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»Der Islam ist eine andere Kultur«

Kardinal Walter Kasper, Ökumene-Beauftragter des Papstes, zum Streit mit den Muslimen
aus DER SPIEGEL 38/2006

SPIEGEL: Herr Kardinal, überrascht Sie die heftige Reaktion von Muslimen in aller Welt auf die Vorlesung des Papstes in Regensburg?

Kasper: Da der christliche Glaube ein freier personaler Akt ist, kann der Papst die berechtigten Anliegen der Aufklärung aufgreifen: die Idee der allgemeinen Menschenrechte, der Religionsfreiheit und die Unterscheidung von Religion und Politik. Denn die katholische Kirche ist Weltkirche und heute mehr denn je ein Global Player.

SPIEGEL: Da bleiben Konflikte mit anderen Religionen offenbar nicht aus.

Kasper: Die Auseinandersetzung mit dem Islam durchzieht ja die gesamte europäische Geschichte, und die wollte der Papst in Erinnerung rufen. Heute scheint die Begegnung mit dem Islam in eine neue Phase einzutreten. Viele sprechen vom »clash of civilisations«, einem Kampf der Kulturen. Aber man muss mit diesem Begriff sehr sorgfältig umgehen, damit daraus nicht eine selbsterfüllende Prophezeiung wird. Die Alternative zu Konflikt heißt Dialog. Dafür optieren die Kirchen, dafür ist auch der Papst. Wir wollen eine friedliche Auseinandersetzung. Die besteht freilich auch auf Gegenseitigkeit. Über die Schwierigkeiten darf man sich keine Illusionen machen.

SPIEGEL: Warum ist für die katholische Kirche der Dialog mit dem Islam so schwierig?

Kasper: Es gibt nicht den Islam, der Koran ist vieldeutig und der Islam keine monolithische Größe. Die Unterscheidung zwischen radikalem Islamismus und gemäßigten Muslimen ist wichtig, auch die Unterscheidung zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen militantem und mystischem Islam. Neben dem Islam in der arabischen Welt steht der indonesische, pakistanische, türkische Islam. Selbst innerhalb der arabischen Welt hält sich die Solidarität in Grenzen, und den bei uns lebenden Muslimen gelingt es nicht, eine alle Muslime vertretende Organisation aufzubauen. Diese könnte uns vor irrationalen Angstphantasien bewahren, die den Islam komplett zum Feindbild machen. Aber unter den bisherigen Umständen ist es schwierig, repräsentative Gesprächspartner zu finden.

SPIEGEL: Halten Sie einen gleichberechtigten Dialog für möglich?

Kasper: Man darf bei diesem Dialog nicht blauäugig sein. Der Islam verdient zweifellos Respekt. Er hat manches mit dem Christentum gemeinsam, wie den gemeinsamen Stammvater Abraham und den Ein-Gott-Glauben. Aber er hat sich schon am Anfang gegen das orthodoxe Christentum gebildet und versteht sich als dem Christentum überlegen. Tolerant verhält er sich bisher nur dort, wo er in der Minderheit ist. Wo er die Mehrheit hat, kennt er keine Religionsfreiheit in unserem Sinn. Der Islam ist eine andere Kultur, was nicht heißt, eine minderwertige Kultur, wohl aber eine Kultur, welche bis jetzt keinen Zugang zu dem gefunden hat, was die positiven Seiten unserer modernen westlichen Kultur ausmacht - die Religionsfreiheit, die Menschenrechte oder die Gleichberechtigung der Frau. Diese Defizite sind ein Grund für die Frustration vieler Muslime, die oft in Hass und Gewalt gegenüber dem als gottlos und dekadent verachteten Westen umschlägt. Selbstmordattentate sind Taten von Verlierern, die nichts zu verlieren haben. Der Islam dient dabei als Maske, hinter der sich nicht Religion, sondern Verzweiflung und Nihilismus verbergen.

SPIEGEL: Wohin, glauben Sie, entwickelt sich der Islam?

