Zur Ausgabe
Artikel 17 / 81

»Der hat was geleistet für Bayern«

Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 32/1978

Immer wenn die Fernsehscheinwerfer erlöschen, nach einer Rede, einer Diskussion, weiß Friedrich Zimmermann, was folgt. Seine Freunde werden ihn loben für die scharfe Analyse, die eloquente Sachlichkeit, die schneidende Aggressivität. Seine Frau wird die Makellosigkeit seiner Manieren rühmen den tadellosen Sitz seiner Krawatte, vielleicht auch die kontrollierte Eleganz, mit der er kurz seine exquisite Rolex-Uhr vor der Kamera aufblitzen läßt.

Doch dann werden sie sagen, Freunde wie Frau: »Fritz, du warst zu streng. Zu kalt. Zu kontrolliert. Lach doch mal.«

Und Friedrich Zimmermann, 53, Chef der CSU-Landesgruppe in Bonn, der lange vor lauter Vergangenheit keine politische Zukunft mehr zu haben schien, lächelt dann schmal und süffisant und nickt: »Ihr habt recht. Ich sollte natürlich sein, etwas legerer.« Sachverständig und sympathisch zugleich, wie Helmut Schmidt, das wär« was.

Er kann es nicht. Friedrich Zimmermann hat immer Angst vor Ausrutschern: »Ich darf keine Fehler machen. Dauert eine Sendung 60 Minuten, dann heißt das 60 Minuten Konzentration und Beobachtung der anderen, nicht 58.« Der schmale Bayer schüttelt sich inwendig: »Nur ja keine Fehler.«

Davon hat er genug hinter sich. Niemand muß ihm sagen, wie

dicht er jahrelang am Abgrund seiner politischen Karriere entlangbalanciert ist. Sozialdemokratischen Parlamentskollegen, die er seit Jahren kennt, zeigt er hin und wieder, daß er weiß, was ihm hätte geschehen können: Er erkundigt sich bei ihnen teilnahmsvoll nach dem Wohlergehen seines Ex-Kollegen Karl Wienand, der wegen zwielichtiger Polit-Geschäfte seine Bonner Ämter quittieren mußte.

Es hätte auch Zimmermann treffen können; treffen müssen, meinen viele. Nicht einmal ihm selbst war daher sein Comeback geheuer. »Ich habe auch nicht gewußt, daß es gelingt.« Nicht die alten Kollegen und schon gar nicht er selbst müssen in Archiv-Mappen mit Zeitungsausschnitten aus 21 Jahren Bonner Zimmermann-Geschichte nachblättern, um zu begreifen, welches politische Wunder sich an dem »kleinen Fritz« (Adenauer) zwischen dem »unaufhaltsamen Abstieg des Herrn F. Zimmermann« ("Die Zeit« 1967) und dem »unaufhaltsamen Aufstieg des Dr. Z.« ("Stern« 1976) vollzogen hat. Zeit seines politischen Lebens war er -- wie die Schlagzeilen erinnern

»im Zwielicht«, »oft gestolpert, nie gestürzt«.

Wer an diese Vergangenheit zwischen Spielbank-Skandal und Bau-Affäre, zwischen Meineidanklagen und Gefängnisurteil heute publizistisch erinnert, der hat bei Zimmermann verspielt. Das betrachtet er als Kampagne.

Denn in seinen eigenen Augen steht er makellos da. Den letzten Fleck auf seiner politischen Weste hat Bundespräsident Scheel 1975 mit dem Großen Verdienstkreuz zugehängt. Andere Spritzer werden schon durch den bayrischen Verdienstorden bedeckt. Für Fritze Zimmermann ist die Rehabilitation endgültig und verdient. »Die Schatten der Vergangenheit habe ich durch neue Aufgaben überwunden.«

Politisch ist er wieder wer in Bonn, »wie ein Stuntman"« staunt CSU-Kollege Erich Riedl, »der durch eine geschlossene Tür geht und knitterfrei draußen ankommt«.

