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»Der Himmel wird zum Vorhof der Hölle«

Professor Hans-Peter Dürr über den Wahnwitz der »Strategischen Verteidigungsinitiative« (SDI) Auf breiter Front warnen westdeutsche Wissenschaftler vor einer Beteiligung der Bundesrepublik an der »Strategischen Verteidigungsinitiative« (SDI) der USA. Ihr prominentester Sprecher ist Professor Hans-Peter Dürr, 56, Direktor am Werner-Heisenberg-Institut des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München. Vor 1500 Zuhörern erörterte Dürr, ein Schüler der Atomphysiker Heisenberg und Teller, am 23. Mai an der Münchner Universität die Absurdität und die Gefahren des Star-Wars-Konzepts. Dürr, der in München ohne Manuskript sprach, brachte die wichtigsten Passagen seines Vortrags für den SPIEGEL zu Papier: *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Am 23. März 1983 hielt US-Präsident Ronald Reagan eine Fernsehansprache über ein »Verteidigungsprogramm der Zukunft«. In der Rede, die den Startschuß für die »Strategic Defense Initiative« (SDI) gegeben hat, sagte Reagan unter anderem: _____« Seit der Existenz von Kernwaffen richteten sich die » _____« Verteidigungsmaßnahmen in immer stärkerem Maße darauf, » _____« eine Aggression durch die Ankündigung einer Vergeltung » _____« abzuschrecken ... Diese Methode, Stabilität durch » _____« Offensivandrohung zu erreichen, hat funktioniert ... Uns » _____« und unseren Verbündeten ist es gelungen, über drei » _____« Jahrzehnte hinweg einen Atomkrieg zu verhindern ... In » _____« den letzten Monaten jedoch haben meine Berater ... die » _____« Notwendigkeit unterstrichen, aus einer Zukunft » _____« auszubrechen, die sich im Hinblick auf unsere Sicherheit » _____« ausschließlich auf offensive Vergeltung stützt ... Wäre » _____« es nicht besser, Menschenleben zu retten, als sie zu » _____« rächen? Sind wir nicht in der Lage, unsere friedlichen » _____« Absichten zu demonstrieren, indem wir alle unsere » _____« Fähigkeiten und unseren ganzen Einfallsreichtum » _____« aufbieten, um eine wirklich dauerhafte Stabilität zu » _____« erreichen? Ich glaube: Wir können es, ja wir müssen es! » _____« ... » _____« Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß es einen Weg » _____« gibt. Teilen Sie mit mir eine Vision der Zukunft, die » _____« Hoffnung bietet. Sie liegt darin, daß wir ein Programm in » _____« die Wege leiten, um der schrecklichen sowjetischen » _____« Raketendrohung mit Maßnahmen zu begegnen, die defensiv » _____« sind ... » _____« Ich weiß, daß dies eine gewaltige technische Aufgabe » _____« ist - eine Aufgabe, die nicht vor Ende dieses » _____« Jahrhunderts bewältigt sein dürfte ... » _____« Ich bin mir völlig im klaren darüber, daß » _____« Verteidigungssysteme Grenzen haben und bestimmte Probleme » _____« und Unsicherheiten aufwerfen. Wenn sie mit » _____« Offensivsystemen gepaart werden, dann » _(Test einer MX-Rakete, die vom ) _(kalifornischen Stützpunkt Vandenberg in ) _(Richtung der Pazifik-Insel Kwajalein ) _(geschossen wurde. ) _____« könnten sie als Nährboden einer aggressiven Politik » _____« betrachtet werden - und das will niemand. Aber unter » _____« genauer Berücksichtigung aller dieser Überlegungen rufe » _____« ich die Gemeinschaft der Wissenschaftler, die uns die » _____« Kernwaffen gegeben haben, auf, ihre großen Talente der » _____« Sache der Menschheit und des Weltfriedens zu widmen: uns » _____« die Mittel an die Hand zu geben, um diese Kernwaffen » _____« unwirksam und überflüssig ("impotent and obsolete") zu » _____« machen ... » _____« Heute abend unternehme ich einen ersten wichtigen » _____« Schritt. Ich gebe die Anweisung zu einer umfassenden und » _____« intensiven Anstrengung, ein langfristiges Forschungs- und » _____« Entwicklungsprogramm auszuarbeiten, um unserem Endziel » _____« näher zu kommen, die Bedrohung durch strategische » _____« Nuklearraketen zu beseitigen ... »

Soweit Reagan - fürwahr eine grandiose Vision. Ein Aufruf an die Wissenschaftler, der Welt die Atombombe wegzuerfinden.

Die Rede Reagans enthält einige wesentliche Punkte, die ich voll akzeptieren kann. Es ist meines Erachtens richtig: *___Die Abschreckungsdoktrin ist inhuman. Die ____Friedensbewegung hat diesen Standpunkt schon seit ____langem leidenschaftlich betont. *___Die Abschreckungsdoktrin ist langfristig instabil. Eine ____Verteidigungsform, die darin besteht, daß sie auf eine ____Bedrohung durch den Gegner mit einer verstärkten ____Gegendrohung reagiert, führt notwendig zu einem ____Rüstungswettlauf, der letztlich in einer Katastrophe ____enden muß. *___Es sind dringend Maßnahmen notwendig, welche die ____Nuklearwaffen für die Friedenssicherung überflüssig ____machen. Nuklearwaffen bedrohen die ganze Menschheit. ____Sie sind für die Durchsetzung jeglicher Ziele deshalb ____völlig ungeeignet, weil sie zerstören würden, was sie ____verteidigen wollen. Es gibt prinzipiell keine ____Möglichkeit, sie unwirksam zu machen, auch nicht durch ____Verschrottung aller bestehenden Nuklearwaffen - sie ____könnten innerhalb weniger Wochen aufgrund der ____existierenden Kenntnisse wieder neu gebaut werden.

Ich möchte im Folgenden aufzeigen, daß SDI die angekündigten Erwartungen nicht erfüllen kann, da sie auf falschen Vorstellungen beruhen. Der Versuch einer Verwirklichung der durch SDI aufgezeigten Vision würde nämlich mit erdrückender Wahrscheinlichkeit gerade das Gegenteil des beabsichtigten Zwecks erreichen, er würde zu einer extremen Destabilisierung der jetzt schon prekären Situation führen und damit unsere Sicherheit, die Überlebenschance der Menschheit, weiter verringern.

Ich bin Elementarteilchenphysiker und Kernphysiker. Dies bedeutet aber nicht, daß ich mit den technischen Fragen, die mit einem Raketenabwehrsystem verbunden sind, detailliert vertraut wäre. Ich habe mich durch ein Studium der öffentlichen Literatur, insbesondere auch der amerikanischen Literatur, informiert. Was ich zu sagen habe, ist nicht neu.

Viele wichtige Informationen unterliegen allerdings der militärischen Geheimhaltung. Was kann ich also oder was können die Autoren der von mir herangezogenen Veröffentlichungen, so wird man fragen, zu diesem Fragenkomplex Wesentliches beitragen? Denn, so wird behauptet, nur einer, der Zugang zu geheimen Informationen habe, könne solche komplexen militärischen Systeme kompetent bewerten. Mein früherer Lehrer, Edward Teller, vertritt diesen Standpunkt manchmal wirkungsvoll in der Öffentlichkeit, besonders, wie ich meine, wenn er argumentativ in Bedrängnis gerät.

Mit den meisten meiner Kollegen vertrete ich demgegenüber die Meinung, daß für ein allgemeines Urteil über SDI, insbesondere wenn man dabei die Forderung nach einer totalen Verteidigungsfähigkeit gegen die nukleare Bedrohung im Auge hat, keine technischen Details nötig sind, sondern daß eine Bewertung allein auf der Grundlage allgemeiner physikalischer und geometrischer Überlegungen möglich ist. Die Situation erscheint hier ähnlich wie bei der Beurteilung eines »Perpetuum mobile«. Aus der Kenntnis des 1. und 2. Hauptsatzes der Thermodynamik weiß man, daß so eine Maschine nie funktionieren kann. Es ist deshalb gar nicht nötig, sich in die Details einer solchen Maschine zu vertiefen.

Ich werde mich daher im Folgenden auf den Standpunkt stellen, daß alles, was physikalischen Gesetzen nicht widerspricht, auch irgendwie technisch machbar und funktionsfähig sein soll, und mich nicht damit befassen, wie weit der jetzige Stand der Technik von dieser prinzipiellen Möglichkeit entfernt ist.

Wie man sich einen strategischen Nuklearangriff vorzustellen hat, darüber gehen die Meinungen weit auseinander, und unsere einzige Hoffnung ist, daß wir es auch nie wissen werden. Die einen halten schlimmstenfalls nur einen »ungefährlichen« nuklearen Warnschuß oberhalb der Atmosphäre für möglich, die anderen befürchten den großangelegten Raketenangriff. Da wir es nicht wissen, müssen wir uns notgedrungenermaßen auf die schlimmste Situation (worst case) einstellen.

