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FALSCHMELDUNGEN Der Kanzler ist gegangen

aus DER SPIEGEL 13/1956

Welche Verwirrung das biblische Alter des Bundeskanzlers Konrad Adenauer in der Bonner Politik anrichten kann, wurde am vorletzten Wochenende wieder einmal augenscheinlich.

Der Korrespondent der schwedischen konservativen Zeitung »Dagens Nyheter«, Bo Järborg, saß mit ein paar Kollegen in seinem Büro gegenüber dem Bundeshaus. In ein Gespräch über technische Nachrichtenübermittlung verwickelt, wollte er ihnen demonstrieren, wie schnell er mit seinem Fernschreiber das heimatliche Stockholm erreiche.

Da zum Wochenende die Stockholmer Redaktion nicht gerade auf Sensationen wartete, dachte er sich eine Scherzmeldung aus: »Der Kanzler ist gegangen - zu einer Teeparty.« So harmlos sich dieser Witz im Deutschen ausnimmt, so gewichtig sollte er durch die doppelte Bedeutung des Wortes »gegangen« im Schwedischen werden. Es kann nämlich auch »dahingegangen« heißen.

Bo Järborg schrieb zunächst nur die erste Hälfte seiner Ulknachricht: »Kanzler har gatt bort« - »Der Kanzler ist gegangen«. Dann machte er eine Pause und unterbrach die Übermittlung.

Als er kurz darauf Stockholm wieder anschreiben wollte, um den zweiten Teil der Nachricht («... zu einer Teeparty") durchzugeben, durch den auch der Sinn des Verbums ganz klar als »weggegangen« definiert worden wäre, bekam er keinen Anschluß. So mußten die Redakteure in Stockholm kurze Zeit glauben, die Nachricht des Tages von ihrem Korrespondenten erhalten zu haben.

Ehe Bo Järborg mit seinem Fernschreiber schließlich wieder die heimatliche Redaktion erreichte, hatten sich von »Dagens Nyheter« aus die internationalen Nachrichtenagenturen der Sache bemächtigt. Das Bonner Büro von »United Press« war wie stets das erste Opfer: Aufgeregte Telephonate scheuchten die UP-Reporter aus ihrer Wochenendruhe. Kurz darauf liefen die ersten Rückfragen im Bundespresseamt ein. Die kleine Residenz war aus dem Schlaf geschreckt.

Im Bundespresseamt nun erst zeigte sich das Dilemma in seiner ganzen Größe: Wenn die Meldung stimmte, mußte sofort etwas unternommen werden; wenn die Meldung aber nicht stimmte, lief derjenige, der den Bundeskanzler fragen würde, Gefahr, angesichts der Empfindlichkeit Konrad Adenauers in diesem Punkt für immer in Ungnade zu fallen.

Schließlich faßte sich der amtierende Chef vom Dienst des Bundespresseamtes, Karl Wand, ein Herz und läutete in Rhöndorf an. Von dort kam dann der beruhigende Bescheid, der die Wogen im Bonner Wasserglas jäh wieder glättete: Der Dahingegangene gehe gerade im Garten spazieren.

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