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FDP Der Macher von Määnz

Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 22/1996

Auf einer Verbandstagung, zu der im Mainzer Europa-Hotel die rheinland-pfälzischen Sanitär- und Klimatechniker zusammengekommen sind, erörtert ein ausdrucksstarker Handwerksmeister impulsiv die triste Wirtschaftslage. In einem spritzigen Wortbeitrag schilt er die Staats- und Volksvertreter ob ihrer »Kopflosigkeit« - der eingeladene Polit-Promi rubbelt sich wiehernd das Doppelkinn.

Das sei »aber mal was«, entfährt es dem Freidemokraten Rainer Brüderle, »diese wunderbare Rede«, die ihm auch von der Sache her durchaus gerechtfertigt erscheint. Natürlich bringt er Verständnis auf für den um seinen Geschäftsgang besorgten Mittelstandsbürger. Nur leider müsse sich der verehrte Kritiker etwas in Geduld üben.

Denn er habe ja, wie jedermann wisse, »die Regierung noch nicht ganz übernommen«, witzelt der FDP-Häuptling in der Riege des roten Mainzer Provinzfürsten Kurt Beck. In letzter Zeit gefallen ihm solche und ähnliche Gags. Die immer gleiche Pointe gewinnt ihren Reiz daraus, daß sie der Realität ziemlich nahekommt.

Nein, das unumschränkte Sagen hat der quirlige Multi-Minister, der in Rheinland-Pfalz für Wirtschaft und Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau verantwortlich zeichnet, sicher nicht - aber er darf zufrieden sein. Spätestens seit im April die bundesweit letztverbliebene sozial-liberale Koalition in ihre zweite Legislaturperiode eingetreten ist, gibt es auf deutschen Regierungsbänken keinen vergleichbar schwergewichtigen Ressortleiter.

Von den zehn Milliarden Mark an Investitionen, die die sogenannte Anstoßwirkung ermöglichen sollen, geht da jede zweite über seinen Schreibtisch. Nachdem ihm ein großzügiger Kabinettsherr sogar noch das flächendeckende Dorfsanierungsprogramm anvertraute, wundert sich der Volkswirt selbst über »soviel Zuständigkeitszuwachs«.

Eine beharrlich vorangetriebene Politikerkarriere läßt sich in Mainz besichtigen. Der Schlüsselposition des 50jährigen Brüderle in der Exekutive gesellt sich der stellvertretende Bundesvorsitz hinzu, den er im Sommer vergangenen Jahres seiner Pünktchen-Partei abluchste. Sensationell wäre es mithin kaum mehr, würde der zähe Streber den laxen Bonner Chefökonomen Günter Rexrodt beerben.

Erkennbar zielt der in Berlin geborene Sohn eines Landauer Textilkaufmanns darauf ab - Grund genug für ihn, das ehedem reichlich lockere Schlappmaul öfter zu halten. Als er sich 1983 der gerade aus dem Parlament geflogenen Rheinland-Pfalz-FDP bemächtigte, nervte der Jungstar das liberale Establishment bisweilen mit Querschlägern a la Jürgen Möllemann. Die läßt er seit geraumer Zeit bleiben.

Fixiert auf seine Chancen, die er sich nach dem 8,9-Prozent-Gewinn bei der Landtagswahl ausrechnet, führt der lange als »Windmaschine« unterschätzte Brüderle heute eine weniger polarisierende Performance vor. Von Mutters Seite aus »Preuße«, mimt er den Määnzer Gemütskoloß, dessen auf Harmonie bedachtes »pfiffiges Wesen« er auch bei sich entdeckt hat.

Wann immer er durch sein Land kurvt - und das tut er am liebsten -, präsentiert er sich als der volksverbundene Hochleistungsträger. »Ei, trinke Sie nix? Sie habbe ja noch gar kää rote Bäckscher«, neckt der joviale Liberale etwa auf einem Weinfest in Speyer die Frau eines Parteifreundes. Aber das ist ja bloß der eine Part in seiner allzeit gute Laune verströmenden Selbstdarstellung. Der andere verlangt ihm ab, diese »bejahende Lebensart« um das »Kompetenz-Image« zu erweitern.

