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MAGHREB Der große Sandkasten

Marokkos König will den Konflikt um die Westsahara beilegen. Der Westen freut sich über den unverhofften Fortschritt - in der Wüstenregion werden Terroristen vermutet.
aus DER SPIEGEL 22/2007

Mulai Hamdi Uld al-Raschid weiß, wie man aus der Wüste Profit schlägt. Der glatzköpfige Bürgermeister von Ajun in der Westsahara steht am Fenster seines Büros und lächelt versonnen. Er findet, er habe sich lange genug über den Sand geärgert, der durch seine Stadt pfeift und ganze Häuser begräbt. Jetzt lässt er ihn verschiffen - zu den gegenüberliegenden Kanarischen Inseln, wo die Strände schrumpfen und die Küsten felsig werden.

Und das ist erst der Anfang. Als Nächstes sollen die Touristen kommen. Nur eine halbe Stunde brauchten die Billigflieger von Las Palmas nach Ajun, es gäbe Kamelreiten, Tänze und Teezeremonien.

Natürlich, sagt der Bürgermeister, müsste man zuvor noch das Problem mit den schlechten Schlagzeilen lösen, die Westsahara habe ja nicht eben den Ruf, ein Erholungsparadies für Beduinenromantiker zu sein. Doch Uld al-Raschid ist zuversichtlich. Er ist schließlich Mitglied im »Königlichen Konsultativrat für Sahara-Angelegenheiten«, und er hat dort an einem neuen Autonomieplan für seine Heimat mitgearbeitet.

»Autonomie!«, sagt er und schreitet feierlich sein Büro ab. »Überlegen Sie nur, was das heißt! Ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung. Damit kriegen wir alle unsere Probleme in den Griff. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Flüchtlingslager verschwinden und die Polisario ihren Kampf aufgibt!«

Draußen, vor seiner Amtsstube, fegt ein staubiger Wind über den Platz. Wie selbstvergessen huschen einige Männer und Frauen in langen traditionellen Gewändern vorbei. Weiße Uno-Jeeps patrouillieren - Angehörige der Minurso-Mission, die hier seit 16 Jahren einen Waffenstillstand zwischen Marokko und der sahrawischen Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario kontrollieren und eine Volksabstimmung über die politische Zukunft der Region organisieren sollen.

Es ist Afrikas ältester Territorialkonflikt, ein Konflikt aus der Zeit der Entkolonialisierung, den die Blauhelme verwalten. Ein anachronistischer Streit um knapp 270 000 Quadratkilometer Sand- und Steinwüste, aber auch um reiche Fischgründe und Phosphatvorkommen, die bis 1975 von Spanien ausgebeutet wurden. Als die Kolonialmacht abzog, besetzte Marokko - zunächst gemeinsam mit Mauretanien - das dünnbesiedelte Land an der Atlantikküste: Der Einfall von 350 000 mit nichts als grünen Islam-Flaggen bewaffneten Untertanen des damaligen Königs Hassan II. ging als »Grüner Marsch« in die Geschichte ein.

Der alawitische Monarch machte »historische Rechte« geltend. Tatsächlich hatten im Mittelalter sahrawische Nomadenstämme den Sultanen im Norden einen Treueid geschworen.

Doch eine Gruppe sahrawischer Befreiungskämpfer, die Frente Polisario, berief sich auf das Selbstbestimmungsrecht ihres Volkes und forderte einen eigenen Staat. Sie verwickelte die Besatzungsmacht in einen zähen Guerillakrieg, unterstützt vor allem von Marokkos Erzfeind Algerien, der sich einen Satelliten mit Zugang zum Atlantik erhoffte. 1976 rief die Polisario die »Demokratische Arabische Republik

Sahara« aus. Die meisten Kriegsflüchtlinge retteten sich in den algerischen Wüstenort Tindouf und errichteten eine riesige Zeltstadt, die noch heute dort steht.

Erst 1991 endete der Krieg; ein von der Uno eingefordertes Referendum fand jedoch nie statt. Zu unversöhnlich waren die Ausgangspositionen: Marokko lehnte es von vornherein ab, über eine Selbständigkeit seiner »südlichen Provinzen« auch nur zu verhandeln, die Polisario verwarf alle Kompromissvorschläge, die einen souveränen Sahara-Staat ausschlossen.

»Die Uno hat keine Lösung für das Problem gefunden«, klagte 2002 der damalige Generalsekretär Kofi Annan. Nichts als Kosten habe die Friedensmission in der Westsahara eingebracht - »fast eine halbe Milliarde Dollar«. In stumpfer Routine wurde seither das Minurso-Mandat alle sechs Monate vom Sicherheitsrat verlängert.

