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SPD Der Herr der Floskeln

Franz Müntefering ist der neue Liebling der Partei. Mit seinen kurzen Sätzen trifft er die Sehnsucht der Menschen nach Überschaubarkeit. Das Unbequeme erledigen andere für ihn.
Von Susanne Fischer
aus DER SPIEGEL 50/1999

Manchmal entscheidet eine einzige Minute über Sympathie oder Abneigung. Franz Müntefering hatte seine Tour durch die Ausstellung »Lebendiger Ortsverein« am Rande des SPD-Parteitags gerade beendet, da zupfte ihn ein älterer Herr am Ärmel: »Franz, hast du noch Zeit?«

Ein kurzer Blick zum Pressereferenten, der nickt, und Müntefering folgt dem Mann vom Ortsverein Bremen-Buntentor. Eine knappe Minute lang lässt er sich den »umgekehrten Infostand« erklären, an dem nicht Politiker, sondern die Bürger ihre Meinung sagen sollen, dann eilt er weiter. Der Bremer Sozialdemokrat ist dennoch zufrieden: »Danke, dass du gekommen bist, Franz! Der Gerd«, schiebt er grummelnd hinterher, »ist heute morgen nämlich einfach an uns vorbeigerauscht.«

Kumpel Müntefering: Vor drei Wochen noch hatten ihn Bergleute in Köln ausgepfiffen, ihn wegen der neuen Ökosteuer »Verräter« geschimpft. Im Berliner Hotel Estrel dagegen, wo 522 Delegierte drei Tage lang die »Perspektiven sozialdemo-

kratischer Regierungspolitik« berieten, hieß es allenthalben nur »unser Franz«.

94 Prozent der Delegierten wählten ihn zum ersten SPD-Generalsekretär, ein Amt, das eigens für ihn geschaffen wurde. »Unser aller Liebling«, schwärmt die Vorstandsfrau Kerstin Griese. Er bilde eine »Brücke zwischen Tradition und Zukunft«, lobt die junge Bundestagsabgeordnete Nina Hauer, und ein ostdeutscher Ministerpräsident freut sich, dass seit der Rückkehr Münteferings »das Chaos im Willy-Brandt-Haus« endlich ein Ende habe.

»Der liegt mir«, sagt inzwischen auch Gerhard Schröder, der sich zunächst nicht ganz sicher war, was er von einem Lotsen halten sollte, der an Bord blieb, auch wenn der Käpt''n ging. Bundesgeschäftsführer erst unter Scharping, dann für Lafontaine, schließlich Herr eines Wahlkampfes, der mit der Weichwachs-Formel »Innovation und Gerechtigkeit« jede inhaltliche Festlegung und damit ein klares Bekenntnis zu einer der handelnden Personen vermied - kann so einer wirklich loyal zu einem Kanzler Schröder stehen?

Zwar hatte er selbst Müntefering im Spätsommer den Wechsel in die Parteizentrale angetragen. Das westfälische »Rollkommando« ("Stuttgarter Zeitung") aber, das dann im Willy-Brandt-Haus einzog, wurde von der Hannover-Gang im Kanzleramt anfangs äußerst misstrauisch beäugt.

Nach dem mehr als wunschgemäß verlaufenen Parteitag aber ist nun auch der Kanzler überzeugt: »Bei dem heißt ja ja und nein nein.« Stimmten deshalb 94 Prozent der Delegierten für ihn, aber nur 73 Prozent für Rudolf Scharping?

Einen Satz hört immer wieder, wer in der SPD nach der Zauberformel sucht, mit der sie ihr neuer Cheforganisator betört: »Dem Müntefering glaubt man das.« Wobei »das« so gut wie alles heißen kann.

Es gibt Kritiker, die diese allseits gelobte Authentizität für die eigentliche Inszenierung halten. Die wäre dann aber seit Jahren so perfekt, dass ihr Kern nicht mehr auszumachen ist.

Ob als Abgeordneter in Bonn, Minister in Düsseldorf oder Bundesgeschäftsführer wieder in Bonn: Müntefering blieb stets der Sauerländer. Bis heute sind Chancen bei ihm »Schanksen«, und der französische Premierminister heißt »Lionäl Djospenk«, denn »so sagt man das eben bei uns im Sauerland«.

Der rote Schal, den er so häufig trägt, »ist bestimmt nicht aus Kaschmir«, wie einer seiner Mitarbeiter versichert, und zum Bier, das er selbst der erlesensten Weinkarte zum Trotz bestellt, raucht er Zigarillos der Marke »Christian of Denmark«, light, die 20er Schachtel zu 13,20 Mark. Und während Joschka Fischer vorzugsweise unter den Augen der Weltöffentlichkeit joggt, verkleidet sich Müntefering »mit einer alten Mütze«, wenn er gelegentlich durch den Tiergarten läuft.

