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COMMONWEALTH / SÜDAFRIKA Der Königin dunkles Blut

aus DER SPIEGEL 1/1960

Im Buckingham-Palast zu London erschien

Mitte Dezember ein zwei Meter hoher Besucher, der zeit seines Lebens danach gestrebt hat, Old England die schweren Stunden heimzuzahlen, die er als Junge mit seiner Mutter in einem britischen Konzentrationslager während des Burenkriegs verbrachte. Gleichwohl mußte Großbritanniens Königin Elizabeth II. mit protokollarischer Zuvorkommenheit jenen Mann bewirten, den alle Briten für den Todfeind des Commonwealth halten.

Charles Robert Swart, 65 Jahre alt und seit 1948 Justizminister der Südafrikanischen Union, hat immer im Lager der Feinde Englands gestanden: Er hatte sich an einer deutschfreundlichen Burenrevolte im Herbst 1914 beteiligt, war dafür ins Gefängnis geworfen worden, hatte sich nach kurzer Cowboy-Zeit in amerikanischen Wildwestfilmen der antibritischen Nationalpartei des radikalen Burentums angeschlossen und war von allen Buren am entschiedensten gegen Südafrikas Teilnahme am Zweiten Weltkrieg eingetreten.

Was indes die Begegnung zwischen »Blackie« Swart und der britischen Königin besonders peinlich machte, war der Entschluß des südafrikanischen Kabinetts, ausgerechnet den Mann, der am fanatischsten den Austritt Südafrikas aus dem Commonwealth und die Proklamierung Südafrikas zur Republik betreibt, zum neuen Generalgouverneur von Südafrika und das heißt: zum Vertreter der britischen Königin zu ernennen.

»Er hat niemals verborgen«, schrieb Englands linkssozialistischer »New Statesman« bitter, »wie sehr er Südafrikas britische Verbindungen verabscheut und entschlossen ist, sie zu zerreißen. Und dieser Mann soll nun der Königin die Hände küssen, soll das Siegel seines Amtes empfangen und auf diese Weise zum offiziellen Inbegriff britischer Ehre in Südafrika werden.«

Kaum aber hatte Königin Elizabeth II., unverdrossen in ihren protokollarischen Obliegenheiten, den Vertreter des Diamanten-Landes an der königlichen Tafel bewirtet, da offenbarten Ihrer Majestät Untertanen, wie sehr sie die demütigende Lage der Königin begriffen hatten. Die Öffentlichkeit des Landes entrüstete sich über die Ernennung Swarts und sprach aus, was die Königin nicht sagen durfte.

Während die konservative »Daily Mail«

gegen »den Mann, der Großbritannien haßt«, loswetterte, protestierte der sozialistische »Daily Herald« gegen die Zumutung, Ihre Majestät »dem Organisator des südafrikanischen Polizeistaates, dem Mann, den acht Millionen Afrikaner fürchten und der die Auspeitschungen predigt«, konfrontiert zu haben.

Am heftigsten aber erregte die Briten, daß Generalgouverneur Swart ein fanatischer Anhänger der Rassentrennungspolitik (Apartheid) ist, die im schärfsten Gegensatz zu der amtlichen Afrika-Politik der britischen Regierung steht. Viele Briten konnten nicht vergessen, daß der damalige Justizminister Swart vor Jahren ein Gesetz, das die Prügelstrafe gegen Neger verschärfte, buchstäblich durch das Unionsparlament gepeitscht hatte, nämlich mit einem Sjambok, einer Peitsche aus Nilpferdhaut, die er durch die Luft hatte zischen lassen, um seine Argumente zu bekräftigen.

Als ihn damals Abgeordnete der Opposition baten die von Swart vorgesehene Mindeststrafe - 15 Peitschenhiebe - um fünf Streiche zu reduzieren, lachte der Minister fröhlich: »Was sind schon fünf Streiche unter Freunden?«

Solche Eskapaden ließen denn auch den »Daily Telegraph« befürchten, die Ernennung des Apartheid-Fanatikers Swart bedeute Unheil für die britische Afrika-Politik.

»Der Londoner Besuch des neuen Generalgouverneurs«, schrieb das Blatt düster, »hat nur deshalb keine ernsten Zwischenfälle ausgelöst, weil ein achtenswerter Teil der öffentlichen Meinung Englands immer noch versucht, gegenüber den südafrikanischen Nationalisten fair zu sein. Aber es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht aus Südafrika ein wohlfundierter Bericht kommt, der in Millionen britischer Herzen Mitleid, Empörung und Befremden erregt.«

Die Provokation, die in der Ernennung Swarts zum Generalgouverneur lag, versetzte England in offenen Aufruhr gegen die Rassenpolitik des südafrikanischen Bruderstaates. Kaum hatte Generalgouverneur Swart die britische Insel verlassen, da wandten sich die Führer des »Afrikanischen Nationalkongresses«, der politischen Organisation der südafrikanischen Neger, an die englische Öffentlichkeit mit dem Appell, alle südafrikanischen Waren zu boykottieren, um die Regierung in Pretoria auf diese Weise zu einer Mäßigung ihrer Rassenpolitik zu zwingen.

Der Wunsch der schwarzen Südafrikaner war für England nicht unbedenklich: Südafrika ist einer der Hauptabnehmer britischer Waren, und andererseits haben die

Briten bislang wenig Neigung gezeigt, wegen politischer Deklamationen auf ihr Gläschen südafrikanischen Sherrys oder die Craven-A-Zigaretten des apartheidfreudigen Rembrandt-Konzerns zu verzichten. Gleichwohl beschlossen die Führungsstäbe der sozialistischen und liberalen Parteien, ihre Anhänger im Februar 1960 zu einem einmonatigen Boykott südafrikanischer Waren aufzurufen.

Politiker der Konservativen Partei, die sich an der Boykottbewegung nicht beteiligen will, ließen dagegen durchblicken, der britische Premierminister Macmillan habe den südafrikanischen Commonwealth-Staat insgeheim schon abgeschrieben. Zwar möchte Macmillan auf seiner Afrika-Reise, die er in dieser Woche antritt, auch den Buren seine Aufwartung machen, um die Beziehungen zwischen London und Pretoria zu verbessern. Aber auch Harold Macmillan will notfalls - wie in seiner Umgebung überzeugend behauptet wird - lieber auf die weitere Mitgliedschaft Südafrikas im Commonwealth verzichten als die gesamte, auf Rassenpartnerschaft hinzielende Afrika -Politik Londons aufs Spiel zu setzen.

Der britische Publizist Richard Buckle freilich leistete in seinem Eifer, Königin Elizabeth II. über das peinliche Zusammentreffen mit Charles Swart hinwegzuhelfen, seiner Monarchin einen recht fragwürdigen Dienst. Es müsse doch - so unterstellte Buckle - den rassereinen Generalgouverneur von Südafrika bekümmern, zur königlichen Tafel im Buckingham Palace von einem Wesen eingeladen worden zu sein, in dessen Adern farbiges Blut fließe.

Entdeckte Richard Buckle: »König Eduard III., ein mittelalterlicher Vorfahr unserer Monarchin, zählte die Tochter des islamischen Herrschers Mohammed II. zu seinen Ahninnen.«

Swart

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