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»Der interessanteste Mann im Nahen Osten«

Syriens Präsident Assad schickte Truppen und Diplomaten in den Libanon. Er stoppte den Bürgerkrieg und brachte die verfeindeten Libanesen zu Verhandlungen unter syrischem Vorsitz. Christliche Politiker fürchten, daß der libanesische Staatschef in die »Rolle eines Gauleiters« von Damaskus« Gnaden herabsinken könnte.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Im Beiruter Moslem-Stadtteil Schiah herrschte ein syrischer Leutnant einen libanesischen Bürgerkrieger an: »Weshalb sind Sie noch da? Alle Bewaffneten haben von der Straße zu verschwinden!« In Geschäften des einstigen Touristenviertels Raousche zahlen syrische Offiziere wie zu Hause mit syrischen Pfund.

»Bald werden sie auch noch den Verkehr hier regeln«, murrte ein Beiruter. Der Mehrheit seiner Mitbürger ist die neue Macht im Lande eher willkommen. Bis jetzt teilen wenige die Furcht des Christenpolitikers Raymond Eddeh: Libanon-Staatschef Frandschieh könnte »in die Rolle eines Gauleiters herabsinken, der sich vom Präsidenten in Damaskus Instruktionen holt«.

Der Präsident in Damaskus, Hafis eI-Assad -- er ist der Gewinner, wenn es in der Libanon-Tragödie einen Sieger gibt. Syriens Staatschef schickte vorletzte Woche gleichzeitig die von seinen Offizieren geführte Palästinensische Befreiungsarmee und seine Diplomaten in den brennenden Nachbarstaat.

Der Zeitpunkt war gut gewählt. Denn wenige Tage vor der Amerika-Reise des Israel-Premiers Rabin konnte er annehmen, daß Jerusalem die US-Schutzmacht nicht durch leichtfertiges Zurückschlagen verärgern würde. Zudem mieden Assads Palästinenser-Truppen peinlich den an Israel grenzenden libanesischen Süden, das Fatahland.

2Die Syrer haben die Situation bestens ausgenutzt«, gab ein israelischer Sprecher zu, »sie vergrößerten ihren Einfluß im Libanon und ihr Ansehen in der arabischen Welt.« Vor allem aber: Assads Invasion erreichte, was niemand für möglich gehalten harte. Die Libanesen unterbrachen ihre Selbstzerfleischung und erklärten sich gar bereit, unter syrischem Vorsitz über die Zukunft ihres Landes zu beraten.

Syrien, früher ein Chaatenstaat, der in 24 Jahren 21 Putsche und Putschversuche erlebt hatte, könnte durch einen Erfolg im Libanon zur neuen Ordnungsmacht im Orient aufsteigen. Sein Präsident Assad ist nach Henry Kissingers Einschätzung »der interessanteste Mann im Nahen Osten«. »Zum ersten Mal«, wunderte sich »Newsweek« über Assads Libanon-Streich, »hatte ein ägyptischer Präsident keinerlei Einfluß auf ein Hauptereignis in der arabischen Welt.«

Assad überspielte die nahöstliche

Schlüsselmacht Ägypten nicht nur in der Libanon-Krise. Anders als sein Kairoer Kollege Sadat hatte der Syrer nach dem Oktober-Krieg von 1973 nie auf das amerikanische Konzept einer Nahostlösung gesetzt. Er ließ sich zwar von Kissinger zu einem ersten

Entflechtungsabkommen auf den Golan-Höhen bewegen, gab sich aber stets störrischer und militanter als die Ägypter.

Während sich Sadat mit Moskau zerstritt, pflegte Assad sein gutes Verhältnis zur UdSSR, die dafür seinen Streitkräften alle Verluste von 1973 ersetzte und darüber hinaus mehr und bessere Waffen lieferte. Die Syrer verzichteten darauf, ihr von den Israelis

zurückerhaltenes Land friedlich wiederauf zubauen; Kairo

öffnete dagegen den Suezkanal und erlaubte gar Schiffen mit Fracht für Israel die Passage.

Die Abkehr von Washingtons Nahostplänen hinderte indes Assad nicht, US-Wirtschaftshilfe zu suchen und amerikanische Unternehmen wie den Hotel-Konzern Sheraton ins Land zu lassen. Mit Moskau schloß er bei aller Übereinstimmung keinen Freundschaftspakt wie einst Ägypten.