Gewiß sind die Zeiten lausig, und er tritt ihnen entgegen, indem er jetzt sogar die Socken angeblich eigenhändig stopft. Doch dem romantisch verklärten Appell, zu den alten Tugenden zurückzukehren, folgen dann eindringlicher die der Zukunftsgestaltung zugewandten Parolen. Der kleine Superminister räkelt sich in der Pose des größten Modernisierers in seiner ökonomisch maroden Republik.

Kein Schlagwort ist ihm da zu abgedroschen, als daß er es nicht mit Inbrunst in seine flammenden Stegreifreden einbringen würde. Von der überfälligen Verschlankung des Staates bis zum Ausbau des Internet spannt sich der Bogen. Die Botschaft heißt, daß in einer »an die französische Revolution erinnernden Umbruchphase« kaum ein zweiter so auf der Höhe der Zeit daherkommt wie der Rainer Brüderle.

Nachdem sich, worauf er besteht, unter dem Schirm der FDP der »freiheitliche Rechtsstaat weitgehend realisiert hat«, sieht der Bundesparteivize hier seine höchsteigene Herausforderung: Er ist der Mann, der den Liberalen in puncto Wirtschaftsprofil die festen und klaren Konturen verleiht.

Schreibt sich da ein fixer Springinsfeld eine ihm unangemessene Rolle auf den rundlichen Leib? Daß der linksrheinische Partei- und seit Jahrzehnten auch persönliche Freund »zum engsten Führungszirkel gehört«, bestätigt der leise FDP-Boß Wolfgang Gerhardt eher zurückhaltend. Die möglicherweise wahre Bedeutung Brüderles wird vor allem aus dem Bonner Kanzleramt kolportiert.

Den besorgten Bündnispartner macht die »Vielschichtigkeit« dieses gelenkigen Freidemokraten zunehmend mißtrauisch. Zwar läßt sich aus Sicht der Konservativen an der Programmatik des marktpolitischen Hardliners wenig aussetzen - um so argwöhnischer betrachten die Unionschristen dessen wachsende Nähe zur SPD.

Gibt es nicht Indizien dafür, daß in Mainz an mehr gewerkelt werden könnte, als dort nur ein »sozial-liberales Biotop« (Trierischer Volksfreund) zu hegen? Wie denn sonst, wird gefragt, lasse sich die Funktions- und Ämterfülle des FDP-Kombattanten deuten? Der von Beck gepäppelte und nun auch mit Blick auf Bonn ambitionierte Brüderle gilt den schwarzen Strategen als hoher Unsicherheitsfaktor.

Und die eitle Verdachtsperson fühlt sich hinreichend geschmeichelt. Daß man derart über ihn denke, wundere ihn nicht, freut sich der robuste Mehrzweck-Minister, um danach noch ein bißchen wider den Strich zu bürsten. In seiner Partei sage ja »keiner mehr das im Grunde Selbstverständliche": Die FDP, wolle sie nicht »zur Unterabteilung« ihres jeweiligen Koalitionspartners dahinschrumpfen, müsse sich grundsätzlich allen Optionen öffnen.

Brüderles relative Genossenliebe hat dabei so gut wie nichts mit inhaltlichen Präferenzen zu tun. Sie entspringt wohl eher den Zufällen des Lebens - zu Anbeginn seiner politischen Vita hat er als schwungvoller Diplom-Volkswirt dem damaligen roten Mainzer Oberbürgermeister die städtische Wirtschafts- und Verkehrsförderung aufgemöbelt.

