Buenos Aires bewahrt Argentiniens Präsident General Alejandro Lanusse, 53, ein makabres Souvenir: die Tür seiner Zelle aus jenem Gefängnis, in dem er unter der Diktatur Juan Peróns vier Jahre einsaß.

Dennoch pokert Lanusse heute, 17 Jahre nachdem die Armee Perón aus dem Lande jagte, mit dem einstigen Erzfeind um die Macht in Argentinien. Denn Perón, 76, ist im Madrider Exil wieder zur entscheidenden Figur der argentinischen Politik geworden.

Die »Revolution« der Generale -- wie sich das seit 1966 herrschende Militärregime nennt -- war schon gescheitert, als der Oberkommandeur des Heeres Lanusse im März vergangenen Jahres per Putsch die Macht übernahm. Er wagte deshalb ein riskantes Spiel.

Schon bald nach seinem Amtsantritt ließ Lanusse die seit 1966 verbotenen Parteien wieder zu -- auch Peróns »Movimiento Nacional Justicialista« -- und versprach Wahlen für den 25. März nächsten Jahres.

Dann schickte Lanusse insgeheim Emissäre nach Madrid, gab den seit Peróns Sturz versteckten Leichnam der zweiten Perón-Ehefrau Evita heraus und ließ gegen Perón in Argentinien anhängige Gerichtsverfahren (wegen Unterschlagung und Verführung Minderjähriger) einstellen. Er gab dem Ex-Staatschef seine politischen Rechte zurück, erkannte ihm eine Präsidenten-Pension zu und bot ihm einen argentinischen Paß an.

Perón aber denkt wohl für den Augenblick nicht daran, nach Argentinien zurückzukehren -- und damit rechnet Lanusse. Seine Einladungen an Perón waren ein großer Bluff, darauf gezielt, den Perön-Mythos endgültig zu untergraben, den selbst der unrühmliche Abgang des Diktators im September 1955 nicht zu zerstören vermocht hatte.

Nach zehnjähriger Herrschaft war der Diktator damals, als die Armee gegen ihn putschte, auf ein paraguayisches Kanonenboot im Rio de la Plata geflüchtet. Während der nächsten vier Jahre genoß Perón Asyl bei seinen lateinamerikanischen Diktatoren-Kollegen; so in Stroessners Paraguay, bei den Somozas in Nicaragua. bei Pérez Jiménez in Venezuela und in Trujillos Dominikanischer Republik.

Dann, 1960, ließ er sich in Francos Spanien nieder. Und mit der Entfernung zur Heimat wuchs auch die Perón-Legende bei Argentiniens Arbeitermassen, die Perón einst mit Lohnerhöhungen, Sozialversicherungsgesetzen, dem Bau von Krankenhäusern und Arbeitersiedlungen für sich gewonnen hatte.

Vergessen schien die Pleite seiner Wirtschaftspolitik, die totalitäre Unterdrückung jeder Opposition und die Korruption seines Regimes, die Perón ein auf über 100 Millionen Pesos geschätztes Privatvermögen beschert hatte.

Auch im Exil bewahrte Perón seinen Einfluß auf die Machtbasis, die er sich einst als Gegengewicht gegen die Armee geschaffen hatte: sein »Movimiento Nacional Justicialista« und den Gewerkschaftsbund CGT. Mindestens 90 Prozent der über hundert CGT-Einzelsyndikate gelten als peronistisch.

Täglich empfing Perón in seiner Luxusvilla »17. Oktober« im Madrider Nobelviertel Puerta de Hierro Abordnungen seiner Getreuen oder ratsuchende Gewerkschaftsführer. Per Tonband schickte er Direktiven an die Heimatfront. Und zweimal entsandte er seine dritte Frau Isabel, 39, nach Argentinien, die er als Nachtklub-Tänzerin in Panama kennengelernt hatte.

Perón selbst freilich machte keinen ernsthaften Versuch, in die argentinische Alltagspolitik zurückzukehren. Geschickt vermied er es auch, sich zugunsten einer der untereinander zerstrittenen Gruppen des Peronismus -- von kollaborationswilligen Syndikatsbossen bis zu den Predigern des bewaffneten Kampfes -- festzulegen.

