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HUBSCHRAUBER Der Infanterie-Hubschrauber

aus DER SPIEGEL 51/1952

Du großer Gott! Dafür haben wir unser Geld gegeben?« entrüstete sich Kreditdirektor Fahrenberg von der Düsseldorfer Bank für Gemeinwirtschaft*). Und weiter nach kurzer Sinnierpause: »Natürlich kann das noch ein Bombengeschäft werden. Wäre ja doch phantastisch. Deutsche Infanterie mit Flügeln.«

40 000 Mark Kredit hatte die Bank dem Johannes Schmitz, 43, Restaurant- und »Atlantik-Kino«-Besitzer in Neuß, Venloer Straße 68, gewährt, und zwar für die Etablierung eines Autoverleihs und einer Tankstelle. Am 10. November 1950 quittierte Schmitz für die ersten 26 000 Kreditmark, die er angeblich zum Ankauf von drei Selbstfahrerverleih-Wagen verwenden wollte.

Aber Schmitz kaufte keine Autos, machte keinen Verleih auf, und über sein gemeinwirtschaftliches Konto trollte sich kein Pfennig Umsatz.

Als noch nicht einmal eine Tankstelle montiert wurde, kündigte Direktor Fahrenbergs Kreditabteilung am 1. Dezember 1951 den durch Grundschuld abgesicherten Kredit, weil die Gelder offensichtlich in andere Kanäle geflossen seien. Von der Rechtsabteilung seiner Bank erfuhr Fahrenberg vorletzten Donnerstag, daß Schmitz die 26 000 Mark für bundesdeutsche Wiederaufrüstung verwandte.

Bereits am 16. August 1952, als wegen der noch nicht wieder zurückgezahlten

*) Die Bank für Gemeinwirtschaft Nordrhein-Westfalen AG. ist eine von sechs Banken im Bundesgebiet, die auf Einlagen von Gewerkschaften und Genossenschaften aufbaute. Bilanzvolumen Ende 1951: 134 Millionen DM. Kreditsumme die Zwangsvollstreckungsmaschine den Amtskuckuck in die Venloer Straße befördert hatte, erschien der in den Zuständigkeitsbereich der Rechtsabteilung abgesunkene Bankkunde Johann Schmitz bei seinem Kreditinstitut.

Er gab dem Bankjuristen Dr. Kubisch Aufklärung über die von ihm finanzierte, militärtechnisch lebenswichtige Konstruktion eines Ein-Mann-Hubschraubers. Und er hatte ein Argument zur Hand, von dem er sich Eindruck selbst auf die von Genossenschafts- und Gewerkschaftsgeldern getragene Bank versprach: Die Dienststelle Blank wolle die weitere Finanzierung und die bisherigen Entwicklungskosten übernehmen.

Schmitz suchte zunächst vergebens die gemeinwirtschaftlichen Bankjuristen zur Rücknahme der Zwangsvollstreckung zu

animieren; denn er konnte von den angeblichen Bonner Hubschrauber-Enthusiasten nichts Geschriebenes vorweisen.

Bald darauf telefonierte der Vorstandsvorsitzer der Bank für Gemeinwirtschaft, Friedrich Simon, mit dem Major a. D. Horten von der Militärischen Planungsabteilung der Dienststelle Blank. Major a. D. Horten hatte tatsächlich Unterredungen mit den Herren Schmitz und dem Konstrukteur des Ein-Mann-Hubschraubers, Willi Weihrauch, geführt. Seine Dienststelle sei jedoch aus allerlei Gründen nicht in der Lage, den Herren Schmitz und Weihrauch einen Forschungsbeitrag zukommen zu lassen.

Die Bank für Gemeinwirtschaft, die dies, zunächst unwissend, getan hatte, wußte nun, daß tatsächlich zwischen Blanks Amt und den Hubschrauberleuten verhandelt

worden war. Die Zwangsvollstreckung wurde verschoben, zuletzt auf Grund der Verhandlung vom 24. November vor dem Amtsgericht in Neuß. Nächster Gerichtstermin: 5. Januar 1953.

