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DER JUNGE MANN UND DAS MEHR

aus DER SPIEGEL 13/1966

Rainer Barzel ist ein Mann, von dem man viel besser weiß, was er werden will, als was er ist; denn Rainer Barzel gibt es in mehreren Ausführungen.

Es gibt Barzel, den strammen Max der Christdemokraten - zur Stelle wie die Feuerwehr und nützlich wie die Axt im Hause. Wo er auftritt, ist Manege, und manche Mädchen im Publikum bekommen unbemerkt ganz sinnliche Lippen. Er kann aggressiv sein wie ein Autofahrer auf der Überholspur, verbindlich wie ein Quizmaster im Fernsehen und wirksam wie ein Waschmittel: Zwingt Grau raus, zwingt Weiß 'rein.

Es gibt aber auch Barzel, den Laienprediger der Union, der seiner Partei das Hohe C der Christlichkeit anpreist wie einen Vitaminstoß gegen die Erkältungsgefahren des bindungslosen Opportunismus. Dieser Barzel spricht mit geschmälztem Organ und bedient sich einer Terminologie, die auf Protestanten enorm katholisch wirkt. Er stellt Fragen wie Gretchen und antwortet teils mit Gott und teils mit Guardini.

Und es gibt Barzel, den Mann von nebenan, mit dem man reden kann, als ob er gar nicht der Barzel wäre, der Kanzler werden will - auch darüber, daß er es eben doch werden will. Das ist ein Mann, für den Tabus nicht gelten, weder in der Politik, noch in der Ausdrucksweise; es ist der Barzel für Fortgeschrittene.

Dennoch trägt Rainer Barzel keine Masken. Er kann sie entbehren. Denn sein Gesicht paßt immer.

Es ist rund und glatt und ohne besondere Kennzeichen, solange die Glatze noch nicht perfekt ist. Wahrscheinlich hätte man es längst vergessen, wenn das Fernsehen nicht wäre. Es hat Täler und Hügel, wohl auch Schatten, aber Erinnerungskerben gibt es nicht darin. Es ist ein Gesicht, das noch was erleben will.

Bezeichnenderweise entzieht es sich der Karikatur. Wer Barzel karikieren will, muß wohl ein Accessoir hinzunehmen, zum Beispiel einen Zweispitz: Bonnaparzel.

Aber so eindeutig, so unverwechselbar ist Rainer Barzels wahres Zubehör mitnichten. Es profiliert den Mann nicht, allenfalls kategorisiert es ihn: als einen Angehörigen des finanziell gehobenen, akademisch vorgebildeten Mittelstandes, noch diesseits der besten Mannesjahre.

Seine Anzüge kauft Barzel in Köln von der Stange, einschließlich der kecken Zweireiher, der kurzen Trenchcoats und des grauen Royal Stetson mit dem breiten schwarzen Band und der schwarz eingefaßten Krempe. Seine Manschettenknöpfe sind Goldmünzen, sein privates Auto ist ein grauer BMW 1800 TI, er raucht sowohl schwarze als auch blonde Zigarren, trägt eine schwarzrandige Lesebrille, und sein Spezialgetränk - Campari und ein Schuß weißer Cinzano, je nach Jahreszeit mit oder ohne Eis und Soda - ist eine Erfindung des verewigten Heinrich von Brentano.

Aus Brentanos Hinterlassenschaft stammen auch die falschen Stilmöbel im Bundeshaus-Zimmer 201 F, dem äußerst großzügig dimensionierten Büro des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU, das nun Barzels Arbeitsraum ist. Der neue Amtsinhaber hat sie vorläufig übernommen - sogar die beiden Sitzgruppen aus pastellfarbenem Plüsch und den elektrischen Kronleuchter mit seinen neunzehn Armen. Nur die Wände hat Barzel weiß überstreichen und die Stores von dem riesigen, rheinseitigen Atelierfenster abnehmen lassen.

