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SOWJET-UNION / STALINISMUS Der liebe Staat

aus DER SPIEGEL 44/1965

Niemand nennt seinen Namen. Er steht in keiner Zeitung, er fehlt in Rundfunk und Fernsehen. Kein Minister, kein Funktionär spricht ihn öffentlich aus. Seine Bilder verschwanden aus den Amtsstuben, seine Werke aus den Buchläden. Ein Jahr nach seinem Sturz ist Nikita Chruschtschow für 230 Millionen Sowjetbürger zur geschichtlichen Unperson geworden.

Ein Jahr nach Chruschtschow taucht aber auch der Schatten eines Mannes aus dem Orkus der Geschichte auf, in den Chruschtschow ihn für immer hinabstoßen wollte: Josef Wissarionowitsch Stalin ist wieder da.

Stalins Name findet sich in den Zeitungen und Parteijournalen. Sein Bild flimmert über Kinoleinwände und hängt im Armeemuseum. Seine engsten Mitarbeiter Molotow, Malenkow und Kaganowitsch - die Parteifeinde von 1957 - wurden stillschweigend rehabilitiert. Seine Minister kehren in den Kreml zurück. Seine Frühschriften gelten wieder als Lehrstoff an den Universitäten, seine Werke werden neu aufgelegt. Und sein Platz am Konferenztisch des Potsdamer Schlosses Cecilienhof - dem Tagungsort der Potsdamer Konferenz - ist wieder eine Attraktion für den Fremdenverkehr.

Stalins Auferstehung aus dem Reich der Parteitoten bedeutet nicht, daß Chruschtschows Nachfolger Breschnew und Kossygin zu dem blutigen Terror -Regime der Stalin-Zeit zurückkehren wollen. Mit Stalin und dem Stalinismus reagiert Rußland auf Machtverfall und liberale Aufweichung- in der Chruschtschow-Ära.

Vor allem Chruschtschows überspannte Wirtschaftsziele - die Forderung, die USA bis 1970 einzuholen und zu überholen - hatten Rußlands Kraft weit überfordert. Die Versorgung der Bevölkerung wurde immer schlechter. Gleichgültigkeit und Schlendrian breiteten sich aus.

Der Appell der Chinesen an den Nationalismus der von Rußland unterdrückten Ostvölker hatte überdies Kräfte freigesetzt, die den Bestand des von Stalin geschaffenen Reiches gefährdeten: Der Zusammenhalt des Sowjetimperiums lockerte sich, die Satelliten liebäugelten mit dem Westen, der Streit mit Peking lähmte die Außenpolitik des Kreml.

Eine Zeitlang vermochte Chruschtschow die Schuld an allen Fehlschlägen den Stalinisten innerhalb und außerhalb der Sowjet-Union zuzuschieben. Doch die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit verblaßte immer mehr - besonders im Gedächtnis der Jugend.

Das Durcheinander in Politik und Wirtschaft aber-blieb. Und so schob sich vor das von Chruschtschow gezeichnete Bild des blutigen Tyrannen allmählich ein anderes, positiveres Stalin-Bild:

- Stalin als Herrscher, der mit strenger, aber gerechter Hand regierte, den Übermut der Bürokraten dämpfte und jedem Bauern eine Kuh und ein paar Morgen Privatland beließ;

- Stalin als Feldherr, der Hitler bezwang und dessen Soldaten die rote Fahne auf dem Reichstag aufpflanzten;

- Stalin als Meister-Diplomat, der in

Jalta und Potsdam die geschicktesten Unterhändler des Westens überfuhr und die Grenzen des Reiches bis an die Elbe vorschob.

Dieses Stalin-Bild ist im Rußland Breschnews und Kossygins vorerst noch stärker verankert als das Image des im Westen hochgelobten Reform-Professors Liberman, den - von ein paar Fachleuten abgesehen -kaum jemand in der Sowjet-Union kennt. Es hat wenig mit Stalin, dem finsteren Tyrannen, dafür aber sehr viel mit Rußland und russischer Geschichte zu tun.