Schmitz und Weihrauch. Vettern miteinander und Gesellschafter ihrer »Fug-OHG« (Fug: Flug- und Gleitschirm) behaupten, daß ihnen auch Theo Blank zweimal mit treuem Händedruck versichert habe, sein Amt werde die Massenproduktion des Ein-Mann-Hubschraubers finanzieren. Theo Blank dementiert, irgendwelche Zusagen gemacht zu haben. »Ich habe die Herren nie gesehen.«

Konstrukteur Weihrauch, gelernter Schlosser, Feinmechaniker, Radio- und Meßtechniker, arbeitet, wie er sagt, seit zwanzig Jahren an seinem Ein-Mann-Hubschrauber. Am 4. November 1952 endlich ist sein Apparat auf dem bereits mit Fabrikhallenmauern bestückten und der Straße abgekehrten Schmitzschen Grundstück sechs Meter hoch gestiegen. Höher ging es nicht wegen des Gesetzes Nr. 24 des weiland Alliierten Kontrollrats.

Nach kurzer Zeit rasselten Weihrauchs Tragflächen gegen eine der Mauern. Die letzten Wochen verbrachte Ikarus Weihrauch mit Tragflächenreparaturen. Er meint: »Eine Bö war schuld, und ich hatte keinen Platz zum Ausweichen.«

Schließlich reichte »Fug«-Partner Johannes Schmitz zusammen mit einem allgemeinen wehrstrategischen »Fug«-Manifest vom 26. November 1952 auch eine Kalkulation für Aufbau von Fertigungsstätten und Anlaufen der Massenproduktion an das Amt Blank ein. 290 000 Mark brauchen danach Schmitz und Weihrauch bis zum Anlaufen einer Monatsproduktion von 85 Stück und bei einem auf 21 000 Mark kalkulierten Monatsgewinn.

Weihrauch: »Davon können wir erst mal 10 000 Stück gebrauchen, hat Horten gesagt.« Horten dementiert jede Zusage. »Die beiden Herren haben mir mit ihren Plänen die Bude eingelaufen. Ihre mir vorgelegten Unterlagen waren dilettantisch und in dieser Form meines Erachtens nach nicht entwicklungsfähig.«

Wegen der zögernden Haltung des Amtes Blank ist Konstrukteur Weihrauch jetzt beinahe entschlossen - obgleich er lieber mit verteidigungsministeriellen Geldern und zusammen mit Schmitz Fabrikbesitzer würde - erst mal die angebotenen 200 000 Mark Handgeld von Mr. B. Berman, Direktor der »Primar Electronics and Technical Products Ltd.« und »Land, Air and Sea Instruments Co. Ltd.«, beide London, einzusacken.

Neben diesem Handgeld als Abstand für die bisherigen Konstruktionskosten hat Mr. Bronislaw Berman, London, W.C. 2, Grand Buildings, Trafalgar Square, dem Wilhelm Weihrauch, Düsseldorf-Unterrath, Am Röttchen 87, schon einen Vorvertrag offeriert, als neben einigen Stapeln Konstruktionszeichnungen erst Einzelteile des »Fug« vorhanden waren.

Mr. Berman glaubt, mit 50 000 Pfund bis zum Anlaufen der Massenproduktion auszukommen. Dem Wilhelm Weihrauch bietet er neben Gehalt, Haus, Garten, Wagen und Flugzeug Vorzugsaktien als Rückzahlungsaktien über 5000 Pfund der zu gründenden Gesellschaft.

Einlage von Wilhelm Weihrauch: Übertragung sämtlicher von seiner Erfindung herrührender Rechte an die Gesellschaft.

Wenn die patriotischen Gefühle von Willi Weihrauch diesem Angebot erliegen, besteht für die ermutigende Vision hubschraubender deutscher Infanteristen kaum noch Aussicht auf Verwirklichung.

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