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Nordrhein-Westfalen »Der Kerl muß weg«

Der dienstälteste Ministerpräsident ist auch der einsamste Regierungschef: Basis wie Kabinettsmitglieder fordern, daß sich Johannes Rau zurückzieht. SPD-Fraktionschef Klaus Matthiesen ist sogar bereit, einen Bruch der rot-grünen Koalition zu riskieren und mit einer Minderheitsregierung bis zu den nächsten Wahlen weiterzumachen.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Spätabends, ein halbes Dutzend seiner engsten Berater hatte sich rund um den weißen Marmortisch in seinem Arbeitszimmer eingefunden, wählte der Altmeister ziselierter Andeutungen eine klare Sprache: »Ich kann nicht mehr. Das lasse ich mir nicht bieten. Ich hau' in den Sack.«

Johannes Rau, seit 18 Jahren Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, hatte ein Leitartikel der Neuen Rhein/ Neuen Ruhr Zeitung (NRZ) die Lust genommen. Darin war die »soziale Krise in NRW« beschrieben und die Frage gestellt worden: »Wo ist eigentlich Johannes Rau?«

Gleich nach seinen markigen Worten war der Chef in sich zusammengesunken, verfolgte entrückt, wie sich die Genossen ("Mensch, Johannes") wanden und noch ein bißchen tiefer in die weichen Polster rutschten. Das Spielchen, vom Ministerpräsidenten nicht zum erstenmal inszeniert, klappte auch diesmal. Keiner in der Runde mochte Johannes Rau, 65, offen zum Rückzug aufs Altenteil raten.

Wo sollten auch solche revolutionären Anwandlungen herkommen? Im System von »Bruder Johannes« war in den Erfolgsjahren - immerhin schaffte Rau dreimal die absolute Mehrheit - ein offener Meinungsaustausch nicht vorgesehen. Schöne Worte des bibelfesten Landesvaters hatten Probleme übertüncht, die Konfliktbereitschaft gegen Null gebracht.

Die Runde fand nicht einmal einen Ausweg, als der dienstälteste Ministerpräsident der Republik ("Ich bin nur vor dem Einschlafen müde") längst zu Hause war. Erst später formulierte einer, was die meisten empfunden hatten: »Der Kerl muß weg.«

Doch keiner will der Königsmörder sein, jedenfalls nicht auf offener Bühne. So entwickelt sich die Ablösung des immer noch beliebtesten deutschen Sozialdemokraten zur Klamottenversion Shakespearescher Dramen. Rau griff am nächsten Tag zum Telefon und beschied, beleidigt zwar, aber munter den NRZ-Leitartikler: »Ich bin hier.«

Doch die Genossen weigern sich, das als politische Präsenz anzuerkennen. An einem Tag, als in NRW für die Zukunft der Steinkohle demonstriert wurde und die SPD schwer unter Rechtfertigungsdruck geriet, bat die Fraktion ihren Ministerpräsidenten, wenige Minuten auf einer Kundgebung zu sprechen.

Rau mochte nicht. Statt dessen fuhr er zur Verleihung von 31 NRW-Verdienstorden und vergnügte sich beim Small talk mit dem dekorierten »Tatort«-Kommissar Götz George ("Schimanski"). Zu den Steinkohlesubventionen äußerte er sich Tage später mit einer emotionslos abgelesenen Erklärung vor der Fraktion.

Rau im Zirkus, Rau auf der Kanzel, Rau bei der Eröffnung eines Konsumtempels, Rau als neuer »Bruder Eulenspiegel«, nachdem der Freundeskreis des mittelalterlichen Narren seit 1987 keinen passenden Kandidaten gefunden hatte - das ist der politische Alltag des Mannes, dem es immer noch wichtig ist, »das Steuerruder zu halten«. So war es immer, nur hat es keinen gestört.

