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China Der Kinder-Gulag von Harbin

Von Jürgen Kremb
aus DER SPIEGEL 37/1995

Es existieren keine sogenannten Sterbezimmer in chinesischen Waisenhäusern. Berichte darüber sind nichts als bösartige Erfindungen. Die niederträchtigen Lügen über Chinas Waisenhäuser können nichts anderes erreichen, als die Entrüstung all der Sozialarbeiter zu erwecken, die hart für das Wohlergehen der Kinder arbeiten.

Ein zweites Klopfen ist nicht nötig. Das Schreien setzt unvermittelt ein. »Shushu, Shushu« (Onkel, Onkel), rufen schrille Stimmchen wild durcheinander. Hinter der mit dickem Zinkblech vernieteten Tür wird ein schwerer Eisenriegel zur Seite geschoben, mit lautem Schnarren schwingt die speckige Pforte auf.

Das lärmende Durcheinander könnte auf ausgelassene Heiterkeit hindeuten; doch ein Blick zeigt, daß es schrecklich anders ist. Kinder wie weggeworfen, wie aufgegeben, menschlicher Abfall: die Hände rabenschwarz von Schmutz, die Gesichtchen verschmiert von Essensresten, Rotz und Kot, die kleinen Körper seltsam gekrümmt.

Ein aufgedunsener Junge mit Haarausfall, der so aussieht wie ein geschrumpfter alter Mann, stiert mit dumpfem Blick auf die Fremden. Er dreht sich um, schlurft in seinen von Urin getränkten Stoffschuhen zur gekalkten Wand und schwingt seinen Oberkörper hin und her. Immer wieder schlägt die Stirn an die Wand.

»Shazi« (Depp), sagt die Aufseherin abschätzig. Mit den Händen durch die Luft fuchtelnd, treibt sie die Kinder in das Innere der Baracke und zeigt auf den Zögling. »Ach der, dem ist nicht zu helfen, immer macht er den gleichen Schwachsinn.«

Dumm ist nur diese voreilige Diagnose: Jeder geschulte Pfleger würde das Verhalten als Hospitalismus erkennen. Kinder zeigen solches Benehmen, wenn sie über Monate und Jahre eingesperrt werden. Der kleine Junjun, der langsam und mit einem Lächeln antwortet, wenn man ihn etwas fragt, versucht Aufmerksamkeit zu erzwingen, sehnt sich erkennbar nach ein wenig Zärtlichkeit und Nähe.

Doch danach steht der Aufseherin nicht der Sinn. Sie trippelt auf schwarzen Stöckelschuhen entnervt zwischen ihren Zöglingen umher und mahnt herrisch zu Stille. Sie ist allein in der Abteilung, kein anderes Pflegepersonal. Es ist Kindertag in China, an dem kommunistische Spitzenkader im staatlichen Fernsehen glückliche Kinder küssen und junge Pioniere auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens mit roten Halstüchern und weißen gestärkten Hemden paradieren. Und die meisten Angestellten des staatlichen Waisenhauses im nordostchinesischen Harbin haben über das Wochenende frei bekommen.

Doch auch an normalen Arbeitstagen fehlt es dramatisch an Hilfskräften. Geistig behinderte Frauen, die hier selbst auf Lebzeiten interniert sind, müssen sich um dreijährige Findelkinder wie um Babys mit Hasenscharte kümmern. In China werden Kinder, zumal Mädchen, schon wegen geringerer Defekte ausgesetzt - zum Beispiel wegen eines Muttermals.

Die Aufseherin verrammelt rasch die Eingangstür hinter den Fremden, ihr spitzes Kinn schnippt nach vorn: »Da drüben, da sind sie alle.« Schnell stöckelt sie in das Pflegezimmer. Ihr Freund ist heute zu Besuch. Wer will da nicht seine Ruhe haben? In ihrer Abwesenheit soll Guo Ying nach dem Rechten sehen.

