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DER IMMERGRÜNE, ALSO SAURE APFEL

aus DER SPIEGEL 18/1964

Niemals habe er Shakespeares »Coriolanus« auf der Bühne sehen dürfen, klagte Günter Graß in einer Rede vor der Berliner Akademie der Künste und bot eine Wette an, daß die Tragödie in der Bundesrepublik auch nicht gespielt werde, solange dieses Shakespearejahr dauern wird«. Der Grund: Coriolanus - dieser immergrüne, also saure Apfel« - ist ein Stück, bei dem das hungrige Volk, die Plebejer, und seine gewählten Vertreter, die Volkstribunen, als wankelmütige Feiglinge recht schlecht abschneiden. Graßens Rede hält sich strikt an ihren ausführlichen Titel »Vor- und Nachgeschichte der Tragödie des Coriolanus von Livius und Plutarch über Shakespeare bis zu Brecht und mir«; sie untersucht die historischen Quellen des Dramas bei den antiken Historikern Livius und Plutarch, prüft Shakespeares Dramatisierung des Stoffes und erst recht Bertolt Brechts Versuch, die Tragödie »Coriolanus« durch eine radikale Bearbeitung zu einem Schauspiel plebejischen Klassenbewußtseins umzuschmieden. Der Vortrag endet mit einer Überraschung: Graß skizziert ein aktuelles »Coriolan« -Schauspiel, wie er es schreiben könnte. Personen seiner Handlung wären Bertolt Brecht als »Coriolan« -Regisseur und Ostberliner Arbeiter am 17. Juni 1953.

Bertolt Brecht hat diese bis heute

virulente Tragödie in den Jahren 1952 bis 1953 bearbeitet. In die Zeit der Bearbeitung fällt das fatale Datum: der siebzehnte Juni. Während sich Brecht, von Livius gestützt, den Kopf zerbrach, wie er Shakespeares nur mit Knüppeln bestückte Plebejer zu Beginn des Aufstandes schlagkräftiger bewaffnen könnte, erhoben sich, ungeprobt und unbewaffnet, die Bauarbeiter der Stalinallee, um gegen die erhöhten Normen zu protestieren, wie dazumal die Plebejer gegen den unerschwinglichen Kornpreis. Hier findet sich der Anlaß zu einem Theaterstück, das heißen könnte: »Die Plebejer proben den Aufstand.« Ort der Handlung: Eine Probebühne in Ost-Berlin. Jemand, der von seinen Assistenten und den Schauspielern als »Chef« bezeichnet wird, probt Coriolanus, die erste Szene, den Plebejeraufstand, und möchte verhindern, daß diesem Aufstand etwas traurig Lächerliches und Vergebliches anhaftet.

Wir wissen, daß Bertolt Brecht, während der Aufstand in Ost-Berlin und jenen Provinzen lief, die die Staatsbezeichnung DDR zusammenfaßt, seine Probenarbeit nicht unterbrochen hat. Doch probte er nicht »Coriolanus«, sondern Strittmatters »Katzgraben«. Der Fall Brecht und der Fall Sir Walter Raleigh erlauben und erlaubten Fälschungen der Theatergeschichte und der englisch-römischen Geschichte zugunsten der jeweiligen Historienstücke.

Also: in die Probearbeit der Coriolan -Inszenierung hinein mischen sich Nachrichten vom Aufstand auf der Stalinallee, vorgetragen zuerst von Bühnenarbeitern, dann von Bauarbeiterdelegationen, die den Chef und die Probe stören.

Wir wissen, daß Bertolt Brecht dem Aufstand vom siebzehnten Juni abwartend gegenüberstand. Sein Revolutionserlebnis war der Spartakusaufstand gewesen. Der junge Brecht schrieb: »Trommeln in der Nacht«. Aufständische deutsche Arbeiter hießen bei ihm allezeit Kragler.

In meinem Stück wollen die Bauarbeiter, die des Chefs Proben unterbrechen, von eben diesem Chef Unterstützung erbitten. Sie glauben, der berühmte Theatermann sei einerseits, belegt durch seine Stücke und seinen Habitus, dem Volk verbunden, andererseits könne man in ihm jemanden sehen, den die Regierung stütze und dulde, als Plakat für Kulturgut oder als etwas Narrenfreies.

