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Der Große Spender

aus DER SPIEGEL 42/1994

Als sich über Bonner Sekttulpen die Ahnung zur Gewißheit verdichtet, daß der Große Spender wieder als erster durchs Ziel gehen wird, liegt in Pommern der Kern der Kanzler-Freunde schon unter Daunen. Gelöscht ist das Licht hinter den Eisengittern am alten Gebäude der Staatssicherheit, Kreisdienststelle Demmin an der Peene. Frau Michaelis aus dem Erdgeschoß, ehemals Platzanweiserin im »Filmeck«, hat als letzte die Runde gemacht. Fenster verschlossen, Hoftor im Anschlag. Es gab keine Vorkommnisse.

Kommagenau werden die Bewohner der Stasi-Zentrale am Morgen im Nordkurier die Nachricht von Kohls magerer Mehrheit nachlesen können. 41,5 Prozent bundesweit, 57 Prozent in Demmin. Jetzt schlafen sie ruhig zwischen den Mauern des Hauses, das lehmfarben am Rand der Hansestadt liegt. Kein Stacheldraht, kein Schäferhund schützt hier mehr Spitzel vor Bürgern. Knapp zwei Dutzend Rentner erleben bei Rinderroulade mit Salzkartoffeln und »Mensch ärgere dich nicht« stille Tage im neuen Deutschland.

Hundert Prozent Wahlbeteiligung und kaum weniger Kohl-Stimmen hätte es im Heim gesetzt, wäre nicht der sture Raasch aus der Reihe getanzt. Er mochte sich nicht wie die anderen zur Briefwahl entschließen und hat dann, frühmorgens, die rechte Tür nicht gefunden. Die Urnen stehen jetzt ein paar Meter weiter als in alten Zeiten. »Alles verschlossen, schlechte Organisation«, sagt Raasch, »dat bring'' ich inne Zeitung.«

Raasch ist ein verhärmter Basisdemokrat, der regelmäßig Protestbriefe an Politiker verschickt. Die Adressen besorgt er sich auf dem Demminer Postamt. Norbert Blüm hat viermal geantwortet, Richard von Weizsäcker einmal. Helmut Kohl nie. Obwohl er sich dem als Ratgeber und »Mann aus dem Volke« angedient hat.

Zornig brät Raasch am Wahlsonntag Hecht für Sohn und Enkel. Er ist 85 und wollte eigentlich wissen, ob im Wahllokal noch dieselben »Lüchtings« sitzen wie früher, dunkelrote Früchtchen, die nah an den Kabinen übers Votum für die Einheitspartei wachten.

Vor vier Tagen waren Kanzlers knatternde Rotorblätter über dem Seniorenwohnheim zu vernehmen. Ausgerechnet in der pommerschen Wüste, wo bundesweit das krasseste Mißverhältnis zwischen der Zuneigung zur Regierungspartei _(* Vorigen Mittwoch auf dem Marktplatz ) _(vor dem Auftritt Helmut Kohls. ) und den von ihr versprochenen Früchten der Einheit zu beklagen ist. Absolute Mehrheit für die CDU, knapp ein Viertel der Erwerbstätigen arbeitslos. Kaum im Stadion der Jugend gelandet, zog Kohl los, um auf dem Marktplatz letztmals ostdeutsche Provinzbabys zu tätscheln, letzte Greisenhände zu schütteln.

Weil Geburtstag war, mit Frankfurter Kranz und Schwarzwälder Kirsch, haben Raasch und die Truppe vom Seniorenwohnheim Heinestraße nicht erlebt, wie der mächtige Mann im blauen Mantel dem ärmlichen Volk zurief, das die Prinz-Heinrich-Mützen dicht über die Kassengestelle gezogen hatte und im Leder-Patchwork der herbstlichen Kühle trotzte: Beim Urlaub in Österreich sollten Abende mit Einheimischen ruhig zum Vergleich von Rentenbescheiden genutzt werden. Da müßten sich Demminer nun wirklich nicht verstecken.

Das haben Raasch und die anderen nicht gehört. Sie sehen es aber ähnlich. Es gibt Schlimmeres, als Rentner zu sein in dieser Ecke Vorpommerns. Obwohl Frau Brauer, deren Schwiegersohn bei der NVA gut dabei war, klagt, alles Schlechte komme von Westen. Obwohl Frau Willert mäkelt, es handele sich beim Altenwohnheim um ein »Luftschloß« - nur weil''s vom Fenster her ein bißchen zieht.

