Zur Ausgabe
Artikel 18 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GORLEBEN Der Knackepunkt

Im Wendland steht der »Tag X« bevor: Das Atommüll-Zwischenlager soll in Betrieb genommen werden. Die Atomkraftgegner formieren sich. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Vor dem Cafe »Grenzbereiche« in Platenlaase, niedersächsischer Landkreis Lüchow-Dannenberg, notieren Polizisten am hellichten Tag die Kennzeichen ordentlich geparkter Autos.

Nachts dringen Streifenwagen der Polizei auf Bauernhöfe im Wendland vor und inspizieren abgestellte Fahrzeuge auf privatem Grund. Bei Verkehrsüberprüfungen auf den Kreisstraßen nahe der Elbgrenze zur DDR ziehen Polizisten, wie Betroffene berichten, die Pistole, wenn sie Wageninsassen kontrollieren.

Polizeipräsenz rund um die Uhr. »Die wollen«, sagt Hannes Kempmann von der lokalen »Bürger-Initiative Umweltschutz«, »uns Angst machen und den Eindruck erwecken, sie sind überall und haben alles im Griff.« Das Heimatblatt fragte: »DDR-Methoden?«

Die Polizei, so rechtfertigte der Lüneburger Regierungspräsident Klaus Becker die staatlichen Tag-und-Nacht-Aktionen, tut »nur ihre Pflicht«. Durch »Farbschmierereien«, »Brand- und Sprengstoffanschläge« auf Straßen- und Schienenfahrzeuge sei seit 1983 im Kreis ein Schaden von »mehr als 2,5 Millionen Mark« entstanden. Die Rundum-Observation sei Rechtens und »unbedingt erforderlich«. _(Bei einem Sicherheitstest. )

Denn ernst wird es nun mit dem lange betriebenen Vorhaben des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU), die abgelegene Region zum westdeutschen Atommüllzentrum zu machen: Hallen zur Zwischenlagerung und Salzstock zur Endlagerung bei Gorleben, Fabrik zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente aus Kernkraftwerken im nahen Dragahn.

Mit Wiederaufarbeitung und Endlager wird es noch dauern, im Zwischenlager aber geht es jetzt los - Grund genug für die westdeutschen Atomkraftgegner, mobil für den »Tag X« zu machen. »Alle ins Wendland«, so ein bundesweiter Aufruf, »jetzt gilt es die Atommülltransporte zu verhindern.«

Mit dem Betriebsbeginn in »G. Orwelleben«, wie Kernkraftgegner sagen, tritt der atomare Zyklus in der Bundesrepublik in eine neue, buchstäblich brisante Phase. Weil anderswo, in den sogenannten Landessammelstellen und in den Nuklearfabriken, kein Platz mehr ist, muß strahlender Abfall aus Reaktoren, Forschungslabors und Krankenhäusern nun in voluminösen Zwischenlagern abgestellt werden, womöglich für Jahrzehnte, bis er in einem Endlager ein für allemal verschwinden kann.

Zwar war strahlendes Zeug auch bisher schon unterwegs, vor allem schwach radioaktive Gerätschaften und Flüssigkeiten, darunter Schutzanzüge, Mullbinden und Pipetten. Der Transport hochradioaktiven Materials, etwa von abgebrannten Brennelementen und von hochgiftigem Plutonium, war noch die Ausnahme, nur etwa zweihundert Tonnen wurden seit 1970 befördert.

Geht Gorleben in Betrieb, wo allein 1500 Tonnen deponiert werden sollen, wird sich die Transportmenge vervielfachen, und das Risiko auch. Denn der Transport des Abfalls ist der womöglich heikelste Punkt beim Umgang mit radioaktivem Stoff, er leistet, so eine Studie im Auftrag des Bundesforschungsministeriums, »den größten Beitrag zum Gesamtrisiko der Entsorgung«.

Je mehr Frachten auf Straßen und Schienen, Luft- und Wasserwegen hin und her befördert werden, um so größer logischerweise die Wahrscheinlichkeit eines Verkehrsunfalls, bei dem tödliche Strahlung freigesetzt werden kann.

