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»Der Kampf ist verloren«

Drogenfreie Gefängnisse sind nur noch eine sozialromantische Vision.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Der Strafvollzugschef im schleswig-holsteinischen Justizministerium, Bernd Maelicke, ist Realist: »Drogenfreie Haftanstalten wird es nie geben.« Daher müssten Junkies dort »genauso vor Infektionen mit Hepatitis und HIV geschützt werden wie draußen«.

Der Einsicht ist außer einer sozialromantischen Vision vom drogenfreien Gefängnis wenig entgegenzusetzen. »Der Kampf des Staates gegen die Drogen ist längst verloren«, sagt Herbert Kortländer von der Dortmunder Gefangenen-Organisation »Initiative 90«. Selbst in Anstalten mit hohem Sicherheitsstandard wie im westfälischen Werl werde »alles gehandelt und alles genommen«. Zudem ist die Zahl der wegen Drogendelikten Einsitzenden seit 1970 auf etwa das 70fache gestiegen (siehe Grafik).

In der Berliner JVA Tegel etwa kostet ein Gramm Haschisch 30 bis 50 Mark, ein Heroinpäckchen ist für 30, eine Portion Kokain für 200 Mark zu haben. Die Anstaltsleiter kennen die Nachschubwege, ausrichten können sie gegen die ausgefeilte Logistik wenig - erst recht, weil immer wieder auch Bedienstete Häftlinge mit Stoff versorgen. Oft stecken zudem Verwandte Einsitzenden beim Besuch Drogen zu.

In der JVA Tegel klebten 60 Gramm Heroin unter einem Lieferwagen - nicht alle 50 Transporter, die täglich das Gefängnistor passieren, können penibel durchsucht werden. In Hamburg fliegen mit Heroin gefüllte Tennisbälle über Gefängnismauern - nicht jeder landet beim Wachpersonal.

Hafturlauber werden nach ihrer Rückkehr zwar stichprobenweise kontrolliert, aber nur bei konkretem Verdacht wird auch der Darm untersucht. Der Rekord in Berlin-Tegel liegt bei fünf Überraschungseiern mit Heroinfüllung, von denen ein Drogenschmuggler im Krankenhaus rektal befreit wurde.

Das Drogen-Catering bedient sich immer wieder neuer Wege. In der JVA Kaiserslautern entdeckten Schließer in einem Geburtstagspaket zwei Mars-Riegel mit 4,5 Gramm Haschisch und fünf Ferrero-Küsschen mit 4,9 Gramm Heroin, fachgerecht verschweißt.

Brutal zwingen die Knast-Könige Hafturlauber zum Drogenschmuggel - mal mit Schlägen, mal mit dem drohenden Hinweis auf »deine hübsche Tochter«, sagt ein Berliner Häftling.

Die scheidende Hamburger Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit (SPD) kennt ein Rezept gegen den Schmuggel: nur eine Stunde Freigang, »23 Stunden im Haftraum einsperren, jeden Besucher einschließlich der Körperöffnungen untersuchen und Besuch nur hinter Trennscheiben zulassen«.

Das aber, weiß die Justizpolitikerin, sei mit dem Strafvollzugsgesetz nicht zu vereinbaren - und verhindere immer noch nicht den Drogenschmuggel in Versorgungsfahrzeugen.

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