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FERNSEHEN Der Kult um den Bumbum

Morgens, mittags, abends: In Brasilien boomt das Sex-TV. Kinder treten zum Flaschentanz an, Dominas züchtigen Quizgäste, die Fernsehserien kommen nicht ohne Beischlafszenen aus. Die Erfahrungen der Networks sind eindeutig: Sinkt die Schamgrenze, steigt die Quote.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Wie heißt die Hauptstadt von Australien? »Sydney«, antwortet der Kandidat und grinst. »Falsch«, triumphiert die maskierte Domina und berührt ihr Opfer mit der Peitsche.

Behaglich drückt sich der nur mit einer Unterhose bekleidete Mann tief in den blauen Plastiksessel. Der Gedanke an die bevorstehende Strafe bereitet ihm ganz offensichtlich Freude.

»Enthaar ihn, enthaar ihn!«, grölt das Publikum. Die Domina klebt ein handgroßes Heftpflaster auf den Oberschenkel ihres Opfers und reißt es mit einem Ruck wieder ab. Der junge Mann stöhnt vor Wonne und Schmerz.

Jetzt kennt die Begeisterung im Studio kein Halten mehr. Männer schleudern ihre T-Shirts auf die Bühne, Teenager kreischen und grapschen nach den Strapsen der »Tiazinha«.

Das stets leicht bekleidete »Tantchen« ist der derzeit erfolgreichste Fernsehstar in Brasilien. Ein TV-Moderator hatte Susana Alves, so ihr richtiger Name, auf dem Flur des Fernsehsenders Bandeirantes in São Paulo entdeckt und als Assistentin angeheuert.

In einem Quiz für Jugendliche »bestrafte« sie die Verlierer. Rasch wurde die Leder-Barbarella zur Hauptattraktion. Nun bekommt sie im Oktober sogar eine eigene Fernsehserie.

In den USA oder Europa würden derartige Sado-Maso-Spielchen vermutlich ins Nachtprogramm verbannt. In Brasilien geht das Sex-TV dagegen am Nachmittag auf Sendung. Ein regelrechter Kult um die diversen Erotikshows ist in dem ansonsten streng katholischen Land entstanden.

Unter dem Druck der Einschaltquoten sind in Brasilien fast alle Tabus gefallen. Die großen Fernsehsender setzen allesamt auf nackte Haut und erotische Spielchen, die Schamgrenze sinkt, die Quoten steigen.

Die beliebtesten Sex-Stars bringen es auf bis zu 30 Prozent Marktanteil, durchschnittlich schauen rund zehn Millionen Brasilianer hin, wenn die Leder-Domina zulangt. Auch die Sex-Einlagen bei den großen Liveshows der Konkurrenzsender Globo und SBT locken regelmäßig Millionen Brasilianer vor die Mattscheibe.

Alle großen Networks in Brasilien melden Rekorde bei den Zuschauerzahlen und verbuchen einen neuen Spitzenwert von insgesamt vier Milliarden Dollar bei den Werbeerlösen. Brasilianische Fernsehserien sind in ganz Lateinamerika wegen ihrer Freizügigkeit beliebt. In den Seifenopern vergeht kaum eine Folge ohne Beischlafszene. Auch die Familienshows am Wochenende kommen nicht ohne Sex aus.

Der Entertainer Faustão würzt sein Sonntagnachmittags-Programm mit einem »Erotik-Sushi«, bei dem nackte Frauen als lebendes Tablett dienen. Keine Geschmacklosigkeit ist den TV-Machern geschmacklos genug: Moderator »Ratinho« präsentierte sogar eine Frau, die mit der Vagina Zigaretten raucht.

Ungehemmt geht es auch in den Werbepausen zu: Selbst für Zahnbürsten wird mit kopulierenden Paaren Reklame gemacht. Ein US-Fernsehsender bat jüngst eine der renommiertesten Werbeagenturen in São Paulo um Dokumentationsmaterial für erotische Werbung, »weil es bei uns so was nicht gibt«.

Für Fernsehauftritte werden schon Vierjährige von ihren Eltern mit Lippenstift und Mini-Röcken herausgeputzt. Entertainer Gugu Liberato ließ sechsjährige Mädchen zum »Flaschentanz« antreten. Die Kleinen mussten den Unterleib in eindeutigen Bewegungen über einer Bierflasche kreisen lassen.

Zehntausende Teenager bewarben sich für die Fernseh-Nachfolge des Sexsymbols Carla Perez. Bei dem Wettbewerb, der live übertragen wurde, zählte vor allem die Kunst des erotischen Hüftschwungs, »rebolado« genannt.