Im Augenblick und in naher Zukunft würde dies bedeuten, daß mehr als 9000 nukleare Sprengköpfe, transportiert von über 2000 sowjetischen Interkontinentalraketen (ICBM) und seegestützten Raketen (SLBM), den Westen gleichzeitig angreifen könnten, wobei jeder Sprengkopf im Durchschnitt die Sprengkraft von ungefähr 70 Hiroschima-Bomben hat (also etwa 70 mal 15 Kilotonnen TNT-Äquivalent) und die USA in einer Flugzeit von etwa einer halben Stunde erreichen könnte. Hierzu kommt eine Bedrohung Westeuropas durch die vielen Mittelstreckenraketen (IRBM), die taktischen Raketen langer Reichweite (TBM) mit einer Flugzeit von weniger als sieben Minuten und die Marschflugkörper (GLCM).

Schon ein Prozent dieser Raketen, also etwa 100 Sprengköpfe mit einer Sprengkraft von insgesamt 5000 Hiroschima-Bomben, würde ausreichen, einen »nicht annehmbaren«, vernichtenden Schlag zu führen. Dies bedeutet, daß ein Verteidigungssystem, um seinen Zweck zu erfüllen, die phantastische Fähigkeit erlangen müßte, über 99 Prozent aller Nuklearraketen bei einem Angriff auszuschalten. Dieser hohe Schutz darf nicht nur für die »harten Objekte« - wie militärische Ziele, also etwa Raketensilos oder Kommandozentralen - gewährleistet sein, sondern muß insbesondere auch für die viel verwundbareren »weichen Ziele«, wie Bevölkerungszentren, in denen die Mehrzahl unserer Menschen lebt, erreicht werden.

Um einen so hohen Schutz nicht sofort als eine unerreichbare Utopie zu verwerfen, ist es unumgänglich, eine Verteidigung auf allen möglichen Ebenen aufzubauen, das heißt auf der Ebene der Interkontinentalraketen, der seegestützten Systeme und Mittelstreckenraketen, der Taktischen Raketen, der Marschflugkörper und allen anderen Ebenen, die sich in

Zukunft - zum Teil als Reaktion auf diese Verteidigung - noch herausbilden werden.

Auf jeder Ebene muß wiederum in jeder Phase der Flugbahn eine - bezüglich der besonderen Merkmale dieser Phase - optimierte Verteidigungsform entwickelt werden.

Eine allgemeine Überlegung zeigt, daß es absolut hoffnungslos ist, das hochgesteckte Ziel einer 99prozentigen Vernichtung von Nuklearraketen zu erreichen, wenn es nicht wenigstens gelingt, den Großteil der landgestützten Interkontinentalraketen schon in ihrer kurzen Aufstiegs- und Antriebsphase unschädlich zu machen.

Wir ziehen bei diesen Überlegungen den noch früheren Zeitpunkt, nämlich eine Zerstörung der Raketen vor ihrem Aufstieg in ihren Silos, nicht in Betracht, da dies ja einer Angriffsoption und nicht mehr einer Verteidigungsoption entspräche, die wir ausschließlich wollen. Aber es sei hier schon angemerkt, daß ein Gegner ja nie sicher sein kann, ob er sich wirklich auf diese Einschränkung verlassen kann.

Ein Abfangen in der Start- oder Antriebsphase ist durch eine Reihe sehr günstiger Umstände bevorzugt: *___Die Raketen sind relativ große Objekte, etwa 30 bis 50 ____Meter lang. *___Die Raketen sind wegen ihres empfindlichen ____Antriebsaggregats und entzündlichen Treibstoffs sehr ____verwundbar. *___Die vielen Sprengköpfe (bei der MX und der SS-18 sind ____es zehn) sind alle noch vereinigt. *___Der stark leuchtende Feuerschweif der Rakete ist ohne ____große Mühe auf Zehntausende von Kilometer Entfernung ____durch satellitengestützte Infrarot-Sensoren erkennbar. *___Der helle Feuerschweif ist für ein Anvisieren der ____Rakete zwecks Abschuß ein ausgezeichnetes Ziel. (Der ____verletzende Schuß muß selbstverständlich auf die ____verletzlichen Teile des Triebwerks einige Meter ____oberhalb des Schweifs abgefeuert werden.)

Die übrigen Flugphasen bieten vergleichsweise weniger günstige Bedingungen mit Ausnahme vielleicht der Endanflugphase auf harte Ziele, wie etwa Raketenstellungen oder Kommandozentralen.

Einem Abfangen in der Antriebsphase stehen jedoch einige gravierende Nachteile gegenüber, so insbesondere die im allgemeinen große Entfernung des Aufstiegsorts (irgendwo in Sibirien) vom Standort des Abwehrsystems (zum Beispiel irgendwo in den USA), eine Entfernung, die gut 10000 Kilometer betragen kann, wenn man nicht mit Schiffen und U-Booten näher herangeht. Aufgrund der Erdkrümmung sind deshalb der Abschußort und die Aufstiegsphase der Rakete nur von einer hohen, im erdnahen Weltraum stationierten Plattform einsehbar.

Dies führt dazu, daß eine Abwehr von Raketen in der Antriebsphase direkt oder indirekt von Weltraumstationen aus geführt werden muß. Da die Antriebsphase nur wenige Minuten dauert, muß die Abwehrwaffe dazu äußerst schnell reagieren können. Bei der Stationierung im Weltraum gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten. Die zunächst technisch einfachere und bequemere Möglichkeit ist, die für die Abwehr nötigen Systeme schon vor dem Ernstfall im Weltraum zu stationieren. Hierbei scheint es zunächst am besten, diese Abwehrstationen in möglichst niedrige Umlaufbahnen, zum Beispiel auf 1000 Kilometer Höhe, zu bringen, um den Zielen - den aufsteigenden Raketen - möglichst nahe zu sein.

Die Umlaufzeit der möglichst niedrig plazierten Kampfstationen beträgt etwa zwei Stunden, was dazu führt, daß sie nur zu einem Bruchteil ihrer Zeit überhaupt in günstiger Schußstellung sind. Man muß hierbei berücksichtigen, daß bei einer für diese Kampfstationen günstigen Bahn über die Pole hinweg die Erde sich bei jedem Umlauf der Kampfstationen um etwa 30 Grad, also einige tausend Kilometer, unter diesen wegdreht. Die Folge: Je nach Schußreichweite dieser Abwehrkampfstationen benötigt man bis zu 20 solcher Satelliten, um ein einziges Raketensilo abzudecken.

Um diesen ungünstigen Umstand zu vermeiden, ist man deshalb dazu geneigt, die Kampfstationen auf eine geostationäre Umlaufbahn zu bringen, das heißt in 36000 Kilometer Höhe über dem Äquator. Damit sind diese Kampfstationen dann allerdings etwa 39000 Kilometer von ihren Zielen in Sibirien entfernt, was extrem hohe Anforderungen an die Zielgenauigkeit der Abwehrwaffen stellt.

Man kann dieser Schwierigkeit auch dadurch begegnen, daß man von einer zweiten Möglichkeit der Stationierung Gebrauch macht: Das Abwehrsystem wird erst im Augenblick des Aufsteigens der Raketen - also durch das Frühwarnsystem ausgelöst - hochgeschossen. Solche Pop-up-Systeme müssen selbstverständlich klein und leicht sein, um genügend schnell in eine geeignete Schußposition hochgebracht zu werden.

Um die Erfolgschancen eines Abwehrsystems zu ermessen, ist es wichtig zu überlegen, welche verschiedenartigen Aufgaben es in der kurzen Zeit des Raketenaufstiegs erfolgreich bewältigen muß.

Der Auftakt erfolgt durch eine Frühwarnung von einem mit Infrarot-Sensoren ausgestatteten, über den Silos kontinuierlich lauernden geostationären Satelliten, der einen Feuerschweif oder etwas diesem Ähnliches registriert. Dieses Signal muß zunächst daraufhin bewertet werden, ob es sich wirklich um Raketen handelt, und wenn ja, um wie viele und von welcher Art.

Es beginnt dann die genaue Ortung und Geschwindigkeitsbestimmung dieser Raketen; das möglichst präzise Ermitteln der Raketenbahnen ist für die weitere Verfolgung und Bekämpfung dieser Objekte notwendig (eine Aufgabe, die aus über 36000 Kilometer Entfernung einige prinzipielle Schwierigkeiten aufwirft, da man in den Zeiten von mehr als 1/10 Sekunden, die das Licht bei einer Geschwindigkeit von 300000 Kilometer pro Sekunde von der Rakete zum Satelliten braucht, diese Bahn durch geringe Kursänderungen leicht verwackeln kann).