Und doch, es sind ja viele aus erbärmlichen Schnitterbaracken in die renovierte Stasi-Zentrale gezogen, aus verfallenen Landarbeiterunterkünften, und stehen sich nun für 590 Mark Miete nicht schlecht.

»Nu'' sagen Se, Herr Wohlan, wat ich ankreuzen soll.«

Wolfgang Wohlan, der samt Frau in Mielkes Firma als Hausmeister und Wachmann die Schäferhunde in Schach hielt und nun den Senioren als hingebungsvoller Berater in allen Lebenslagen beispringt, hat die Frage politisch korrekt beantwortet: »Sie müssen wissen, was Sie wollen.« - »Ich will den, der mir die Rente gibt.« - »Dann müssen Sie den wählen«, hat Wohlan in schlitzohriger Konsequenz erwidert.

Die Rente gab und gibt in den Augen vieler Ostdeutscher der Große Spender. Der hat Pommern wieder ans Rheinland gebunden, hat aus Alu-Chips harte Westkohle gebacken und hinzugefügt, wäre er selbst ins Reich der Alu-Chips hineingeboren worden, so hätte er zum Helden vermutlich nicht mehr Talent gezeigt als die Mehrheit der Ostbürger.

»Wat soll dat Gesabbere«, sagt Oma Bahr, die gern vom Köm nimmt, als SPD-Bundesgeschäftsführer Günter Verheugen an diesem Abend schließlich mit Verliereraugen von Zugewinn spricht. »Fett schwimmt oben«, sagt eine andere im Gesellschaftsraum Heinestraße, als wolle sie ihr eigenes Kohl-Votum rechtfertigen. »Wat soll''n wir mit der SPD«, dröhnt es zustimmend von weiter hinten - »dat is'' ne arme Partei.«

Der Kanzler also, Großer Spender, Einheitsvollender, ein Gesamtkunstwerk, das Geld aus halbvollen Hosentaschen gütig über den Osten verstreut? Einer, der - Beispiel Demmin - trotz plattgewalzter Brauerei, Zuckerfabrik, Elektromotorenherstellung immer noch glaubhaft fürs Fortkommen steht, auf das die Senioren aus der alten Stasi-Zentrale seit den Tagen der Weimarer Republik warten?

Kohls guter Schnitt im Osten hat verzweigte Wurzeln. In Demmin, wo ABM-Kräfte wie besinnungslos Sandstreifen harken, macht eine Partei Punkte, die nicht nur alte Säulen umstößt, sondern auch neue Pfosten einschlägt. Noch steht der rote Stern über dem sowjetischen Ehrenmal am Barlach-Platz. Doch unweit ist das Ulanen-Denkmal der alten Garnisonsstadt, vom Nazi-Geist gesäubert, schon wieder errichtet.

Fast jeder zehnte Bewohner hat seit der Wende die strukturschwache Provinzstadt verlassen. Es sind die Jungen, die nun in Cuxhaven oder anderswo Ostseedorsch filetieren und Heizkörper in Wochenendkaten hängen. Geblieben sind die Alten und all jene, die Arbeit haben. Dazu reichlich von denen, die weder alt noch beschäftigt sind und sich deswegen in mutig gemusterten Ludenhosen durch die Tage schlagen.

Noch beschwören die rüstigen Omas aus der Heinestraße die gute alte Zeit. Sagen, daß früher alles sauberer war. Und in der »Mühle« tanzt die fröhliche Brigade von der Minol-Tankstelle Eins-Zwei-Tipp in die Wahlnacht. Mittdreißiger mit festen Kontobewegungen und Spielraum für Hosenrock, College-Schuhe und Steak Hawaii.

Doch eine Generation und wenige Meter weiter, im »Holiday«, stehen beträchtliche Mengen entgleister Thälmann-Pioniere und üben den Techno-Tritt. Pflegen die Stirnfransen über der stumpfgesoffenen Visage und sparen nicht am Denim. Die Dorfschönheiten zeigen Nabel und belächeln die Scherze der gröberen Glatzen. Weit und breit kein Hirn, das einen Hinterpommern aus Stettin zum verwandten Kulturkreis zählen würde.

Vor der alten Bushaltestelle am Markt, an der die Anhänger des Großen Spenders auf dem Weg zum Stimmzettel vorbeischritten, verkrusten am Wahltag Lachen getrockneten Bluts. Der Diensthabende im Revier Clara-Zetkin-Straße rätselt noch, wer da wem aufs Haupt geschlagen hat.

* Vorigen Mittwoch auf dem Marktplatz vor dem Auftritt Helmut Kohls.

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