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KAMBODSCHA Der Herr der Killing Fields

Diese Woche beginnt in Phnom Penh der Prozess gegen die Roten Khmer - 30 Jahre nachdem die Steinzeit-Kommunisten von der Macht vertrieben wurden. Als Erster auf der Anklagebank: »Duch«, der Chef-Folterer des mörderischen Regimes. Von Erich Follath
Von Erich Follath
aus DER SPIEGEL 8/2009

Lokaltermin auf den Killing Fields. Staub wirbelt auf von roten Lehmwegen, Blaulicht leitet die Autokarawane, Polizisten scheuchen Schaulustige weg, die trotz der nachtschlafenden Zeit mitbekommen haben, dass hier etwas Besonderes passiert. Ein halbes Dutzend Geländewagen quält sich vom Gericht in einem Außenbezirk von Phnom Penh Richtung Choeung Ek, den Ort des Verbrechens. Es geht vorbei an smaragdgrünen Reisfeldern, die in den ersten Sonnenstrahlen glitzern, vorbei an dem Schild, das an der Gedenkstätte die Touristen auffordert, gegenüber den Toten Respekt zu zeigen. »Und bitte nehmen Sie keine Gebeine mit!«

Während des Ortstermins bleiben Besucher wie Journalisten ausgesperrt. Anwesend bei dieser gespenstischen Verabredung mit der Vergangenheit sind nur die Ankläger, Verteidiger sowie einige Zeugen des internationalen Tribunals, das die Verbrechen der Roten Khmer untersucht - und der Angeklagte Kaing Guek Eav alias »Duch«, 66.

Der ehemalige Mathematiklehrer hat von März 1976 bis Anfang 1979 das Vernichtungslager S-21 geleitet. Nur etwa sieben der 14 000 Gefangenen kamen mit dem Leben davon; die meisten der Delinquenten wurden grausam misshandelt und nach ihren erpressten »Geständnissen« auf den Killing Fields exekutiert. Duch gilt als der Chef-Folterer der Roten Khmer. Die Ankläger des Tribunals wollen ihm beweisen, dass er die Taten angeordnet, teilweise auch selbst vollzogen hat.

Der Angeklagte sei zusammengebrochen, erzählt später Reach Sambath, der Tribunalsprecher, der bei dem Gerichtsausflug dabei war. Zweimal zusammengebrochen. Zuerst an dem Baum mit dem mächtigen Stamm, gegen den die Mörder die Babys der Verhafteten geschleudert haben und wo auf einem Täfelchen »Killing Tree« steht, als handelte es sich um eine botanische Besonderheit. Dann noch einmal vor den Tausenden von Totenschädeln, aufgestapelt hinter einer Glaswand; ein Mahnmal, das Kambodschas Regierung für die Nachwelt errichtet hat.

Schluchzend hat Duch nach der Erzählung des Augenzeugen Gott um Gnade angefleht und inbrünstig einen durch Zufall dem Tod entgangenen ehemaligen Lagerinsassen um Verzeihung gebeten. »Ich kann das nicht. Ich bringe es einfach nicht fertig, dir zu vergeben. Ich höre noch immer die Schreie der Gefolterten in der Nacht«, sagte der leise. Und drehte sich weg, aufgewühlt, unfähig, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

An diesem Dienstag beginnt nun das Hauptverfahren: die Weltgemeinschaft und das Volk von Kambodscha im Besonderen gegen Kaing Guek Eav alias Duch ("Doik« gesprochen, ein lautmalerischer Kampfname, der den letzten Atemzug eines sterbenden Tiers imitieren soll). Es ist der erste Prozess gegen einen führenden Vertreter der Roten Khmer, später soll die juristisch umstrittene Aufarbeitung dieser Zeit auch die erste Riege der Politiker von damals umfassen.

Mehr als 30 Jahre nachdem das mörderische Regime von Pol Pot & Co. gestürzt worden ist, erhält Kambodscha nun also sein »Nürnberg«, seinen spektakulären, mit Spannung erwarteten Kriegsverbrecherprozess. Es geht um einige der schlimmsten Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts. Dem Terror der Roten Khmer fielen zwischen April 1975 und Januar 1979 etwa 1,7 Millionen Menschen zum Opfer, fast ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung. »Autogenozid« heißt der hilflose Begriff für den Mord am eigenen Volk.