Diese Information muß dann auf ein geeignetes Abwehrsystem übertragen werden, das heißt, es muß eine Kampfstation mit geeigneter Schußposition ausgewählt, diese genau auf das

Ziel ausgerichtet und schließlich der vernichtende Schuß ausgelöst werden. Danach muß die Wirkung kontrolliert und bei einem Fehlschuß die ganze Prozedur eventuell bis zum endgültigen Erfolg wiederholt werden.

Um die geforderten großen Entfernungen (jedenfalls mehr als mindestens 3000 Kilometer) überwinden und innerhalb der kurzen Zeiten (weniger als zwei Minuten) überhaupt reagieren zu können, sind für die Abwehrwaffen Systeme nötig, die *___mit extrem hoher Geschwindigkeit arbeiten, *___eine extrem gute Ausrichtung erlauben, um auf diese ____große Entfernung genügend zielgenau zu sein, und *___ausreichend hohe Energien übertragen können, um die ____bezweckte Störung oder Zerstörung zu gewährleisten.

Insbesondere im Hinblick auf die hohe Geschwindigkeit kommen hier deshalb vor allem die sogenannten Strahlenwaffen (oder genauer: directed energy beams = ausgerichtete Energiestrahlen) in Frage, deren »Geschosse« mit Lichtgeschwindigkeit (300000 Kilometer pro Sekunde) oder fast mit Lichtgeschwindigkeit laufen.

Hier ist besonders an eine stark gebündelte elektromagnetische Strahlung in verschiedenen Wellenlängenbereichen zu denken, wie sie durch den sogenannten Laser erzeugt wird. Am bekanntesten und intensivsten sind die chemischen Laser, die auf chemischen Reaktionen basieren und Wellenlängen im Bereich einiger Mikron (Tausendstelmillimeter) haben. In Frage kommt auch der Freie-Elektronen-Laser, der im Bereich des sichtbaren Lichts mit Wellenlängen von etwa einem halben Mikron strahlt, ferner der Eximer-Laser im noch etwas kürzerwelligen Ultraviolettbereich und seit neuestem auch der Röntgenstrahl-Laser mit Wellenlängen von ein bis zehn Angström oder 10 hoch -4 bis 10 hoch -3 Mikron. Prinzipiell in Frage kommen auch gebündelte Strahlen aus hochenergetischen Elementarteilchen, wie Elektronen, Protonen oder auch ähnlichen neutralen Teilchen und Atomen.

Es lassen sich heute schon chemische Laser mit sehr hoher Leistung herstellen, zum Beispiel CO2-Laser mit bis zu 400 Kilowatt Strahlenleistung und Wasserstoff-Fluor-Laser (HF-Laser) mit bis zu 2,2 Megawatt. Wir nehmen an, daß das infrarote Licht eines solchen Lasers oder Lasersystems durch Spiegel gesammelt und durch einen großen ausrichtbaren Brennspiegel auf die weit entfernte Rakete gerichtet wird. Nehmen wir an, daß dieser Laser auf einer erdnahen Umlaufbahn stationiert sein soll. Aufgrund der Wellennatur des Lichts kann man selbst unter der Annahme einer perfekten Optik (exakte Justierung der Laser, perfekte Spiegel) das Licht nicht beliebig scharf bündeln (Diffraktion). Bei einem Brennspiegel von zehn Meter Durchmesser erhält man für Laserlicht von drei Mikron Wellenlänge in einer Entfernung von 3000 Kilometer einen Brennfleck mit einem Durchmesser von mindestens einem Meter.

Das Laserlicht soll die Rakete dadurch zerstören, daß es ein Loch in die empfindliche Hülle des Antriebsaggregats brennt, wozu bei einer Feststoffrakete, wie etwa der amerikanischen MX, eine Energiedichte von etwa 20 Kilojoule pro cm2 oder 200 Megajoule pro m2 nötig ist. Gehen wir von einem Laser mit einer - vielleicht in Zukunft erreichbaren und im Vergleich zu dem heute größten Laser zehnfach stärkeren - kontinuierlichen Strahlleistung von 25 MW aus, so benötigt die über den metergroßen Brennfleck gleichmäßig verteilte pro Sekunde eingestrahlte Energiedichte (bei Vernachlässigung aller Verluste) etwa acht Sekunden, um die Rakete zu zerstören, wenn sie in den Brennfleck gerät.

Dies bedeutet, daß in der insgesamt zwei Minuten währenden Startphase der Raketen ein Laser, wenn alle Raketen gleichzeitig aufsteigen, maximal 15 Raketen zerstören kann.

Die Annahme eines Lasers in einer erdnahen Umlaufbahn bedeutet aber: Wenn man sich die Silos der sowjetischen Interkontinentalraketen entlang der transsibirischen Eisenbahn als die möglichen Ausgangspunkte der Raketen vorstellt, reichen - bei der angenommenen Reichweite der Laser - vielleicht sieben Satellitenstationen aus, um im Mittel ein Silo jederzeit zu erreichen.

Da jede Kampfstation maximal 15 Raketen zerstören kann, bedeutet dies bei 1400 sowjetischen ICBM, daß man wenigstens 700 solcher Kampfstationen braucht, um auf jede Rakete wenigstens einen Schuß abgeben zu können.

Wir wollen jetzt eine grobe Abschätzung machen, welche Kosten durch die Stationierung der Laser entstehen. Wir wollen uns dabei zunächst darauf beschränken, auszurechnen, was es kosten würde, allein den für den Laser nötigen Treibstoff in die Umlaufbahn zu bringen.

Um ein Kilojoule Strahlung bei einem HF-Laser zu erzeugen, brauchen wir bei Vernachlässigung aller Verluste etwa zwei Gramm Treibstoff. Bei 25 Megajoule/sec über 120 Sekunden benötigt man sechs Tonnen Treibstoff pro Laser.

Es kostet im Augenblick etwa drei Millionen Dollar, eine Tonne in eine erdnahe Umlaufbahn in der Äquatorebene zu schießen. (Der für unseren Zweck nötige Umlauf über die Pole wäre wesentlich teurer, da hierbei die zusätzliche Schubkraft durch die Erddrehung wegfällt.) Dies heißt bei 700 Lasern, daß etwa 13 Milliarden Dollar allein für den Treibstofftransport zu bezahlen wären. Bei einem Nutzlastgewicht von etwa 30 Tonnen einer Raumfähre (Space Shuttle) heißt dies, daß man bei zehn Flügen pro Jahr etwa 14 Jahre brauchen würde, um dieses System aufzubauen.

Es ist offensichtlich, daß diese Berechnung die wirklichen Kosten bei weitem unterschätzt. So führt eine Berücksichtigung des Geräts bei den Transportkosten zu wenigstens einer Verdoppelung unserer Abschätzung. Dazu sind wir von Lasern mit idealem Verhalten (Wirkungsgrad 100 Prozent), von perfekten Spiegeln und perfekter Ausrichtung des Strahls ausgegangen - bei all diesen Faktoren müßten wir bei realistischer Betrachtung unseren Ansatz für die Strahlungsleistung nach unten korrigieren.

Durch die Vernachlässigung aller Zeitverluste bei der Verarbeitung der Information, bei den Feuerentscheidungen, den Feuerbefehlen, dem Neuausrichten des Spiegels und ähnlichem haben wir außerdem die für den Abschuß verfügbare Brennzeit der Rakete viel zu hoch angesetzt. Die Berücksichtigung aller dieser Faktoren würde die Notwendigkeit noch stärkerer Laser und eine weitere Vermehrung ihrer Zahl bedeuten, was die Kosten entsprechend erhöht.

Unberücksichtigt sind auch die immensen Kosten geblieben, die zur Erforschung, Entwicklung und Konstruktion dieser Laserstationen und der mit diesen zusammenhängenden Kommando- und Kontrollanlagen aufgebracht werden müssen.

Wir haben uns bisher auch keine Gedanken darüber gemacht, ob diese Abwehrsysteme im Weltraum ihrerseits

wieder eines eigenen Schutzes, also eines Abwehrsystem-Abwehrsystems, bedürfen, um vom Gegner ungestört ihr Zerstörungswerk zu verrichten. Doch kommen wir hierbei zu einem außerordentlich heiklen Punkt des ganzen SDI-Projekts, den wir später ausführlich diskutieren müssen.

Das vorgestellte Raketenabwehrsystem mit Lasersatelliten klingt reichlich phantastisch und utopisch, und man wird dabei mit Recht einwenden können, daß es von der Konzeption her doch reichlich primitiv und dümmlich ausgelegt ist. Es ist ja Ziel einer Forschung, hier ganz neue Wege aufzuzeigen und geniale, vereinfachende und kostensenkende Durchbrüche zu erzielen. Man wird sich deshalb auf die Suche nach ganz neuen Mechanismen und Technologien machen.

