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Bangladesch »Der Koran ist überflüssig«

Von Birgit Schwarz
aus DER SPIEGEL 24/1994

SPIEGEL: Taslima Nasrin, fanatische Moslems haben Sie wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt. Sie seien »verwerflicher als eine Prostituierte«, so die Begründung. Ihrem Mörder ist ein Kopfgeld von 1250 US-Dollar sicher. Wie oft denken Sie an den Tod?

Nasrin: Ich bin wachsam, aber ich fürchte mich nicht. Wenn ich höre, wie sie mit ihren Megafonen Passanten vor meinem Apartment aufputschen und mit Slogans wie »Wenn ihr den Islam schützen wollt, müßt ihr Taslima hängen« meine Hinrichtung einklagen, tut es mir leid um mein Land, nicht um mich. Hier wird soviel Unrecht im Namen Allahs begangen. Ich kann nicht aufhören, dagegen anzuschreiben, nur um mein Leben zu retten.

SPIEGEL: Sie schreiben seit fünf Jahren Kolumnen gegen die Diskriminierung der Frauen . . .

Nasrin: . . . und seither fordert man meinen Tod. Ich halte den Koran in vielen Punkten für falsch. Unter Berufung auf ihn werden die Frauen in unserer Gesellschaft unterdrückt. Es ist meine soziale Pflicht, dieses anzuprangern: Warum zum Beispiel soll eine Tochter weniger erben dürfen als ein Sohn? Warum verbietet die Scharia . . .

SPIEGEL: . . . das islamische Recht . . .

Nasrin: . . . der Frau die Scheidung? Warum soll ein Mann vier Frauen haben dürfen, während die Frau nicht einmal den eigenen Gatten auswählen darf?

SPIEGEL: Solche Fragen werfen auch andere islamische Frauenrechtlerinnen auf. Allerdings stellen sie nicht den Koran in Frage, was nach islamischer Rechtsauffassung mit Hinrichtung zu ahnden ist. Woher nehmen Sie den Todesmut, den Koran anzuzweifeln?

Nasrin: Ich glaube, ich war elf oder zwölf, als mir klar wurde: Auch der Koran irrt. Wir lernten in der Schule, daß die Erde sich um die Sonne dreht. Im Koran jedoch hieß es, die Erde stünde _(* Das Interview führte Redakteurin ) _(Birgit Schwarz in Dhaka. ) still und werde von einem Berg gehalten. Meine Mutter hatte für diesen Widerspruch keine Erklärung. Sie sagte: »Der Koran ist das Buch der Wahrheit. Was darin steht, mußt du glauben.«

SPIEGEL: Ihr Vater ist Arzt. Wie reagierte er als Naturwissenschaftler auf Ihre Zweifel?

Nasrin: Mein Vater sagte: »Die Religion ist nicht logisch, und man sollte sich nicht auf Debatten mit ihr einlassen.« Seither glaube ich nicht mehr an die Unfehlbarkeit des Koran.

SPIEGEL: Wollen Sie, wie Ihnen vielfach unterstellt wird, den Koran umschreiben, modernisieren?

Nasrin: Der Koran sollte nicht länger die Grundlage unserer Gesetzgebung sein. Vor 1400 Jahren, als er entstand, mag er notwendig gewesen sein, um die Barbarei einzudämmen. Doch wir leben in der Moderne, im Zeitalter von Wissenschaft und Technik. Der Koran ist überflüssig geworden. Er verhindert den Fortschritt und die Gleichstellung der Frau.

SPIEGEL: Sie plädieren dafür, den Koran ganz abzuschaffen?

Nasrin: In einer modernen zivilisierten Gesellschaft werden religiöse Bücher nicht mehr gebraucht. Sie haben ohnehin immer nur einem Zweck gedient: die Vorherrschaft des Mannes zu zementieren. In unserem Land hat dies dazu geführt, daß die Frau kein Recht auf Selbstbestimmung hat. Sie muß ihre sexuellen Wünsche verleugnen und erlittenen Mißbrauch verschweigen. Nicht einmal über die Zahl ihrer Kinder kann sie selbst bestimmen. Sie ist die Sklavin ihres Mannes - der benutzt ihren Uterus zu seinem Vergnügen und zur Zeugung von Söhnen. Frauen müssen über ihre Gebärmutter selbst verfügen und ihre Gedanken frei äußern können.