Den alten Fuhrmann Jockel Fuchs, einen von seinem Habitus her nahezu parteineutralen Hierarchen, nennt der blaugelbe Musterschüler noch heute einen teuren Freund. »Der hat mich geprägt«; soll heißen: eine Erkenntnis in ihm gefördert, die exakt seinem Naturell gerecht wird - pfiffig-erfolgsorientierte Politik läßt sich in Rheinland-Pfalz bloß »querbeet« treiben.

So geschah es, daß der 1987 zunächst mit der CDU verbandelte liberale Wirtschaftsminister seinen Job ohne Brüche in eine SPD-dominierte Liaison überführte. Der neue Regierungschef hieß 1991 Rudolf Scharping; seit dessen Abmarsch nach Bonn zeigt sich Rainer Brüderle dem stets konzilianten Erbfolger Kurt Beck gewogen.

In der Tat hat sich im wonnigen Mainz eine Corona - der FDP-Matador: »eine Kernmannschaft« - der besonderen Art herausgebildet. Die auf Duzfuß stehenden Herren fühlen sich auch privat verbunden: Der Rudolf und der Rainer gehen schon mal gemeinsam Hosen kaufen. Der Rainer feiert mit dem Kurt Geburtstag - oder er läßt sich von der Frau des Regenten, einer Friseuse, die Haare schneiden.

Tue Gutes und rede darüber. Solange der Macher Brüderle seiner »genetisch bedingten Leidenschaft am Gestalten« frönt, hat er diese Maxime nie aus den Augen verloren. Die Res publica bedarf der Public Relations - und am besten sind die aufregenden. Das Lamento im Lande, als er auf dem Höhepunkt des Wahlkampfs 1368 ehemalige und amtierende Weinköniginnen zu sich einlud, erfüllt ihn noch immer mit Stolz. Warum also sollte er schamhaft verschweigen, wieviel Menschlichkeit auf dem von ihm beackerten politischen Felde waltet? »Mir bescheiße uns halt net«, sagt der Freidemokrat, der sich begeistert seiner »kleinbürgerlichen Wurzeln« rühmt, im Tonfall des Beiläufigen. In Wahrheit ist das ein sorgsam auf seine Wirkung hin überprüfter rustikaler Werbeslogan.

Vermutlich käme er damit in der Öffentlichkeit noch besser an, stünde ihm nicht häufig sein sprunghaftes Ego im Wege. Einerseits sieht er sich gern als der personifizierte »Fröhliche Weinberg«, wie ihn der rheinhessische Dichter Carl Zuckmayer beschrieben hat; zugleich rumort in Brüderle dann aber auch wieder der disziplinierte Preuße in Gestalt des Carl von Clausewitz.

Dessen militärisches Denken sei ja von einer »phantastischen Logik« begleitet gewesen, schwärmt der Liberale - und wahrscheinlich hat er dem Fundus dieser Identifikationsfigur seine Lieblingsvokabel entliehen: Bemüht sich der rheinland-pfälzische FDP-Oberbefehlshaber, politische Konstellationen zu analysieren, klärt er »die Gefechtslage«.

Von der Gefechtslage her wäre es »dringewesen, nach dem ermutigenden Landtagswahl-Ergebnis ein weiteres Ministerium zu fordern«, doch das mochte er nicht. Stärker ist die Kraft, erkannte Brüderle, die in der Stunde des Sieges »die Strukturen voranbringt«.

So hat er denn den Genossen in der Koalitionsvereinbarung »Signale« abgerungen, die er »auch als Signale für Bonn« versteht. In Rheinland-Pfalz soll eine komplette Verwaltungsebene - die der Bezirksregierungen - liquidiert werden. Gibt es Streit im Hinblick auf bevorstehende Bundesratsentscheidungen, tritt der scheinbar seriöse Makler als Glücksspieler an: Wenn es sein muß, will er das mit Kurt & Co. auslosen.

»In meiner Partei sagt keiner mehr das Selbstverständliche«

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