Aus Barzels eigenen Beständen stammen erst mal nur die Bilder. Es sind die üblichen staatsmännischen Zueignungsphotos im Silberrahmen, von Lübke, Erhard, Adenauer, Johnson (in Farbe) und Wilson, ferner (ohne Widmung) von Amtsvorgänger Brentano und von Jung -Barzels wichtigstem Entwicklungshelfer Karl Arnold. Im musischen Bereich repräsentieren drei maßvoll abstrakte Gemälde des mit Barzel befreundeten Malers Otto Andreas Schreiber aus Dormagen die persönliche Note des neuen Mannes: ein Flaschenmotiv in Blau, ein Pulk einträchtig nach rechts schwimmender Fische, ebenfalls in Blau, und ein verfremdeter Harlekin in Weiß und Grau.

Privat bewohnen Dr. Rainer Candidus Barzel mit Frau Kriemhild, geborene Schumacher, und Tochter Claudia in Bad Godesbergs Rubensstraße 23 einen weißen Reihenbungalow mit einem kleinen, von gemauerten Sichtblenden umgebenen Garten, den die Familie vor anderthalb Jahren gekauft und dafür Schulden gemacht hat; denn das Objekt kostet über 100 000 Mark.

Wohnzimmer, Eßzimmer und Arbeitszimmer gehen ineinander und bieten so Spielraum für jene familiäre Togetherness, die der Hausherr gelegentlich mit der Bemerkung ins Licht rückt, er betrachte seine - schon in der Tanzstunde angebahnte - Ehe als seinen größten persönlichen Erfolg. Wenn Vater zu Hause Reden entwirft, dann trennt ihn bloß ein hellgrauer Wollvorhang von »Timmchen« (Frau Kriemhild) und »Claudinchen« (der Tochter), die nebenan fernsehen.

Daß Timmchens köllsche Frohnatur und Claudinchens siebzehnjährige, von Beat und starkfarbenen Dessous befeuerte Psyche mit dieser Art von Beisammensein zufrieden sind, das darf freilich bezweifelt werden. Rainer Barzel wünscht sich darum auch dringend mehr Zeit für seine Familie.

Eingerichtet ist das Familienheim mit jener Mischung aus Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit und dekorativen alten Stücken, die sich allmählich als der neue deutsche Wohnstil am Ende der Wiederaufbauphase herausgebildet hat. Im Grunde könnte jeder tüchtige, vorwärtsgekommene, gesellschaftlich etablierte Mann aus der Generation der Vierzigjährigen hier wohnen. Nicht einmal die Ikonen, die Barzel von seinen Reisen mitgebracht hat, noch auch die modernen Chanson-Platten, die er monaural abhört, müßten ausgewechselt werden.

Der Mann, der hier wohnt, ist zweifellos ein Mann, von dem man gehört hat; ein Mann, von dem man spricht. Er hat sogar Appeal. Nur ist es ein Appeal mit Fragezeichen: Ist das nicht der, der im Fernsehen immer alle unter den Tisch redet? Ist das nicht der, der Nachfolger von Erhard werden will? Das ist er: der Mann mit dem ungewissen Etwas.

Ach, wie heißt doch dieser Schwarze,

Untersetzte mit dem glatten runden Kinn,

der bei Debatten immer so pathetisch spricht

und so christlich ... ? Heißt er Barze?

Oder Barse? Oder Parze?

Nee, nee, Parze heißt er nicht.

Jedenfalls, das ist so einer

von den ganz, ganz Superschlauen.

Dem ist alles zuzutrauen,

wenn der erst mal richtig kann.

Denn wenn der kann, kann den keiner,

der ist clever, dieser ... Rainer!

Rainer Barzel heißt der Mann.

Das, was ihm Dieter Höss hier im »Simplicissimus« angedichtet hat, ist in der Tat ein Problem für Barzel: Die Leute haben ihn zwar als einen Macher kennengelernt und als einen Mann mit Ambitionen, tun sich darüber hinaus aber schwer, Nam' und Art dieses Mannes genau zu bestimmen; darum ist seine durchaus vorhandene Popularität stets untermischt mit einem zumindest latenten Unbehagen.

Was man weiß, oder doch nachlesen kann, über den beinah unaufhaltsamen

Aufstieg dieses Mannes, ist ja auch nicht dazu angetan, Rainer Barzel politisch unzweideutig zu placieren. Eher im Gegenteil.