Kasper: Eine offene Frage ist, ob in Zukunft ein Euro-Islam möglich ist, der Islam mit Demokratie verbindet. Dabei sollte man den Wunsch nicht mit der Realität verwechseln. Wie soll sich Europa verhalten? Europa ist aufgrund seines eigenen Selbstverständnisses eine weltoffene Gemeinschaft; es will und kann kein »christlicher Club« sein. Doch »Multikulti«, das bloße Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen, ist europaweit gescheitert. Integration setzt eine Mindestbasis gemeinsamer Werte voraus, das heißt eine Kultur gegenseitiger Toleranz und gegenseitigen Respekts, also genau das, was das Herz europäischer Kultur ausmacht. Integration ist daher nicht ohne Ausgrenzung von solchen möglich, welche diese Kultur nicht anerkennen. Wer nicht toleranzbereit ist, kann nicht selbst Toleranz erwarten oder gar fordern.

SPIEGEL: Was für ein Europa will die Kirche?

Kasper: Ein Europa, das seine eigenen Werte relativiert, wirkt in den Augen der Muslime nicht anziehend. Europa muss als ein geistig und geistlich starker Partner auftreten und von seinen eigenen Vorzügen überzeugt sein. Nur so werden wir Respekt finden. Nur ein seiner eigenen Werte bewusstes Europa kann nicht nur ein wirtschaftlich starker, sondern auch ein moralisch und geistig geachteter Partner sein und Gastfreundschaft üben. Es ist doch eine Kulturschande, dass wir No-go-Areas für Ausländer ausweisen müssen.

SPIEGEL: Ist der Rückgriff in die Historie von Christentum und Islam wirklich hilfreich, wenn man den Dialog will?

Kasper: Das Christentum brachte etwas revolutionär Neues: die Freiheit und die

unbedingte Würde jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seiner Religion, Kultur, Nationalität. Seit den Kreuzzügen aber sind Ost und West einander fremd geworden. »Lieber der Turban der Türken als die Mitra der Römer«, hieß es im Osten. Die Abkoppelung vom Osten bedeutete eine geistige Verarmung, die im späten Mittelalter zu einer innerkirchlichen Krise führte; sie war eine der Ursachen der Reformation des 16. Jahrhunderts. Die Reformation brachte mit dem Gedanken der »Freiheit des Christenmenschen« einen wichtigen geistigkulturellen Impuls in die europäische Kultur ein. Sie führte aber auch zum Auseinanderbrechen der westlichen Christenheit ...

SPIEGEL: ... und zu Religionskriegen.

Kasper: Diese Religionskriege zeigten, dass der christliche Glaube nicht mehr länger die Einheitsklammer Europas war. Man brauchte eine neue gemeinsame Grundlage, und man fand sie in der allen Menschen gemeinsamen Vernunft. Das war eine der Ursachen der Aufklärung und ihrer Idee der allgemeinen Menschenrechte. Die wissenschaftlichen und zivilisatorischen Leistungen der Moderne sind unbestreitbar. Doch im Gefolge der Französischen Revolution emanzipierte

sich die Neuzeit zunehmend von den christlichen Wurzeln und wurde so selbst wurzellos. Der Sonderweg dauerte denn auch nicht lange. Das Ende des Ersten Weltkriegs war auch das Ende der bürgerlichen Kultur. Es entstand eine innere Leere, die im 19. und 20. Jahrhundert den Boden für zwei Ideologien bereitete, welche nicht nur Europa, sondern die Welt in den Abgrund rissen und in eine Katastrophe stürzten.

SPIEGEL: Und für diese geistliche Lücke hat jetzt die Kirche eine Lösung parat?

Kasper: Die Grundfrage für die Zukunft Europas wird sein, ob und wie es gelingt, die Ideale, die Europa einmal groß gemacht haben - besonders seine christlichen Wurzeln - in die verwandelte Weltsituation von heute zu übertragen. Niemand will ins Mittelalter zurück.

SPIEGEL: Das ist Ihre Lehre aus der Inquisition und den Versuchen, gewaltsam zu missionieren?

Kasper: Für das heutige Christentum ist die Unterscheidung von religiöser und weltlicher Ordnung grundlegend. Diese Unterscheidung stellt sowohl gegenüber dem Islam wie gegenüber dem Judentum eine Neuerung und einen Vorzug dar, welche die Gestalt Europas geprägt hat. Sie ist in dem Wort Jesu grundgelegt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

INTERVIEW: PETER WENSIERSKI

* Beim Treffen verschiedener Weltreligionen am 24. Januar 2002 in Assisi.

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