Immer wieder ist das Tribunal verzögert, verschleppt worden. Durch die Unfähigkeit der Vereinten Nationen, vor allem aber durch die Obstruktion des kambodschanischen Regierungschefs Hun Sen, 57, der früher selbst einmal ein Roter Khmer war, bevor er Ende der siebziger Jahre die Seiten wechselte. Kambodscha ist unter seiner Führung längst kein Horrorstaat mehr. Aber auch heute noch wird das Land autokratisch regiert, gilt als notorisch korrupt, besonders im Justizwesen.

Neben dem ehemaligen Chef-Folterer warten noch die politischen Schwergewichte des früheren Regimes im neugebauten Gefängnis auf dem Tribunalgelände von Phnom Penh auf den Richter: Nuon Chea, 82, »Bruder Nummer zwei«, der höchstrangige lebende Khmer-Rouge-Führer, seit Pol Pot 1998 einen friedlichen Tod in seinem Bett sterben durfte; Ieng Sary, 83, Ex-Außenminister, und Ieng Thirith, 76, seine Frau, die ehemalige Sozialministerin; Khieu Samphan schließlich, auch schon 77 Jahre alt, der ehemalige Staatschef des »Demokratischen Kampuchea«, wie das Land unter den Radikalkommunisten hieß.

Sie sitzen in geräumigen, hellen Zellen eines weißgestrichenen Bungalows. Sie können jeden Tag zwischen Fisch, Fleisch und einem vegetarischen Gericht wählen. Seit sich Nuon Chea über die »primitiven« Hocktoiletten beschwert hat, verfügen alle Angeklagten über Klospülung »American Standard«. Sie dürfen sich wöchentlich zum Gedankenaustausch treffen, zum Kaffeekränzchen der mutmaßlichen Massenmörder sozusagen. Ein ganzer Schwarm heimischer und internationaler Ärzte kümmert sich um ihre Gesundheit - es ist ein Alptraum der Strafverfolger, dass ihnen einer der gebrechlichen Greise noch vor Prozessbeginn wegsterben könnte. Frühestens im Herbst, wenn Duch abgeurteilt ist, wird es gegen die erste Garde der Roten Khmer losgehen. Die Sühne kommt in Zeitlupe - wenn sie denn überhaupt kommt.

Die Angeklagten verfügen über Verteidiger der Extraklasse. Das Tribunal von Phnom Penh ist ein Hybrid, ein »gemischter« Gerichtshof, in allen wichtigen Funktionen gleichberechtigt bestückt mit internationalem wie lokalem Personal. Folglich hat jeder Beschuldigte Anspruch auf zwei Rechtsbeistände. Neben den kambodschanischen Juristen sind das gewiefte französische oder andere internationale Advokaten, die versuchen werden, ihren Mandanten das Höchsturteil »lebenslänglich« zu ersparen - womöglich den ganzen Prozess. Mehr als 100 Millionen Dollar hat das Tribunal schon vor seiner ersten Hauptverhandlung verschlungen, den Löwenanteil trägt die Weltgemeinschaft, Japan voran, nicht sehr weit dahinter auch Deutschland.

Kambodscha, das Reich der großen mittelalterlichen Könige und der Weltwunder von Angkor: Seit der Alptraum-Ära der Roten Khmer ist es eine verwundete Zivilisation, und die Kambodschaner sind ein traumatisiertes, zerrissenes Volk.

Macht ein Tribunal da überhaupt Sinn, reißt es die gerade zuwachsenden Wunden wieder auf - oder ermöglicht es einen schmerzlichen, aber eben auch notwendigen Heilungsprozess? Könnte das Geld in einem Land, in dem jeder Dritte unter der Armutsgrenze lebt, nicht besser verwendet werden? Und gehört der Angeklagte Duch, dem jetzt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess gemacht wird, wirklich in die Reihe der Haupttäter?