Wir wissen, daß Bertolt Brechts schriftliche Äußerungen zum Aufstand der Arbeiter bis heute nicht in authentischer Fassung veröffentlicht worden sind. Seine Erben und sein Verlag hüten diese Texte.

In meinem Stück erbitten die Bauarbeiter von dem Chef des Theaters ein Schriftstück mit seiner gewichtigen Unterschrift. Ihren unbeholfenen Aufruf zum Generalstreik, den der amerikanische Sender, Rias weder bearbeiten noch senden wollte, soll er in Worte fassen, die sie, die Bauarbeiter, nicht finden könnten.

Uns ist bekannt, daß Bertolt Brecht aus dem Aufstand der Arbeiter, ohne ersichtlichen Schaden zu nehmen, hervorging: er zog sich nach Buckow zurück und schrieb Gedichte wie »Der Radwechsel«, »Eisen« und »Böser Morgen«. Weiterhin spielte sein Ensemble, weiterhin war er Kulturgut und Plakat eines Staates, dem er, vom Paß her, nicht angehörte.

In meinem Stück weigert sich der Chef des Theaters nicht rundheraus, jenen Text zu schreiben, den die Arbeiter sich von ihm erhoffen. Er will ihn aufsetzen, sobald ihm die Maurer und Zimmerleute demonstriert haben, wie man sich zu Beginn des Aufstandes auf der Stalinallee verhalten hat; ihm kommt es darauf an, aus der Aktualität Nutzen zu ziehen für seine Coriolan -Inszenierung, für seinen Plebejeraufstand. Die Bauarbeiter sprechen von Ulbricht und Grotewohl; er spricht von den Volkstribunen Sicinius und Brutus. Die Arbeiter erläutern die Normenerhöhung; er betont, welche Rolle sizilianische Getreidelieferungen für Rom gespielt haben. Die Arbeiter zitieren ihn; er zitiert Shakespeare. Die Arbeiter berufen sich auf Marx; er beruft sich auf Livius. Die Arbeiter wollen ihn für den Aufstand gewinnen; er benutzt die Arbeiter für die Inszenierung des Plebejeraufstandes. Die Arbeiter sind unschlüssig und wissen nicht, wie sie sich weiterhin verhalten sollen. Er, der Chef des Theaters, ist sich seiner Tendenz gewiß: bei ihm siegen die Plebejer, während auf der Bühne des Theaterchefs, die den Aufstand der Bauarbeiter spiegelt, der Arbeiteraufstand zusammenbricht.

In der Historie - denn der siebzehnte Juni ist historisch geworden - und auf meinem Theater lassen sowjetische Panzer den Aufstand zusammenbrechen. Während die Arbeiter des Theaterstückes den Einsatz der Panzer als Fatum werten, dem sie nicht oder allenfalls mit Steinen begegnen können, hält der Chef des Theaters einen Stegreifvortrag über das Thema, ob und wie sich Panzer auf der Bühne verwenden lassen: was immer passiert, alles wird ihm zur Szene; Parolen, Sprechchöre, ob in Zehner- oder Zwölferkolonnen, marschiert wird, alles wird ihm zur ästhetischen Frage: eine ungetrübte Theaternatur. Der Spaß an der Tragödie. Coriolanus und Coriolan. Zwei Volkstribunen und zwei Assistenten des Berliner Ensembles. Das Schicksal blindlings und die Tendenz gesteuert. Getreidepreise und Normenerhöhung. Bauarbeiter- und Plebejeraufstände. Ein öffentlicher Platz zu Rom und der Sitz der Regierung Ecke Leipziger Straße. Livius, Plutarch und die Sendeprotokolle des Rias. Die Geschichte und ihre Bearbeitung. Das geistige Eigentum und seine Besitzer. Der nationale Feiertag und das Shakespearejahr: dieses Stück will geschrieben werden.

Günter Graß

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