Einmal hin: Adlatus und Ghostwriter zuerst des Zentrumsmannes Carl Spiekker und dann des linken CDU-Mannes und Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold; einmal her: Hilfswilliger des Franz-Josef Strauß und Manager des Globke-finanzierten, kommunisten-riechenden Anti -Links-Vereins »Rettet die Freiheit«; ringsherum, das ist nicht schwer: Schützling des CDU-Papas Krone und als solcher auf Mittelkurs ins Ministeramt und wieder zurück in die Fraktion.

Der gemeinsame Nenner ist die Karriere. Die Linie, die sich ausmitteln läßt aus dem Zick und dem Zack dieser kühnen Kür, ist jedenfalls aufsteigend. Die Titel und die Siegespreise nehmen zu. Mit 41 Jahren darf sich Rainer Barzel Ministerialrat a.D., Bundestagsabgeordneter, Minister a.D., Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU und nun bald auch Erster Stellvertretender Vorsitzender der Partei der Christdemokraten nennen.

Dennoch wäre er mit der Bezeichnung »opportunistischer Karrierist« nicht zutreffend beschrieben. Erstens bringen es reine Opportunisten selten so weit. Zweitens treten sie nicht verfrüht gegen ihre stärkeren Rivalen an, so wie Barzel jetzt gegen Erhard. Und drittens gibt es Vorkommnisse in dieser Karriere, die mit Opportunismus allein nicht zu erklären sind.

Als Barzel 1956 nach dem Sturz Karl Arnolds vom Stuhl des NRW-Chefs seiner Ministerialratswürde entsagte, um dem Ziehvater in die »freie Wildbahn« nachzufolgen, da konnte er nicht sicher sein, daß es Arnold gelingen würde, ihn zum Ausgleich für seinen Verzicht in den Bundestag wählen zu lassen; das ging dann auch nur mit sanfter Gewalt (SPIEGEL 16/1963).

Und als Barzel sich bei der Regierungsbildung im Oktober 1963 weigerte, als Entschädigung für sein koalitionshalber an Erich Mende abzutretendes gesamtdeutsches Ministerium einen anderen Ministerstuhl im Kabinett Erhard einzunehmen, sondern in die Fraktion zurückging, da konnte er nicht sicher sein, daß Heinrich von Brentano sterben und ihm den (viel einflußreicheren) Platz an der Spitze dieser Fraktion freimachen würde.

Vielleicht handelt Barzel in solchen Situationen aus Überzeugung. Im Effekt handelt er wie ein kluger Unternehmer, der lieber mal eine Investition abschreibt als sein Renommee auf dem Markt in Gefahr zu bringen und sich damit für größere Geschäftsabschlüsse zu disqualifizieren.

Die beiden Beispiele jedenfalls scheinen mir darzutun, daß Rainer Barzel »eine Rolle spielen« will in des Wortes doppeltem Sinne; daß er zumindest nicht aus der Rolle fallen will, die er gerade spielt - und sei es auch nur deshalb, weil er sich eine neue, vielleicht viel bessere Rolle nicht durch einen Umschmiß von vornherein verscherzen möchte.

In diesem Betracht ist der Politiker Barzel eine nahezu perfekte Verkörperung des »Homo sociologicus«, von dem Professor Ralf Dahrendorf sagt, daß er seinen Platz in der Gesellschaft behaupte, indem er die ihm von der Gesellschaft zugewiesenen »Rollen« so getreu wie möglich verkörpere.

»Der einzelne und die Gesellschaft sind vermittelt«, so Dahrendorf, »indem der einzelne als Träger gesellschaftlich vorgeformter Attribute und Verhaltensweisen erscheint. Hans Schmidt als Schuljunge hat eine Mappe, ein glänzendes Morgengesicht und schleicht unwillig zur Schule: als Liebhaber seufzt er und besingt seine Geliebte; als Soldat trägt er einen Bart. flucht. ist streitlustig und unempfindlich in seiner Ehre; als Richter kleidet er sich sorgsam und ist voll weiser Sprüche.«

Und daraus folgt - für Hans Schmidt oder auch für Rainer Barzel -, daß »für jede Position, die ein Mensch haben kann ... die 'Gesellschaft' Attribute und Verhaltensweisen (kennt), denen der Träger solcher Positionen sich gegenübersieht und zu denen er sich stellen muß. Übernimmt und bejaht er die an ihn gestellten Forderungen, dann gibt der einzelne seine unberührte Individualität zwar auf, gewinnt aber das Wohlwollen der Gesellschaft, in der er lebt«.

