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BERLIN-KRISE Der Hase läuft

aus DER SPIEGEL 34/1961

Herr Heinrich saß am Comer See und wurde nicht gerufen. Schon am späten Nachmittag des Montags der letzten Woche war Bonns Außenminister Heinrich von Brentano im Ferienort Cadenabbia eingetroffen, um seinem Kanzler über die Pariser Außenminister -Konferenz der drei Westmächte und der Bundesrepublik Bericht zu erstatten.

Aber weder am Abend des gleichen noch am Morgen des nächsten Tages verspürte Konrad Adenauer den Wunsch, seinen Außenminister zu empfangen. Den ganzen Dienstagvormittag vertrödelte Herr Heinrich am Ufer des Comer Sees und wartete vergebens. Erst

gegen vier Uhr nachmittags wurde er in der Villa Collina vorgelassen, dem Urlaubsquartier des westdeutschen Regierungschefs.

Im Sinne der Maxime »Schlechte Nachrichten können warten« hatte Konrad Adenauer recht, den Anblick seines Außenministers aufzuschieben.

Auf der Pariser Konferenz war zwischen den Außenministern eine Lösung der Berlin-Krise erörtert worden, die bisher nur in den Fernseh-Monologen John F. Kennedys und Nikita Chruschtschows angeklungen war. Für Bonn verheißt sie sowenig Gutes wie für Pankow.

Die beiden Herren der Welt sind sich offenbar über eines schon einig, noch ehe die Ost-West-Verhandlungen begonnen haben: Wenn die Beteiligten in Berlin mit heiler Haut davonkommen, sollen den Preis dafür die Deutschen zahlen.

Bevor John F. Kennedy Ende letzten Monats der amerikanischen Nation über die Fernsehschirme Schweiß und äußerstenfalls sogar Krieg für die Freiheit der Westberliner verhieß, hatte er von Staats- und Völkerrechtlern des State Department eine Enquete verfertigen lassen.

Da standen im ersten Kapitel alle Modalitäten verzeichnet, die den letzten Status-Wünschen der Sowjets für eine

»Freie Stadt« Westberlin entsprechen. Im zweiten Kapitel wurde untersucht, inwieweit spezielle amerikanische Rechte in Berlin von solchen Status-Reformen berührt würden. Im dritten Kapitel fand sich das Resultat dieser Untersuchungen: Die letzten Vorschläge der Sowjets beeinträchtigen keine amerikanischen Positionen.

Zu einer Prognose gleicher Tendenz kam Amerikas Uno-Botschafter Adlai Stevenson in einem Gutachten für seinen Präsidenten vor dessen Fernsehrede: Der Kreml werde nicht darauf bestehen, daß amerikanische Rechte in Berlin abgebaut würden.

Kennedy zog vor der Fernsehkamera das Fazit: »Wenn sie (die Sowjets) eine echte Verständigung suchen - nicht Konzessionen in bezug auf unsere Rechte -, werden wir mit ihnen zusammenkommen.«

Nikita Chruschtschow akzeptierte das Angebot. Ebenfalls im Fernsehen beteuerte er, die Sowjet-Union habe »nicht die Absicht, irgendwelche legitimen Interessen der Westmächte anzutasten. Es ist von keinem Verbot des Zugangs nach Westberlin, von keiner Blockade Westberlins die Rede«. Aber-Westberlin als »Hintertür zur DDR« müsse zugenagelt werden.

FDP-Anführer Erich Mende war der erste in Bonn, der voller Argwohn über dieses vorweggenommene Agreement zwischen Kennedy und Chruschtschow meditierte: »Besonders bemerkenswert erscheint mir die von dem sowjetischen Ministerpräsidenten klar herausgestellte Unterscheidung zwischen den Rechten der Westmächte und denen der Deutschen in Westberlin. Die Sowjet-Union will offensichtlich die Stellung der westlichen Besatzungsmächte in Berlin nicht antasten, wohl aber Westberlin als Tor zur Freiheit verriegeln.«

Mendes Mahnen kam nicht von ungefähr. »Wir haben nicht das Recht, von ihnen (den Sowjets) zu verlangen, daß Flüchtlinge herauskommen dürfen«, hatte der Vorsitzende des Außenpolitischen Senats-Ausschusses, James W. Fulbright, in einem Fernseh-Interview erklärt. Und die SPD-Vorsitzenden Ollenhauer und Wehner kehrten deprimiert von einer Konferenz der Sozialistischen Internationale aus dem dänischen Hojstrupsgaard zurück, weil dergleichen Ansichten auch unter ausländischen Genossen weit verbreitet sind.

Amerikas Außenminister Rusk versprach zwar in Paris, der Westen werde keinerlei Abmachungen mit den Sowjets darüber treffen, daß die Fluchtwege zu sperren seien, solange Chruschtschow seinen Ulbricht den sowjetzonalen Berlin-Preis - Nicht-Verstopfung des Schlupfloches Berlin - entrichten läßt.

Aber dafür berichtete die »New York Times« von der Außenminister-Konferenz über andere Konzessionen, die der Westen von Bonn zur Beilegung der Berlin-Krise fordern wird:

»Es ist möglich, daß die Oder-Neiße -Linie international akzeptiert wird und man das kommunistische Ostdeutschland de facto wird anerkennen müssen, um Westberlin zu halten.«

Noch vor einem Jahr konnte Konrad Adenauer derlei Überlegungen blockieren. Rekapitulierte das New Yorker Blatt: »Die Eisenhower-Regierung hatte Bonn praktisch ein Vetorecht gegen die amerikanische Politik bezüglich Verhandlungen über Berlin und Deutschland eingeräumt.«

Heute dagegen: »Das ist nicht länger der Fall.«

Präsident Kennedy selbst hat eben diese veränderte Situation schon in seiner Fernsehrede höflicher, wenn auch nicht weniger deutlich umrissen: »Wir haben bereits früher unsere Bereitschaft bekundet, jedwede wirklichen Störungsfaktoren in Westberlin zu beseitigen.«

Konrad Adenauer konnte seinen Außenminister in Cadenabbia getrost warten lassen. Der Fuchs hatte längst erkannt, wohin der Hase läuft. Einzuholen vermag er ihn ohnehin nicht mehr.

Cadenabbia-Pilger von Brentano: Schlechte Nachrichten können warten

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