Als Chef der Landesgruppe führt er die Bonner CSU seit November 1976 einfallsreich und straff. Als Straußens Statthalter am Rhein, wenn der als Ministerpräsident nach München geht, wird er künftig noch größeres Gewicht bekommen.

Friedrich Zimmermann hat sich etabliert. Aus dem Kanzleramt drang hohes Lob nach seiner Mitarbeit im großen Krisenstab während der Schleyer-Entführung. Staatssekretär Klaus Bölling hält ihn »in der CSU nach Strauß für die stärkste Figur, den einzigen, der intellektuell an ihn heranreicht«. Zimmermann selbst reiht sich wie selbstverständlich in die Reihe der Fraktionschefs Wehner. Kohl und Mischnick ein. Er ziert sich nicht, wenn er sich bewerten soll: »Ich bin im letzten Jahr mehr geworden als »unser Mann in Bonn«.«

Aber sichtbare Veränderung läßt Friedrich Zimmermann nicht zu. Seine Form war immer glatt und gefällig. Gemütsbewegungen finden wenig Niederschlag auf seinem unliniierten Gesicht. Was auffällt, ist seine geschniegelte Unauffälligkeit. Markant an ihm wirkt nur die altmodische Intellektuellen-Dekoration: schwere Hornbrille, Pfeife, gerader Scheitel, Advokaten-Look. Im übrigen, so findet auch der bayrische Sozialdemokrat Dieter Lattmann, »sieht er aus wie andere«, nur eben ein bißchen saubermännischer.

Die Juristerei prägt die ganze Person. Der frühere Gerichtsassessor und Oberregierungsrat entspricht dem Klischee der Verwaltungsjuristen: glatt, kühl, logisch. »Ich bin ein guter Analytiker, ein enter Organisator, ein guter Redner«. sagt Zimmermann über Zimmermann. Und vor allem ist er Chef: »Ich sitze gern jemandem vor.«

So führt er die CSU-Landesgruppe nicht im Stil seines Vorgängers Richard Stücklen wie ein Familienvater seine Lieben, sondern wie ein Vorstandsvorsitzender seinen Aufsichtsrat. Die possessive Redeweise »meine« Landesgruppe entspricht in seinen Augen durchaus einem Tatbestand.

Den urigen Altbayern in der Fraktion behagt sein Stil nicht. Den Jüngeren ist er recht, sie fürchten und bewundern seine schneidige Emsigkeit, gehorchen Zimmermanns Direktionsstil -- »kurz, knapp und verletzend«. wie ihn einer beschreibt.

Bei dieser Führungsmethode ist nicht viel Platz für demokratische Regularien. Zimmermann denkt und handelt in Herrschaftskategorien. Die anderen werden eingesetzt. wo sie gerade zu gebrauchen sind, angehört, wenn sie Gründe vorzubringen haben. Wichtiges ist »Chefsache«. So hat es Zimmermann bei Strauß gelernt, so führt er es in dessen Sinne aus, nur akkurater, fleißiger, pünktlicher.

Er ist ein Macher, wie er im Lehrbuch steht -- was Wunder, daß auch Kanzler Schmidt vortrefflich mit ihm zurechtkam, ruckzuck, zackzack. Ein glatter Mann, ein klarer Fall, so scheint es. Und doch -- vieles will in dieses Bild nicht passen.

Schon als Bayer scheint er untypisch. Als Friedrich Zimmermann 1957 aus der CSU-Parteizentrale in das Bonn des Kanzlers Adenauer kam, da staunte dessen Schwiegersohn Werhahn: »Sie sind ja ganz unbayrisch.« Kaum einer am Rhein kann ihn sieh als Dirigenten einer Trachtenkapelle vorstellen. Keine Jagdtrophäen und keine Maßkrüge schmücken sein Arbeitszimmer, Nur ein Ski-Pokal ist da, und den hat er in einem Parlamentarier-Rennen gewonnen. Folklore gehört nicht nach Bonn, findet Zimmermann -- ein leichter Loden-Frey-Touch ist die höchste Konzession.