Ausgangspunkt für solche »Verbesserungen« sind Überlegungen in Richtung auf eine Verringerung der Zahl der Kampfstationen, von denen nach obigem Konzept zu jedem Zeitpunkt, wegen ungünstiger Schußposition, immer nur etwa 15 Prozent einsatzfähig sind.

Es liegt nahe, diese Schwierigkeit dadurch zu umgehen, daß man die Kampflaser auf geeignete geostationäre Bahnen bringt, so daß sie kontinuierlich über den Silos - beziehungsweise etwas südlich versetzt über dem Äquator - auf der Lauer liegen. Das schwerwiegende Problem ist hierbei jedoch, wie schon früher bemerkt, die über zehnfach größere Entfernung von den aufsteigenden Raketen, nämlich eine Entfernung von etwa 40000 Kilometern im Vergleich zu den bisher angenommenen 3000 Kilometern.

Dies bedeutet aufgrund der Lichtbeugung einen zehnmal größeren Brennfleck, also, um den gleichen Effekt zu erzielen, einen hundertmal intensiveren Laser (2,5 Gigawatt) oder einen zehnmal größeren fokussierenden Spiegel (100 Meter). Dies klingt völlig aussichtslos.

Man kann jedoch versuchen, die vergrößerte Entfernung dadurch wettzumachen, daß man zum Beispiel einen im ultravioletten Wellenlängenbereich strahlenden Eximer-Laser mit einer im Vergleich zu chemischen Lasern zehnmal kleineren Wellenlänge verwendet. Dann hat man im wesentlichen, was Spiegelgröße, Brennfleckgröße und Leistung betrifft, wieder die früheren Verhältnisse. Es treten jedoch zwei Schwierigkeiten auf.

Der Eximer-Laser ist ein Edelgas(Xenon)-Chlor-Gemisch, das durch eine Gasentladung angeregt wird, die viel elektrische Energie benötigt. Er ist deshalb im Vergleich zum chemischen Laser ein ziemliches Monstrum, das sich kaum für eine Stationierung, noch dazu auf einer solch hohen Bahn, eignet. Eine zweite Schwierigkeit besteht darin, daß die große Entfernung nicht nur die Ausdehnung des Brennflecks vergrößert, sondern auch die Zielgenauigkeit erschwert. Da das Ziel durch den im infraroten Bereich strahlenden Feuerschweif gegeben ist, benötigt man »Zielfernrohre« von etwa 100 Meter Durchmesser.

Beide Schwierigkeiten lassen sich technisch so nicht bewältigen. Der amerikanische Physiker George Keyworth hat deshalb das alternative Konzept vorgeschlagen, den Eximer-Laser auf der Erde zu stationieren, was viel einfacher ist, und sein ultraviolettes Laserlicht auf dem Umweg über einen großen Spiegel, der auf einer geostationären Bahn kreist, auf die Raketen zu lenken.

Um die Schwierigkeit mit der Zielgenauigkeit zu umgehen, soll das UV-Laserlicht vom geostationär kreisenden Spiegel zunächst auf Kampfspiegel in erdnahen Umlaufbahnen gelenkt werden, welche durch ihre größere Nähe eine präzise Ausrichtung auf die einzelnen Raketen erlauben sollen.

Bei dieser Verfahrensweise treten nun wieder ernste Nachteile auf. Da die Kampfspiegel auf erdnahen Umlaufbahnen stationiert sind, haben wir wieder die alte Schwierigkeit, daß sie meistens in ungünstiger Position zu den von ihnen belauerten Silos stehen. Wir müssen also ihre Zahl wieder vermehren, um eine dauernde Beschattung der Silos zu gewährleisten.

Wegen der einfacheren Struktur eines Spiegels im Vergleich zu einem Laser kann man dies vielleicht in Kauf nehmen. Der geostationäre Hauptspiegel muß dann aber seine Ausrichtung dem jeweils schußbereiten Kampfspiegel auf seine Umlaufbahn präzise nachführen und, in bestimmten Augenblicken, auf einen neuen, in günstigerer Position stehenden Kampfspiegel umschwenken. Ob das so klappt? Aber dies sind technische Probleme, um die wir uns nicht kümmern wollen.

Nachteilig ist auch, daß bei erdstationiertem Laser die Laserstrahlen erst durch die Erdatmosphäre hindurchgehen müssen, wo sie nicht nur teilweise absorbiert werden, sondern - schlimmer - auch durch Schwankungen in der Atmosphäre gestreut werden (ein Effekt, der uns als Blinken der Fixsterne am Nachthimmel geläufig ist). Eine solche Streuung würde den UV-Strahl in nicht zulässiger Weise auffächern.

Um dem entgegenzuwirken, kann man unter Umständen eine »aktive Optik« in Betracht ziehen. Man läßt dazu dem geostationären Hauptspiegel in etwa 900 Meter Entfernung einen kleinen Eximer-Laser voranfliegen, der sein gebündeltes UV-Licht durch die Atmosphäre auf den großen Eximer-Laser auf der Erde strahlt. Entsprechend den atmosphärischen Schwankungen ist dieser Strahl beim Auftreffen auf den Hauptlaser »verwackelt« und erzeugt deshalb, als Auslöser für die Strahlungslawine im Laser benutzt, einen entsprechend verwackelten Hauptstrahl, der nun beim Durchgang durch den gleichen Fleck der Atmosphäre gerade wieder auf eine ungestörte Form zurückgeführt wird, nach dem Prinzip: Wackeln mal Gegenwackeln = nicht Verwackeln.

Ich bringe dies so ausführlich, damit Sie sehen, daß man bei technischen Problemen nicht gleich die Flinte ins Korn werfen muß. Aber sie erkennen vielleicht auch, auf welch immense Komplikationen man sich hier schon einlassen muß.

Doch nun zu den Kosten eines solchen Systems. Wenn wir wieder die 1400 Raketen vor Augen haben, müssen wir wohl mit etwa 70 Hauptspiegeln in geostationären Bahnen rechnen, wobei jedem der Abschuß von etwa 20 Raketen über entsprechende Kampfspiegel - mindestens 500 an der Zahl - aufgetragen werden muß.

Wir beschränken uns wieder auf die Kosten der Energieversorgung der Laser. Um 1400 Raketen zu zerstören, benötigen wir etwa 200 Gigajoule Energie, die während der etwa 100 Sekunden dauernden Aufstiegszeit der Raketen aufgeboten werden müssen.

Dies bedeutet, daß der Laser eine Gesamtstrahlleistung von wenigstens zwei Gigawatt (GW) abgeben können muß. Ein Eximer-Laser benötigt nun nicht nur chemischen Treibstoff, sondern für die Gasentladung auch elektrische Energie. Sie ist

etwa 16mal größer als die in Strahlung abgegebene Leistung (sechs Prozent Wirkungsgrad), so daß also 32 GW elektrische Leistung - was der Leistung von etwa 32 Kernkraftwerken entspricht - bereitgestellt werden müßten, die dann allerdings nur für etwa zwei Minuten gebraucht würden.

Das ist aber noch nicht alles. Das UV-Licht wird in der Atmosphäre absorbiert, besonders bei bewölktem Himmel. Ein unbedeckter Himmel über dem Laser läßt sich nicht immer gewährleisten und muß deshalb durch eine größere Zahl von Laseranlagen auf der Erde ausgeglichen werden. Dies führt leicht zu einer Verdreifachung bis Verzehnfachung der bereitzustellenden Kapazität, also auf elektrische Leistungswerte von 100 bis 300 GW, entsprechend 20 bis 60 Prozent der in den USA installierten elektrischen Leistung.

Sie muß jederzeit spontan verfügbar sein, obgleich nur für kurze Zeit, was eigens dafür konzipierte Elektrizitätswerke erfordert. Geht man bei der Installation dieser Leistung von 300 Dollar pro Kilowatt aus - ein Wert, der weit unter den üblichen Installationskosten liegt -, so entspräche dies einem Kostenaufwand zwischen 40 und 120 Milliarden Dollar.

Ich möchte hier wieder betonen, daß die Kosten bei einer realistischen Abschätzung wesentlich höher liegen.

Die Idee mit Haupt- und Kampfspiegeln klingt also noch utopischer, und man könnte nun einfach aufgeben. Aber da gibt es Leute, und zu ihnen gehört Edward Teller, die meinen, daß man eben zu noch exotischeren Lösungen greifen muß.

Als solch eine exotische Lösung kann ein Röntgenstrahl-Laser gelten, der im Augenblick in der Erprobungsphase ist. Röntgenstrahlen haben eine tausendmal kleinere Wellenlänge als sichtbares Licht und haben deshalb eine entsprechend kleinere Diffraktion.