Barzel selber würde das so nicht sagen. Aber es bedeutet im Grunde das gleiche, wenn er sagt: »Ich glaube, das ist ganz unabhängig von der Person, daß einfach dieses Amt jemand trägt, wenn er es zu nutzen weiß.«

Dieses Amt ist die Führung von Ludwig Erhards deformierter Gesellschaft, ist der Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Es ist Rainer Barzels Glanzrolle.

Was ihn zu einer so glanzvollen Besetzung für diese Rolle macht, ist zunächst einmal seine erprobte Begabung zum Sowohl-Als-auch: seine Fähigkeit, fixe Formeln zu finden zur Überbrückung der vielen Unvereinbarkeiten dieser von Interessengegensätzen zerspaltenen Parlamentskohorte.

Zum anderen erklärt sich seine Eignung aus der völligen Abwesenheit zweier Eigenschaften, die ihm immer noch und immer wieder zugeschrieben werden: nämlich ein Repräsentant der jungen Garde in der CDU und ein, zumindest verkappter, Ideologe zu sein. Er ist beides nicht.

Die Meinung, Barzel sei der ideologische Heldentenor der CDU und beherrsche das hohe C, stammt aus dem Jahre 1962, als er - erst im Auftrag und dann zur Enttäuschung Adenauers - am Strand von Ostende »Untersuchungen über das geistige und gesellschaftliche Bild der Gegenwart und die künftigen Aufgaben der CDU« (die sogenannte C-Studie) niederschrieb.

Dieses, unter »Vertraulich« in den Regalen der Partei-Oberen beerdigte Werk enthält allerdings die geflügelten Worte: »Das 'C' ist ein Maßstab des Vollkommenen für den Menschen, der auch in der Politik unvollkommen bleibt. Wer 'C' sagt, weiß aber auch, wohin er aufzustehen hat, wenn er gefallen ist.«

Bei näherem Zusehen freilich erweist sich die Studie als eine flexible Fleißarbeit, deren vielseitige Verwendbarkeit der Verfasser selber neulich unter Beweis gestellt hat. Die Tirade über die »Anpassungsartistik« in der Politik und über die Beziehungen zwischen Politikern und Intellektuellen in Barzels Rede vom 4. Februar vor dem »Forum 66« der Jungen Union (nachgedruckt im »Rheinischen Merkur vom 11. Februar)

entstammt fast wörtlich der C-Studie, Ziffer 135 bis 149.

Gewiß, Barzel kommt aus einem sehr katholischen Haus, war in der katholischen Jugendbewegung, beherrscht deren Jargon und operiert gelegentlich damit. Er gehört (im Windschatten Heinrich Krones) auch zu den 15 katholischen Bonner Politikern, die sich alljährlich am evangelischen Bußtag in dem rheinischen Dominikaner-Kloster Walberberg zu kohlschwarzen Gesprächen treffen. Und wenn er sich als reinen Pragmatiker und austauschbaren Manager abgemalt findet, dann hebt er bei passender Gelegenheit hervor, er halte sich aber doch für einen Weltanschauungspolitiker. Schließlich ist in Deutschland noch nie ein Manager Kanzler geworden.

In Wahrheit und in der Praxis aber hat sich Barzel längst zum Anwalt einer Ent-Ideologisierung der Parteien und des politischen Lebens entwickelt, die er definiert als »Versachlichung auf der Basis wirklich letzter Prinzipien«, als eine Methode, »aus der Weltanschauung hier diese und dort jene sachgerechte Antwort« zu nehmen.