Guo Ying ist 14 Jahre alt. So steht es jedenfalls mit schwarzer Tinte auf dem vergilbten Zettel, der an ihr Bett geheftet ist. Gerade 1,30 Meter ist sie groß und spindeldürr. Ihr Vater ist ein Säufer, die Mutter landete im Irrenhaus. Das trug ihr das Stigma der Geisteskrankheit ein. Eine Schule hat sie nie besucht, das Waisenhaus wird sie nur mit Zustimmung der Eltern verlassen können. Doch wo sind die? Guo Ying zuckt mit den Schultern. Sie hat lebenslänglich.

Dennoch ist ausgerechnet diese Halbwüchsige die »Mutter der Station«. Im Vorbeilaufen nimmt sie dem autistischen Jungen das pappige Maisbrot ab, das er gerade im Abwasser der Toilette aufgeweicht hat. Einem achtjährigen Jungen windet sie den Blechnapf aus den Händen, mit dem er einem behinderten Mädchen auf den Schädel hämmert.

Da, wo die Pflegerin mit ihrer arroganten Bewegung hingedeutet hat, geht Guo Ying jetzt über einen langen Flur. Von den Wänden bröckelt der Putz. In einem düsteren Zimmer, groß wie ein Tanzsaal, liegen Babys und Kleinkinder - nein, sie liegen nicht, sie sind in Gitterbetten aufgebahrt: behinderte kleine Körper, einige zum Skelett abgemagert.

Bloßgestrampelt dämmern sie vor sich hin in ihrem eigenen Urin, manche nackt, manche mit einem schmutzigen Jäckchen bekleidet. An die 30 Säuglinge und Kleinkinder sind hier, gemeinsam mit 20 meist mongoloiden Frauen, von der Außenwelt weggesperrt. Ohne jede Pflege, mit spärlichen sanitären Einrichtungen, ohne jedes Spielzeug. Ohne einen Hauch von Zuneigung. Der auch im Sommer grabeskühle Raum ist Irrenhaus und Sterbetrakt zugleich. Kinder-Gulag Harbin.

Mit verzerrtem Gesicht wankt eine alte, geistig behinderte Frau durch den Block, von Heulkrämpfen geschüttelt. Im dreckverschmierten Speiseraum sitzen zwei Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, seit Stunden auf dem Topf - mit dicken eitrigen Wunden an Armen und Beinen. Ab und zu stoßen sie einen gutturalen Heulton aus. Doch meistens starren sie mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Manchmal, wenn eines der älteren Kinder den undefinierbaren Fraß aus einem Blecheimer in eine Emailleschüssel klatscht, stopfen sie wieder etwas mit den von Exkrementen verschmierten Fingern in den Mund.

Die Fenster wurden schon lange nicht mehr gereinigt. Dreck klebt auf Glas und Rahmen, draußen sind dicke Eisengitter. Es stinkt nach Kot und Moder.

Unter einem Bett, im nächsten Raum: ein kleines Lumpenbündel. »Gestorben«, sagt die zierliche Guo Ying regungslos. Gestern nacht sei der Säugling, dessen Name niemand kenne, tot gewesen. »Er bekam beim Essen keine Luft mehr.« Wahrscheinlich erstickt, vermutet sie achselzuckend.

Die älteren Kinder haben den Leichnam in ein paar verschmierte Stoffetzen eingepackt, die als Windeln dienen. Dann haben sie das tote Baby unters Bett geschoben, wo es liegenbleibt, bis das Personal irgendwann die Leiche wegräumt. An Wochenenden kann das schon mal zwei, drei Tage dauern. Das ist normal hier: Am Feiertag, am »Fest des Kindes«, haben die Kinder Leichenbestatter gespielt.

Der Stadtteil Taiping, wo »das Haus der Wohlfahrt« (Fuliyuan) in einer Platanenallee liegt, ist keine der besseren Adressen von Harbin. Eine von Frostaufbrüchen ramponierte Asphaltpiste führt aus den Vororten der Hauptstadt der Provinz Heilongjiang durch eine häßliche Industrielandschaft herüber.

Hier oben in der früheren Mandschurei ist Chinas Sibirien. Seit Generationen haben Regierungen die Menschen in die unbarmherzige Grenzprovinz verbannt. In den sechziger Jahren versahen die Kommunisten die Landschaft entlang des Amurs und Ussuris mit Wehrdörfern, besiedelt mit jungen Rotgardisten aus den Großstädten oder Strafgefangenen. Sie sollten Sümpfe trockenlegen, Boden urbar machen.