Röntgenstrahl-Laserlicht, also ein scharfgebündelter, intensiver Röntgenstrahl, ist jedoch wesentlich schwerer zu erzeugen. Man muß hierbei Elektronen der inneren Schalen von höheren Atomen anregen, was hohe Energien verlangt, etwa in der Größenordnung von einem Kiloelektronenvolt oder dem Temperaturäquivalent von etwa zehn Millionen Grad.

Trotz der geringeren Diffraktion kann man Röntgenlicht nicht so gut bündeln, weil man bei seiner Erzeugung nicht den üblichen Laserverstärkungsmechanismus verwenden kann, der von einer wiederholten Spiegelung des Lichts im Laser Gebrauch macht. Röntgenstrahlen gehen durch Materie hindurch. Um das Analogon eines Lasers zu bauen, kann man sehr lange und sehr dünne Metallfasern verwenden. Wird der Metallfaden durch eine geeignete Energiequelle angeregt, so sendet er an seinem Ende Röntgenlaserlicht aus.

Um einen solchen Röntgenstrahl-Laser in Gang setzen und dann auch am Brennfleck eine für die Zerstörung ausreichende Energiedichte erzeugen zu können, braucht man eine gigantische Energiequelle. Als solche kommt nur die Kernenergie in Frage. Man wird also versuchen, den Laser mit einer Atombombe anzutreiben, zu »pumpen«.

Ein großer Nachteil des nuklear gepumpten Röntgenlasers ist, daß er beim Auslösen durch die Nuklearexplosion selbst zerstört wird. Da die Gamma-Strahlen um winzige Bruchteile von Sekunden schneller sind als die zerstörende Schockwelle, kann der Röntgenstrahl gerade noch vorher entkommen. Der Röntgenstrahl-Laser erlaubt also nur einen einzigen Schuß. Um ihn zum Abschuß mehrerer Raketen verwenden zu können, muß man eine größere Zahl von Metallfasern einlagern, wobei jede, absolut gerade und präzise, auf ein anderes Ziel auszurichten wäre. (Es ist jedem unbenommen, sich die technischen Hürden für die Lösung dieses Problems auszumalen.) Ein Nachjustieren bei einem Fehlschuß ist unmöglich.

Die Wirkung des Röntgenstrahls auf die Rakete ist anders als beim kontinuierlich betriebenen chemischen Laser. Der Röntgenstrahl brennt kein Loch in die Wandung, sondern versetzt der Rakete einen Schlag, der sie aus der Bahn werfen oder sie einbeulen kann. Wegen der kurzen Zeit der Einwirkung ist eine Nachführung des Strahls unnötig, was vorteilhaft ist. Um Raketen ernstlich stören zu können, sind wohl Atombomben von mehr als 20 Hiroschima-Bomben Stärke als Laserpumpe nötig.

Da das Gewicht des Röntgenlasers relativ gering ist, erscheint er geeignet, als Pop-up-System verwendet zu werden. Er würde erst im Falle eines Raketenangriffs an eine geeignete Stelle hochgeschossen werden, von der aus ein Abschuß der Raketen am besten erfolgen kann. Es bietet sich etwa Stationierung solcher Pop-up-Systeme auf U-Booten an, die im nördlichen Indischen Ozean kreuzen.

Doch auch dieses phantastische System hat seine schwerwiegenden Nachteile:

Die Aufstiegszeit des Röntgenlasers von einem U-Boot in die notwendige Höhe wird kaum unter dreieinhalb Minuten zu verkürzen sein. Dies reicht aber nicht aus, um die Rakete in ihrer Startphase abzufangen, da man diese ohne Schwierigkeit auf zwei Minuten oder weniger abkürzen kann. Die Notwendigkeit einer sofortigen Reaktion bedeutet zudem, daß hierbei keine menschliche Zwischenkontrolle mehr eingeschaltet werden kann. Die erste Nuklearexplosion - hier eines Röntgenlasers - im Weltraum über dem gegnerischen Territorium würde nur von Computern ohne menschliches Zutun gesteuert werden können, mit allen katastrophalen Konsequenzen.

Ein zweiter schwerwiegender Nachteil des Röntgenlasers ist, daß Röntgenstrahlen nicht in die Atmosphäre eindringen können. Solange eine Rakete also innerhalb der Atmosphäre ist, bis etwa 100 Kilometer Höhe, können ihr die Röntgenstrahlen nichts anhaben. Die Sowjets hätten es relativ leicht, die Schubkraft ihrer Raketen derart zu verstärken, daß die Brennphase beendet ist, bevor die Projektile den atmosphärischen Schutz verlassen.

Neben den elektromagnetischen Strahlen kommen im Prinzip auch hochenergetische Strahlen von Elementarteilchen als Abwehrwaffen in Frage, da sie sich bei ihrer Fortpflanzung durch den Raum ähnlich wie Licht verhalten und in ihrer Geschwindigkeit wenig hinter der des Lichts zurückbleiben.

Hochenergetische Strahlen lassen sich am leichtesten mit elektrisch geladenen stabilen Elementarteilchen (wie Elektronen und Protonen) erzeugen, die man in Hochenergiebeschleunigern auf hohe Geschwindigkeiten bringt (etwa in der Art wie bei Cern in Genf oder bei Desy in Hamburg).

Der Nachteil von geladenen Teilchen ist aber, daß sie - im Gegensatz zum ungeladenen Licht - im Magnetfeld der Erde abgelenkt werden. Man kann damit nicht auf sehr lange Entfernungen schießen. Dazu führen Schwankungen im Erdmagnetfeld

zu großen Bahnabweichungen, und auch irgendwelche Kernexplosionen verursachen starke Kursstörungen.

Eine Möglichkeit, dieser Schwierigkeit zu entgehen, ist, die Teilchen nach ihrer Beschleunigung zu neutralisieren. Man kann zum Beispiel einen Protonenstrahl beim Durchgang durch ein geeignetes Material in einen neutralen Neutronenstrahl verwandeln, der dann allerdings nicht mehr sehr gut gebündelt ist und in 1000 Kilometer schon einen Durchmesser von einem Kilometer hat.

Besser erscheint hier die Möglichkeit, zunächst H-Ionen (Wasserstoffkerne mit zwei Elektronen) zu beschleunigen und diesen dann das überzählige Elektron abzustreifen, so daß ein hochenergetischer neutraler Wasserstoffstrahl entsteht. Bei diesem lassen sich auf 1000 Kilometer Entfernung wohl Strahldurchmesser von bestenfalls zehn Meter erreichen.

Es gibt Berichte, daß es im Labor gelungen sei, geladene Teilchen in einem Kanal einzufangen, den ein Laserstrahl durch Ionisation in einem hochverdünnten Gas hinterläßt, aber es fällt mir schwer, diese Berichte zu durchschauen.

Jedenfalls spielen Teilchenstrahlwaffen wegen des großen Aufwandes bei der Beschleunigung und wegen der Schwierigkeit, hinreichend hohe Energien und Intensitäten zu erreichen, in der augenblicklichen Diskussion keine Rolle. Ihre Verwendung für ein Abwehrsystem gilt als nicht realisierbar.

Die Schwierigkeiten bei der Realisierung von Abwehrwaffen steigen aber ins Unermeßliche an, wenn wir bedenken, daß der potentielle gegnerische Raketenstarter alle diese Maßnahmen ja nicht tatenlos über sich ergehen lassen, sondern geeignete Gegenmaßnahmen treffen wird.

Vom technischen Standpunkt liegt die größte Schwäche eines strategischen Raketenabwehrsystems darin, daß seine Durchführung neue, noch unbekannte, ausgeklügelte Technologien und extrem komplizierte und teure Systeme verlangt, während sich ohne große Mühe eine große Zahl von enorm wirksamen Gegenmaßnahmen angeben läßt, die heute schon oder fast schon verfügbar und beherrschbar und dazu relativ einfach und billig sind.

Ein Verteidigungssystem, das mit einfacheren und billigeren Methoden, als es selbst zu seiner Errichtung braucht, unwirksam gemacht werden kann, verliert seinen Sinn - im Gegenteil, es ist sogar gefährlich, da es zu einer wechselseitigen Eskalation der Vernichtungskräfte führt.