Diese »letzten Prinzipien« manifestieren sich in seiner ehrenwerten, aber nicht eben exklusiven Bemühung, »wie ein Christ zu handeln«. Als ideologisches Image würde ihm schon genügen, »wenn die Leute sagen: Das ist ein christlicher Demokrat, der zu wissen glaubt, was in Zukunft sein soll«. Der indisponible Kern seiner Weltanschauung ist - das leugnet er nicht - ganz klein.

Damit ist Rainer Barzel tatsächlich bereits viel weiter fortgeschritten auf dem Wege der Ent-Ideologisierung als die meisten jungen Leute in der Christenpartei. Das ist ein Grund dafür, daß er sie nicht repräsentiert. Aber es ist nicht der einzige.

Was ihn vor allem trennt von vielen seiner Generationsgenossen und besonders vom Nachwuchs aus der Jungen Union, das ist sein Werdegang. Für diese zugleich um ein berufliches Fortkommen und um eine politische Position kämpfenden Nachkömmlinge ist er sozusagen schon als Arrivierter auf die Welt gekommen. Während sie, die Faust in der Tasche und Leon Gambetta auf den Lippen ("Niemals davon sprechen, immer daran denken"), den Abtritt sperriger Kreisvorsitzender oder seniler Mandatsträger herbeisehnten, machte Barzel an der Hand von Spiecker und Arnold und Krone als deren Eckermann und Geisterschreiber fleißig Karriere.

Der Heidelberger Psychosomatiker Professor Alexander Mitscherlich hat dieser Tage (in der Fernsehsendung »Report") versucht, Barzel zu deuten als »eine Persönlichkeit, die ständig auf der Suche nach Vätern ist, die ihr Halt geben. Statt die Väter zu attackieren, statt nach Neuem Ausschau zu halten, versucht er, endlich Väter zu finden, die ihm überhaupt eine Basis der Existenz gewähren«.

Man muß Mitscherlichs Lieblingsthese, daß daran die Enttäuschung mit dem »heidnischen Übervater Hitler« schuld sei, nicht akzeptieren, um seine Deutung diskutabel zu finden. Denn es fehlt nicht an Hinweisen darauf, daß Rainer Barzel bereits zu seinem leiblichen Vater Candidus eine weniger intensive Beziehung hatte und noch hat als zu seiner Mutter Maria (genannt

»Mieze"). Von ihr spricht er häufiger und stets zuerst; so vor kurzem in München, als er auf die goldene Hochzeit seiner Eltern zu reden kam und sich freute, dieses Fest »mit meiner Mutter feiern zu können - und natürlich auch mit meinem Vater«.

Barzel leugnet gar nicht, als junger Mann im Vorteil gewesen zu sein, »eine ganze Menge Glück« gehabt zu haben. In Günter Gaus' Fernsehreihe »Zur Person« hat er freimütig zugegeben, daß er dies vor allem den Männern danke, »die mir doch eigentlich immer irgendwo ein Netz waren, möchte ich sagen. Ich habe eigentlich nie ohne Netz geturnt«.

Kein Wunder, daß jene, die notgedrungen ohne Netz geturnt haben, in Rainer Barzel einen Mann sehen, der nicht nur weiß, wohin er aufzustehen, sondern auch, wohin er zu fallen hat. Sie müssen darum noch nicht gegen ihn sein. Aber Barzels Hausmacht sind sie nicht.

Er hat keine Hausmacht, vor allem nicht in der Fraktion, und will auch keine haben. Er hat Freunde hier und Freunde da. Aber nie hat er sich mit einer der widerstreitenden Interessengruppen identifiziert, ist auch nie als Experte aufgetreten. Dafür hat er sich den Umstand zunutze gemacht, daß diese Fraktion längst jemand gebraucht hat, der - mit möglichst viel Verstand und möglichst wenig Risiko - für alle über alles reden kann, über Wirtschaft genauso wie über Außenpolitik.

Barzel kann genau das. Und so erkennt die Fraktion, zum erstenmal seit Adenauers guten Tagen, in eines Mannes Rede wieder die Stimme ihres Herrn.