SPIEGEL: Feministische Moslema wie die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi vertreten die Auffassung, nicht der Koran sei emanzipationsfeindlich. Das Problem seien vielmehr jene, »die die Vergangenheit zurückfordern, um die Verachtung der Frauen durchzusetzen«.

Nasrin: Das Problem ist die Intoleranz des Islam, der keine zeitgemäße Interpretation des Koran zuläßt, ist die Intoleranz der Fundamentalisten. Ich kämpfe mit der Feder, sie wollen mich mit dem Schwert erschlagen. Ich sage, was ich denke, sie wollen mich töten. Niemals werde ich mich von ihnen einschüchtern lassen, niemals Kompromisse schließen mit einer Regierung, die den Islam als Staatsreligion zuläßt. Es herrscht Krieg zwischen den progressiven Kräften und den Islamisten.

SPIEGEL: Empfinden Sie sich noch als Moslema?

Nasrin: Nein. Ich bin Atheistin. Ich halte jede Form von Religion für unzeitgemäß. Ich träume von einer Welt ohne Religion. Denn die Religion verhält sich zum Fundamentalismus wie die Saat zum Baum. Fällt man nur den Baum, bleibt der Samen erhalten und treibt einen neuen Baum. Solange die Saat nicht zerstört ist, wird man sich auch der Fundamentalisten nicht entledigen können.

SPIEGEL: Mit Aussagen wie diesen verletzen Sie auch die Gefühle moderater Gläubiger.

Nasrin: Ich halte religiöse Menschen für engstirnig.

SPIEGEL: Mancher Mann würde dasselbe über Feministinnen sagen . . .

Nasrin: Ich bin keine Feministin. Ich bin ein menschliches Wesen, das gegen Diskriminierung und Rassismus anschreibt.

SPIEGEL: Ihr Leidensgefährte, der vom iranischen Chomeini-Regime zum Tode verurteilte Salman Rushdie, hat einmal gesagt, Leute, die zu wissen meinen, wie die Welt richtig ist, seien gefährlich.

Nasrin: Mir scheint, Rushdie fürchtet die Fundamentalisten. Ich bin der festen Überzeugung, daß ein System, das auf Religion beruht, ungut ist. Im übrigen ist mein Anliegen ein anderes, weitreichenderes. Rushdie hat sich über das Privatleben des Propheten ausgelassen, mein Ziel dagegen ist es, diese Gesellschaft zu verändern, um die Lebensbedingungen von Frauen zu verbessern.

SPIEGEL: Und um dieses Ziel zu erreichen, glauben Sie, hilft nur der Frontalangriff gegen den Extremismus?

Nasrin: Wir leben in Dunkelheit. Da muß man zu extremen Mitteln greifen, um bemerkt zu werden. Alle Versuche, diese Gesellschaft behutsam zu verändern, sind gescheitert. Vor 23 Jahren wurde dieses Land von Pakistan unabhängig. Die Frauen Bangladeschs warten noch immer auf ihre Befreiung. Nicht einmal die von der Scharia geprägten Familiengesetze wurden modifiziert. Statt dessen machte man vor sechs Jahren den Islam zur Staatsreligion.

Vor drei Jahren zogen Fundamentalisten als viertstärkste Partei ins Parlament ein. Ihr Einfluß wächst, und die Regierung, die es nicht wagt, die tief religiösen Massen zu verprellen, stellt sich ihnen nicht entgegen.