Um zu verhindern, daß seine Raketen durch das beschriebene Abwehrsystem abgefangen werden, kann der Angreifer seine Raketen zunächst und vor allem besser zu schützen suchen. Hierzu gibt es eine Reihe von einfachen Maßnahmen: *___Er kann durch zusätzliche künstliche Feuerschweife den ____Abschuß weiterer Raketen vortäuschen und dadurch ____Abwehrwaffen binden; *___er kann die Antriebsphase verkürzen und damit die ____Raketen für Röntgenstrahl-Laser und ____Teilchenstrahlwaffen wegen des Schutzes durch die ____Atmosphäre unverwundbar machen; *___er kann durch Herablassen einer Schürze über Teilen des ____Feuerschweifs oder durch Brennstoffbeimischungen den ____Schwerpunkt der Leuchtintensität des Feuerschweifs ____verschieben und damit eine richtige Zielfindung ____vereiteln; *___er kann durch Verspiegelung der Raketenoberfläche, ____durch Verstärkung ihrer Wandung, durch eine Drehung der ____Rakete um ihre Achse, durch wärmeabsorbierende ____Schichten oder durch sensorgesteuerte Kühlung ein ____Durchbrennen verhindern oder durch Anbringen eines ____Schutzschildes (Prinzip: Motorradhelm) oder Vorhangs ____den Schlag durch das Röntgenlaserlicht abfangen; *___er kann durch kleine Nuklearexplosionen in der oberen ____Atmosphäre einen Infrarot-Hintergrund erzeugen, vor dem ____die aufsteigenden Raketen nicht mehr deutlich ____auszumachen sind.

Der Angreifer kann jedoch auch zu aktiven Gegenmaßnahmen greifen und versuchen, das Abwehrsystem zu zerstören. Hierbei ist wichtig, daß alle weltraumgestützten Systeme extrem verwundbar sind gegen alle möglichen Formen von Angriffswaffen, zum Beispiel auch mechanischer Natur.

Insbesondere gilt, daß alle für die Abwehr von Raketen entwickelten Systeme auch ausgezeichnet dazu geeignet sind, solche raumgestützten Systeme, Spiegel, Laser, Kampfstationen, deren Bahnen ja genau bekannt sind, abzuschießen. Bodengestützte Teile des Systems, wie ein Eximer-Laser, lassen sich durch Auswerfen von lichtabsorbierendem Material oder Staubwolken, was beispielsweise durch eine U-Boot-Rakete bewirkt werden kann, ausschalten.

Man sollte insbesondere dabei auch berücksichtigen, daß solche Gegenmaßnahmen leicht dazu führen können, daß sie ihrerseits die Bedrohung verstärken und damit den eigentlichen Zweck des Schutzschirms, eine Verbesserung der Sicherheit, vereiteln. Eine einfache und sehr naheliegende Maßnahme wäre es schon, die Zahl der Interkontinentalraketen zu erhöhen, um die Abfangmöglichkeiten auszugleichen.

In den nach dem Brennschluß der Rakete folgenden Flugphasen bestehen im Prinzip ähnliche Möglichkeiten der Bekämpfung der Raketen wie in ihrer Aufstiegsphase. Ein Vorteil bei den späteren Phasen ist zunächst, daß man wesentlich mehr Zeit hat, nämlich etwa 20 bis 30 Minuten bei den Interkontinentalraketen und etwa zehn bis 15 Minuten bei den seegestützten Raketen.

Diesem Vorteil stehen jedoch ganz empfindliche Nachteile gegenüber, die daher rühren, daß mit dem Ende des Brennvorgangs die Objekte viel kälter werden und deshalb nur ganz schwer zu »orten« sind. Enorme Komplikationen verursacht auch die große Zahl von Objekten, die bei 1400 Raketen wegen der vielen beigefügten Attrappen leicht in die Hunderttausende gehen kann.

Um diese noch wirksam bekämpfen zu können, ist es notwendig, mit passiven und aktiven Methoden der Strahlungssondierung bei verschiedenen Wellenlängen (etwa Infrarot und Kurzwelle) zu einer Unterscheidung zwischen echten Sprengköpfen und dem vielfachen täuschenden Beiwerk zu gelangen, da die Bahncharakteristik der verschiedenen Objekte im luftleeren Raum keine solche Unterscheidung erlaubt. Dies bildet eine horrende Aufgabe für Supercomputer, die für ein effektives Kampf-Management wohl mehr als eine Milliarde arithmetische Operationen in der Sekunde zu bewältigen haben. Denn es müssen ja die verschiedenen Objekte nicht nur identifiziert, sondern auch ihre Flugbahnen präzise ausgerechnet werden, um eine Abwehrwaffe für ihren Abschuß ausrichten zu können.

Als Abwehrwaffen kommen im Prinzip wieder alle die früher beschriebenen Waffensysteme (chemische Laser, nukleargepumpte

Röntgenlaser) in Frage, dazu wohl auch sogenannte Elektromagnetische Schienengeschütze oder Kinetische Energiewaffen, bei denen magnetisch hochbeschleunigte Geschosse auf die Zielobjekte abgefeuert werden.

Bei der extrem hohen Zahl an hochgefährlichen Objekten, die hier in einer mehr oder weniger großen Materiewolke angebraust kommen, erscheint es erwägenswert, in diesem Haufen einfach gleichmäßig eine große Zahl von großen Atombomben zur Explosion zu bringen. Das zu säubernde Volumen ist jedoch so groß und die zerstörende Reichweite der von einer Nuklearexplosion ausgehenden Strahlung relativ so klein (100 Kilometer), daß dazu wohl Kernexplosionen in der Größenordnung von 100 Millionen Hiroschima-Bomben nötig wären, deren horrende »Nebeneffekte« sich niemand ausmalen kann.

Wir haben ja bisher nur sehr geringe Vorstellungen, welche Konsequenzen der Abschuß eines einzigen Nuklearsprengkopfs im Weltraum hat, und zwar weder im Falle, daß er dabei explodiert (die Folgen lassen sich hier wohl eher ermessen), noch für den Fall, daß er nicht explodiert und seine hochgiftige und radioaktive Ladung über die Atmosphäre ausstreut. So harmlos, wie dies in den Star-Wars-Imitationen auf dem Fernsehschirm demonstriert wird, wird es jedenfalls nicht sein.

Ein effektives Abfangen in den Mittelphasen des Raketenanfluges ist auch deshalb problematisch, weil es auch dabei zahlreiche und relativ einfache Maßnahmen gibt, die Abwehr zu stören. So lassen sich ohne Mühe die Zahl der Attrappen wesentlich erhöhen oder die Sensoren des Abwehrsystems durch viele raffinierte Tricks täuschen, so daß die Großcomputer zur Verzweiflung getrieben (das heißt, in ihrer Kapazität gesättigt) werden können.

In der letzten Phase des Flugs tritt die Materiewolke in die Atmosphäre ein, und zu diesem Zeitpunkt, ein bis zwei Minuten vor dem Aufschlag, erfolgt eine klare Trennung der hitzebeständigen Sprengköpfe von den Attrappen, die sofort verglühen. Hier unterscheidet man zwei verschiedene Verteidigungszonen: eine hohe Zone ("Heads« = high endo-atmospheric defense system) zwischen 90 und 46 Kilometer, in der die Sprengköpfe stark glühen und die sie umgebende Luft ionisieren, und eine tiefere Zone ("Loads« = low endo-atmospheric defense system) unterhalb von 46 Kilometern.

Allgemein läßt sich sagen, daß in der Endphase eine Verteidigung von Punktzielen (etwa eigene Raketensilos oder Kommandozentren) wohl in gewissem Grade möglich sein wird, da hierbei der Kegel, innerhalb dessen ein angreifender Sprengkopf einfliegen muß, gut bekannt ist. Andererseits erscheint eine Verteidigung von weichen Zielen, wie Großstädten, praktisch unmöglich.

Als mögliche Abwehrwaffen können zunächst die auf beiden Seiten entwickelten ABM-Systeme gelten, so das mit nuklearen Abfangraketen arbeitende amerikanische »Safeguard«-System (seit 1970) und das sowjetische »Galosch«-System. Der Nachteil dieses nuklear ausgerüsteten Abwehrsystems ist, daß durch die Nuklearexplosionen erheblicher Schaden auftreten kann, zumindest der gefürchtete »elektromagnetische Stoß« (elektromagnetic pulse, EMP), der eventuell die eigene Elektronik zerstören und damit das Nachrichten- und Steuerungssystem unwirksam machen kann. Dies läßt sich vermeiden, wenn das Abfangen oberhalb 46 Kilometer gelingt und man kleinere nukleare Sprengladungen verwendet (wie beim amerikanischen »Sentry«-System).

Von zunehmender Bedeutung scheinen heute nichtnukleare Abfangsysteme in der Endphase zu sein, bei denen der anfliegende Sprengkopf etwa mechanisch durch ein beschwertes schirmähnliches Gebilde zerstört wird.

Aus den hier zusammengetragenen Überlegungen folgt meines Erachtens eindeutig: Eine ausreichende - mit mehr als 99 Prozent Verläßlichkeit funktionierende - Verteidigung gegen Nuklearwaffen ist nach menschlichem Ermessen unmöglich.