Dem Rückgriff auf Stalins traditionelle Methoden der Machtausübung verdankt die Sowjet-Union nach Chruschtschow ihre größten Erfolge:

- Die Lebensmittel-Versorgung hat

sich gebessert, die Preise auf den Kolchosmärkten sind um 30 Prozent gefallen - eine Auswirkung der neuen Agrarpolitik, mit der die von Chruschtschow verfügten Einschränkungen der bäuerlichen Privatwirtschaft rückgängig gemacht wurden.

- Das Verhältnis zu Rotchina hat sich entspannt; die öffentliche Polemik ist etwa auf den Stand von 1962 zurückgeschraubt.

- Die Satelliten wurden wieder stärker

an den Kreml gebunden: In der Äußeren Mongolei und in Bulgarien verhinderte der sowjetische Geheimdienst eine Machtübernahme durch prochinesische Elemente; Nordkorea und Nordvietnam wurden näher an Moskau herangeführt.

Chruschtschow hatte die Geheimpolizei (KGB) politisch ausgeschaltet. Nach dem erzwungenen Rücktritt des Kremlchefs war der Geheimdienst als erster zur Stelle, um seine Unentbehrlichkeit für die innere und äußere Sicherheit des Landes zu beweisen.

In der ganzen Sowjet-Union erschienen plötzlich Bücher und Broschüren, in denen der deutsche Spion -Richard Sorge als sowjetischer Kundschafter verherrlicht wurde. Sorge hatte den Russen im Kriege unschätzbare Dienste geleistet. Er verriet Stalin das Datum des deutschen Angriffs im Osten. Später ermöglichte er durch seine Berichte aus Tokio den Abzug der sibirischen Divisionen, mit denen Stalin im Dezember 1941 die Schlacht um Moskau zu seinen Gunsten entschied.

Dieser Sorge wurde nun, im November 1964, posthum zum »Helden der Sowjet-Union« ernannt. Die Sowjetpost brachte eine Sorge-Briefmarke heraus. Moskau benannte eine Straße nach Sorge.

Gleichzeitig liefen in Moskau mehrere Filme an, in denen KGB-Funktionäre als gesetzestreue Beamte und gewiegte Kriminalisten auftraten. In dem Film »Schwarze Geschäfte« jagen KGB-Agenten einem blonden Ausländer mit Fernsehauge und Radar einen gestohlenen Goldschatz ab.

Schauprozesse gegen Ausländer sollten allzu kontaktfreudige Russen abschrecken. Der KGB filmte sogar die Verhaftung eines britischen Touristen -Spions, des Lehrers Gerald Brooke, und führte den Streifen im Moskauer Fernsehen vor. Kommentar des Sprechers: »Hoffentlich begreifen jetzt gewisse Leute im Westen, daß es sich nicht lohnt, den Kulturaustausch für ihre verbrecherischen Zwecke zu mißbrauchen.«

Die Moskauer Lokalpresse drohte den jungen Mädchen der Hauptstadt mit Deportation in die Provinz, wenn sie westlichen Ausländern nachliefen.

Das Gewerkschaftsblatt »Trud« malte seinen Lesern aus, wie zahlreiche Touristengruppen aus den USA mit FBI -Agenten durchsetzt seien. Sogar in der Benny-Goodman-Band, die 1962 die Sowjet-Union bereiste, sollen sich vier Musiker befunden haben, welche die »Flöte« des amerikanischen Geheimdienstes gespielt hätten.

Solche Töne verraten die Federführung von Leuten, die nach Chruschtschows Sturz sichtbar nach vorn gerückt sind: Alexander Schelepin, Sicherheitsbeauftragter des ZK, der KGB-Chef Semitschastny, der Führer der sowjetischen Staatsjugend (Komsomol), Sergej Pawlow, und der frühere KGB-Mann Wladimir Stepakow.

Stepakow ist seit kurzem oberster weltanschaulicher Schulungsleiter der KPdSU. Sein Einfluß ist nicht nur in den theoretischen Parteijournalen, sondern auch in der Massenpresse, im Rundfunk und Fernsehen deutlich zu spüren. Stepakow tritt für eine verstärkte Schulung aller Sowjetmenschen in. »revolutionärer Theorie« ein. Die Partei müsse gegen alle Erscheinungen der bürgerlichen Ideologie, gegen Sorglosigkeit und faulen Liberalismus ankämpfen.

