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KURDEN »Der Kopf ist abgeschlagen«

Die Verhaftung des legendären Abdullah Öcalan läutet das Ende der Kurdischen Arbeiterpartei ein - und den Beginn eines internationalen Tauziehens um die Auslieferung des PKK-Chefs.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Auf dem Istanbuler Taksim-Platz flatterten die letzten Papierfähnchen im Wind, in den Schaufenstern verwelkten die Festbouquets. Zwei Wochen lang hatten die Türken den 75. Jahrestag ihrer Republik gefeiert; der vergangene Dienstag, es war der 60. Todestag des Gründervaters Atatürk, sollte einen besinnlichen Abschluß bringen.

Da wurde die Stimmung durch eine Sendung in zwei privaten Fernsehkanälen gründlich verdorben. Der wegen seiner spektakulären Geschäfte und seiner Mafia-Kontakte im ganzen Land bekannt gewordene Bauunternehmer Korkmaz Yigit beschuldigte Regierungschef Mesut Yilmaz aus dem Gefängnis heraus, in krumme Geschäfte verwickelt zu sein.

Der Sturz des schwer angeschlagenen Ministerpräsidenten schien nur noch eine Formalität. Doch am Freitag meldeten die türkischen Sicherheitsdienste den wohl größten Coup in der jüngeren Geschichte der Republik - und könnten Yilmaz damit das politische Überleben sichern.

Stolzerfüllt gab Yilmaz die Verhaftung eines Mannes bekannt, der Ankara über ein Jahrzehnt mit Gewaltaktionen herausgefordert hatte und um den zwischen der Türkei und dem Nachbarland Syrien erst jüngst beinahe ein Krieg entbrannt wäre: der selbsternannte Freiheitskämpfer Abdullah Öcalan, Chef der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK).

Die Festnahme des »Staatsfeindes Nummer eins« war allerdings nicht Ankaras Häschern gelungen, die Öcalan vergeblich in den Bergen Kurdistans gejagt hatten. Gefaßt wurde der PKK-Chef an der Paßkontrolle auf Roms Leonardo-da-Vinci-Flughafen. Dort war der Kurdenführer am Donnerstag abend mit dem Flug SU 584 der Aeroflot direkt aus Moskau eingetroffen und hatte sich als Abdullah Sarikurt ausgewiesen. Die Italiener erwarteten ihn schon, sie hatten einen Tip aus Rußland bekommen.

Der türkische Geheimdienst MIT will bereits im vergangenen Monat gewußt haben, welche Alias-Namen Öcalan benutzte. Den Paß, ausgestellt im vergangenen Jahr vom Generalkonsulat in Frankfurt, hatte ein türkischer Arbeiter in Deutschland als verloren gemeldet. Yilmaz behauptete, er habe »Hinweise«, daß der 1951 in Konya geborene Sarikurt »ein PKK-Aktivist« sei. Die deutschen Behörden aber waren offenbar ahnungslos.

Die italienische Hauptstadt ist die vorläufige Endstation einer abenteuerlichen Flucht, die in Damaskus begann. Unter der Patronage des syrischen Staatschefs Hafis el-Assad hatte Öcalan dort sein Hauptquartier errichtet. Der Syrer hielt sich Öcalan, um Ankara mit Nadelstichen zu piesacken - die Türkei und Syrien streiten um den Grenzverlauf und um das Wasser des Euphrat.

Auf massiven Druck aus Ankara kündigte Assad Mitte Oktober dem Kurdenführer die Gastfreundschaft auf. Zuvor hatte der türkische Generalstab Tausende Soldaten an der 880 Kilometer langen Grenze zu Syrien aufmarschieren lassen. Seither gilt auch in Assads Reich die PKK als »terroristische Organisation«, ihre Militärlager werden geschlossen, Kämpfer sollen ausgewiesen werden. Öcalan auszuliefern sei allerdings nicht möglich, beteuerte Damaskus, der PKK-Chef habe das Land bereits verlassen.

Nach Erkenntnissen nahöstlicher Geheimdienste gelangte Öcalan über Bulgarien und die armenische Hauptstadt Eriwan nach Moskau. Türkische Zeitungen berichteten, er sei in der Gemeinde Odinzowo vor den Toren Moskaus in einer Datscha untergebracht.