Viel wird davon abhängen, wie dieses erste Verfahren in Phnom Penh läuft, wie präzise es gelingt, Duchs Verbrechen nachzuweisen und einzuordnen. Die 45-seitige detaillierte Anklageschrift, die dem SPIEGEL vorliegt, leistet prozesstechnisch eine Menge. Die Beweisführung der Anklage wird dadurch erleichtert, dass die Roten Khmer - wie die Nazis - genau Buch über ihre Taten führten, ja stolz auf sie waren. Viele Gefangenenprotokolle aus dem Lager S-21 sind erhalten, und sie klingen eindeutig. Den Delinquenten »auslöschen«, hat der Herr der Killing Fields an den Rand der Dokumente geschrieben.

Was damals wirklich passiert ist - und warum -, wissen am besten Männer, die Duch aus nächster Nähe erlebt und eine besondere Beziehung zu ihm gefunden haben: ein französischer Wissenschaftler, der in Gefangenschaft der Roten Khmer geriet und mit dem jungen Kommandanten Duch über die Revolution und die »Säuberungen« stritt, oder jener irische Journalist, der sich wie besessen auf die Spuren des untergetauchten Duch geheftet hat.

Wie es der Zufall will, liegt Duchs Geburtsort in der Provinz von Pol Pot, Kampong Thom. Anders als die Eltern des »Bruders Nummer eins« aber sind seine nicht wohlhabende Bauern. Sie gehören zu den Ärmsten im Dorf, besitzen so wenig Land, dass die Mutter mit Selbstgebackenem auf dem Markt etwas dazuverdienen, der Vater bei einem chinesischen Kaufmann als Hilfskraft schuften muss. Der einzige Sohn der Familie ist ein kränkliches Kind, das aber seinen Lehrern als begabt, gewissenhaft und autoritätshörig auffällt. Er schafft es bis aufs beste Gymnasium von Phnom Penh und schließt am Lycée Sisowath die Abiturprüfung ab - in Mathematik als Zweitbester des ganzen Landes. Schon frühzeitig interessiert er sich für Politik, vergräbt sich in die Lektüre von Marx und Mao. Er bekommt eine Lehrerstelle in der Provinz, morgens hin zur Schule mit dem verbeulten Fahrrad, abends zurück in sein Zimmer, keine Freizeit, keine Freundin: ein Asket, Typ einsamer Wolf. Er beobachtet, wie sich in Kambodscha die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft und sieht nur im kommunistischen Gedankengut eine Rettung. Der Lehrer Kaing Guek Eav lernt die Guerilleros der Roten Khmer kennen, die in der Nähe eines ihrer Lager aufschlagen.

Er findet eine neue Bezugsgruppe, eine neue Familie: die Partei. Schließt sich der Bewegung an, beginnt Flugblätter zu verteilen, agitiert. 1968 wird er verhaftet und zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er sitzt aber nur zwei; ausgerechnet der rechtsgerichtete General Lon Nol, der mit Hilfe der CIA gegen den auf Neutralität bedachten Prinz Sihanouk geputscht hat, erlässt eine Generalamnestie.

Duch geht nach einem kurzen Besuch bei seiner Familie sofort wieder in den Untergrund. Er steigt auf in der Hierarchie der Roten Khmer, bekommt in einem von ihnen beherrschten Distrikt die Oberaufsicht über ein Straflager, in dem Verräter an der Bewegung und entführte Regierungsmitarbeiter interniert sind. Und in das seine Schergen im Oktober 1971 auch einen Ausländer verschleppen: den französischen Ethnologen François Bizot.

Bizot ist ein Kambodscha-Enthusiast, den Schönheiten des Landes mit Haut und Haaren verfallen. Er schwärmt von der Sanftheit seiner Menschen, der Großartigkeit seiner Bauwerke, der Poesie und der Mystik. Er lebt lange nahe der Angkor-Tempel, ist mit einer Kambodschanerin verheiratet, hat eine kleine Tochter. Bizot spricht auch fließend Khmer. Er ist mit zwei Kollegen unterwegs, als die Rebellen zuschlagen. Sie glauben ihm seine Geschichte nicht, und je mehr er von seinen wissenschaftlichen Forschungen erzählt und von seiner Kenntnis der Landessitten verrät, desto überzeugter sind sie: Sie haben den Spion einer fremden Macht vor sich.