Revolutionäre Träume enden hier in Trostlosigkeit. Wie marode Monster verschandeln die Industriekolosse der sozialistischen Tonnenwirtschaft die weite, menschenfeindliche Landschaft.

Die Straße zum Waisenhaus führt vorbei an Garküchen und Autoreparaturwerkstätten. Zwei Gefängnisse mit großen Wachtürmen, vor denen nachts Uniformierte mit großen Suchscheinwerfern die Landschaft abfahren, säumen den Horizont.

Die Außenfront des Heims sieht noch nicht einmal abstoßend aus. Hinter einem Gitter, das die Kinder von der Straße fernhält, residiert die Heimleitung. Ding Changkui, der Leiter der Anstalt, ist ein ehemaliger Soldat. In dem Hauptgebäude sind jene Insassen untergebracht, die nach einem unergründlichen Selektionsprozeß für lebenswert befunden wurden.

Diesen Teil der Anstalt besuchte 1987 Deng Pufang, der Sohn des KP-Patriarchen Deng Xiaoping. Vergilbte Farbbilder in einem Schaukasten künden davon. Deng Pufang, der seit einer Foltersitzung in der Kulturrevolution querschnittgelähmt ist, leitet den Chinesischen Behindertenverband. »Seit er hier war, haben sich die Verhältnisse verbessert«, sagt eine Pflegerin. Die Kinder müßten die Nacht nicht mehr auf einem langen gemeinschaftlichen Holzbett verbringen.

Unter den Kindern sind auch hier Mädchen in der Überzahl, doch die wenigsten sind echte Waisen: Sie wurden meist von ihren Eltern ausgesetzt, weil diese männlichen Nachwuchs bevorzugen und wegen der staatlich verordneten Ein-Kind-Politik ihre Töchter gern loswerden. Außerdem könnten die meisten die Behandlung von langwierigen Krankheiten gar nicht bezahlen.

Doch die Vorzeigestation ist nur ein Teil des Waisenhauses. Der Block drei, das furchtbare Sterbehaus für die behinderten Säuglinge und Kleinkinder, bleibt Besuchern normalerweise verborgen. Er liegt versteckt hinter Sträuchern. »Als ich hier das erstemal meinen Fuß reinsetzte«, sagt der kanadische Lehrer Peter Costello, 29, »dachte ich, ich sei in die Hölle eingefahren.«

Der Dozent ist im Herbst 1993 mit seiner Frau Melanie nach China gekommen. Von einem befreundeten Sozialarbeiter hörte er von der Anstalt. Er besuchte sie und kam dann fast jedes Wochenende wieder. »Mit dem Schmutz und Dreck, der geradezu mittelalterlichen Hygiene, in der die Kinder vegetieren, hatte ich mich bald abgefunden«, berichtet der schlaksige junge Mann. Doch dann stellte er fest: Immer wieder verschwanden Babys aus Block drei. Er begann, sich Notizen zu machen.

Anfang dieses Jahres erhielten die minderjährigen Bewohner, getrennt nach Jungen und Mädchen, eine Nummer - dahinter stand das Datum, wann sie zuerst eingeliefert worden waren. Unter »Status« vermerkte Costello: »died« oder auch nur »gone«, wenn er die genaue Ursache des Abgangs nicht bestätigen konnte. Unter »details« listete er die rekonstruierten Gründe für den Tod auf. Als häufigste Einzelursache stand da: »Verhungert, verdurstet«.

Die Liste wuchs zur grausigen Bestandsaufnahme, zum umfassenden Beweis für die von der chinesischen Regierung geleugnete Existenz der Sterbezimmer in den Waisenhäusern des Landes. »Etwa hundert Babys haben wir in den letzten zwei Jahren hier sterben sehen«, sagt der Kanadier. Von den 50 Kindern, die er seit Anfang des Jahres in seiner Liste aufgenommen hat, sind 36 mit Sicherheit tot, womöglich sogar 40.