Komsomol-Chef Pawlow erklärte, der junge Sowjetmensch habe sich nicht auf ein süßes, gesichertes Leben vorzubereiten, sondern auf seine heldenhaften Pflichten. Es gehe darum, Kämpfer und nicht Skeptiker zu erziehen.

Der Leningrader Parteisekretär, Tolstikow rügte in der »Prawda« die ideologische Unreife und moralische Dekadenz der Leningrader Jung-Akademiker. 7000 Studenten hätten 1964 wegen »ungebührlichen Benehmens« oder »akademischen Versagens« vom weiteren Studium ausgeschlossen werden müssen.

Der Moskauer Parteisekretär Jegorytschew attackierte antistalinistische Literaten wie Jewgenij Jewtuschenko ("Verdoppelt die Wachen an Stalins Grab, verdreifacht sie!") und Alexander Solschenizyn ("Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch"). Ein neuer Roman von Solschenizyn durfte nicht erscheinen.

Rußlands jüngster Nobelpreisträger, Michail Scholochow ("Der Stille Don"), warnte seine jungen Kollegen, mit dem »Liberalismus« zu kokettieren und den ideologischen Kampf zwischen Ost und West wie ein »Damespiel« zu betreiben.

Scholochow: »Sie sollen wissen, daß wir alle Störenfriede erbarmungslos notieren.«

Mitte September wurden in Moskau zwei Tauwetter-Literaten verhaftet: der Pasternak-Freund Alexej Sinjawski (Pseudonym: Abram Tertz) und der Journalist Daniello (Pseudonym: Nikolai Arschanow). Beide sollen regimefeindliche Romane in ausländischen Verlagen veröffentlicht haben.

Ideologen wie Kommissare können sich auf einen mächtigen Verbündeten stützen: die Sowjetarmee. Rußlands Marschälle - die von Chruschtschow oft verspotteten. »Eisenfresser« - hatten von dem Gulaschkommunismus des Parteichefs immer wenig gehalten. Nun, im Frühjahr 1965, - priesen sie Stalin am lautesten.

Über 58 Seiten feierte der Sowjetmarschall Konjew in der Zeitschrift »Nowy Mir« das eFeldherrngenie und die strategische Einfühlungsgabe Stalins in der Schlußphase der Schlacht um Berlin. Auf einer Pressekonferenz fügte Konjew hinzu, daß Stalin - von seinen anfänglichen Irrtümern abgesehen - im Zweiten Weltkrieg an der Spitze der Roten Armee eine »positive Rolle« gespielt habe.

Marschall Bagramjan behauptete, Stalin habe die drohende Kriegsgefahr bereits im Frühjahr 1941 erkannt und befohlen, Verstärkungen in die bedrohte Ukraine zu verlegen.

Höhepunkt der schleichenden Aufwertung Stalins war die Rede Breschnews am 8. Mai, dem 20. Jahrestag des Sieges über Deutschland. Als Breschnew vor 5000 Funktionären im Kreml Stalin als Rußlands Führer im Zweiten Weltkrieg würdigte, brach ein Beifallssturm los.

Von allen sowjetischen Spitzenführern wirbt Breschnew am stärksten um die Gunst der Marschälle. Ihre Forderung, die Schwer- und Rüstungsindustrie stärker zu berücksichtigen, wurde prompt erfüllt. Im Januar erhöhte die Regierung die Haushaltsmittel für die Schwerindustrie zu Lasten der Chemie-Investitionen um 14 Prozent.

Im Juli legte die Statistische Zentralverwaltung in Moskau ihren Halbjahresbericht vor: Danach waren im ersten Halbjahr 1965 drei Millionen Tonnen Stahl mehr erzeugt worden als im ersten Halbjahr 1964.

Der Machtzuwachs der Armee wurde auch äußerlich sichtbar. Am 3. Juli beteuerte Breschnew vor Militärschülern im Kreml, die Partei werde sich künftig aller sachfremden Einmischungen in die Truppenführung enthalten. Die Armeezeitung »Roter Stern« ging sogar so weit, die Partei und den Komsomol als »verläßliche Stützen« des Offiziers zu bezeichnen - und damit die Führung der Armee durch die Partei in Frage zu stellen.