In der Tat ist in Deutschlands kurzer Nachkriegsgeschichte noch nie ein Fraktionsvorsitzender so potent gewesen wie dieser. Die verfallenden Kräfte des ehedem allmächtigen Partei- und Regierungschefs Adenauer, das gestörte Verhältnis des Kanzlers Erhard zu seiner parlamentarischen Schutztruppe und die in der Partei gelegentlich aufwallende Lust am Untergang haben ein Bedürfnis nach stabilisierender Machtausübung - zuweilen auch nach Züchtigung - entstehen lassen, dem Barzel in seiner Position nur zu entsprechen braucht; dem er weitgehend entspricht.

Der Fraktionsvorsitzende versieht seinen Job mit der aufgeräumten, mobilen, auf Kondition bedachten Wirksamkeit des Juniorchefs, der abends immer einen leeren Schreibtisch hat. Hier herrscht jetzt Ordnung. Herumstehen ist verboten. Und vor dem Verlassen der Toilette sind die Kleider zu ordnen.

Kommt man Barzel krumm, so wehrt er sich mit der Bürde oder auch mit der Würde seiner Rolle. Etwa so: Er habe ja nun mal die undankbare Aufgabe übernommen, in diesem Laden für Ordnung zu sorgen, aber wenn ihm das so schwer gemacht werde, könne er es ja auch lassen ...

Es kann vorkommen, daß Barzel sich Kritik, die ihm zu weit geht, lauthals verbittet oder daß er Beschwerdebriefe nicht beantwortet, wenn sie ihm zu albern sind. Und wenn er schmeichelt, dann läßt er den Geschmeichelten merken daß er ihm schmeichelt, damit der gar nicht erst auf den Gedanken kommt, Barzel halte wirklich etwas von ihm.

Was die abgebürsteten Hinterbänkler dabei wie Arroganz anmutet, ist einmal wohl der Umstand, daß Barzel bei der Behandlung greifbaren Widerstandes zu einer Art Parterre-Akrobaten, zu einem Artisten des Applanierens werden kann; zum anderen ist es seine saloppe, assoziative Intelligenz, die gern den Eindruck aufkommen läßt, alles sei hinzukriegen, wenn man es nur so gescheit anfange wie er.

Alles? Jedenfalls nicht nur das Management der Fraktion. Eine für den SPIEGEL angefertigte Analyse des Terminkalenders von Rainer Barzel mag das beweisen.

Von den 62 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit, die sich als Durchschnittswert dreier Monate ergeben, verwendet er auf schiere Fraktionsarbeit, einschließlich der Sitzungen des Fraktionsvorstands und des Bundestags-Plenums, ganze 28 Prozent; dazu kommen zwölf Prozent für Einzelgespräche (mit Abgeordneten, mit Ministern, auch mit Emissären der Opposition) zur Vorbereitung parlamentarischer Aktionen, zusammen also 40 Prozent.

Der Rest ist schon heute der Partei, der Regierung und den politischen Public Relations gewidmet. Der Partei: 16 Prozent, einschließlich der fast täglichen Visiten bei Konrad Adenauer, der wöchentlichen Treffen mit Partei -Obmann Dufhues und der Sitzungen des Parteivorstands. Der Regierung: sechs Prozent für die zumindest einmal wöchentlich angesetzten Gespräche mit dem Kanzler oder im Kanzleramt.

Bleiben die Reden in der Öffentlichkeit (neun Prozent, ohne die Zeit für An- und Abfahrt), die Gespräche mit Wirtschaftlern, Gewerkschaftlern, Wissenschaftlern etc. (acht Prozent), mit ausländischen Botschaftern, durchreisenden Ministern befreundeter Staaten etc. (acht Prozent), mit der Presse und dem Fernsehen (acht Prozent, davon über die Hälfte als Hintergrundgespräche) und mit persönlichen Freunden, (fünf Prozent) - zusammen 38 Prozent, fast soviel wie für das ganze Fraktionsgeschäft.

Dieser Zeitplan bestätigt, was die Anschauung längst geoffenbart hat: Rainer Barzel verkörpert im Grunde eine Doppelrolle. Die eine ist der Fraktionsvorsitzende. Die andere könnte heißen: der kommende Mann.

