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BUNDESWEHR »Der Kampf, das ist das Äußerste«

Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg hat im vergangenen Sommer ein deutscher Soldat den Befehl gegeben, im Gefecht das Feuer auf einen Menschen zu eröffnen. Seither wird der schwäbische Leutnant von Kameraden und Vorgesetzten wie ein Held hofiert.
aus DER SPIEGEL 6/2000

An diesem 13. Juni 1999, den die Soldaten später »bloody Sunday« nennen werden, ist der deutsche Leutnant David Ferk, 24, in aufgekratzter Stimmung, wie er sie nur nach Nächten schlafloser Anspannung kennt. Zugführer Ferk soll in der Kosovo-Stadt Prizren, in die um Mitternacht wohl 1000 deutsche Nato-Soldaten eingezogen sind, für Sicherheit sorgen.

Es ist heiß, Ferks Gesicht glüht. Der Gebirgsjäger lässt sich anstecken von der Begeisterung der Kosovo-Albaner, die nach Monaten des Terrors das erste Mal ihre Häuser verlassen und in den Straßen ein Volksfest feiern. Mädchen binden ihm Blumen an den Helm, Jungen bitten den »Befreier« um ein Autogramm.

Ferk beginnt, dem Hochgefühl zu misstrauen. »Das hier ist doch zu schön, um wahr zu sein«, sagt er. Und er behält Recht.

Während am einen Ende der Stadt die Menschen tanzen und singen, sammeln sich am anderen Ende die gedemütigten Serben. Die ehemaligen Herrscher sind voller Wut auf die Nato und voller Angst, nicht mehr heil aus Prizren herauszukommen. Wo die Serben - ob normale Bürger oder Angehörige der gefürchteten Sonderpolizei MUP - abziehen, werden sie beschimpft und bespuckt.

Kurz nach sechs Uhr abends eskaliert der Konflikt zum Ernstfall: Das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg erschießen deutsche Soldaten im Gefecht einen Menschen.

»Hier Alpha zwei, Fahrzeug, gelber Lada, hat Fahrzeugsperre durchbrochen, haben erkannt: zwei Personen, bewaffnet«, meldet der Funker des »Luchs«-Panzers, der den Ortsausgang an der Straße nach Belgrad bewacht.

»Nato, stani ili pucam!« ("Nato, anhalten oder ich schieße!"), rufen Ferk und seine Kameraden den Angreifern in serbokroatisch entgegen, wie sie es in der Ausbildung gelernt haben. Unbeirrt fährt der Lada in Schlangenlinien weiter auf die Kreuzung zu.

Der Fahrer hält in der linken Hand eine Handgranate, der Beifahrer feuert mit seiner Kalaschnikow in die Luft. Kurz vor der Kreuzung, die Ferk mit seinem Panzer blockiert, stoppt der Wagen.

Die Deutschen geben einen Warnschuss ab. Doch statt die Waffen niederzulegen, lassen die Angreifer - serbische Paramilitärs, offenbar betrunken - den Motor ihres Wagens aufheulen und fahren rückwärts. Falls dies ein Versuch war, doch noch aufzugeben, kommt er zu spät: Die Deutschen sind zum Gegenangriff entschlossen.

David Ferk gibt den Feuerbefehl - und er schießt als Erster. Er handelt, wie er es sich vorher immer wieder ausgemalt hat - kalt und professionell. Der MG-Schütze dagegen zögert drei oder vier Sekunden, bis ihm Ferk einen Schlag in den Nacken versetzt. Dann schießt auch er.

»Auf erkannten Feind Feuer frei!« - diesen Befehl gibt Ferk, nachdem Oberfeldwebel Sören K., 27, von Splittern eines Querschlägers der Kalaschnikow getroffen worden ist. Blut rinnt aus drei Wunden des linken Arms. Kurz darauf wird aus sieben Rohren geschossen.

Aus ihren G-36-Gewehren feuern Ferk und seine Soldaten rund 180 Schüsse ab, außerdem 40 aus Maschinengewehren - eine Materialschlacht, die mit den Kfor-Richtlinien nur schwer zu vereinbaren ist, denn die schreiben vor, dass »nicht mehr Schüsse als notwendig abgegeben« werden sollen.

Der Lada-Fahrer ist sofort tot. Ein Schuss hat seinen Kehlkopf und die Schädeldecke durchschlagen. Blutüberströmt fleht der Beifahrer zuerst um Hilfe, dann hebt er zu einem Bekenntnis an: »Mein Name ist Zarko Andrejevic, und ich trage eine Waffe, weil mein Volk mich dazu aufgerufen hat.«

Deutsche Sanitäter bergen den Mann, der von mehr als einem Dutzend Kugeln getroffen worden ist. Wenig später stirbt er im städtischen Krankenhaus.

In Prizren dämpft der tödliche Zwischenfall die Feierlaune. Eines ist den Einheimischen - Albanern wie Serben - schnell klar geworden: Im Ernstfall fackeln die Deutschen nicht lange.