Niemand lässt das Becken so gekonnt kreisen wie Carla Perez. Auch seriöse Zeitungen vermerken hinter ihrem Namen respektvoll den Umfang ihres »Bumbums«, wie das Hinterteil liebevoll genannt wird (103 cm). Das Fernsehen machte die Tochter eines Straßenhändlers innerhalb von Monaten zur Millionärin.

Als die kunstblonde Tänzerin ihren Bumbum auf dem Festival von Montreux rotieren ließ, gerieten selbst die bedächtigen Schweizer in Wallung. Nur Brasiliens konservative Elite erregte sich über die Königin des Rebolado: Ihre Auftritte schädigten das Brasilien-Bild im Ausland, klagte die Kulturministerin von Rio de Janeiro.

Seit den fünfziger Jahren regen »chacretes«, knapp bekleidete Tänzerinnen mit Künstlernamen wie Virginia Lane, Gretchen und Rita Cadillac, die Phantasie der brasilianischen Männer an. Nur die Macht der Fernsehsender ist heute größer als damals.

Die Karriere der TV-Damen beginnt meist in der Provinz. Hat das Fernsehen sie erst einmal entdeckt, gilt es, schnell Kasse zu machen, ehe der Boom wieder abflaut.

Carla Perez und Tiazinha vermarkten sich, wo es nur geht. Ihr Name ziert Dessous ebenso wie Kaugummis, Schuhe und Tütensuppen. In den vergangenen Jahren ist so eine ganze Klasse neureicher TV-Stars entstanden.

Tiazinha verdient heute allein mit ihren Fernsehauftritten 100 000 Mark im Monat. Ihre Sado-Maso-Masche ist so erfolgreich, dass Stundenhotels in Rio eigene »Tiazinha-Suites« mit Käfig, Ketten und Peitschen eingerichtet haben.

Die Karriere der TV-Schönheiten gipfelt gewöhnlich in einer mehrseitigen Farbstrecke im brasilianischen »Playboy«. Als Tiazinha sich für die Zeitschrift auszog, schnellte die Auflage auf 1,5 Millionen hoch; innerhalb weniger Tage war die Ausgabe vergriffen.

Eines verbindet alle brasilianischen Sexsymbole: der Kult um den Bumbum. Auch seriöse Zeitschriften versteigen sich zu lyrischen Lobgesängen, wenn sie Form und Größe eines besonders gelungenen Exemplars begutachten.

»Ein üppiger, gewagter Hintern, dessen überzählige Fingerbreiten in die einzig richtige Position gewachsen sind: nach hinten und nach oben«, schwelgte das angesehene brasilianische Nachrichtenmagazin »Veja« über den Hintern von TV-Star Perez.

In keinem anderen Land wird der Po so verehrt. Der in Südamerika bekannte Dichter Carlos Drummond de Andrade besang ihn in seinen Gedichten. »Bundas«, auf Deutsch etwa »Ärsche«, heißt eine angesehene Satirezeitschrift. Das Cover der ersten Ausgabe zierte ein Riesenhintern mit Tiazinha-Maske.

Der Kult um den Po wurzelt in der Kolonialgeschichte. Der Soziologe Gilberto Freyre, Autor des Klassikers »Herrenhaus und Sklavenhütte«, macht die Portugiesen für die Sexualisierung der brasilianischen Kultur verantwortlich. Ihr »überreiztes sexuelles Verlangen«, so Freyre, mischte sich mit dem Körperkult der Afrikaner. Die meisten Kolonialherren heirateten zwar eine Weiße, aber als Geliebte hielten sie sich schwarze Sklavinnen.

Banalisiert wurde der Kult um den Po erst durch die Massenmedien. Rund um den Bumbum hat sich eine florierende Industrie entwickelt. Für Mädchen, die von einer Karriere als Tänzerin und Fernsehstar träumen, sei ein schöner Hintern »Mittel zum sozialen Aufstieg«, so der Gesellschaftskritiker Arnaldo Jabor.

Auch die knappen brasilianischen Bikinis, »Zahnseide« genannt, sind so geschnitten, dass sie vor allem den Unterleib betonen. Fotomodelle und Schauspielerinnen lassen sich bevorzugt von schräg hinten aufnehmen. Von dem Sex-Symbol Rita Cadillac ist überliefert, sie wolle nach ihrem Tode auf dem Bauch liegend aufgebahrt werden, »sonst erkennen mich die Leute ja nicht«.

Selbst TV-Domina Tiazinha wäre ohne ihr wohlgeformtes Hinterteil wahrscheinlich nie berühmt geworden. So wichtig ist ihr das gute Stück, dass sie es jüngst für zwei Millionen Mark versichern ließ. Eine Prämie braucht sie nicht zu zahlen. Die Versicherungsgesellschaft darf dafür mit ihrem Bumbum Werbung machen.

JENS GLÜSING

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