Barzel, der kommende Mann, ist Kanzler Erhards wichtigster Entscheidungshelfer, hat viele Kontakte, ist ein begehrter Redner, vor allem im Fernsehen, und schreibt seine Reden mit eigener Hand nur auf allerbestes Papier.

Barzel, der kommende Mann, hebt, wenn er gefragt wird, jene Seiten seines Erscheinungsbildes hervor, die ihn reifer machen. So wäre er zum Beispiel gern Professor der Rechte geworden, wenn die Politik nicht Besitz von ihm ergriffen hätte. Oder er würde, wenn er nur ein einziges Buch mit auf eine einsame Insel nehmen dürfte, eine Dünndruckausgabe von Platons sämtlichen Werken wählen.

Barzel, der kommende Mann, artikuliert (vor allem im Wahlkampf) das verbreitete Unbehagen an der Union und mobilisiert es für die Partei (und für sich selbst), indem er Ideen aufgreift, die in der Luft liegen und von der Regierung dort liegengelassen worden sind. Und er verlangt »ein Mehr« - ein Mehr an Realität, ein Mehr an Menschlichkeit ein Mehr an Zusammenordnung, auch ein Mehr an Schweigen, wenn es not tut. Hier präsentiert sich nun doch der junge. Mann und das Mehr, der - unverbraucht und dennoch verantwortungsgewohnt - wohl wüßte, wo (wenn schon nicht unbedingt wie) es besser zu machen wäre. Nur: Er kann es ja noch nicht machen, er ist ja noch nicht dran. Also tritt er auf und sagt immer wieder bloß: Die Pferde sind gesattelt!

Das klingt nicht schlecht und mag solche Zuhörer mitreißen, die noch ein Organ für Aufbruchsrhetorik haben. Enttäuschen freilich muß es alle jene, die eigentlich eine Reitvorschrift erwartet haben.

Das demoskopische Echo auf Barzels Bemühungen ist denn auch uneinheitlich. Vor den Bundestagswahlen des Jahres 1965 ermittelten die Institute »Intermarket« und »Infratest« im Auftrag des SPIEGEL, daß Rainer Barzel immerhin 68 Prozent der Bundesdeutschen, denen man eine Liste mit 24 Politikernamen vorgelegt hatte, bekannt war, daß aber nur 15 Prozent derer, die ihn kannten, einen idealen Politiker in ihm sahen.

Nach den Bundestagswahlen hat das »Institut für Demoskopie Allensbach« in einer bisher unveröffentlichten

Repräsentativumfrage herausgefunden, daß Barzel auf 55 Prozent derer, die ihn als Wahlkämpfer wahrgenommen haben, einen sehr guten Eindruck gemacht hat, Ludwig Erhard hingegen nur auf 49 Prozent. Allerdings ist Barzel überhaupt nur 45 Prozent der Bundesbürger im Wahlkampf aufgefallen, Erhard hingegen 80 Prozent.

In den Antworten auf die monatlich von Emnid im Auftrag des CDU -Vorstands dem Wählervolk gestellte Frage, wer außer Ludwig Erhard Bundeskanzler werden könne, notierte Barzel im Dezember 1965 mit zehn Prozent und im Januar 1966 mit 14 Prozent.

Aus alledem läßt sich noch kein sicherer Rückschluß auf Barzels Chancen als möglicher Kanzlerkandidat ziehen. Eher schon könnten solche demoskopischen

Erkenntnisse ihn selber zu Fehlschlüssen animieren.

Rainer Barzel, scheint mir, will Bundeskanzler werden, weil er von allen derzeit denkbaren Besetzungen dieser Rolle sich selber für die beste hält. Und zwar sieht er wohl eine Chance, es 1969 zu werden, weil er offenkundig davon überzeugt ist, daß die CDU dann die Wahlen mit Ludwig Erhard nicht mehr gewinnen kann und auch nicht mit einem kurzfristig gekürten Kanzlerkandidaten, sondern nur mit einem Mann, der Zeit gehabt hat, sich in der Partei und vor den Wählern als der einzig mögliche Nachfolger des Volkskanzlers aufzubauen.