Ob naturgegeben oder wohlkalkuliert: In einer immer komplexer werdenden Welt entpuppt sich Münteferings Einfachheit als Erfolgsrezept. Brillante Analysen aus seiner Feder sind nicht bekannt. Mit seinen oft hart das Banale schrammenden Lebensweisheiten dagegen ließen sich Abreißkalender bis weit ins nächste Jahrtausend füllen. Und genau damit hat er, in einer Zeit, in der sich eine Mehrheit in der Partei wie »eine kollektive Suchbewegung« (Fraktionsvize Michael Müller) fühlt, offenbar eine Lücke auf dem politischen Markt besetzt.

»Ich kann nur kurze Sätze«, pflegt er zu sagen, und ebendie wollen die Menschen hören. Sätze, die die Welt zu erklären scheinen und das Gefühl vermitteln, dass sie trotz allem noch beherrschbar ist. »Die Wirtschaft ist für den Menschen da«, heißt so ein Satz, »Gerechtigkeit muss das Heute im Blick haben und das Morgen im Griff« ein anderer. Im Grunde, sagt Müntefering, sei ihm selbst nicht ganz klar, »was da eigentlich wirkt«.

Denn seine Meinung sagt der Herr der Floskeln selten. »Organisation ist Politik«, zitiert Müntefering gern den großen Strippenzieher Herbert Wehner. Und zu einer guten Organisation gehört eben auch, dass man das als richtig Erkannte zum richtigen Zeitpunkt sagt. Oder auch nicht.

Wenn Müntefering erzählt, mutet sein Aufstieg vom abiturlosen Industriekaufmann und einfachen Parteimitglied zum zweitwichtigsten Mann in der SPD wie eine Aneinanderreihung glücklicher Zufälle an. Ausgerechnet er, der Planung über alles stellt, spricht sich selbst jegliche gezielte Karriere ab: »Ich habe nie darüber nachgedacht, ob das, was ich tue, ein Sprungbrett sein könnte für Höheres.« Er habe nur versucht, seine momentane Aufgabe jeweils »so gut wie möglich zu machen«, und im Anschluss habe sich dann »immer etwas Neues ergeben«.

Auf seine Zeit im Verkehrsministerium und den Wechsel zurück in die Parteizentrale der SPD passt dieses Muster nicht. Als »lustlos« empfanden nicht wenige Mitarbeiter ihren Minister. Er selbst sah sich mit seinem Posten »nicht unbedingt im Entscheidungszentrum der Regierung«.

Als Fachminister, räumt er heute ein, habe er die Möglichkeit vermisst, »sich um das ganze politische Spektrum zu kümmern«. Folgerichtig nennt er seine Rückkehr in die Parteizentrale den »Wiedereinstieg in die Funktion«, ganz so, als ob das Jahr zwischen dem Wahlsieg in Bonn und seiner triumphalen Wahl zum Generalsekretär nicht zählt. Nun sitzt er auf einem Posten, der ihm Spaß macht, wie er bekennt, und auf dem ihn jeder richtig findet - eine Rarität in der nöligen SPD.

Müntefering sei so erfolgreich, »weil er keinem wehtut«, meint Michael Müller. Müntefering ist deshalb so beliebt, »weil er das Wehtun anderen überlässt«, sagt ein anderes Fraktionsmitglied, »dafür hat er seine Bad Guys.« Auch das gehört zum »System Müntefering": Im Vordergrund steht, als Projektionsfläche, auf die alle Sozialdemokraten ihre Ängste und Hoffnungen übertragen können, der Mann, der »keine Flügel kennt, sondern nur seine SPD«, wie Reinhold Robbe, der Sprecher des rechten »Seeheimer Kreises«, meint.

Dahinter aber sorgt für die »klare Kante« ein junges, eingespieltes Team. Die Dreier-Combo, in der Bundestagsfraktion kurz »Müntes Boygroup« genannt, hielt ihm schon in der Wahlkampfzentrale »Kampa« und dann im Bauministerium den Rücken frei: SPD-Pressesprecher Michael Donnermeyer, Büroleiter Kajo Wasserhövel sowie der ehemalige Kampa-Manager und jetzt zum Bundesgeschäftsführer erkorene Matthias Machnig.

Eine perfekte Rollenteilung. Denn anders als der nette Franz an der Spitze werden die harten Jungs an seiner Seite nicht vom Parteitag gewählt. SUSANNE FISCHER

* Vergangenen Dienstag beim SPD-Parteitag in Berlin.

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