Wem aber gehört das Wüstenland, der »große Sandkasten«, wie Mitarbeiter der Vereinten Nationen ihr Einsatzgebiet nennen?

Für Marokkos Innenminister Chakib Benmoussa ist das die falsche Frage. Wochenlang reiste der Berater von König Mohammed VI. in Gefolgschaft zweier Staatssekretäre von Washington nach Moskau, Paris und Peking, um der Welt die Vorzüge einer teilautonomen Westsahara zu erklären. Marokko hat die Lösung dieses alten Konflikts zum Prestigeprojekt erhoben. Denn es gehe nicht nur um das Eigentum an einem bisschen Wüste, lautet Benmoussas Argument.

»Es geht um die Sicherheit Europas«, sagt er. »Es geht um islamistische Ausbildungslager, um Waffenschmuggel mitten in der Sahara. Das ist ein riesiges Terrain, wer soll es kontrollieren? Die Polisario?«

Damit trifft Benmoussa den Nerv westlicher Regierungen. Nicht erst seit den jüngsten Selbstmordanschlägen in Nordafrika zeigen sich europäische und amerikanische Diplomaten überzeugt, dass Marokko zur regionalen Stabilität beitragen kann. Im Niemandsland zwischen Algerien, Mali und Mauretanien vermuten westliche Geheimdienste einen Rückzugsraum islamistischer Terroristen.

Ein unabhängiger Westsahara-Staat, so die Sorge, könnte zu schwach, eine autonome Region unter marokkanischer Flagge hingegen stark genug sein, um sich gegen Terrorismus aus diesem Landstrich zu schützen. Vor allem Frankreich und die USA beeilten sich, den Autonomieplan als »historische Chance«, als »lobenswert« und »konstruktiv« zu adeln. Sogar die spanische Regierung Zapatero schlägt sich neuerdings auf Marokkos Seite - man will angesichts der nicht abreißenden Flüchtlingsströme aus Afrika mit Rabat zusammenarbeiten.

Algerien, die Schutzmacht der Polisario, verfolgt die Entwicklung mit Unbehagen. Zwar sieht auch die Regierung in Algier eine neue Phase des Terrors im eigenen Land heraufziehen, doch zu groß ist das Misstrauen, um offen mit dem westlichen Nachbarn zu kooperieren. Und erst

recht zu groß, um als möglichen Preis dafür die Polisario und ihre Führer in Tindouf fallenzulassen.

Brahim Laghzal war lange Zeit Anhänger der Polisario. Verstohlen steht der 41-jährige Sahrawi im Innenhof des Parador-Hotels in Ajun, eines ehemaligen Offizierskasinos aus spanischer Kolonialzeit. Nervös zupft er an seiner Brille und mustert seine Umgebung, bevor er sich niedersetzt. Er verhält sich aus Gewohnheit so. Früher hätte er ihn gemieden, diesen Ort, der immer noch von diskreten Mitarbeitern des marokkanischen Innenministeriums frequentiert wird.

Laghzal saß im Militärgefängnis, er wurde gefoltert, weil man bei ihm Propagandamaterial der Polisario gefunden hatte. Aus Protest gegen die Haftbedingungen trat er in den Hungerstreik; das war im Dezember 1999. Zwei Jahre später begnadigte ihn der junge König Mohammed VI. Ein Zeitenwechsel schien sich anzukündigen. In Rabat sprach man von Neuanfang, von Demokratie und Reformen. Der König setzte eine Kommission ein, um die grausamen Menschenrechtsverletzungen aus der Ära seines Vaters zu ahnden und Opfer zu entschädigen. Zum ersten Mal betrieb ein arabischer Staat öffentlich Vergangenheitsbewältigung.