Gefasst rekapituliert Ferk den Vorfall noch am selben Abend: »Ich habe nicht getötet, weil ich es wollte, sondern weil ich es musste - und glatt getroffen. Wenn schon, denn schon.«

Nachts im Lager redet der Leutnant lange noch mit seinen Jungs. Beim Bier gehen die Soldaten Schritt für Schritt durch, wie es gelaufen ist, ob sie das nächste Mal etwas besser machen können. Gewissensbisse bekundet niemand. Töten ist für sie eher eine Frage der Rechtsgrundlage. Der zögerliche MG-Schütze fühlt sich an diesem Abend als Versager.

»Die Spitze ist der Schusswechsel, der Kampf, das ist das Äußerste, was man erleben kann«, sagt der Hauptgefreite heute. Scharfschütze Norman Müller, 21, der Ferk Feuerschutz gegeben hat, lobt: »Meine Fresse, das war gute Arbeit.«

Ab und zu scherzt Oberfeldwebel Sören K. über seine »Kriegsverletzungung«, immerhin die erste seit 1945. Dabei präsentiert er seine Narben am Arm, alle lachen.

Die Staatsanwaltschaft in Koblenz, die später den Fall bearbeitet, kann kein Fehlverhalten entdecken. Für den Leitenden Oberstaatsanwalt Erich Jung »steht fest, dass die beiden Serben, wahrscheinlich Angehörige von Arkans so genannten Tigern, das Feuer eröffnet haben, bevor irgendjemand auf deutscher Seite irgendetwas unternommen hat«. Danach war es Notwehr.

Ferk empfindet die Aktion in Prizren im Nachhinein als »Bestätigung« seiner Arbeit. Der junge Offizier stammt aus dem schwäbischen Sigmaringendorf, einem 3700-Einwohner-Flecken, wo die Menschen von Metallverarbeitung und von der Bundeswehrgarnison leben. In seiner Heimat scheint die Welt noch in Ordnung - Scheidungen sind verpönt, und der Pfarrer hat mehr zu melden als der Bürgermeister.

Über der Eckbank der Familie Ferk hängt neben Zinnbildern mit fliegenden Schwänen das Kruzifix. Seine Jugend hat David Ferk nicht in Discotheken zugebracht, sondern beim Sport; sein Triathlonteam brachte es bis zum Deutschen Meister. Bis heute pendelt er fast jede Woche zwischen der Kaserne im sächsischen Schneeberg und dem fast 500 Kilometer entfernten Heimatdorf.

Das stolzeste Bauwerk der Gegend ist das nahe gelegene Schloss Stauffenberg, das bis 1970 den Nachfahren des bekannten Hitler-Attentäters gehörte. Zu den Freunden der Familie Ferk zählen auch Offiziere, deren »Charakter« und »Geradheit« David schon als Kind tief beeindruckt haben.

Nach dem Abitur verpflichtete sich der junge Mann gleich für zwölf Jahre beim Bund. In Frage kamen für den Sportler nur körperlich besonders anspruchsvolle Truppengattungen, die Fallschirm- oder die Gebirgsjäger. Heute begreift sich der Offizier, der gut englisch und französisch spricht, als Teil einer »neuen Generation« in einem »neuen Deutschland«, das sich politisch und militärisch auf derselben Ebene sieht wie die anderen Staaten Europas.

Gern würde Ferk, der sich als moderner Konservativer versteht, »ein Leben als Offizier entwickeln, mit Etikette und Casino und was halt so dazugehört«. Scharf distanziert er sich von jenen »Idioten« des Schneeberger Gebirgsjägerbataillons 571, die vor wenigen Jahren rechtsextreme und gewaltverherrlichende Videos gedreht und mit diesem Skandal die gesamte Bundeswehr erschütterten. Nach dem Fund der Filme wurde dort vor rund zwei Jahren fast die gesamte Führungsriege ausgewechselt.

Seine Profession, sagt Ferk, sei ein Handwerk, moralischer Auftrag und Abenteuer inklusive. Dass dabei Menschen zu Tode kommen können, ist für ihn selbstverständlich. Das Risiko, selbst zum Opfer zu werden, hält er offenbar für eine kalkulierbare Größe.

Seit den Ereignissen von Prizren wird Ferk in der Armee wie ein Held hofiert. »Für beispielhafte Erfüllung der Soldatenpflicht« verlieh ihm Heeresinspekteur Helmut Willmann im Auftrag von Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) das Ehrenkreuz in Gold, die höchste Auszeichnung der Bundeswehr.

Mittlerweile erreichen Ferk Abwerbungsangebote von Dienststellen überall in der Republik. Jüngst hat ihn sein Bataillonskommandeur sogar im Heidelberger Schloss beim Galaball der Kommandeure der so genannten Nato-Feuerwehr Allied Mobile Force herumgezeigt.

Viele von Ferks Männern vom I. Zug der 2. Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 571 empfinden den militärischen Alltag in Schneeberg nach all der Aufregung der letzten Monate als »Rückschritt«. Ganz unverhüllt hoffen sie auf einen neuen, mindestens ebenso spannenden Einsatz - wenn auch nicht in Bosnien ("Reservisten-Kurpark") und auch nicht im Kosovo ("Kennen wir schon").

Ferk, wieder mitten in der Ausbildung seiner Soldaten, fühlt sich fit für die nächste Mission: »Man weiß nicht, was kommt, aber es kommt.« SUSANNE KOELBL

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