Eher wird Preußisches in ihm vermutet, in seinem knappen Ton, seinem soldatischen Fleiß, seiner selbstverachtenden Disziplin.

Dahoam freili, da schaugst her: Da schwenkt er den Taktstock auf Volksfesten in den niederbayrischen Hopfen- und Hügelflecken um Landshut, »pokuliert« (Zimmermann) mit Hinz und Kunz. duzt »Tod und Teufel« (SPD-MdL Andreas Sehlittmeier) und gibt pfeifeschmauchend Jagdschnurren und Anekdoten zum besten.

Ein Jagdhaus hat er im Salzburgischen, wo er Eier und Speck brät. auf Gemsen ansitzt und Futterkrippen repariert. Nur raufen tut er nicht.

Seit 21 Jahren wählen die Landshuter nun schon ihren Mann aus München, trotz Skandal und Affären und obwohl eigentlich mal ein Bauer dran wäre oder ein Gewerbetreibender oder wenigstens ein Hiesiger -- zuletzt mit 66,1 Prozent der Erststimmen. Selbst der Sozi Schlittmeier tät' für seinen Freund Fritz stimmen, wär' der nicht in der anderen Partei. Denn: »Der hat was geleistet für Bayern.«

Es will auch nicht zusammenpassen, daß der Polemiker und Demagoge Zimmermann, der mit brutaler Bösartigkeit so verletzen kann, daß es oft gerade an Ehrabsehneiderei vorbeigeht, von Freunden und oft auch politischen Gegnern. die privat mit ihm zu tun haben, als aufmerksamer Gastgeber, charmanter Plauderer. als locker und liebenswürdig beschrieben wird.

Er kann zynisch sein und von ätzender Schärfe, gesellig und witzig. Sozialdemokraten haben ihn so oft verschwiegen und verläßlich gefunden wie trickreich und verschlagen. Er mauschelt nicht, sagen die einen, er meuchelt, die anderen.

Opfer und Verfolger, Potentat und Parvenü, Asket und Genießer -- es gibt kaum eine glaubhafte Charakterisierung, für deren Gegensatz sich nicht ebenso glaubhafte Zeugen finden.

Denn Friedrich Zimmermann bringt immer, was von ihm erwartet wird. »Er weiß genau, wie er in den verschiedenen Etagen aufzutreten hat«, lobt Erich Riedl. Und das Erlebnis, es plötzlich »mit einem ganz anderen Zimmermann zu tun zu haben« (Bölling), verblüffte nicht nur den Kanzler.

Friedrich Zimmermann führt eine Art Mosaik-Leben -- eine Facette so, eine so, aber jeweils sauber vorgeführt, immer genüßlich von ihm selbst mit doppeltem Boden versehen durch Hinweise auf eine andere Version seiner selbst: »Fragen Sie mal die Mitglieder vom Verteidigungsausschuß, die haben ein völlig anderes Zimmermann-Bild!«

Er liebt es, sich als Rätsel zu präsentieren -- reiches Gesellschaftsleben anzudeuten zwischen Bayreuth und Salzburg. seine Tennis- und Skifahrerkünste durchblicken zu lassen, glückliches Familienleben beiläufig zu streifen (das nicht immer so glücklich war), Feinschmecker-Reisen ins Elsaß zu erwähnen ...

Er führt, wer mag das dem Arbeitsasketen. dem Möchtegern-Wehner, schon glauben, ein vielschichtiges Leben abseits seiner öffentlichen Auftritte, nicht durch Photos dokumentiert. Man soll ahnen, der glatte Fritz ist ein blutvoller Tausendsassa, ein Figaro in Politik und Privatleben: Zimmermann hier, Zimmermann da, Zimmermann oben, Zimmermann unten -- und alles jederzeit fest im Griff, gebündelt durch einen gnadenlosen Pünktlichkeitsfanatismus. mit dem er sich Ordnung gibt und seine Umwelt triezt.