Obwohl Bizot geschwächt ist von dem mageren Essen, gequält von den Eisenfesseln an den Füßen, gedemütigt durch die Fußtritte der Wächter und das Bespucktwerden, verliert er nicht seinen Überlebensinstinkt. Er bemerkt bald, dass in dem Lager nur einer das Sagen hat: der Mann, den sie Duch nennen. Er ist die einzige Karte, die er spielen kann. Und so sucht er den Dialog mit dem Khmer-Rouge-Kader - auf Teufel komm raus. Und der lässt sich, ob aus Langeweile oder Neugier, darauf ein. »Dieser Franzose amüsiert mich«, hört der Gefangene Duch sagen. Um Bizot herum sterben die Gequälten; jeder Tag Leben ist ein Erfolg, ein Silberstreifen Hoffnung.

So beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, dessen Einsatz - daran besteht für Lagerchef wie Lagerinsasse nie ein Zweifel - das Leben des Delinquenten ist. Ein bizarrer intellektueller Totentanz.

Die Revolution erfordere Folter und auch Hinrichtungen, argumentiert Duch. »Hattet ihr nicht auch eine Revolution, habt ihr nicht auch viele Hunderte exekutiert? Werden in euren Geschichtsbüchern nicht die Männer gerühmt, die eine neue Nation gründeten?« Bizot hält dagegen. Spricht von der Tradition des Abwägenden und Ausgleichenden in der kambodschanischen Geschichte. Er entwickelt zu seinem Gegenüber nach und nach eine merkwürdige Nähe, vielleicht so etwas wie das Stockholm-Syndrom, das Geiseln Sympathie für ihre Geiselnehmer verspüren lässt. »Irgendwie vertraute ich Duch«, sagt Bizot im Rückblick. »Dieser furchtbare Mann war nicht doppelzüngig. Er bestand aus Prinzipien und Überzeugungen.«

Nach drei Monaten Gefangenschaft kommt der Franzose frei. Man setzt ihn nach einer letzten politischen Lehrstunde auf offener Straße aus. Bizot ist bis heute davon überzeugt, dass er sein Überleben der Fürsprache Duchs zu verdanken hat. Später wird er erfahren, dass er als einziger Gefangener das Dschungellager überstanden hat, dass auch seine beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter gnadenlos hingerichtet wurden.

Wenn Duch den Franzosen wirklich aus eigenem Antrieb gerettet haben sollte, dann ist es seine letzte bekanntgewordene menschliche Handlung gegenüber einem Fremden. Nur gegenüber seiner Frau - einer Näherin, die er 1974 trifft und zwei Jahre später heiratet, als die Roten Khmer schon Kambodscha erobert haben und er zum Chef des Foltergefängnisses geworden ist - lässt er noch so etwas wie Humanität spüren. Und er hält seine eigenen Kinder fern vom Horror. Bei Bizot im Dschungellager hat er den Terror nur geübt. Für die Gefangenen von S-21, für die Duch ab März 1976 fast drei Jahre lang die Verantwortung trägt, wird er zu einem Teufel in Menschengestalt.

Es übersteigt jede Vorstellungskraft, wie es ihm möglich gewesen ist, nach einem Tag von Folterungen und Exekutionsbefehlen abends mit seiner Tochter zu spielen oder mit seiner Frau über deren Arbeit zu sprechen. Sie hatte einen Job im nahen Krankenhaus angenommen. Während es ihre Aufgabe war, Menschenleben zu retten, bestand seine genau im Gegenteil: Er sollte Menschenleben auslöschen.

