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Briefe

Der Held ist der Held
aus DER SPIEGEL 21/1996

Der Held ist der Held

(Nr. 20/1996, Hausmitteilung über ein SPIEGEL-Gespräch mit dem Schauspieler Bruno Ganz, der an den Münchner Kammerspielen den Part des Odysseus im neuen Botho-Strauß-Drama »Ithaka« übernommen hat - eine Rolle, die von dem Schauspieler Helmut Griem zuvor abgelehnt worden war. Strauß wie Griem sehen Ergänzungsbedarf, und so kommt Strauß in diesem Heft gleich zweimal zu Wort: auch noch auf der Seite 221, mit der Laudatio auf Bruno Ganz zur Verleihung des Iffland-Rings - der bedeutendsten Auszeichnung für Schauspieler deutscher Sprache)

Der SPIEGEL hat sich zu einem noch unveröffentlichten Stück von mir geäußert und behauptet, es handele »von den mächtigen Fremden in einem von Überfremdung bedrohten Land«. Dies kann unmöglich auf »Ithaka« zutreffen. Ganz im Gegenteil sind es dort, getreu dem Homer, die fürstlichen Freier der Penelope, die gegen den »Fremden« stänkern und auch dem unerkannten Heimkehrer Odysseus das Gastrecht verweigern wollen. Wenn man schon im heutigen Politjargon berichtet, so wäre es schließlich Odysseus, der sein Haus von der fremdenfeindlichen Meute befreit. Hierzu verleiht ihm die anmutige und kriegslüsterne Göttin Athene die nötige »Wehrkraft«. Es verhält sich alles ein wenig paradoxer, als es zu meiner Verleumdung taugt. Im Drama vertreten mehrere Personen unterschiedliche Positionen. Jede ist ein Sprachrohr des Autors. Es spielt auch nicht heute, sondern bietet unverfälscht das Finalabenteuer unserer Urdichtung, in deren Mittelpunkt bekanntlich eine unfaßliche Liebesgeschichte steht. Wie im Buch, so auf der Bühne. Das Unverfälschte mag vielleicht zur Provokation werden: Der Held bleibt der Held. Daß Helmut Griem davor zurückschreckte, war für den Autor eine Erleichterung. Er hatte von Anfang an auf Bruno Ganz gesetzt. *UNTERSCHRIFT:

Berlin BOTHO STRAUSS

Sie schreiben, daß ich aus »politischem Unbehagen« die Hauptrolle im neuen Botho-Strauß-Stück »Ithaka« abgelehnt hätte. Meine politischen Bedenken gegenüber dem Text sind zwar vorhanden, waren aber nur ein (kleinerer) Begründungsteil für meine Absage. Entscheidender war, daß mich die Adaption des Homer-Stoffes (die Heimkehr des Odysseus in der »Odyssee") für die Bühne durch Botho Strauß nicht überzeugt hat. Es ist bei der Nacherzählung einer Erzählung geblieben, die epischen Strukturen bestimmen auch das (Nicht-)Drama, die Figuren sind Erzähl-Figuren geblieben, ohne Widersprüche, ohne Konflikte, ohne Geheimnis, jeder sagt, was er denkt und tut, was er ankündigt. Bei Homer ist es spannend, weil im Kopf des Lesers eine eigene Bilderwelt entstehen kann, bei Strauß bleibt (in teilweise schöner Sprache) eine Art bebilderter Schulfunk übrig. Man muß sich als Schauspieler nicht mit einem Text identifizieren, um ihn zu spielen, Gott behüte. Aber ein Funke des Interesses, der Lust, von mir aus auch des Widerstandes muß überspringen - und das war bei mir und »Ithaka« nicht der Fall. Oder man ist ein Schauspieler (?), der jede Rolle spielt, wenn sie nur groß genug ist. Und das ist bei mir auch nicht der Fall. *UNTERSCHRIFT:

München HELMUT GRIEM

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