Kontrolle also in allen Lebenslagen, da vergleicht er sich gern mit Herbert von Karajan, den er in einem Brief im vergangenen Jahr für Tugenden lobt, die er an sieh selber schätzt: Willensstärke, Disziplin, Mut, Kompromißlosigkeit, Fleiß und harte Arbeit.

Wie aber, wenn er sich immer so in der Hand hat, erklärt sich, daß ein solcher Mann zeit seines politischen Lebens mit einem Fuß im nächsten Fettnäpfchen steht?

Friedrich Zimmermann, das ist doch auch und noch immer Old Schwurhand, der nur vom Knast verschont blieb. weil ihm Gutachter zeitweilige Verwirrungszustände des Geistes zubilligten. Das ist der Pleite-Baulöwe der »Bayerischen Union«, »Hauptakteur eines höchst unseriösen Unternehmens, das vor dubiosen Praktiken nicht zurückschreckt und sich Lumpereien erlaubt«. wie Parteifreunde ungestraft verbreiteten. Waren das Ausrutscher, Fehltritte der Vergangenheit, die sich nicht wiederholen?

Zweifel sind angebracht. Zimmermann weiß schon, warum er solche Angst vor neuen Fehlern hat.

Im Revisionsverfahren wegen eines fahrlässigen Falscheids, für den Zimmermann zunächst zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden war, betonten die Richter des Landgerichts München I einen Zug des Bayern, der dem Rätsel Zimmermann vielleicht am ehesten beikommt. In der Begründung des Freispruchs, nach der »keine Rede davon sein kann, daß die Unschuld des Angeklagten erwiesen sei, resümierten sie seine Falschaussage mit dem für Gerichtsurteile erstaunlichen Satz: »Er hat mit dem Feuer gespielt.«

Es ist eine Beobachtung, die sich wiederholen läßt im Leben dieses kalkulierenden Mannes. Zimmermann liebt das Risiko. Er verblüfft seine Umgebung durch Unerwartetes; er, der mit fast mathematischer Präzision jede Situation auszurechnen pflegt, entzieht sich häufig dem Kalkül anderer durch gewagte Manöver -- spektakuläre wie Kreuth etwa, weniger auffällig im Alltag der Bonner Landesgruppe: plötzliche Wutausbrüche, unerwartete Aktivitäten, spontane Ortsveränderungen. Es mag wohl sein, daß sich hinter dem Pokerface Zimmermanns eine Spielernatur versteckt -- einer von jener Sorte, der jedes Spiel auf sein »System« abklopft, bevor er mit hohem Einsatz aufs Ganze geht.

Es mag auch sein, daß er einfach oft seinen hohen Intellekt überschätzt und »auf Sicherheitsmargen verzichtet«. wie es ein Mitarbeiter ausdrückt. Oft addiert er vor Entscheidungen Gründe;

* Mit seiner zweiten Ehefrau Christel.

erstens, zweitens und drittens. Doch noch bevor auch viertens klar ist, sagt er: und darum fünftens. Dann ist sein Urteil fertig: »Unverrückbar«, wie er gern zu sagen pflegt, »total«, »absolut«, »hundertprozentig«. Und immer sagt er auch: »Das ist mein Risiko.« Und: »Ich übernehme die Verantwortung.«

Es mag schließlich hinzukommen, daß seine Schilddrüse überfunktioniert, ihn aufbrausend und bösartig macht, seine Selbstkontrolle durchbricht.

Gemeinsam ist allen Deutungen: Es bleibt eine ständige Bruchstelle in der sorgfältig organisierten Selbstdarstellung des Friedrich Zimmermann, aus der jederzeit unvermittelt Irrationales, Emotionales, Abgründiges hervorbrechen kann.

Das macht den Mann bedrohlich, gibt ihm ein Flair des Unheimlichen, nicht Berechenbaren. Häufig genug hat es ihn und seine Partei in der Vergangenheit in unliebsame Situationen gebracht -- zuletzt in Kreuth.