An Nachschub für die Sterbehäuser fehlt es nicht«, sagt auch ein Amerikaner, der aus Angst vor Ausweisung namentlich nicht genannt werden will und gemeinsam mit anderen Ausländern versucht, Waisenkinder an Adoptiveltern im Ausland zu vermitteln. Solche Projekte verschaffte der chinesischen Regierung im vergangenen Jahr etwa 22 Millionen Mark Einnahmen - immerhin ein Zehntel des mageren staatlichen Sozialetats für Waisen und Behinderte.

Doch die Betonköpfe der Parteizentrale schießen quer. Sie fürchten Gesichtsverlust für China, wenn herauskommt, daß verwahrloste und behinderte Kinder ins Ausland abgeschoben werden. »Ich hätte all die Kinder lieber in unserem Land sterben gesehen«, bekam der Amerikaner in Pekings Ministerium für Zivile Angelegenheiten von Zhang Xiaoping zu hören, »als daß sie unser Ansehen im Ausland zerstören.« Funktionärin Zhang leitet das Büro für Auslandsadoptionen.

Verläßliche Zahlen, wie viele Kinder in Chinas Waisenhäusern dahinvegetieren, gibt es nicht. Allein in der zentralchinesischen Provinz Jiangxi, wo knapp 40 Millionen der 1,24 Milliarden Chinesen leben, sind nach Uno-Angaben 1993 mehr als 50 000 Babys ausgesetzt worden.

Das läßt darauf schließen, daß in Gesamtchina jedes Jahr etwa eine Million Kinder von ihren Eltern auf Bahnhöfen, in Kaufhäusern oder gleich im Krankenhaus zurückgelassen werden. »Wir müssen davon ausgehen, daß in den gut geführten Waisenhäusern 50 Prozent der Kinder sterben«, sagt Gale Johnson, einer der führenden Sinologen aus den USA. »80 Prozent sind es in den mittelmäßigen. In den schlecht geführten Institutionen überlebt kaum einer«, sagt Johnson, dessen erwachsene Tochter selbst drei chinesische Adoptivkinder hat. Diese Todesrate, weiß er, ist selbst für asiatische Entwicklungsländer ohne Beispiel.

Die Schuld dafür, daß Kinder im sozialistischen China ausgesetzt werden und jämmerlich verenden, gibt der US-Experte der staatlichen Ein-Kind-Politik. Solange nur eine unzulängliche Sozialversicherung für Chinas 800 Millionen Landbewohner existiere, würden viele verarmte Bauern keine andere Alternative sehen, als behinderte Kinder - und oft auch gesunde Mädchen - einfach wegzuwerfen. Zwar drückt die Partei auf dem Lande manchmal ein Auge zu, wenn einmal ein Kind zuviel geboren wird, vor allem bei Eltern, die es sich leisten können, lokale Kader zu bestechen. Doch bisweilen reißen die Parteibonzen den Bauern auch als Strafe Haus und Hof ein.

In der Harbiner Gasse »Zum langen Frühling« Nummer sieben liegt die »Sammelstelle für soziale Problemfälle«. Die Häuser sind hier etwas anmutiger als die trostlosen sozialistischen Plattenbauten anderer chinesischer Großstädte. Weißrussische Emigranten haben die Gebäude in den zwanziger Jahren errichtet.

Zwei schlampig gekleidete Polizisten im verschwitzten Unterhemd bauen sich im Eingang der Behörde auf. »Für Ausländer nicht zugänglich«, herrschen sie fremde Besucher an, doch dann bittet eine freundliche ältere Beamtin in ihr Büro im zweiten Stock. Yang Fan ist zuständig für Findelkinder. »Wir finden sie meist in Bahnhöfen, in Kaufhäusern, oder sie bleiben im Krankenhaus zurück, wenn die Mutter entbunden hat.«

Findet sie es denn nicht seltsam, daß ausgerechnet in einem sogenannten sozialistischen Staat Eltern ihre behinderten Kinder und vor allem Mädchen wegwerfen wie gebrauchte Papiertaschentücher? »Wir wissen, es gibt da gewisse Probleme mit der Ein-Kind-Politik«, sagt sie schließlich mit desinteressiertem Schulterzucken. »Viele Kinder sind übrigens schon erfroren, wenn sie zu uns gebracht werden. Im Norden Chinas wird es im Winter sehr kalt.«

Im vergangenen Herbst traf Dozent Costello auf den US-Amerikaner Brent Johnson, der auch die menschenverachtenden Verhältnisse der Waisenhäuser kannte und etwas verändern wollte: Zusammen mit dem Mediziner aus Nebraska entwickelte Costello den ehrgeizigen Plan, selbst eine Adoptionsagentur zu gründen.