Diese Einschätzung beruht nicht auf technischem Pessimismus. Es kann im Grunde jedem überlassen bleiben, die »Genialität« oder »Einfallslosigkeit« zukünftigen Forschergeistes nach eigenem Ermessen zu berücksichtigen, soweit er dies gleichermaßen für Maßnahmen wie für Gegenmaßnahmen tut. Denn es ist offensichtlich: *___Jeder zukünftige Fortschritt in der Verwirklichung des ____Raketenabwehrsystems (zum Beispiel die Entwicklung ____eines funktionierenden Röntgenlasers) macht dieses ____System selbst wieder verwundbarer. *___Jedes vorstellbare, physikalisch-technisch prinzipiell ____mögliche Verteidigungssystem bleibt seinerseits enorm ____verwundbar, weil es mit einfacheren, wirkungsvolleren ____und billigeren Mitteln überwunden werden kann. *___Jedes denkbare Verteidigungssystem muß extrem komplex ____sein und verlangt deshalb notwendig die Entwicklung ____extrem komplizierter »Hardware«, »Software« und ____Auswertungsverfahren, für die ein wirklichkeitsnaher, ____umfassender Test unmöglich ist. Niemand wird deshalb ____bereit und imstande sein, genügend Vertrauen zu diesem ____System zu fassen und seine Hand für seine ____Funktionsfähigkeit und Verläßlichkeit ins Feuer zu ____legen. *___Wenn das Vertrauen in die Verläßlichkeit des Systems ____gering und der Grad seiner Wirksamkeit im Ernstfall ____unsicher ist, dann ist es unwahrscheinlich, daß je eine ____Seite sich zu einem Abbau ihrer Offensivwaffen ____entschließen wird.

Die Hauptschwächen eines Verteidigungssystems gegen Nuklearraketen sind, *___daß man es unterfliegen kann, etwa durch seegestützte ____System, Mittelstreckenraketen, taktische Nuklearraketen ____und insbesondere durch Marschflugkörper, in Zukunft ____vielleicht auch mit exotischen Methoden, wie ____eingeschmuggelten Rucksack- oder Koffersprengköpfen und ____vielleicht noch »genialeren« Tricks; *___daß man es überwältigen kann, durch eine große Zahl von ____Raketen oder eine große Dichte von Silos an einem Ort, ____durch Störung oder Zerstörung der raumgestützten ____Systeme, durch Blendung der Sensoren durch ____Nuklearexplosionen und so weiter - weil es eben ____ausreicht, mit fünf oder sogar nur mit einem Prozent ____von 10000 Sprengköpfen einen nicht hinnehmbaren Schaden ____anzurichten; *___daß man es austricksen kann, durch Sättigung der ____Computer mit einer Unzahl von ausgeklügelten, ____raffinierten Attrappen und Eindringhilfen; *___daß es viel zuviel kostet, wahrscheinlich bis zu einer ____Billion Dollar (3000 Milliarden Mark) für die erste ____Hauptphase - wenn es technisch überhaupt funktioniert.

Wenn ich ehrlich bin, muß ich zugeben, daß alle die bisher erörterten und bewußt in einiger Gründlichkeit vorgetragenen technischen Fragen für meine eigene Einschätzung des Für und Wider von SDI kaum eine Rolle spielen. Meine versteckte Absicht war dabei, Ihnen etwas Einblick in die Gedanken und Vorstellungen von Leuten zu geben, die heute hauptberuflich an einer »stabileren« Friedenssicherung arbeiten.

Vielleicht haben Sie auch erkennen können, daß hinter allen diesen Fragen eine eigentümliche Faszination steckt, überall nach den Sternen zu greifen, nicht haltzumachen in einem ehrgeizigen, ungestümen und zum Teil der eigenen Eitelkeit dienenden Streben nach dem noch Größeren, Mächtigeren, Verrückteren, obgleich alle Signale für die Menschheit schon lange auf Rot stehen.

Diese Faszination ist Teil einer Eigendynamik, die jenseits aller Bedrohung von außen, vom vermeintlichen Feind, den Rüstungswettlauf anheizt und uns dem Abgrund zutreibt.

Das Ziel, das wir alle vor Augen haben, ist, nach Möglichkeiten zu suchen, den Frieden langfristig stabil zu sichern. Deshalb ist die Frage nach den sicherheitspolitischen Folgen von SDI - und auch schon von seiner Vorstufe, so etwas wie SDI überhaupt anzustreben - von enormer Bedeutung.

Es ist meine feste Überzeugung, daß das Problem der Friedenssicherung heute militärisch nicht mehr lösbar ist (wenn es dies jemals war) und deshalb auch nicht mit irgendwelchen technischen Kniffen.

Wir brauchen neue Methoden der Konfliktlösung, und diese müssen politischer Natur sein. Technischmilitärische Maßnahmen können bestenfalls die Rolle einer Verlängerung der Zündschnur übernehmen, können also manchmal gerechtfertigt sein, um genügend Zeit für die notwendigen politischen Veränderungen zu schaffen. Sie können aber die politischen Maßnahmen nie ersetzen.

Das SDI-Programm folgt dem alten statischen Denkmuster des »Trugschlusses vom letzten Zug« (Fallacy of the last move), bei dem man versucht, ein augenblicklich existierendes Problem zu lösen, ohne die Veränderungen zu berücksichtigen, welche durch die Lösungsmethode verursacht werden. Wir müssen lernen, dynamisch zu denken: Jede Aktion bewirkt Reaktionen, welche auf die ursprüngliche Handlung zurückwirken und sie in ihrem Wert und ihrer Bedeutung verändern.

Die durch SDI ausgelösten Gegenmaßnahmen, verstärkt durch die geringe Berechenbarkeit eines solch enorm komplexen Systems, führen aufgrund von »Worst case«-Betrachtungen notwendigerweise zu einem weiteren und noch gefährlicheren Rüstungswettlauf auf höherer Ebene, bei dem leicht, wegen der immer schwieriger werdenden Verifizierbarkeit, ein »Point of no return«, ein Wegpunkt ohne Umkehrmöglichkeit, erreicht werden kann.

Bei der Beurteilung von SDI ist es verhängnisvoll, von der Vorstellung eines - vielleicht prinzipiell nie realisierbaren - Endzustands, eines perfekten Schutzschirms ohne nennenswerte Offensivwaffen, auszugehen, ohne sich vor Augen zu halten, wie denn der Weg aussähe, der von der augenblicklichen Situation mit enormer Offensivkapazität zu dieser visionären Situation führt.

Dieser Weg ist wegen einer Kombination von starken Offensivwaffen und unzureichendem Schirm durch extrem instabile Zwischenphasen gekennzeichnet. Da die Gefahr eines willentlich von der einen oder anderen Seite vom Zaune gebrochenen Nuklearkriegs - angesichts der damit erdrückend wahrscheinlichen Selbstvernichtung - gering erscheint, muß die Frage der Krisenstabilität bei allen zukünftigen Entscheidungen und Handlungen allerhöchste Priorität erhalten.

Alle Maßnahmen, welche stabilisierend auf die Situation wirken, müssen gefördert werden. Hierzu gehört auch die

strikte Einhaltung aller existierenden Rüstungskontrollverträge: SDI ist letztlich unverträglich mit dem Vertrag über Raketen-Abwehrsysteme (ABM-Vertrag) von 1972. Es erscheint sogar dringend nötig, den ABM-Vertrag zu erweitern und darin auch ein Verbot von jeglichen Antisatellitenwaffen aufzunehmen.

In der Kombination von Offensivpotential und teilweisem Verteidigungsschutz hätte SDI in allen Zwischenstufen große Vorteile für den Angreifer. Denn ein Schirm, der als Schutz bei einem Erstangriff unzureichend erscheint, könnte enorm wirksam den Zweitschlag des Gegners abwehren, nachdem man ihn selbst zuerst angegriffen hat. Diese prinzipielle Möglichkeit eines erfolgreichen Erstschlags oder allein die Befürchtung, der andere könnte eine solche Erstschlagfähigkeit erlangen, beschwört eine extreme Destabilisierung herauf.

Dieser Destabilisierungsgefahr gegenüber ist die Verbesserung der Abschreckung durch eine Erhöhung ihrer Glaubwürdigkeit, wie dies Caspar Weinberger für SDI zu propagieren versucht, vernachlässigbar. Wegen der ohnehin existierenden mehrfachen Overkill-Kapazitäten der Nuklearwaffen fallen solche marginalen Änderungen nicht ins Gewicht.

