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SPD/GRÜNE Der Kater kommt

Die SPD hofft darauf, ohne Hilfe der Grünen wieder an die Macht zu kommen - auch in Niedersachsen. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Schon vor Wochen in einer Bonner Kneipe verkündete Gerhard Schröder, der SPD-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Niedersachsen, er werde demnächst dem Renommier-Grünen Otto Schily öffentlich einen Ministerposten in seinem Schattenkabinett anbieten. Als Radio Luxemburg vorletzten Sonntag um ein Interview bat, machte Schröder seine Ankündigung wahr.

»Bedingung« sei für ihn »nicht einmal der Eintritt in die SPD«. Vielmehr: Schilys »Bruch« mit den Grünen »alleine würde reichen«. Doch er räumte immerhin ein, daß er den »nicht erwarte«.

Der Herausforderer des CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht bescheinigte zugleich den Grünen in Niedersachsen, sie seien nicht »bündnisfähig«. Deshalb werde er »auf die Entwicklung eigener Kraft setzen«. Die erstaunte Frage des Interviewers, ob er damit der »bisher ja noch angepeilten Koalition eine Absage erteilt« habe, beantwortete er bündig: »Sie haben mich richtig verstanden.«

Als aber am Sonntagabend die Fernseh-Nachrichten Schröders »Kurswechsel« vermeldeten, war der plötzlich »richtig erschrocken«. Sogleich schickte er eine Berichtigung hinterher, die er bald schon wieder bereute - die Verwirrung bei Sozialdemokraten und, vor allem, den Grünen war komplett.

Bislang hatte sich der einstige Juso-Vorsitzende - in der Erkenntnis, daß er mit seiner SPD allein Albrecht schwerlich stürzen könne - auf eine Koalition eingerichtet. Partner sollen, nach bisheriger Lesart, »nur« die Grünen sein.

Mit solchen Plänen lag Schröder im SPD-Trend, den Partei-Patriarch Willy Brandt nach den letzten Bundestagswahlen 1983 vorgegeben hatte, als er eine linke »Mehrheit diesseits der Union« anpeilte. Seitdem müht sich in entsagungsvoller Kleinarbeit der hessische Ministerpräsident Holger Börner ganz in diesem Sinne um eine »Architektur neuer Politik«. Ein rot-grünes Bündnis in Hessen sollte auch Modell für ein von Schröder regiertes Niedersachsen sein.

Zwei ansehnliche SPD-Wahlsiege aber brachten das Konzept durcheinander.

Seit Oskar Lafontaine im Saarland und Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen die absolute Mehrheit erreichten und die Grünen unter fünf Prozent blieben, werden die Sozialdemokraten in Bonn und in der Provinz immer selbstbewußter.

Auf einen Koalitionspartner, glauben sie nun, seien sie gar nicht mehr angewiesen. Rau, designierter Kanzlerkandidat, will »um die absolute Mehrheit« ringen und »Kanzler aller Bürger« werden. Er glaubt, die SPD habe die Pflicht »zur Kurskorrektur für die ganze Republik«.

Zwar sind die Grünen nach ihren Niederlagen kleinlaut geworden, doch derart großspurige Erwartungen erscheinen ihnen trotz allem jenseits der Realität. »Da rührt der Johannes Theophrastus Bombastus das große Mus an«, spottet Joschka Fischer, Anwärter auf einen Ministerjob im Börner-Kabinett. Für »ein Traumgebilde« hält Schily eine absolute SPD-Mehrheit in Bonn: »Die SPD ist im Moment besoffen von Umfragen, aber der Kater wird kommen.«

Tatsächlich berufen sich die Sozialdemokraten in ihrer Hochstimmung auf Umfrageergebnisse, wonach sie die Union in der Publikumsgunst abgehängt haben. Schröder wartet mit imponierenden Umfrage-Ergebnissen für Niedersachsen auf: 49 Prozent für die SPD, 38 Prozent für die CDU. Albrecht sieht SPD und CDU gleichauf bei 45 Prozent. Schröders Fazit: »Wir können allein.«

Trotz aller Zahlenspiele: Nur ein Erdrutsch könnte Rau und Schröder, lediglich gestützt auf ihre Partei, an die Macht bringen. Die Grünen erinnern daran, wie gewaltig die SPD zulegen müßte. Gerade 38,2 Prozent der Stimmen brachten die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl 1983 zusammen (Union: 48,8), nur 36,5 Prozent 1982 bei der niedersächsischen Landtagswahl (CDU: 50,7). Schröder hält diesen Vergleich für falsch: Die SPD sei damals, am Ende der sozialliberalen Koalition, bundesweit auf einen Tiefstand gesunken.

Doch in Wahrheit ist der Herausforderer nicht so zuversichtlich, wie er vorgibt: »Ich gehe ein Risiko ein.« Ihn plagen Zweifel, ob er sich nicht übernimmt.

Der Niedersachsen-Kandidat hat sich denn auch keineswegs durch die Hoffnung auf Alleinherrschaft zu seiner überraschenden Kurskorrektur bewegen lassen. Tatsächlich sieht er sich zur Absage an die Grünen genötigt, weil, seit Johannes Rau zum Kanzlerkandidaten kandidiert, rot-grün in der SPD nicht sonderlich gefragt ist.

In Bonn hielten die meisten Sozialdemokraten ein Bündnis mit den Buntgescheckten immer schon für problematisch. Brandt hatte allerdings vor einiger Zeit großmütig erklärt, was im Bund nicht angehe, könne in den Ländern durchaus sinnvoll sein. Doch seit die SPD sich unter Rau auf die Abwerbung des Unionspublikums spezialisiert, hat Schröder die Angst, rot-grüne Extratouren könne er sich nicht mehr leisten, er verderbe Rau womöglich die Chancen.

»Es hat keinen Druck, wohl aber einen Entwicklungsprozeß bei mir gegeben«, beteuert Schröder und fügt hinzu: »Wenn einer das Opportunismus nennt, kann ich dagegen nichts machen.«

Die Grünen glauben, die letzte Wendung sei das immer noch nicht. Antje Vollmer, frühere Fraktionssprecherin, ist sicher, »daß auch Schröder sich nach dem Wahlkampf nicht mehr an das Geschwätz von heute erinnert«.

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