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BUNDESTAG Der Kanzler dankt

aus DER SPIEGEL 13/1956

Sieben Jahre auf der ersten Oppositionsbank im Deutschen Bundestag haben noch immer nicht ausgereicht, den Sozialistenführer Erich Ollenhauer, 55, in allen Lebenslagen gegen die parlamentarischen Kunststücke des Bundeskanzlers zu wappnen. Daß Konrad Adenauer, 80, es immer noch versteht, die jüngere Generation zu überlisten, wann er will, hat eine Episode im Bonner Parlament deutlich gemacht, deren Effekt sich für die Sozialdemokratie höchst peinlich, für Konrad Adenauer höchst gewinnbringend auswirkte.

Es war in der 132. Sitzung des Deutschen Bundestages, die verfassungsändernden Wehrgesetze waren in zweiter und dritter Lesung durchberaten, da sprach Präsident Eugen Gerstenmaier: »Meine Damen und Herren, da es sich um eine Grundgesetzänderung handelt, haben wir nach Paragraph 49 Absatz 2 der Geschäftsordnung zu verfahren, das heißt, die Abstimmung muß durch Auszählung durchgeführt werden. Ich darf deshalb bitten, den Saal zu räumen und zur Auszählung zu kommen.«

Nachdem die Abgeordneten das Plenum verlassen, sich in der Wandelhalle zur Auszählung formiert und jeweils durch die Ja- oder Nein-Tür den Sitzungssaal wieder betreten hatten, gab Eugen Gerstenmaler das Abstimmungsergebnis bekannt: 390 Abgeordnete hatten für, 20 gegen die Verfassungsänderungen gestimmt.

Kurz darauf wurden Hunderte von Journalisten und Beobachtern auf der Zuschauer- und Diplomatentribüne Zeuge, wie der Bundeskanzler sich von seinem

Platz erhob, hochaufgerichtet zur Opposition hinüberschritt und dem Sozialistenführer Erich Ollenhauer die Hand schüttelte, während er ein paar gemessene Worte sprach. Der Photograph von Associated Press hielt die Szene im Bild fest.

Über 50 deutsche Zeitungen mit weit über einer Million Lesern druckten das Bild am nächsten Tag. Die Unterschrift besagte, was jeder der Anwesenden im Deutschen Bundestag bei dieser Szene empfinden, mußte: Bundeskanzler Konrad Adenauer habe sich bei seinem Gegner mit einer großzügigen Geste für den Entschluß der SPD bedankt, als Opposition gemeinsam mit der Koalition die Militärparagraphen ins Bonner Grundgesetz einzubauen.

Die sozialistischen Zeitungsleser waren durch dieses Photo einigermaßen verstört. Sie wußten nicht recht, was sie nach all den Jahren des harten Kampfes ihrer Partei gegen die Remilitarisierung der Bundesregierung von diesem Dokument ebenso herzlicher wie vertraulicher Dankbarkeit halten sollten, das geeignet war, die Aufrichtigkeit der ganzen SPD-Politik in der Vergangenheit etwas suspekt erscheinen zu lassen.

Das war genau das, was Konrad Adenauer gewollt haben muß. Es war aber keineswegs das, was sich wirklich ereignet hatte. Als der Bundeskanzler seinem Rivalen Erich Ollenhauer die Hand schüttelte, sprach er keinen Dank aus, fand er keine staatsmännischen bewegenden Worte, sondern murmelte in Wirklichkeit nur: »Herr Ollenhauer, der Herr Kiesinger hat mir eben gesagt, er ist mit Ihnen durch die Ja-Tür gegangen. Da habe ich dem Herrn Kiesinger gesagt, das solle er nicht öfter mit Ihnen tun, das wäre gefährlich.«

So lautete der belanglose Satz, mit dem sich Konrad Adenauer zu einem billigen Preis große Wirkung auf Kosten der Opposition verschaffte.

Erich Ollenhauer resignierte: »Was soll ich denn tun, wenn er mit ausgestreckter Hand auf mich zukommt; ich kann ihn doch nicht wegschubsen.«

Händedruck zwischen Adenauer und Ollenhauer: Nichts als ein belangloser Satz

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