Einige Überlebende, vor allem Wärter, haben gegenüber dem Tribunal ausgesagt. Ein Auszug aus der Anklageschrift: »Zeuge E. sah, dass Duch eine Frau mit Elektroschocks bearbeitete. Gemeinsam mit fünf anderen folterte er sie von neun Uhr abends bis drei Uhr morgens, und weil sie nicht gestand, fuhren sie fort, bis sie das Bewusstsein verlor. Der Zeuge sagte, die Männer hätten gescherzt, während sie folterten.« - »Duch gestand, dass er zwei Massenexekutionen angeordnet hatte, um Platz für nachrückende Gefangene zu schaffen.« - »Duch sagte, er sei nur einmal in Choeung Ek (auf den Killing Fields) gewesen. Der Eintrag im Logbuch von S-21 gibt die Zahl der dort getöteten Kinder an einem einzigen Juli-Tag 1977 mit 160 an.«

In Duchs Broschüre »Der finale Plan«, geschrieben in den letzten Monaten des Regimes, findet man seinen Traum für eine kambodschanische Endlösung. Jeder Kambodschaner, vor allem aber jedes Parteimitglied ist für ihn zuallererst ein potentieller Verräter. In einem Blutrausch will Duch die rote Bewegung »reinigen«. Privates ist der Sache unterzuordnen, keiner darf sich sicher fühlen. Weshalb Duch, auch als sein früherer, von ihm verehrter Lehrer eingeliefert wird, keinen Moment mit den Folterbefehlen zögert; weshalb er auch bei seinem Wachpersonal »Verräter« herauspickt und sie hinrichten lässt.

Er verbindet dabei die Systematik eines Mathematikbegeisterten mit der Inbrunst des Revolutionärs, der für den »neuen Menschen« im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen geht. Er kommuniziert mit der obersten Parteispitze, versucht deren Paranoia gegenüber Staatsfeinden vorauszuahnen und zu übertreffen.

Er weiß nach seinen frühen Jahren im Dschungel auch, wie man untertaucht. Spurlos verschwindet Duch 1979 nach der Vertreibung der Roten Khmer aus der Hauptstadt, nach Jahren gibt man die Suche nach ihm auf. Aller Wahrscheinlichkeit nach sei der Chef-Folterer tot, heißt es.

Nic Dunlop ist ein junger, ehrgeiziger Fotograf, der Ende der Achtziger zum ersten Mal nach Kambodscha kommt. Der gebürtige Ire ist von den Auseinandersetzungen auf seiner Insel manche Brutalität gewohnt. Aber so etwas wie in Phnom Penh, wo die neuen Herren S-21 in ein Museum verwandelt und Folterwerkzeuge, Dokumente und Hunderte Porträtaufnahmen Liquidierter ausgestellt haben, hat er noch nie gesehen. Vor allem ein Foto, das einzige Foto des Lagerkommandanten, lässt ihn nicht los: Es zeigt einen maliziös lächelnden Duch. Dunlop macht Dutzende Abzüge. Auf seinen Reisen durchs Land zeigt er das Bild immer wieder vor, verteilt es. Nur Achselzucken. Keine Spur. Es ist wie mit der Nadel im Heuhaufen.

Und dann passiert es. 1999 reist der Journalist nach Westkambodscha, um dort einen Minenräumtrupp zu begleiten - und sieht in der Nähe des Ortes Samlaut nahe der Grenze zu Thailand einen Mann, der ihm irgendwie bekannt vorkommt. Er heiße Hang Pin, sagt der schmächtige Kambodschaner mit dem T-Shirt des »American Refugee Committee«, und er sei Lehrer im Ort. Gelegentlich arbeite er auch für westliche Hilfsorganisationen.

Die Ohren, die Zähne, die Haare, das Lächeln - zurück in Bangkok, betrachtet Dunlop wieder und wieder das Foto, das er nach seinem Treffen unauffällig vom Gesprächspartner gemacht hat. Er ist überzeugt, Duch gefunden zu haben. Wenige Tage später reist er wieder nach Samlaut, mit einem Kollegen als Zeugen. Ihr Gegenüber freut sich, der Mann hat offensichtlich keinerlei Angst vor einer Entdeckung.

Haben Sie nicht in einer wichtigen Funktion für die Roten Khmer gearbeitet?, fragen sie. - Er habe im Erziehungsministerium Kinderbücher übersetzt, ist die Antwort. - Nicht doch eher im Gefängnis S-21 als Kommandant?