Den Perón-Mythos nährte unterdessen aber vor allem das Versagen seiner Nachfolger: Die Generale -- von den acht Präsidenten nach Perón waren sechs selbst Militärs oder von den Militärs eingesetzt -- wollten zwar angeblich die Demokratie wiederherstellen. gleichzeitig aber die stärkste politische Bewegung des Landes, die Peronisten, von dieser Demokratie ausschließen.

Die beiden einzigen frei gewählten Präsidenten -- Frondizi und Illia -- wurden gestürzt, als sie den Peronisten eine -- wenn auch beschränkte -- Rückkehr in die Politik gestatteten.

Unter den bisher drei Staatschef-Generalen des 1966 installierten Militärregimes -- Ongania, Levingston und Lanusse -- verschlechterte sich auch die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung zusehends. So stiegen allein in den vergangenen zwölf Monaten die Lebenshaltungskosten um 60 Prozent. Die Löhne wurden dagegen nur um 30 Prozent erhöht. Die Zahl der Arbeitslosen kletterte auf über eine Million.

Ende Juni explodierte in fast allen Provinzhauptstädten der Unmut über das Regime in heftigen Straßenschlachten. Im Juli rebellierten die Einwohner zweier Provinzstädte geschlossen gegen die vom Militär eingesetzte Verwaltung. Und argentinische Anwälte protestierten öffentlich gegen die Folterpraktiken. mit denen Polizei und Armee nach brasilianischem Vorbild die Subversion bekämpfen wollen.

Argentinien befinde sich, so stellte die chilenische Zeitschrift »Ercilla« fest, »auf dem Gipfel politischer und sozialer Unsicherheit«. Immer mehr Argentiniern erscheint daher Peróns Justicialista-Bewegung mit ihrem vage gehaltenen Programm nationaler Unabhängigkeit und sozialer Gerechtigkeit als einzige Alternative.

Sogar Nichtperonisten schätzen. daß Perón heute bis zu über 50 Prozent der Wählerschaft für sich mobilisieren könnte: Ein Kalkül, das General Lanusse zu seinem Annäherungsversuch bewog. Auch Washington, so scheint es, drängte die Militärs in Buenos Aires, sich angesichts des Linksrutsches in Chile mit Perón zu arrangieren. Freilich, die von Lanusse angestrebte »Große nationale Übereinkunft« entpuppte sich als ein Manöver, das nicht demokratische Freiheit, sondern weiterhin eine Schiedsrichterrolle der Militärs garantieren soll -- bloß mit Billigung der Peronisten. Die Parteien müßten, so forderte Lanusse, »mit den Streitkräften Minimalbedingungen für die Stabilität einer künftigen Regierung diskutieren«.

Dieses Spiel jedoch wollte Perón nicht mitspielen: Anfang Juli warnte der peronistische Gewerkschaftsbund CGT die Militärs in Zeitungsanzeigen·. »Die Streitkräfte sollen wissen. .. daß das Volk, wenn man die künftigen Wahlen zu manipulieren und die Bevölkerung zu betrügen versucht ... sich für den blutigen Weg der gewaltsamen Revolution entscheiden wird.«

Das mobilisierte jene Ultras in der Armee, die ohnehin jeden Dialog mit Perón ablehnen. Sie drängten Lanusse. den Ex-Diktator mit einem Ultimatum auszuspielen: Bis zum 25. August, so verkündete der Staatschef am 7. Juli bei einem »Kameradschaftsessen« der Streitkräfte, muß jeder Argentinier, der im Ausland lebt und für die Präsidentschaftswahlen kandidieren will, in die Heimat zurückkehren und dort bis zu den Wahlen bleiben.

Peron reagierte, wie die Militärs erwartet hatten: Er weigerte sich, sein Madrider Exil zu verlassen. »Warum soll ich mich in ihre Hände begeben«. so erklärte er am vorletzten Wochenende, »wenn ich von hier aus ebensogut führen kann?« Gleichzeitig aber drohte der Führer mit seiner Rückkehr: »Wenn mich Millionen Argentinier bitten, »sei unser Präsident« dann kann ich mich nicht verweigern.«

Wann der Messias der Massen tatsächlich heimkehren könnte, ließ der peronistische Jugendführer Rodolfo Galimberti durchblicken, der seit Wochen mut dem Chef in Madrid über die künftige Strategie berät: »Perón wird erst während des Endkampfs nach Argentinien zurückkommen, wenn wir mit unseren Waffen den Regierungspalast in Besitz nehmen.«

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