Mit dem Gedanken an eine bundesweite CSU hat sich Zimmermann herumgetragen, seit ihm Franz Josef Strauß das Stichwort lieferte. Daraus wollte er organisatorisch immer etwas machen. Vier Tage nach seiner Wahl zum Landesgruppenvorsitzenden ergab sich die Chance: Mit scheinbar wertfreien Analysen heizte er das elitäre Selbstverständnis seiner Parteifreunde in der bayrischen Hanns-Seidel-Stiftung in Kreuth an. Als die Abgeordneten dann mit Mehrheit für die Trennung von der CDU in Bonn eintraten, hatte er sein Ziel erreicht. Obwohl er es heute bestreitet.

Genüßlich malt er aus, wie der Geist von Kreuth »denen im Schlaf gekommen ist«, das »muß im Unterbewußtsein passiert sein«, daß die Abgeordneten taten, was allein er gewollt hatte.

Damit freilich war ihm die Situation über den Kopf gewachsen. Er hatte mit dem Feuer gespielt, und nun brannte es in der Union lichterloh. Franz Josef Strauß jedenfalls, ohnehin entschuldigungsschwach, war sauer, weil die eigene Partei nicht hinlänglich vorbereitet war und die geschockte CDU nach diesem Handstreich geschlossen hinter Kohl stand.

Zimmermann, der gern scherzt, mit Kohl vor und Strauß hinter sich könne ihm nichts passieren, wäre beinahe zwischen den Stühlen verschwunden.

Seine Schwäche für riskante Alleingänge ist um so gefährlicher, als seine Überzeugung, Politik sei ein schmutziges Geschäft, ebenfalls »total«, »absolut« und »unverrückbar« ist. Er hat es von seinen politischen Ziehmeistern Josef (Ochsensepp) Müller und Franz Josef Strauß beizeiten gelernt, in der Fingerhakel-Atmosphäre der CSU-Frühzeit geübt und, von Affären und Skandalen unberührt, beibehalten.

Daß Strauß damals in der SPIEGEL-Affäre gelogen hat, erschien dem Juristen Zimmermann immer völlig in Ordnung, weil es »zum Wohle des Volkes« geschah.

Mit seiner Meinung, daß man sich im politischen Geschäft »manchmal die Hände dreckig machen muß«, um sie sich dann eben wieder zu waschen, womit alles okay ist, läßt sich Zimmermann ohne Dementi immer wieder zitieren. Da gibt es für ihn auch nichts richtigzustellen. So ist das, wenn man ehrlich ist.

Zimmermann war schon immer ein großer Verfechter für politisches Vergessen -- nicht nur was seine Vergangenheit angeht, nicht erst im Fall Filbinger. Er hat schon Maßstäbe gesetzt, als er sich 1958 für den ehemaligen KZ-Bewacher Peter Prücklmayer als Landtagskandidaten der CSU einsetzte: Es sei endlich an der Zeit, zu vergessen, was früher gewesen ist.

Politik sieht er rein advokatisch. »Sittliche Grundsätze« beim Betreiben dieses Geschäfts hat ihm bisher nur Franz Josef Strauß nachgesagt, und das hat ihm eher geschadet. Charakter kann er bei Politikern nur als besondere schauspielerische Leistung würdigen -- wie etwa bei Bundeskanzler Helmut Schmidt, den er im »Bayernkurier« rezensierte: »Schmidt zeigt weniger Charakter als vielmehr eine Darstellung desselben.«

Daß die fatale Neigung, politische Schmutzarbeit mit höchstem spielerischen Einsatz zu verbinden, bisher dennoch nicht tu einer endgültigen Bruchlandung des politischen Senkrechtstarters geführt hat, verdankt Zimmermann vor allem seiner Vorsicht, sich nie in der ersten Reihe aufzuhalten.

Die Rolle als zweiter Mann hinter Franz Josef Strauß in der CSU behagt ihm zutiefst. Seit er den bulligen Bayern-Boß in den frühen 50er Jahren als ehrgeiziger Funktionär der Jungen Union kennengelernt hat, fühlt er sich von ihm und seiner politischen Sendung »überflutet« ("Welt am Sonntag"). Strauß ist für ihn der Mann mit den genialen Ideen und dem politischen Gardemaß. er selbst der Praktiker. der die Geistesblitze des Meisters in Aktion und Organisation umsetzt.