Da erkennt der Mann, dass es vorbei ist. »Ja, ich bin Duch. Ich habe sehr schlimme Dinge in meinem Leben getan, aber ich diente dem Kommunismus. Mein Schicksal liegt nun in Gottes Hand.«

Später erzählt Duch, dass er nach seiner Flucht von den Roten Khmer als Lehrer nach China geschickt wurde. Dass er seine Frau bei einem Überfall von Banditen verlor (sie könnten von »Bruder Nummer eins« geschickt worden sein, vermutet der Verschwörungsexperte) und dass er sich dann von amerikanischen Patres zum Christentum bekehren ließ. Er wolle nun die Lehre der Barmherzigkeit in der Welt verbreiten. Duch vergleicht sich mit einem Apostel. »Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden.« Hofft er so auf Strafmilderung? Ist er wirklich ein anderer, ein »neuer Mensch« geworden?

Zwei Jahrzehnte nach der Vertreibung der Roten Khmer und seiner Flucht kommt Duch in Untersuchungshaft. Dort sitzt er nun seit 1999. Liest in der Bibel. Plaudert mit seinen 2007 zu ihm gestoßenen, ebenfalls verhafteten Khmer-Rouge-Genossen. Zimmert mit seinem französischen Anwalt François Roux - er war für den Mitwisser der Anschläge vom 11. September Zacarias Moussaoui tätig - an einer Verteidigungsstrategie, die auf »Befehlsnotstand« hinauslaufen wird: Duch als vergleichsweise kleines Rädchen in der von Pol Pot gelenkten Killermaschinerie. Der Advokat versuchte eine Haftverschonung für seinen Mandanten zu erreichen, mit der Behauptung, Duchs lange Untersuchungshaft ohne Prozess verstoße »gegen alle Prinzipien des internationalen Rechts«.

Will die Verteidigung womöglich darauf hinaus, dass Kaing Guek Eav psychisch krank ist? Schuldunfähig?

In der Anklageschrift ist vermerkt, dass »die beschuldigte Person« von einem Expertenteam untersucht worden ist. Der Befund: »Er ist für seine Taten verantwortlich. Er ist hochgradig intelligent und verfügt über ein sehr gutes Erinnerungsvermögen und ausgeprägte analytische Fähigkeiten. Er ist penibel, kontrollorientiert und sucht die Anerkennung von Vorgesetzten. Unverkennbar sind starke Züge der Besessenheit. Durch selektive Wahrnehmung und Leugnen von Fakten hat er sich mächtige Verteidigungsmechanismen in eigener Sache zugelegt.«

Die Psychologen gehen so weit, Duch »Rehabilitierungsfähigkeit« zu bescheinigen, da er nun durch seinen christlichen Glauben gefestigt sei. Allerdings merken sie auch an, dass eine solche Wieder-Integration in die Gemeinschaft auch von »äußerlichen Faktoren« abhängig sei. Duch in etwa 15 Jahren beim Sundowner in einer Bar von Phnom Penh Seit an Seit mit den Kindern der Opfer - diese Vorstellung dürfte einem Großteil der Kambodschaner schwer erträglich sein.

Der Wissenschaftler Bizot aber, 69, genießt nach Jahren als Buddhismus-Professor an der Sorbonne nun sein Rentenalter in einem thailändischen Landhaus. Er hat sich von Duch eine Skizze zu dessem ehemaligen Lager anfertigen lassen und ist noch einmal an die Stätte seiner Leiden zurückgekehrt. Nun aber will er nie mehr nach Kambodscha, hat seinen Idealismus gegen Resignation eingetauscht, seinen Glauben gegen Hilflosigkeit: »Meine Bitterkeit kennt keine Grenzen. Ich verabscheue diese Vorstellung von einer neuen Morgendämmerung, die es dem Homo sapiens erlauben könnte, in Harmonie zu leben - mit solchen Utopien wurden die schlimmsten Blutbäder der Geschichte gerechtfertigt.«

Duch, sagt er, sei, wie er sei. Zu einer Wandlung unfähig.

Vom Autor erscheint am 13. März ein SPIEGEL-Buch bei DVA: »DieKinder der Killing Fields. Kambodschas Weg vom Terrorland zumTouristenparadies«. 368 Seiten; 19,95 Euro.

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