Dieser Mann will Barzel sein. Darum auch die - halb mißlungene - Bemühung um den Parteivorsitz (siehe Seite 33).

In jedem Falle aber will - und kann

- er Kanzler nur dann werden, wenn

diese Rolle ihm zufällt, wenn sie ihm zugewiesen wird wie die anderen Rollen auch. Er kann à la baisse spekulieren (und tut es natürlich), aber eine Erhard -Krise muß er unbedingt vermeiden, weil er damit nämlich nicht fertig würde.

Doch Vatermörder ist ohnehin die letzte Rolle, die Rainer Barzel spielen würde. In seinen Säften wallet und siedet und brauset und zischt kein Aufruhr; es ist nur gebremster Schaum: Selbstüberschätzung und vor allem Ungeduld. Ein solcher Countdown kostet schließlich Nerven.

Es ist die gut getarnte Ungeduld des Cincinnatus, der - seinen Acker pflügend - auf die Botschaft vom Kapitol wartet, die ihn zu Höherem berufen soll.

Es ist aber auch die Ungeduld des gut gekleideten Herrn, der täglich sehen muß, daß es teurere Anzüge gibt, die ihn noch besser kleiden würden; oder auch die Ungeduld des schnellen Fahrers, der hundert PS unter der Motorhaube hat, aber gern zweihundert möchte, weil er überzeugt ist, auch die noch voll ausfahren zu können.

Alexander Mitscherlich hält Rainer Barzel denn auch ganz ungeniert für einen »Menschen der kommenden Angestelltenkultur«, der einfach »befördert werden« will. Und er macht ihm das noch nicht einmal zum Vorwurf. »Mir scheint, daß das ein Zeichen viel schlimmer für unser allgemeines politisches Bewußtsein ist als für Herrn Barzel. Herr Barzel ist wirklich nur der vorzügliche Exponent, der das mit sicherer Hand in den Gleisen hält, in denen es laufen will.«

Will sagen: So wie dieser sind wir im Grunde eigentlich alle. Das mag wohl sein. Aber kann einer, der auch nicht anders ist als wir, der weder den Vater symbolisiert noch die Mutter - kann so einer in Deutschland Kanzler werden?

Am Ende ist es gar nicht so fraglich, wer Rainer Barzel ist. Am Ende ist viel fraglicher, was er werden will.

Unions-Politiker Barzel: Ein Gesicht, das noch was erleben will

Barzel-Arbeitszimmer im Bundeshaus: Plüsch vom Vorgänger

Barzel-Reihenhaus in Godesberg: Wohnstil der Wiederaufbauphase

Schüler Barzel (X), 1931, Soldat Barzel, 1943*, Bergsteiger Barzel, 1955: Aus Zick und Zack ...

... eine aufsteigende Linie: Ehepaar Barzel, Tochter Claudia

Hut

Brille

Zigarre

Manschettenknöpfe

BMW 1800 TI

Barzel-Zubehör

Mann mit dem ungewissen Etwas

Barzel-Redenotizen*

»Denn wenn der kann ...

... dann kann den keiner": Fraktionschef Barzel vor der CDU/CSU-Fraktion

Wahlkampfer Barzel, Zuhörer: Wo er auftritt, ist Manege

* Mit seiner Braut und späteren Frau Kriemhild.

* Die Notizen lauten: »Und: Nur wenn Risse im Westen verschwinden: Chancen auf Freiheit für alle Dt! Also: E!« In Barzels Rede vor dem Wirtschaftsbeirat der CSU am 11. Februar 1966 in München wurde aus diesen Notizen die Passage: »Und auch in der deutschen Frage werden wir nur weiterkommen, wenn die Risse im Westen verschwinden. Ohne einen Fortschritt in der Vereinigung Europas wird die Chance auf Freiheit für alle Deutschen nicht gestärkt. Deshalb haben wir Deutschen gar nicht zu fragen, sondern wir müssen Immer, auch wegen unserer Hauptfrage, für die Vereinigung Europas sein.«

Hermann Schreiber
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