Es war Straußens Plan, aus der Honoratioren-CSU eine moderne Kader-Partei zu formen. Aber es war Friedrich Zimmermann, der in seiner Zeit als Generalsekretär von 1956 bis 1963 Bayern mit CSU -- Kreisgeschäftsstellen überzog, eine neue Beitragsstruktur schuf, den Zentralapparat neu organisierte und den »Bayernkurier« »um politischen Sprachrohr des Bosses machte.

Diese Arbeitsteilung funktioniert heute wie damals, zum Vorteil beider. Strauß hat einen gesinnungstreuen zweiten Mann, dem er in der Bonner Landesgruppe freie Hand läßt. Zimmermann eine Entschuldigung für manche Dreckstat: Er macht es immer für Strauß, die Partei und die »gemeinsame Sache«.

Die Sache politisch-inhaltlich in definieren bereitet dem sonst so präzisen Zimmermann erhebliche Schwierigkeiten. Das elitäre Herrschaftsgefühl des Aufsteigers aus dem Münchner Besitzbürgertum -- Vater vermögender Holzkaufmann, Mutter Lehrerin -- orientiert sich an Ordnungskategorien, die Herrschaft stützen, wo immer sie existiert: in Familie, Kirche, Staat, notfalls mit allen Mitteln, Todesstrafe inklusive. Das »soziale Wohlbefinden« der Sozis ist ihm ein Greuel, hinter ihrer »Lebensqualität« argwöhnt er gefährliche Gleichmacherei.

Das alles ist inhaltlich schwabbelig, wolkig, zufällig. An Grundsatzdebatten beteiligt er sieh nicht, »die sind ihm zu wenig rational«, erklärt sein Persönlicher Referent Wighard Härtl.

So interessiert Zimmermann an seinem Lieblingskind, der bundesweiten Vierten Partei, denn auch weniger der rechtskonservative Standort. Für ihn, den Organisator, hat das Projekt vielmehr Instrumentalcharakter als Machtbasis für FJS.

Zehntausende, renommiert Zimmermann, sind schon als potentielle Mitglieder einer bundesweiten CSU von einem Computer erfaßt. In einem halben Jahr könnten die Organisationen stehen: »Sollte der Tag X kommen, sind wir schnell auf dem Markt.«

Und er leidet darunter, die Strauß-Gefolgsleute nördlich des Mains derzeit noch vertrösten zu müssen. Zimmermann: »Es ist schon peinlich zu sehen, wie sie einem überall die Aufnahmepapiere aus der Tasche zu ziehen versuchen.«

Der Bayer vibriert vor Energie, wenn er dieses Thema erläutert: »Keiner hat die Problematik der Vierten Partei nach Kreuth so konsequent durchdacht wie ich.« So sicher ist Friedrich Zimmermann, mit ihrer Hilfe die Sozialliberalen endlich aus ihren Ämtern verdrängen zu können, daß er sich schon laut Gedanken über sein Ressort in der künftigen Unions-Regierung macht: Kanzleramtsminister unter Kohl nein, unter Strauß ja.

Das wäre ihm schon recht, denn: Ich liebe die Vielfalt, einzelne Ressorts engen ein.« Notfalls würde er sieh aber auch mit dem Verteidigungs- oder dem Innenministerium zufriedengeben -- er ist sicher, daß er die Wahl hat.

Der unaufhaltsame Aufstieg des Friedrich Zimmermann also, einmal mehr? Bis heute war darauf Verlaß, daß er sich irgendwann wieder selbst ein Bein stellt. Er hat zwar viel gelernt inzwischen. Doch auf ihn sollte zutreffen, was er so unnachahmlich über seinen Duz-Freund Helmut Kohl sagte: »Jeder Mensch ist zu einem gewissen Teil so, wie er ist.« Dann fällt er wieder.

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 81
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.