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»DER KRIEG WURDE IN KURSK GEWONNEN«

aus DER SPIEGEL 27/1966

Nur aus Angst vor der »siegreichen Sowjet-Armee« haben sich Briten und Amerikaner zur Landung in der Normandie und zur Errichtung einer »zweiten Front« in Europa entschlossen. Das behauptet der sowjetische Verteidigungsminister Marschall Rodion Malinowski, 67, in einer Würdigung der sowjetischen »Heldentaten im Großen Vaterländischen Krieg«. Denn 1944, als die angelsächsischen Alliierten in der Normandie landeten, war - so Malinowski - das Rückgrat der deutschen Wehrmacht bereits gebrochen: durch die Niederlage in der Panzerschlacht von Kursk. Vor 25 Jahren, am 22. Juni 1941, griff

Hitler-Deutschland in einem verräterischen Überfall die UdSSR an ... In jahrhundertelanger Geschichte der Menschheit war kein Land in den ersten Stunden eines Krieges so grausamen Prüfungen ausgesetzt.

Selbst zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es kein vergleichbares Beispiel: Gegen Polen setzte Deutschland 53 Divisionen, 2500 Panzer und 2000 Flugzeuge ein. Für den Krieg gegen Frankreich und England wurden 135 Divisionen, 2600 Panzer und 3500 Flugzeuge aufgeboten.

An der Westgrenze der Sowjet-Union aber wurden 181 Divisionen und 18 Brigaden, 3700 Panzer und Geschütze sowie 4950 Flugzeuge konzentriert.

Die Gesamtstärke der Truppen des faschistischen Deutschlands und seiner Satelliten betrug 5,5 Millionen Mann. Das waren Elitetruppen, die im siegreichen Krieg in Europa Kampferfahrung gesammelt hatten und die mit den modernsten Waffen ausgerüstet waren.

Die ungeheuer schweren Prüfungen, denen sich die sowjetischen Streitkräfte in den ersten Stunden des Krieges konfrontiert sahen, wurden durch eine Reihe grober Fehler noch verschärft.

Stalin hatte am Vorabend des Krieges die militärische Lage falsch eingeschätzt, er hatte sich vor allem im Termin des Überfalls durch das faschistische Deutschland auf die Sowjet-Union geirrt. Deshalb

- waren der Umbau und die technische Neuausrüstung der Roten Armee noch nicht abgeschlossen;

- waren die Luftstreitkräfte nicht -

wie geplant - bis zu Beginn des Krieges neu ausgerüstet worden;

- war die Umgliederung der Panzertruppe noch nicht abgeschlossen;

- gab es nur wenige moderne Panzer

und Flugzeuge;

- reichten die Panzerabwehr und die Flakartillerie, aber auch die Granatwerfer nicht aus.

Das Volkskommissariat für Verteidigung und der Generalstab hatten eine Reihe von Fehlern in der Planung von Operationen und Mobilisierung gemacht. Die notwendige Verlegung der Truppen hatte noch nicht begonnen. Die an der Grenze stationierten Truppen waren nicht in Kampfbereitschaft versetzt worden. Am Vorabend des Krieges lebten und exerzierten sie noch wie in Friedenszeiten ...

Eine ungewöhnlich feste Moral des Volkes und der Armee war vonnöten, eine beispiellose, die Sowjetmenschen mitreißende Parteiarbeit, um die drohende Katastrophe zu verhindern, den Vormarsch des Feindes aufzuhalten, die Lebensverhältnisse dem Kriegszustand anzupassen und Tausende der wichtigsten Industriebetriebe mit vielen Millionen Sowjetbürgern in die Ostgebiete zu evakuieren.

In selbstlosem Vertrauen zur Partei brachte das sowjetische Volk große Opfer. Und schon Ende 1941 trugen sie erste Früchte. Der auf die Hauptstadt des Vaterlandes marschierende Feind wurde geschlagen. Bei Tichwin und Rostow erlitten seine Truppen schwere Verluste. An den wichtigsten Fronten wurde er um einige hundert Kilometer nach Westen zurückgedrängt und in die Defensive gezwungen.

Der geplante »Blitzkrieg« gegen die Sowjet-Union war gescheitert. Es war die erste große Niederlage der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges. Der Mythos von der »Unbesiegbarkeit« der Hitlerschen Kriegsmaschinerie war gebrochen.

Der Sieg bei Moskau kann kaum hoch genug bewertet werden. Er war aber erst der Beginn eines schwierigen und langen Weges zum endgültigen Sieg über den tückischen und starken Feind.

Auf diesem Wege gab es viele Opfer und schwere Prüfungen... Dreimal - in den Wintern 1941/42 und 1942/43 sowie im Sommer/Herbst 1943 - mußten die sowjetischen Truppen die Ostfront des Gegners vernichten, in gigantischen Schlachten mehr als fünf Millionen Soldaten und Offiziere des faschistischen Deutschlands außer Gefecht setzen und eine große Menge Kriegsmaterial des Feindes vernichten.