Die Damaszener Sozialisten versöhnten sich mit Jordaniens König Hussein und schlossen gar einen Verteidigungspakt mit dem Monarchen. Assad reiste zum Schah von Persien. Er arrangierte sich mit den konservativen arabischen Ölstaaten, die nun ein Viertel des syrischen Staatsbudgets von 11,7 Milliarden Mark für 1976 aufbringen. Den empfindlichsten Schlag versetzte Assad den ägyptischen Waffenbrüdern von 1973 im vergangenen November. Die Syrer forderten für die Verlängerung des Mandats der Uno-Friedenstruppe im Golan die Zulasssung der PLO im Sicherheitsrat sowie eine Diskussion über die Nahostresolutionen 242 und 338, die den Arabern auferlegen, Israel anzuerkennen, während die Palästinenser nur als Flüchtlinge bezeichnet werden.

Zum Ärger der Ägypter setzten die Syrer ihre Forderungen durch und erscheinen nun als Wahrer der gesamtarabischen Interessen. Die Ägypter aber, für die die Verlängerung des Uno-Truppenmandats eine Routineangelegenheit war, standen als egoistische Einzelgänger da, die ausschließlich ihren Frieden mit dem Erzfeind Israel suchen und der palästinensischen Sache angeblich nur Lippendienste erweisen.

Sogar Amerikas Veto gegen die jüngste antiisraelische Nahostresolution des Sicherheitsrats paßt ins syrische Konzept: Es beweist der arabischen Welt, daß Sadats Politik der Freundschaft mit den Vereinigten Staaten nichts einbringt.

Raffiniert wie in der Uno handelten die Syrer auch im Libanon, der einst Teil der ottomanischen Provinz Groß-Syrien war.

Obschon selbst Moslems und Sozialisten, hielten die Syrer während der zehnmonatigen Krise engen Kontakt zu den rechten Christen. Assad empfing Falange-Führer Gemayel in Damaskus. Sein Außenminister Chaddam traf so oft mit dem Christenpräsidenten Frandschieh zusammen, daß die proirakische Beiruter Zeitung »El-Destur« gegen die »Achse Baahda (Sitz des Libanon-Präsidenten) -- Damaskus« wetterte.

Die Syrer wiesen die Forderung des Linkspolitikers Dschumblat zurück. Waffenschiffe zu versenken, die den neuen Christenhafen Dschunia anlaufen. Den Libanon-Linken andererseits ließen die Syrer genügend Waffen zukommen -- damit sie sich behaupten, nicht aber damit den Endsieg erringen konnten.

Denn Syrien möchte keinen christlichen Separatstaat im Libanon: Der wäre prowestlich, nach Israel ein neuer Fremdkörper in der arabischen Umwelt. Syrien möchte aber auch keinen radikalen Moslemstaat als westlichen Nachbarn: Der könnte sehr schnell unter den Einfluß der linken Rivalen Irak und Libyen geraten -- vor allem aber eine israelische Invasion provozieren.

Den Waffengang mit Israel scheuen die Syrer -- trotz Rüstung und markiger Reden. Sie wollen deshalb auch den Libanon nicht annektieren. Ein weitgehend von Damaskus abhängiger, aber befriedeter Libanon ist für sie die beste Lösung.

Denn Syrien braucht die Hongkong-Funktion des Libanon. In Zeiten größter außen- wie innenpolitischer Not -- etwa während des Oktoberkrieges -- verstanden es die Phönizier-Nachfahren noch immer, Damaskus mit dem Notwendigsten zu versorgen. In normalen Zeiten jedenfalls ist Beiruts kapitalistische Händlergesellschaft die willkommene Ergänzung zum schwerfälligeren syrischen Sozialismus.

Die radikalsten Gegner der syrischen Libanon-Politik kommen denn auch nicht aus dem Christenlager, das möglichst wenig Veränderung wünscht: Am Mittwoch prasselten Schüsse auf Assads Vermittler Chaddam und töteten zwei libanesische Soldaten seiner Eskorte -- in Masnaa, einer Hochburg der libanesischen Moslems.

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