Der »Rote Stern« unterstützte auch eine Kampagne gegen pazifistische Tendenzen im sowjetischen Kulturleben. Die Schriftsteller wurden aufgefordert, den Sowjetpatriotismus und die »strahlende Gestalt des siegreichen Kriegers« zu verherrlichen.

Sowjetmarschall Krylow beschwerte sich in der Zeitung »Sowjetskaja Rossija« über die Disziplinlosigkeit der sowjetischen Jugend. Um die Wehrfreude zu heben, richtete die Armee »Häuser der Verteidigung« ein. In ihnen werden Jugendliche über ihre patriotischen Pflichten aufgeklärt.

Die »Prawda« schrieb: »Der Patriotismus ist jenes aktive Gefühl, das den Sowjetmenschen antreibt, ständig um die Interessen der Heimat, des lieben Sowjetstaates, besorgt zu sein.«

Am 11. Juli beugte sich Kossygin den Forderungen der Marschälle. Bis dahin war der Regierungschef für eine stärkere Berücksichtigung der Konsumgüterindustrie eingetreten. Jetzt, auf einer Massenkundgebung in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, bekannte sich Kossygin zu dem von Stalin aufgestellten Primat der Schwerindustrie.

Eisenfresser, Kommissare und Ideologen vereinten ihre Kräfte abermals im Zentralkomitee der Sowjet-KP, das Ende September zu einer Vollsitzung in Moskau zusammentrat.

Zwar durfte Kossygin das Hauptreferat halten und ein System materieller Anreize für die 200 000 Sowjetbetriebe fordern. Kossygin kündigte auch an, daß ein nach den Ideen des Charkower Reform-Ökonomen Liberman modelliertes Gesetz über die sozialistischen Betriebe - eine Art Magna Charta der Sowjetmanager - sogleich nach dem ZK-Plenum in Kraft treten werde.

Doch schon in der vom Zentralkomitee angenommenen Schlußresolution mußte sich Kossygin einige wichtige Abstriche von seinem Reformprogramm gefallen lassen. So wurde die von ihm geforderte Produktionsfonds-Abgabe (eine verschämte Umschreibung für den Kapitalzins) in der Resolution überhaupt nicht mehr erwähnt.

Die eigentliche Sensation war jedoch erst perfekt, als der Oberste Sowjet zwei Tage später, am 1. Oktober, im Kreml zusammentrat. Statt - wie von Kossygin angekündigt - die Magna Charta der Betriebsdirektoren zu verabschieden, überwies der Oberste Sowjet die Vorlage »zur Ergänzung und Abänderung« an eine 50köpfige Parlamentskommission. Vorsitzender der Kommission ist mit Kyrill Masurow ein Vertreter des stalinistischen Parteiflügels (SPIEGEL 43/1965).

Voll durchgesetzt haben sich dagegen die von Chruschtschow vor acht Jahren entmachteten Anhänger des stalinistischen Zentralverwaltungssystems. Die von Chruschtschow ins Leben gerufenen regionalen Planungsinstanzen - die Volkswirtschaftsräte - wurden abgeschafft, die alten Moskauer Industrie-Ministerien wieder in ihre Rechte eingesetzt.

Immerhin: Kossygins Position scheint für das nächste halbe Jahr gesichert. Das Zentralkomitee bestimmte ihn zu einem der beiden Hauptsprecher (der andere ist Breschnew) auf dem XXIII. Parteitag, der zum 29. März 1966 nach Moskau einberufen wurde.

Chruschtschow hatte 1959 den bis dahin üblichen fünfjährigen Planungszyklus als »stalinistisch« verdammt und durch einen Siebenjahrplan (1959 bis 1965) ersetzt. Kossygin wird am 29. März über den neuen Fünfjahrplan (1966 bis 1970) referieren.

Premier Kossygin

Mehr Macht

Expremier Chruschtschow

Mehr Gulasch

Parteichef Breschnew

Mehr Stahl

Sowjetspion Sorge

»Verdoppelt die Wachen ... Marschall Stalin*

... verdreifacht sie!«

* Gemälde des vierfachen Stalinpreisträgers Iraklij Toidse, 63.

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