Offiziell dementierte Moskau, dem »Apo«, wie Anhänger den Vornamen Abdullah abkürzen, Zuflucht gewährt zu haben. Premierminister Jewgenij Primakow bestätigte aber Bemühungen, für Öcalan ein Asyl zu finden - im Interesse des alten Verbündeten Syrien. Der PKK-Führer selbst gab bis zu seiner Verhaftung über seine Flucht nur soviel bekannt: »Ich bin in Kurdistan«, ließ er über Sympathisanten behaupten, »und werde dort weiter meine Arbeit tun.«

Seine Festnahme läutet wohl das Ende der PKK ein. In Ankara verkündete ein sichtlich erleichterter Yilmaz: »Der Kopf ist abgeschlagen.« Geführt hatte Öcalan, Sohn eines Landarbeiters aus der Nähe von Urfa, die Partei mit diktatorischer Härte, wie Dissidenten immer wieder beklagten. Von der ersten Kadergeneration der 1978 gegründeten Arbeiterpartei sollen die meisten den Säuberungsaktionen des »großen Führers« zum Opfer gefallen sein. Wer Öcalans politische Analysen nicht kritiklos übernahm, mußte als »Ungläubiger« mit Folter oder gar Tod rechnen.

In ihren Ausbildungslagern, die die PKK mit syrischer Billigung in der libanesischen Bekaa-Ebene unterhielt, war der absolute Führungsanspruch Öcalans unübersehbar. Sein Konterfei hing an den Wänden der wenigen festen Häuser, überall lagen Bücher mit seinen Reden aus. »Durch mich und die Partei haben die Kurden erst ihre Identität gefunden«, rechtfertigte der PKK-Chef den Kult um seine Person.

Ursprünglich hatte Öcalan, der nicht weiß, ob er 1948 oder 1949 geboren wurde, in der Armee oder der Verwaltung Karriere machen wollen - für einen nationalbewußten Kurden in der Türkei ein schier unerfüllbarer Wunsch. Sein Ehrgeiz trieb ihn Anfang der siebziger Jahre an die Universität von Ankara. Dort studierte er, der es angeblich als erstes Kind aus seinem Dorf Halfeti zu einem Schulabschluß gebracht hatte, Politologie.

Über den Ruf eines obskuren Revoluzzers mit einer wirren Ideologie aus marxistischen, leninistischen und maoistischen Anleihen brachte es der Langzeitstudent jedoch nicht hinaus - bis er am 27. November 1978 die PKK gründete. Die erste militärische Aktion seiner Vereinigung, ein Anschlag auf einen türkischen Armeestützpunkt am 15. August 1984, taten Zeitungsberichte als »kleinen Terrorakt einer separatistischen Organisation« ab; tatsächlich war es der Auftakt zu einem mörderischen Krieg, der bislang mehr als 30 000 Tote forderte.

Die derzeitige Kampfstärke der PKK, die einst über 20 000 Aktivisten zählte, schätzen türkische Militärs inzwischen auf nur noch einige tausend Männer und Frauen, darunter auch ein paar versprengte Linke aus Deutschland (SPIEGEL 46/1998). Mit militärischen Großoffensiven will Ankara seit Öcalans Flucht auch die letzten PKK-Verbände aufreiben. Erst vergangene Woche marschierten rund 15 000 Soldaten in den Nordirak ein, um Stützpunkte der Arbeiterpartei auszuheben. Panikartig sollen sich PKK-Einheiten aus der Region nach Iran absetzen.

Was Öcalan zur Flucht nach Italien bewog, war bis zum Wochenende unklar. Über den Kurdensender Med-TV ließ der Parteichef verbreiten, daß er »mit Wissen der italienischen Regierung« eingeflogen sei.

Richtig ist zumindest, daß die PKK in Italien über gute Beziehungen verfügt. Erst vor einigen Wochen tagte das von der Arbeiterpartei dominierte kurdische Exilparlament unbehelligt zwei Tage in Rom. Auch italienische Abgeordnete nahmen als Gäste an den Sitzungen teil.

Obwohl Yilmaz noch am Freitag Öcalans Auslieferung forderte, ist ungewiß, ob der Festgenommene jemals in Ankara vor Gericht stehen wird. Der PKK-Chef, der nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt ins römische Regina-Coeli-Gefängnis gebracht wurde, soll nach Berichten von Med-TV einen Asylantrag gestellt haben, denn Öcalan droht in der Türkei die Todesstrafe.

Eine Auslieferung könnte auch die Karlsruher Bundesanwaltschaft verlangen - theoretisch. Gegen Öcalan liegt ein Haftbefehl aus dem Jahre 1990 vor, in dem ihm Mord und Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen werden. Als Anführer des »Komitees für Parteisicherheit, Kontrolle und Nachrichtendienst« der PKK soll Öcalan in den achtziger Jahren für Bestrafungsaktionen gegen abtrünnige Mitglieder verantwortlich gewesen sein. Auch im Zusammenhang mit Brandanschlägen aus jüngerer Zeit wird gegen Öcalan ermittelt.

Doch die deutsche Justiz wird sich wohl Zeit lassen - um keine Terroraktionen der zahlreichen PKK-Sympathisanten unter den 600 000 Kurden in Deutschland zu provozieren. DIETER BEDNARZ, BERNHARD ZAND

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