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ST. PAULI Der große Nepp

aus DER SPIEGEL 6/1961

In Hamburgs Vergnügungsviertel St. Pauli wurde in der vergangenen Woche ein Beschluß ausgebrütet, der seinen Initiatoren alle Ehre machen soll. Die Besitzer von 19 Striptease- und Wäscheschau-Etablissements schlossen

sich zu einer Interessengemeinschaft zusammen und gelobten, eine Institution ins Leben zu rufen, die in ihren Berufskreisen einmalig ist: ein Ehrengericht, das über sanfte Behandlung der Gäste und eine angemessene Preisgestaltung wacht.

Fortan sollen in Nacktbars wie »Erotic-Night-Club«, »Ekstase« und »Piraten -Diele« strenge Sitten gelten: Bestellungen dürfen nur noch vom Gast und nicht mehr - wie es bislang Brauch war - beispielsweise auch von Animierdamen (auf Kosten des Gastes) angenommen werden. Angestellte, die dem zuwiderhandeln, werden entlassen und dürfen von keinem Interessengemeinschafts-Mitglied mehr eingestellt werden, und Mitglieder, die gegen die Statuten verstoßen, werden öffentlich angeprangert.

Um die Ehrbarkeit ihrer Absichten zu unterstreichen, wollen die St.-Pauli -Gastronomen ihre »Selbsthilfe-Organisation« ("Bild«-Zeitung) ins Vereinsregister eintragen lassen.

Anlaß zu dieser Demonstration biedermännischer Rechtschaffenheit war die Entrüstung, mit der sich die Lokalpresse in den letzten Wochen wieder einmal über die Geschäftspraktiken auf dem »Ankerplatz der Freude« ("Die Welt") hermachte. Zusammengeschlagene Gäste, die zu hohe Rechnungen nicht akzeptieren wollten, Preise von zehn Mark für eine Flasche Bier und 2 Mark für ein »Mokka-Gedeck« - bestehend aus einem Mokka und einer Unze Likör - gaben den Zeitungenreichlich Stoff für publikumswirksame Attacken auf die Nepplokale.

Überdies schickte sich der St.-Pauli -Bürgerverein an, Polizei, Wirtschaftsbehörde, Fremdenverkehrszentrale und Gaststättenverband zu einem Stoßtrupp gegen den »großen Nepp auf der Reeperbahn« ("Süddeutsche Zeitung") zu formieren.

Drohte Vereinsvorsitzender Friedrich Winkelmann: »Es beginnt eine Aktion staatlicher Stellen, die mit aller Härte des Gesetzes gegen diese Leute vorgehen wollen »

Winkelmann - »Uns geht es um den guten Ruf von St. Pauli!« - war es auch, der schon im Sommer 1958 die Bürgervereins-Aktion »Preisgünstiger St.-Pauli-Betrieb« ankurbelte (SPIEGEL 32/1958). In dem Bestreben, harmlose Provinzonkel und Ausländer vor Prügel und Übervorteilung in Fleischbeschau - Unternehmen zu bewahren, verliehen die Vereinsbürger jenen Etablissements, die zu ortsüblichen Preisen ausschenkten, Plakate zum Barpreis von 19 Mark. Diese Aushängeschilder sollten Nachtbummlern den rechten Weg ins billige Vergnügen weisen.

Gleichwohl vertraute ein Teil der Nachtklubs weiterhin der Zugkraft seiner Nuditäten-Programme und ignorierte die Plakatkleber. So hatte denn die Lokalpresse immer wieder Gelegenheit, über rabiate Kellner, boxende Portiers, zerbleute Ausländer und gepfefferte Rechnungen zu lamentieren.

Ausländische Zeitungen - vor allem skandinavische Blätter - druckten diese Berichte gern nach. Die Folge war ein merkliches Nachlassen des Gästestroms aus Dänemark und Schweden.

Konstatiert der Direktor der Hamburger Fremdenverkehrszentrale, Anton Luft: »Die Skandinavier gehen vielfach nur noch die Reeperbahn auf und ab, um das Gruseln zu lernen, aber sie gehen nicht mehr hinein.«

Nicht ganz so zaghaft benahmen sich ein schwedischer Beamter und sein Sohn, die am 5. Januar dieses Jahres St. Pauli ansteuerten und im Nachtlokal »Casanova«, Reeperbahn 136, seßhaft wurden. Das Vergnügen an hüftwackelnden Entkleidungstänzerinnen schwand jedoch dahin, als den beiden Casanova-Schweden nach einigen feuchtfröhlichen Stunden die Rechnung über 724 Mark präsentiert wurde - die Animiermädchen hatten unaufgefordert kräftig mitgetrunken.

Kommentierte das »Hamburger Echo": »Für diese Summe hätten zwei Personen ... sich glatt einen Todesrausch antrinken können.«

Der geschäftsschädigenden Wirkung des hartnäckigen Presse-Lamentos eingedenk, entschlossen sich, die Nachtlokal-Manager daraufhin zur Gründung ihrer Selbsthilfe-Organisation mit-Ehrengericht.

St.-Pauli-Tugendwächter Winkelmann argwöhnt freilich, es sei eher eine »Selbstschutz-Aktion«, die Eingriffe von außen abwehren soll. Ihm ist nämlich nicht entgangen, daß ausgerechnet jenes Etablissement an der Spitze der Mitgliederliste steht, das Anfang Januar den schwedischen Reeperbahn-Amateuren die 724-Mark-Rechnung verpaßt hat.

Casanova-Bar auf der Reeperbahn: Nachts, als der Kellner kam

Winkelmann

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