Jetzt aber möchte die Mannschaft nach ihren Vorstellungen Politik machen und stellt irritiert fest, daß der Chef statt vom »Standort« NRW künftig lieber von NRW als »Raum des Wandels« sprechen will. Die Frankfurter Allgemeine verspottet ihn als »Sprach- und Raumwandler«, der sich offensichtlich, wie es sich für einen älteren Staatsmann gehöre, über die Tagespolitik hinaus Gedanken macht, »in dynamischer Stille«.

Der Mann, der schon lange keine Antworten auf die existentiellen Fragen des Industrielandes NRW mehr gibt, sollte eigentlich einen Abschied in Ehren haben. Nichts, da waren sich die Genossen einig, sei schädlicher für die Partei, als den Landesvater schnöde zu stürzen. »Ein Rückzug in Unfrieden«, glauben die meisten Spitzensozis, »macht uns zur 30-Prozent-Partei.«

Doch Raus verklausulierte Hinweise auf Rücktrittstermine vom Frühjahr nächsten Jahres bis Anfang des nächsten Jahrtausends haben für Ärger gesorgt. In den Ortsvereinen, berichten viele Vorsitzende der Zentrale, werde offen die Frage diskutiert: »Wie lange noch?«

Auch die Anspielungen, die aus der Umgebung Raus lanciert werden, nehmen an Deutlichkeit zu. »Wenn Elefanten sterben«, sagt ein Rau-Freund, »drehen sie sich und zertrampeln die Landschaft.«

Um den Flurschaden zu begrenzen, wurden viele Pläne ausgearbeitet. Ein Minister hat ein exaktes Drehbuch für einen sanften Abgang im Frühsommer nächsten Jahres geschrieben, es Rau aber nicht zu lesen gegeben. Andere verbreiten als »gesicherte Erkenntnis«, daß Fraktionschef Klaus Matthiesen und Kronprinz Wolfgang Clement ihrem Ziehvater nicht unbefristet Zeit lassen werden, für Klarheit im verwickelten Vater-Söhne-Verhältnis zu sorgen.

Selbst Raus Lebenstraum, 1999 noch einmal nach dem Bundespräsidentenamt zu greifen, respektieren nur noch wenige. Ein Kabinettsmitglied spottet, als handle es sich um einen simplen Versorgungsfall: »Wenn es um einen repräsentativen Job mit Sekretärin und Fahrer geht, haben wir heute abend was Passendes.«

Seit Fraktionsführer Matthiesen vor zwei Wochen gegen den verdeckten, aber heftigen Widerstand aus der Staatskanzlei mit eindeutiger Mehrheit im Amt bestätigt wurde, heißt es bei den Umstürzlern immer häufiger: »Jetzt muß es der Klaus machen.« Das Durcheinander, wird geklagt, provoziere »tiefes Mißtrauen, jeder belauert jeden«. Inzwischen habe die NRW-SPD den andernorts üblichen »Zustand der normalen Erbärmlichkeit« erreicht.

Der polternde Schleswig-Holsteiner Matthiesen hat auch schon eine Lösung parat, wenn ein Abgang Raus, der in beiden Lagern als Garant des rot-grünen Regierungsbündnisses gilt, eine Koalitionskrise auslösen sollte. Matthiesen, der von seiner irrationalen Abneigung gegen die Grünen nicht lassen mag, sieht die SPD als einzige Partei, die wirklich Optionen habe: »Wir können sogar hervorragend auch mal als Minderheit regieren.«

Auch sinkt die Zahl derer, die im NRW-Rot-Grün noch ein Modell für Bonn sehen. Parteichef Oskar Lafontaine drängt die Düsseldorfer zu einer schnellen Lösung. Clements Amtsübernahme könne, so spekulieren Strategen der Bonner Baracke, für die ganze SPD ein Aufbruchsignal sein. Da der neue Mann vor allem bei den Wirtschaftsführern gut ankomme, sei das »ein deutlicher Beweis für die Kraft zur Erneuerung«.

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