Die Havarie des französischen Uranfrachters »Mont Louis« mit dreißig Spezialbehältern, die teils giftiges Uranhexafluorid, teils hochradioaktiven Abbrand aus einem deutschen Kernkraftwerk enthielten, machte die Risiken gerade jetzt deutlich. Die heiße Fracht im Kanal, die Alarm an allen Küsten auslöste, war Ende letzter Woche, einen Monat nach dem Unfall, noch immer nicht vollständig geborgen. Anlaß für Regierungen und Parlamentarierer in Westeuropa, strengere Vorkehrungen und Vorschriften zu fordern.

Auch wenn alles ordentlich verläuft, geschieht Bedenkliches: Transportpersonal und auch Verkehrsteilnehmer sind, so eine offizielle Sicherheitsanalyse, »der radiologischen Wirkung der die Abschirmung durchdringenden Gamma- und Neutronenstrahlung ausgesetzt«. Die Verfasser der »Sicherheitsstudien Entsorgung« fürchten sogar, »daß dieser Expositionsbeitrag größer sein könnte

als der entsprechende Erwartungswert, der aus möglichen Transportunfällen resultieren kann«.

37 Prozent der permanenten Strahlung bei solchen Transporten treffen auf »Personen des Überholverkehrs« und »ca. 40 Prozent auf Personen des Gegenverkehrs«. Das Begleitpersonal bekommt nur 19 Prozent der »Gesamtkollektivdosis« ab - bei einer Zwölfstundenfahrt immerhin bis zu 24 Millirem, fast soviel, wie nach den gesetzlichen Bestimmungen dem Normalbürger über ein ganzes Jahr hin zugemutet werden darf.

Gefährliches Zeug fällt in Mengen an, vor allem im Ballungsgebiet um Frankfurt, wo in Hanau die wichtigsten deutschen Betriebe angesiedelt sind, die Kernbrennstoffe herstellen und transportieren. Allein die Firma Alkem, die Uran-Plutonium-Oxidmischungen für Brennelemente fertigt, durfte bislang bis zu 570 Kilogramm Plutonium lagern. Beantragt ist bereits, die Lagermenge auf 6700 Kilogramm zu erhöhen.

Was wann auf welchen Wegen und in welchen Mengen genau kreuz und quer durch die Bundesrepublik gekarrt wird, bleibt Staatsgeheimnis. Da »muß auf die Darstellung von Einzelheiten verzichtet werden«, wie die hessische Landesregierung eine Anfrage der Grünen beschied, »um die Wirksamkeit der getroffenen Sicherungs- und Sicherheitsmaßnahmen nicht zu gefährden«.

Nach einem geheimen »Maßnahmenkatalog« der Länderinnenminister fahren Transporte mal ohne jede Bewachung, mal von Werkschutz, mal von Polizei begleitet. Im Nuklearzentrum Hanau gibt es schon eine Polizeisonder"Gruppe Kerntechnische Anlagen und Umweltschutz«, die über »spezielle Ausbildung« in Nukleartechnik verfügt; im Atommüllzentrum Lüchow-Dannenberg wird an einer Polizeikaserne für 1500 Mann gebaut. Denn Zündstoff, nicht nur politischer, wird auch im Zwischenlager Gorleben aufgehäuft: 35 000 sogenannte Gebinde (200- oder 400-Liter-Fässer) mit schwachradioaktiven Abfällen und 1500 Tonnen abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken, die in Spezialbehältern stecken - ein Typ ist nach dem Rossebändiger der griechischen Mythologie »Castor« benannt.

Ob »Castor« hält, was die Sage verspricht, ist umstritten. Bändigen sollen die Behälter nicht nur rund 400 Grad Hitze von den Brennelementen, sondern auch Hunderte von Substanzen, die aus dem Naturprodukt Uran im Reaktor durch Kernspaltung erst entstanden sind und auf unabsehbare Zeit strahlen.

Wissenschaftler wie der Atomphysiker Helmut Hirsch sagen, die »Castor«-Technik, als »Wunderwaffe« gepriesen, sei »in Hast« konzipiert worden, weise »mangelnde Reife« auf und bedeute »ein dramatisches Abgehen von der bisherigen Sicherheitsphilosophie«, die mehrere Barrieren zur Strahlenabschirmung für erforderlich hielt. Hirsch:

»Hier gibt es nur noch eine.« Dagegen die »Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen« (DWK): »Castor hat extreme Tests und Prüfungen überstanden und erfüllt damit die vorgeschriebenen Anforderungen.« Die DWK stützt sich bei ihren Aussagen auch auf Angaben der »Reaktorsicherheitskommission«, die noch 1978 das Transport- und Behältersystem »als nicht realisierbar angesehen« hatte, nun aber offenbar keine Einwände mehr hat.