Im Sommer 1942 nutzte Hitler-Deutschland das Fehlen einer zweiten Front in Europa und zog im Süden der Ostfront über 80 hervorragende Divisionen zusammen, führte drei Großangriffe, durchstieß die Front im Gebiet von Charkow und richtete seine Panzerkeile auf Stalingrad und den Kaukasus.

Im Herbst 1942 entbrannte die Schlacht um Stalingrad. Die heldenhafte sowjetische Armee verteidigte jedes Haus und jeden Meter Boden des Wolgagebietes. Ihr Sieg bei Stalingrad war der Beginn einer entscheidenden Wende sowohl für den Großen Vaterländischen Krieg als auch für den Zweiten Weltkrieg überhaupt.

Die bürgerlichen Geschichtsfälscher des Zweiten Weltkrieges haben sich eifrig bemüht, die unbestreitbare Tatsache totzuschweigen, daß die Sowjet-Union und ihre Armee durch die großen Siege bei Stalingrad und Kursk im Jahre 1943 die radikale Wende im Kriege herbeiführten.

Die Kursker Schlacht ist historisch ungemein bedeutsam: Es war eine noch nie dagewesene Panzerschlacht. Auf den Feldern zwischen Belgorod und Prochorowka prallten in erbittertem Kampf Tausende von Panzern beider Seiten aufeinander. In diesem gigantischen Duell blieb die Sowjet-Armee siegreich und zerstörte endgültig das Rückgrat der Hitler-Armee.

Nach der Vernichtung der faschistischen deutschen Truppen in der Schlacht bei Kursk erkannten die politischen und militärischen Führer der USA und Englands: Zögerte man die Eröffnung einer zweiten Front in Europa weiter hinaus, so könnte unter Umständen die Sowjet-Armee allein Deutschland und seine Satelliten besiegen, Europa befreien und noch vor der Landung angloamerikanischer Truppen den Rhein überschreiten und in Frankreich einmarschieren ...

Auf der Konferenz von Quebec im August 1943 beschlossen England und die USA daher, die Invasion in Frankreich für das Jahr 1944 vorzubereiten.

Aber auch nach der Landung der amerikanisch-englischen Truppen in Frankreich war die sowjetisch-deutsche Front nach wie vor die Hauptfront des Zweiten Weltkrieges. Dort waren 68 bis 73 Prozent aller besonders kampfstarken deutschen Truppen eingesetzt, einschließlich der Luftwaffe, die unmittelbar an den Kämpfen teilnahm.

1944 war das Jahr der entscheidenden Siege der sowjetischen Streitkräfte. In grandiosen Angriffsoperationen stießen die Sowjet-Truppen 550 bis 1100 Kilometer nach Westen vor und befreiten eine Reihe von osteuropäischen Ländern vom Joch der faschistischen »Neuordnung«. Dann überschritten sie die Grenzen Deutschlands.

Die Wehrmacht erlitt neue schreckliche Verluste an Menschen und Material. Im Jahre 1944 wurden 126 Divisionen und 30 Brigaden des Gegners von den sowjetischen Streitkräften vollständig vernichtet. In Berlin zwang unsere siegreiche Armee Deutschland zur bedingungslosen Kapitulation.

Die Nachkriegsentwicklung zeigt, daß die reaktionären Kräfte in der kapitalistischen Welt die Lehren des Zweiten Weltkriegs mißachten. Als Hauptkräfte der Reaktion und Aggression treten die amerikanischen Imperialisten auf, die - wie die Hitler-Clique - den Anspruch auf Weltherrschaft erheben. Unter der Flagge eines Retters des kapitalistischen Systems entfachen die herrschenden Kreise der USA ein Wettrüsten, kurbeln ihre Kriegsmaschine an und trachten mit allen Kräften danach, den aggressiven, kriegerischen und militärischen Block zu festigen. Die Militärausgaben der amerikanischen Imperialisten waren in den 20 Nachkriegsjahren 48mal so hoch wie in den 20 Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg.

Besonders gefährlich für den Frieden ist das zweiseitige Militärbündnis, das zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik entsteht ...

200 Milliarden Mark hat Bonn in den vergangenen zehn Jahren für seine Rüstung ausgegeben. Hitler brauchte für die-Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges nur die Hälfte.

Sowjet-Marschall Malinowski

»Gefährlich für den Frieden ist heute ...

...das Bündnis zwischen Bonn und Washington": Vernichteter »Tiger«-Panzer bei Kursk

Der erste deutsche Kriegsgefangene der Roten Armee war der Gefreite Albert Liskow, im Zivilberuf Arbeiter in einer Möbelfabrik in Kolberg. In der Nacht zum 22. Juni 1941 hatte Liskow den Bug durchschwammen, um die Sowjets vor dem bevorstehenden Einmarsch der deutschen Wehrmacht zu warnen (SPIEGEL 26/1966).

Kapitulation in Karlshorst*: »Stalin verschätzte sich«

* Deutsche Offiziere unter. Führung von Generalfeldmarschall Keitel (X) auf dem Weg zur Unterzeichnung.

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