Nach all diesem bleibt die große Frage, was wohl die eigentlichen Ursachen dafür sind, daß ein so stark mit Mängeln belastetes Projekt heute einen so hohen Stellenwert in der militärischen und politischen Diskussion erlangt hat. Ich vermute dahinter im wesentlichen drei Gründe: *___Es mag in der Tat bei vielen die Vision eine Rolle ____spielen, daß Wissenschaftler, welche dieses Teufelszeug ____in die Welt gebracht haben, auch imstande sein müßten, ____es zu beseitigen. Weil man politisch keinen Ausweg mehr ____sieht, hofft man in seiner Wissenschafts- und ____Technikgläubigkeit, daß Wissenschaft und Technik Wunder ____schaffen können. *___Die Ankündigung von SDI paßt nahtlos in eine »Politik ____der Stärke und Überlegenheit«, da man genau in dem ____Bereich »durchstartet«, wo man schon bisher dem Gegner ____überlegen war, nämlich in der Mikroelektronik und der ____Datenverarbeitung. In dieser Situation wird der Gegner ____erpreßbar und manipulierbar. Er kehrt aus »Angst« an ____den Verhandlungstisch zurück. Die Demonstration der ____eigenen Stärke hebt zudem die Moral und die Zuversicht ____im eigenen Lande; mit der Behauptung, daß jetzt nur ____noch an echter Verteidigung und nicht mehr an ____zusätzlicher Bedrohung gearbeitet werde, vermindert man ____die moralischen Skrupel und demonstriert den eigenen ____Friedenswillen. *___Das technische Großprojekt SDI schafft neue ____Perspektiven für die Wirtschaft - es bereitet voll ____Euphorie den technologischen Sprung ins 21. Jahrhundert ____vor. Es verheißt segensreiche und lukrative ____Innovationen im zivilen Bereich als Abfallprodukt der ____monströsen militärischtechnischen Anstrengungen.

Lassen Sie mich mit einigen Worten zur Frage eines möglichen technologischen Innovationsschubs durch SDI schließen. Dieser Aspekt ist ja gerade heute in aller Munde und verursacht überall sachkundiges, großes Stirnrunzeln, weil man einerseits mit SDI als militärischem Vorhaben - zumindest als Europäer - nicht so recht glücklich werden kann, andererseits aber den technologischen Schnellzug ins 21. Jahrhundert nicht verpassen will.

Wenn man wirklich den zivilen Sektor fördern will, dann ist es doch bei weitem die beste und effizienteste Methode, das Geld und die kreativen Kräfte direkt dorthin zu stecken, wo sie gebraucht werden, statt sich nur indirekt mit den Abfallprodukten einer gigantischen Rüstungsmaschine zufriedenzugeben. Der zivilen Wirtschaft durch verstärkte Rüstung neue Impulse geben zu wollen, damit sie die wesentlichen Bedürfnisse der Menschen (noch) besser befriedigen kann, dieser Gedanke ist noch abwegiger als die Vorstellung, man müsse die Reichen nur noch reicher machen, damit es den Armen auf dieser Welt bessergeht.

Je weiter die Technologie der Rüstung sich auf die Lösung immer extremerer Aufgaben konzentriert, um so weniger wird dabei für den Alltagsgebrauch herauskommen, es sei denn, man deformiert unsere Bedürfnisse weiter in Richtung auf einen maßlosen Gigantismus.

Die Fähigkeit, ein Schwert zu schmieden, mag noch nützlich für die Herstellung einer Pflugschar sein, aber wo besteht in einem normalen Leben eine Notwendigkeit, Löcher auf über 3000 Kilometer Entfernung in ein Metall zu brennen, Überschallflugzeuge mit Schwenkflügeln einige Meter über den Baumwipfeln dahinrasen zu lassen, oder für - sagen wir - Schreibmaschinen, die, tiefgefroren aus dem 10. Stockwerk auf Kopfsteinpflaster geworfen und ins Meer versenkt, immer noch zuverlässig funktionieren? Von solcher Art sind die technischen Forderungen der Militärs. Ich weiß, daß es andere Beispiele gibt - man kann einen Hochleistungslaser für die Kernfusion verwenden (was nicht heißt, daß daraus je ein brauchbarer Kernfusionsreaktor wird), man kann eine hochgezüchtete Mikroelektronik, Supercomputer und Superprogramme für die industrielle Fertigung verwenden und so weiter, aber warum dann nicht gleich direkt und ohne noch zusätzlich mit Geheimhaltungsauflagen belastet zu werden? Geben nicht die Japaner ein Beispiel dafür ab, daß man trotz minimaler Rüstungsindustrie wirtschaftlich ganz gut über die Runden kommen kann?

Warum, so frage ich mich, ist es eigentlich nicht möglich, die wirklich großen Herausforderungen unserer Zeit - die Probleme des Ressourcenschutzes, des Umweltschutzes, der Dritten Welt, der Weltwirtschaft einschließlich des Arbeitslosenproblems - auch einmal unmittelbar und gezielt zum Mittelpunkt eines großen Forschungs- und Entwicklungsprogramms zu machen? Denn auch diese Probleme signalisieren doch weltweite Katastrophen, wenn wir sie nicht bald und entschlossen zu lösen versuchen, auch sie bedrohen unsere Sicherheit.

Ich weiß, daß diese Möglichkeit utopisch ist - und trotzdem sehe ich nicht ein, warum. Ich sehe mit Wehmut, mit Groll und auch Verzweiflung, wie viele der jungen, aufgeschlossenen, begeisterungsfähigen, opferbereiten, tatenfreudigen Geister unserer Zeit mißbraucht werden, den Himmel zum Vorhof der Hölle zu machen - statt diesen Talenten die Chance zu bieten, ihre Kräfte den hohen Zielen der Menschheit, der Möglichkeit ihres Überlebens, den Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens der Völker, zu widmen.

Geben wir die Hoffnung nicht auf. Nur diese Utopie kann uns retten. Dies ist meine Vision.

[Grafiktext]

SCHUTZSCHIRM IM ALL: TRAUM ODER ALPTRAUM? Für das SDI-Programm anvisierte Möglichkeiten der Raketenabwehr SOWJET-UNION Interkontinentalrakete Mittelstreckenrakete sowj. U-Boot-Rakete ANTRIEBSPHASE (2 bis 5 Min.) chemischer Laser Kampfspiegel elektromagnetischer Laser nuklearer Röntgen-Laser amerik. U-Boot Beobachtungs-Satellit Umlenkspiegel NACH-ANTRIEBSPHASE (2 bis 10 Min.) Mehrfachsprengköpfe trennen sich Neutrale-Teilchen-Strahler MITTELPHASE (15 bis 20 Min.) Laser GEOSTATIONARE UMLAUFBAHN Beobachtungs-Satellit ENDANFLUG-PHASE IN DER ATMOSPHÄRE USA Ziel Zielnahe Abfang- und Streuraketen landgestützter Elektronen-Laser Ziel

[GrafiktextEnde]

Test einer MX-Rakete, die vom kalifornischen Stützpunkt Vandenbergin Richtung der Pazifik-Insel Kwajalein geschossen wurde.Seit der Existenz von Kernwaffen richteten sich dieVerteidigungsmaßnahmen in immer stärkerem Maße darauf, eineAggression durch die Ankündigung einer Vergeltung abzuschrecken ...Diese Methode, Stabilität durch Offensivandrohung zu erreichen, hatfunktioniert ... Uns und unseren Verbündeten ist es gelungen, überdrei Jahrzehnte hinweg einen Atomkrieg zu verhindern ... In denletzten Monaten jedoch haben meine Berater ... die Notwendigkeitunterstrichen, aus einer Zukunft auszubrechen, die sich im Hinblickauf unsere Sicherheit ausschließlich auf offensive Vergeltung stützt... Wäre es nicht besser, Menschenleben zu retten, als sie zurächen? Sind wir nicht in der Lage, unsere friedlichen Absichten zudemonstrieren, indem wir alle unsere Fähigkeiten und unseren ganzenEinfallsreichtum aufbieten, um eine wirklich dauerhafte Stabilitätzu erreichen? Ich glaube: Wir können es, ja wir müssen es! ... Ichbin zu der Überzeugung gekommen, daß es einen Weg gibt. Teilen Siemit mir eine Vision der Zukunft, die Hoffnung bietet. Sie liegtdarin, daß wir ein Programm in die Wege leiten, um der schrecklichensowjetischen Raketendrohung mit Maßnahmen zu begegnen, die defensivsind ... Ich weiß, daß dies eine gewaltige technische Aufgabe ist -eine Aufgabe, die nicht vor Ende dieses Jahrhunderts bewältigt seindürfte ... Ich bin mir völlig im klaren darüber, daßVerteidigungssysteme Grenzen haben und bestimmte Probleme undUnsicherheiten aufwerfen. Wenn sie mit Offensivsystemen gepaartwerden, dann

Hans-Peter Dürr
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