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Politiker Der hat 'nen Drive

Wie ein Staatsgast wurde Lech Walesa in Deutschland empfangen. Wirtschaftler und Politiker drängelten sich in seine Nähe.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Der Arbeitsminister dampfte vor Stolz. Den Gast an seiner Seite, präsentierte sich Norbert Blüm, 54, gewichtig vor der Düsseldorfer CDU-Zentrale. »Ministerpräsidenten kommen und gehen«, habe der Besucher ihm anvertraut, aber »die Freundschaft zwischen Lech Walesa und Norbert Blüm« bleibe bestehen. Der Gast aus Gdansk lächelte schlitzohrig.

Lech Walesa, 45, Elektriker, Nobelpreisträger, Mann des Jahres 1981, frommer Katholik und virtuoser Selbstdarsteller, tourte vorige Woche vier Tage lang durch die Republik - und wurde hofiert und umschwärmt wie ein Staatsoberhaupt. Eskortiert von zwei Polizeiwagen, preschte er mit einer stattlichen Kolonne durchs Land. »Jesus, Maria«, stöhnte der Pole, »was für ein Programm.«

Der Bundespräsident, der Bundeskanzler, der Gewerkschaftsvorsitzende, der Außenminister, der Arbeitsminister, der Wirtschaftsminister, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, die Spitzen der Parteien und Verbände mühten sich um ihn. Er wiederum wollte wissen: »Ist das Fernsehen da?«

Neben Helmut Kohl schaute Walesa aus wie der verschmitzte Schwejk im Werk des tschechischen Autors Jaroslav Hasek. »Ich habe ein bißchen Lampenfieber«, kokettierte er, »ich bin nur ein einfacher Arbeiter von der Danziger Werft, und jetzt bin ich beim großen Kanzler.«

Und spöttisch zeigte er Achtung vor dem »politischen Nachfolger Adenauers«. Der will schließlich bald nach Warschau fahren und den Polen einen Milliarden-Kredit und Nachsicht bei den Schulden gewähren.

»Ihr könnt Geschäfte machen mit uns«, lockte Walesa die im Ost-Ausschuß der Deutschen Wirtschaft versammelten Industriellen, »ihr könnt uns betrügen, nur beeilt euch.« Doch vor den Managern blitzte er ab. Es fehlten, klagte etwa der Frankfurter Absatzberater Hans-Jürgen Rohr, »facts and figures«. Den Wirtschaftsleuten waren die Vorstellungen Walesas zur Ökonomie zu schwammig. Der »polnischen Wirtschaft« bringen sie Skepsis entgegen: »Nur Buchhalter und keine Wirtschaftsprüfer« gebe es da, mokierte sich der Industrielle Otto Wolff von Amerongen.

Deutsche und polnische Vorurteile florierten wie gehabt. Die »belehrende Art der Deutschen«, klagte Delegationsmitglied Krzysztof Bielitzki, sei nur schwer zu ertragen gewesen. Wie der »kleine Enkel auf dem Schoß des Großvaters« habe er sich gefühlt.

Doch auf das Foto mit dem Arbeiterführer Walesa wollten alle, auch die Kritiker. Unternehmer mit imposanten Konten rasselten bei Empfängen ihre Funktionen herunter, als müßten sie ihre Anwesenheit rechtfertigen, Mütter hielten ihre Kinder hoch. Walesa winkte immer zurück, auch wenn ihm niemand zugewinkt hatte.

Wahlkämpfer der SPD drängelten sich an den Besucher und grinsten in die Kameras. Katholische Gotteshäuser waren überfüllt, wenn der Pole frühmorgens eine Messe besuchte. Reihenweise gingen die Großen aus Wirtschaft und Politik mit Walesa in die Knie.

Erwin Kristoffersen, Leiter der Internationalen Abteilung beim DGB, der den Chef der Solidarnosc-Gewerkschaft eingeladen hatte, befand, eine »solche Ranwamserei« wie bei Walesa habe er »noch bei keinem Besuch erlebt«. Kristoffersens Kritik zielte vor allem auf den Gewerkschafter Norbert Blüm.

Der CDU-Wahlkämpfer, der im Mai 1990 gegen den NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau antritt, hat während des Walesa-Besuchs eine durchdringende kleindeutsche Duftnote in die bilateralen Beziehungen gebracht. Noch war unvergessen, wie Blüm bei einem Besuch in Danzig Ende August gepredigt hatte: »Karl Marx ist tot, Jesus lebt.« Und wie er vor der Kirche »So-li-darnosc, So-li-dar-nosc« skandierte.

Zum Arbeiterführer Walesa hatte der Arbeitsminister eine Sympathie auf den ersten Blick verspürt. Blüm sagte gleich: »Mein Freund Lech«.

Aus Polen heimgekommen, begehrte der Minister vom DGB flugs eine Korrektur von Walesas Besuchsprogramm: Der Pole werde sich sehr freuen, wenn »Norbert Blüm auch am Flughafen bei der Begrüßung« wäre, ließ er die Gewerkschaft wissen, die er »um einen klaren schriftlichen Hinweis« bat, »ob Norbert Blüm am Flughafen willkommen ist oder nicht«. Der Bescheid kam prompt. DGB-Chef Ernst Breit: »Nein, das ist unser Gast.«

Das Rennen machte NRW-Regierungschef Rau, der ebenfalls gedrängelt hatte: Eine Stunde vor dem CDU-Chef bekam er den Polen zu Gesicht. Blüm reagierte säuerlich auf das »kleinkarierte, parteipolitische Spiel«.

Mit wem auch immer Walesa letzte Woche redete, kein Kontakt zahlte sich so aus wie der mit Blüm. Kaum hatte der Pole vorige Woche 16 Angebote für deutsch-polnische Gemeinschaftsprojekte vorgelegt, hatte Blüm schon »sehr interessierte Verhandlungspartner« parat. Vergangenen Freitag fuhr Walesa »nicht mit leeren Händen« (Blüm) zurück.

Gegenüber Parteifreunden zeigte sich Blüm über alle Maßen fasziniert von dem Gast. »Der hat 'nen Drive«, schwärmte er über Walesa. Und: »Erinnert der euch nicht an mich?« f

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