SPIEGEL: In einem Ihrer Gedichte schreiben Sie: »Ich würde mir gerne einen Jungen kaufen . . . Einen appetitlich aussehenden Jungen, jungfräulich und mit behaarter Brust. Ich würde mir gerne einen Jungen kaufen und ihn mißhandeln, _(* Am vergangenen Donnerstag in Dhaka. ) wie es mir gefällt.« Wollen Sie die Verhältnisse umkehren?

Nasrin: Nein. Das Gedicht ist als Allegorie gemeint, als Protest gegen eine chauvinistische Gesellschaftsordnung, in der es selbstverständlich ist, daß Männer Frauen kaufen und mißhandeln. Die Umkehrung dagegen schockiert.

SPIEGEL: Spricht aus diesen Zeilen nicht Haß auf Männer?

Nasrin: Ich hasse nicht die Männer, ich hasse die Männergesellschaft. Ich war 18 und auf dem Heimweg vom Kino, als sich ein Junge meiner Rikscha näherte und mir seine Zigarette auf dem Arm ausdrückte. Sie hinterließ einen brennenden Schmerz in meinem Körper und in meinem Gedächtnis. Die umstehenden Männer unternahmen nichts, um mir zu helfen. Ich hatte das Gefühl, sie ergötzten sich an meiner Hilflosigkeit. Und mir wurde klar, daß der Protest einer Frau sinnlos ist, wenn er nicht darauf abzielt, das gesamte System der Unterdrückung zu zerschlagen.

SPIEGEL: Sie selbst stammen aus einer nicht streng religiösen Familie; Sie durften sich Ihre Ehemänner selbst aussuchen, Ihr Vater ermöglichte Ihnen ein Studium. Dennoch schreiben Sie in ihrer Essaysammlung »Heruntergekommene Prosa einer heruntergekommenen Frau« vom »unerträglichen Schmerz und Leid« Ihrer Kindheit. Worauf spielen Sie dabei an?

Nasrin: Von meinem elften Lebensjahr an durfte ich das Haus nur noch verlassen, um zur Schule zu gehen. Ich durfte nicht mehr auf den Feldern spielen, nicht auf den Spielplatz, nicht ins Einkaufszentrum, während meine Brüder tun und lassen konnten, was sie wollten. Was ist das für eine Gesellschaft, die Frauen einsperren muß, um sie zu schützen?

SPIEGEL: Und um nicht länger eingesperrt zu sein, sperrten Sie sich aus. Haben westliche Feministinnen Sie inspiriert?

Nasrin: Ich habe einige Kapitel von Simone de Beauvoirs »Das andere Geschlecht« gelesen und Auszüge aus Virginia Woolfs »Ein Zimmer für sich allein«, weiter nichts. Ich schreibe aus eigener Anschauung. Ich habe als Ärztin so viele Frauen im Kreißsaal weinen sehen, nachdem sie ein Mädchen geboren hatten. Sie fürchteten, ihre Männer würden sich nun von ihnen scheiden lassen. Ich habe die zerrissenen Vaginen von Frauen gesehen, die der eigene Mann vergewaltigt hatte. Ich habe Sechsjährige behandelt, die vom Nachbarn mißbraucht worden waren. Es ist dieses kollektive Leid, über das ich schreibe und das mir unerträglich ist.

SPIEGEL: Wer hat Sie in ihrem Leben am meisten enttäuscht?

Nasrin: Männer.

SPIEGEL: Auch Ihr Vater?

Nasrin: Ja, weil er sich angepaßt und mich nicht gelehrt hat, die Fesseln dieser Gesellschaft zu zerreißen.

SPIEGEL: Wer hat Sie nicht enttäuscht?

Nasrin: Nur ich selbst. Ich träume des öfteren, daß ich an einem Flußufer entlang über ein Feld laufe. Das Feld ist sehr weit. Es nimmt kein Ende. Ich laufe immer allein. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, würde ich mir wünschen, daß andere mit mir laufen. Dann hätte ich ein Ziel erreicht. Y

* Das Interview führte Redakteurin Birgit Schwarz in Dhaka.* Am vergangenen Donnerstag in Dhaka.

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