Die Idee ist einfach. Kinderlose Eltern aus den USA zahlen für eine Adoption zwischen 5000 und 10 000 Dollar. Das Waisenhaus, so bieten sie an, soll davon 3000 Dollar bekommen, der Rest wird benötigt für Gebühren, Flugtickets und Beglaubigungen.

Daß die Praxis schwieriger ist, merken Costello und Johnson schon bei ihrem ersten »Fall«, der winzigen Ku Cong aus Block drei des Harbiner Waisenhauses. Das sieben Monate alte Mädchen mit einem großen Muttermal im Gesicht ist schwerkrank. Ihr Körper ist durch den Daueraufenthalt im schwach beheizten Sterbetrakt übersät mit Frostbeulen. Fraglich, wie lange sie noch durchhält.

Obwohl die beiden Dozenten an einer chinesischen Hochschule nur 1500 Yuan (266 Mark) Monatslohn erhalten, strecken sie erst einmal die Krankenhauskosten vor. Auch Pflegeeltern haben sie gefunden, die für umgerechnet 100 Mark das Mädchen durchfüttern wollen, bis es ausreisen kann.

Doch Anstaltsleiter Ding winkt zunächst ab, er wittert ein Geschäft. Ku Cong entlassen? Nur gegen eine »Ablöse« von 10 000 Yuan (1775 Mark), sagt der Ex-Soldat. Normalerweise rechnet man für ein Kind weniger als 10 Mark im Waisenhaus - pro Monat.

Ku Cong droht ins Koma zu fallen. Costello packt den Säugling in seinen weiten, wattierten Armeemantel. Stürmt mit ihr hinaus. Und schafft das Mädchen ins Krankenhaus. Ku Cong überlebt. Für 1000 Yuan erklärt sich ein Arzt bereit, das Muttermal aus ihrem Gesicht zu entfernen. Demnächst soll die Kleine, längst dick und pausbackig, zu ihren Adoptiveltern in die USA gebracht werden.

Auch Johnson, selbst Vater eines blonden Zweijährigen, schafft ein sterbendes Mädchen ins Krankenhaus. Guo Fengtian sieht aus wie das Opfer einer afrikanischen Hungerkatastrophe. »Dritter Grad Unterernährung«, attestieren die Ärzte in Harbins Krankenhaus Nummer eins. Der Po ist wundgescheuert und zeigt offene eitrige Löcher. Über den Unterschenkel zieht sich eine tiefe Wunde, als hätte jemand versucht, das ohnehin leblose Beinchen mit einem Draht zu amputieren.

Das Mädchen, das im Waisenhaus als geistesgestört galt, entpuppt sich nach einigen Wochen der Pflege mit Flaschenmilch und Obstbrei als normaler, aufgeweckter Säugling. Johnson hat mittlerweile in den USA ein neues Zuhause für Guo Fengtian gefunden.

Jetzt muß das Waisenhaus auch die Akte der Kleinen rausgeben, damit Behörden und die US-Botschaft in Peking die Ausreise organisieren können. In der Kladde findet sich ein Brief auf dünnem Reispapier. Er war dem Findelkind angeheftet, das Wachmänner am 22. Dezember 1994 im Treppenhaus des Harbiner Kaufhauses Qiulin fanden. Die Sätze sind in ungelenker Schrift mit großen Zeichen verfaßt - Guo Fengtians Eltern sind vermutlich Bauern.

»Gutherzige Leute, wir setzen unser Kind nicht aus, weil wir uns nicht um sie kümmern können, sondern wegen der staatlichen Ein-Kind-Politik. Liebe Tochter, wir haben kein schlechtes Herz. Wir können Dich nicht behalten. Freundliche Leute, die Ihr sie aufnehmt, wir können in diesem Leben die Schuld nicht begleichen. Aber vielleicht im nächsten Leben.« Y

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