Der Ereignisablauf in Gorleben ist programmiert. Seit 1. September läuft im Zwischenlager der »kalte Betrieb": Die Monitore zur Überwachung der Mitarbeiter sind eingeschaltet, das Personal hat die Schutzkleidung angelegt, auf dem Gelände patrouillieren Wachmänner mit Hunden.

Die heiße Phase steht an, wenn das Lüneburger Verwaltungsgericht sie nicht noch stoppt. Vor allem auch wegen »Gefährdungen, die durch den Transport der radioaktiven Stoffe« verursacht werden, hat der Berliner Rechtsanwalt Reiner Geulen im Auftrag von fünf Wendlandbewohnern einen Antrag gestellt, den Betrieb in Gorleben zu untersagen.

Wenn das nicht zieht, wollen die Atomkraftgegner tätig werden. »Der erste Müll«, das hat die Bürgerinitiative versprochen, »ist der Knackepunkt.«

Laut Aufruf, den die Polizei unterdes wegen »öffentlicher Aufforderung zu Straftaten« (Paragraph 111 Strafgesetzbuch) bundesweit beschlagnahmt, sollen Atommülltransporte nun »nicht nur symbolisch« behindert, sondern »langfristig unmöglich« gemacht werden.

Das ganze Heer der Atomgegner soll sich, über Telephonketten alarmiert, Richtung Wendland in Marsch setzen. Dann sollen auch »keine Züge fahren, weil auf den Bahnhöfen die Notbremsen gezogen werden«, und der Verkehr nicht rollen, »weil in Städten und auf Autobahnen ganz viele Autos nur im Schneckentempo fahren, oder ...«

[Grafiktext]

ATOMSTAAT BUNDESREPUBLIK Atomkraftwerke und andere nukleare Großeinrichtungen in der Bundesrepublik FLENSBURG Brunsbüttel KIEL 770 SW Brokdorf DW 1290 LÜBECK Geesthacht Krümmel ELBE DW Stade 630 SW 1260 HAMBURG BREMEN DW 1230 Esenshamm geplant Ahaus Lingen (stillgelegt) WESER geplante Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll: Zechen Konrad und Asse geplantes Endlager Gorleben für hochradioaktiven Müll HANNOVER Nienburg SW 255 EMS OSNABRÜCK Uentrop-Schmehausen Grohnde DW 1294 640 SW Würgassen DW 1231 Hamm HT 300 DORTMUND ESSEN Kalkar 295 DUISBURG Atomforschungszentrum Jülich KASSEL Rosberg KÖLN BONN HT 15 Mülheim-Kärlich KOBLENZ Brennelementefabriken Hanau WÜRZBURG Kahl SW 15 FRANKFURT DW 1225 RHEIN Ellweiler Biblis A, B, C LUDWIGSHAFEN DW 1228 DW 1240 DW 1145 MAIN DW 1225 Grafenrheinfeld Mitterteich (geplant) NÜRNBERG Obrigheim Philippsburg 1,2 DW 328 DW 1281 SW 864 DW 1230 DW 810 Neckarwestheim 1,2 REGENSBURG DONAU DW 1285 SW 870 Ohu Neuherberg ISAR MÜNCHEN AUGSBURG SW 237 SW 1244 SW 1244 ULM NECKAR Gundremmingen 1 (stillgelegt), 2, 3 FREIBURG DW 1284 Wyhl Atomforschungszentrum Karlsruhe DW 50 B 18 SAARBRÜCKEN Schwalbach STUTTGART Schwalbach Atomkraftwerke: fertiggestellt in Bau in Auftrag gegeben DW Druckwasser-Reaktor SW Siedewasser-Reaktor B Schneller Brüter HT Hochtemperatur-Reaktor Zahlen an den Kraftwerken: Nettoleistung in Megawatt Landessammelstellen für schwach-und mittelradioaktiven Müll Zwischenlager für abgebrannte Brennstäbe (geplant) In Dragahn (Niedersachsen) und Wackersdorf (Bayern) ist eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe geplant.

[GrafiktextEnde]

Bei einem Sicherheitstest.

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.