Heute sitzt Laghzal im selben Gremium wie einige seiner ehemaligen Feinde, im Königlichen Konsultativrat für Sahara-Angelegenheiten. Auch der Staatsfeind von früher soll mitreden bei den Autonomieverhandlungen, wenngleich nicht jedem gefällt, was er zu sagen hat: »Marokko befindet sich unter seinem jetzigen König auf einem demokratischen Weg, das ist unsere Chance - aber es gibt auch Risiken. Niemand weiß, ob Teile der alten politischen Garde wieder an Macht gewinnen und die Demokratie in Frage stellen.«

Die Alternative, ein von der Polisario regierter Westsahara-Staat, kommt für den Soziologen nicht mehr in Frage. Er meint, dass sich die Separatisten verrannt haben. Es herrsche keine Demokratie in der Befreiungsbewegung, die noch im Kalten Krieg gegründet wurde. Die alte Stammeskultur der Sahrawis sei zerstört, sagt Laghzal: »Der einzige Weg ist die Autonomie, so wie es uns die Basken in Europa vorleben, die Katalanen, die Schotten, die Südtiroler!«

Nicht jeder teilt diese Zuversicht. »Marokko mag sich gewandelt haben, für uns in der Westsahara hat sich nichts verändert«, sagt Brahim Dahan, ein Menschenrechtsaktivist in Ajun, der sich zu den Anhängern der Polisario zählt. Ausländische Journalisten begrüßt der Bärtige mit den Worten: »Herzlich willkommen in unserem Land, auch wenn es okkupiert ist!«

Sein Freund Asfari al-Naama, ein Anwalt, vertritt sogar die Meinung, dass es unter Mohammed VI. noch schlimmer sei als unter dem alten König Hassan II. Früher, erzählt er, habe Marokko die Sahrawis wenigstens als ebenbürtigen Kriegsgegner betrachtet, heute aber sei der wirtschaftliche Raubbau in der Region weit fortgeschritten. Aus dem Norden strömten viele Siedler ins Land, so dass die Sahrawis nur noch eine Minderheit seien. »Das können wir nicht hinnehmen. Unser Kampf muss weitergehen«, sagt Naama.

Rund 2,4 Millionen Tonnen Phosphat im Jahr werden von einem marokkanischen Staatsunternehmen in der Wüstenregion abgebaut. Über ein 100 Kilometer langes Förderband wird es vom Bergbauort Bu Craa bis an die Atlantikküste transportiert. Fabriken in Casablanca verarbeiten es später zu Kunstdünger. Es ist ein lukratives Geschäft. Und auch Öl soll es hier geben.

So pumpt Marokko jährlich mehr als eine Milliarde Dollar in die Westsahara. Innerhalb weniger Jahre wurde Ajun, die ehemals verschlafene Garnisonsstadt der Spanier, in ein aufstrebendes Industriezentrum mit Flughafen und Fußballstadion verwandelt. Angelockt durch hohe Gehälter und Steuervorteile, kamen Geschäftsleute, Militärs, Verwaltungsbeamte - und die Korruption.

Die Sahrawis reagierten darauf mit gemischten Gefühlen. Während die Polisario-Kämpfer früher immer wieder die Phosphatminen lahmlegten, arrangierten sich andere mit der Modernisierungsoffensive. Hassan Mulainin etwa, Chef einer Entwicklungsagentur, schwärmt heute von den Standortvorteilen in Ajun, wo man in 24 Stunden eine neue Firma gründen könne und die Alphabetisierungsrate weit über dem Landesdurchschnitt liege.

Marokko tut viel, nur das versprochene Referendum über den Status der Westsahara bleibt aus. Innenminister Benmoussa hat dafür eine Erklärung: »Wer ist denn eigentlich ein Sahrawi?« Es sei ja gar nicht klar, wer bei einem Volksentscheid überhaupt stimmberechtigt wäre. Verstreut über mehrere Länder, stellten die nomadischen Sahara-Bewohner von jeher ein Volk ohne Grenzen dar, dem sich 1975 zum ersten Mal die Gelegenheit eines eigenen Staates bot. So hat der Streit um verschiedene Wählerlisten und die etwa 100 000 marokkanischen Siedler immer wieder zu einer Verschiebung des Referendums geführt.

Zum 31. Geburtstag der »Demokratischen Arabischen Republik Sahara« Ende Februar ließ Mohammed Abd al-Asis, der Polisario-Chef und Präsident des virtuellen Staates, im algerischen Tindouf wissen, was er vom Autonomieplan der Marokkaner hält. Vor rund tausend Infanteristen und einigen Kamelkavalleristen nahm er eine Militärparade ab. Dann verkündete er, sein Volk suche sich lieber selbst aus, unter welcher Flagge es leben wolle.

Dass die etwa 90 000 Flüchtlinge von Tindouf einmal in einen selbständigen Wüstenstaat zurückkehren, erscheint vielen nur noch als Illusion. Und drüben in Ajun bereitet sich der Bürgermeister Uld al-Raschid schon auf die Zeit nach der Polisario vor. DANIEL STEINVORTH

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