Zur Ausgabe
Artikel 31 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SPD Der macht auch was

Der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt ist wieder da - und will wieder mitmischen.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Die gepanzerte Limousine mit Bonner Kennzeichen rollt Richtung Brüssel. Im Fond lehnt sich Willy Brandt, SPD-Ehrenvorsitzender und Präsident der Sozialistischen Internationale, entspannt in die Polster: »Selbstverständlich bleibt es bei dem, was ich damals gesagt habe: kurztreten, weniger Termine.« Damals, das ist fast 30 Monate her, nachdem er den Parteivorsitz an Hans-Jochen Vogel übergeben hatte.

Er hat kaum ausgesprochen, da drängt sich, am Dienstag vergangener Woche, mit eingeschaltetem Blaulicht ein belgischer Polizeiwagen vor die Limousine des Altkanzlers. Zwei Polizisten auf Motorrädern räumen die Spur, Minuten später stoppt die Kolonne vor Schloß Laeken: König Baudouin empfängt den Alt-Sozi in Privataudienz.

Ein Gesprächsmarathon beginnt, der fast 76jährige hetzt an diesem und am nächsten Tag bis in die Nacht hinein von Termin zu Termin. Das geht so seit Anfang Oktober: Athen, Paris, Moskau, Seoul, Mailand, Amsterdam.

Hat der Sozialdemokrat eben noch mit dem Bild eines Polit-Pensionärs mit literarischer Passion kokettiert, schlüpft er nun mit Lust ins vertraute Trikot eines Spielmachers in einem aufregenden Match. EG-Kommissionspräsident Jacques Delors, die Mehrzahl seiner Kommissare, ranghohe Emissäre europäischer Regierungen, Hunderte von Reportern in überfüllten Pressekonferenzen, die Sozialistische Fraktion des Europäischen Parlaments - alle wollen in Brüssel O-Ton Brandt hören: Wie es war in jener Nacht, als die Berliner Mauer brach; was sich im geteilten Deutschland verändert; ob und wie es weitergeht mit dem gemeinsamen Europa, wenn die deutsch-deutsche Grenze durchlässig bleibt oder gar fällt.

300 Genossen aus dem Brüsseler SPD-Ortsverein drängen sich in der dortigen Botschaft Nordrhein-Westfalens, um »Willy« zu rufen und zu hören. Und er erzählt, wie er als Regierender Bürgermeister 1961 in Berlin »junge Menschen davon abhalten mußte, durchs Brandenburger Tor zu stürmen, denn da standen die Panzer«. Und jetzt im November 1989 gingen Polizisten aus West- und Ost-Berlin »aufeinander zu und gaben sich die Hand«. Und am 10. November sei er - weil er wieder mal keinen Paß dabeihatte - sogar ohne Ausweis nach drüben gekommen, nur weil der Vogel gesagt hat: »Den kennen Sie doch«.

Den Brüsseler Genossen berichtet Brandt, was er auch Delors gesagt hat: Die Deutschen, Koalition wie Opposition, halten - was immer in Osteuropa geschehen mag - am gemeinsamen Europa fest. Nicht als Hieb, nur mit zartem Spott kommen Anmerkungen über * Am 10. November am Grenzübergang Invalidenstraße. CDU-Kanzler Helmut Kohl vor dem Schöneberger Rathaus, in dessen »Kreisen« sich wohl die »Vorstellung eingenistet« habe, er werde »als Kanzler der deutschen Einheit« in die Geschichte eingehen: »Der hat dort ein bißchen geeiert, der verehrte Herr Bundeskanzler.«

Kleine Stiche, spüren soll sie der andere, schmerzen sollen sie nicht. Über die ihm von Kohl angedichtete Männerfreundschaft lächelt Brandt nachsichtig: »Das Bild paßt ihm wohl in den Kram, aber es stimmt hinten und vorne nicht.«

Keine Frage, Willy Brandt ist, 15 Jahre nach seinem Rücktritt als Kanzler, zweieinhalb Jahre nach seinem Abgang als Parteivorsitzender, wieder zu einer Schlüsselfigur der Sozialdemokraten geworden, nicht nur auf der Weltbühne der Sozialistischen Internationale, sondern auch in der innenpolitischen Szene - bis hinein zu Konservativen und Liberalen reicht neuerdings die Zustimmung für den Vater der Ost- und Entspannungspolitik.

Und er genießt es - so wie ihm die Teilhabe an der Weltpolitik anzumerken war, als er im Oktober KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow in Moskau seine Aufwartung machte und dabei als erster westlicher Politiker vom bevorstehenden Rücktritt Erich Honeckers unterrichtet wurde.

Am vorletzten Freitag ließ der Kreml-Herr in Berlin seinem Gesprächspartner Brandt eine von ihm unterschriebene Depesche in den Bierkeller des Berliner »Steigenberger«-Hotels bringen: Er habe aufgrund der TV-Bilder aus der geteilten Stadt größte Sorgen vor »einer gewaltigen Konfrontation«. Er bitte Brandt, sich in dieser gefährlichen Situation für die »Nicht-Antastbarkeit« der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten einzusetzen.

Die »demokratische Revolution« (Brandt) in der DDR hat den Ehrenvorsitzenden auch in der SPD wieder zum politischen Akteur reaktiviert. Er beschreibt seine neue Rolle so: »So langsam schält sich heraus, daß die Partei, daß führende Leute der SPD den Ehrenvorsitzenden nicht allein in seiner Ehrenfunktion betrachten, sondern erwarten, daß man etwas mittut.« Und nach einer Pause: »Der macht auch was, sehr dosiert, immer darauf bedacht, anderen nicht ins Gehege zu kommen.«

Diese Sorge scheint überflüssig. Partei- und Fraktionschef Vogel macht sich gern die guten Dienste und die Autorität seines Vorgängers zunutze, um Ängste in der Partei abzubauen und auf die vielen Fragen Antworten zu finden: Kann die Union die Emotionen der Bürger nach Öffnung von Mauer und Grenze in Wählerstimmen umwandeln? Findet sie jetzt Zustimmung mit ihrer Prognose, der Sozialismus werde scheitern? Wird ihr Verlangen nach Wiedervereinigung plötzlich populär? Wird sich der Bankrott der Einheitssozialisten in der DDR negativ auf die Zukunft der Sozialdemokraten auswirken?

Der Vorgänger spielt für Vogel in der parteipolitischen Auseinandersetzung der kommenden Monate, so ein Berater des Parteichefs, »eine wichtige strategische Rolle«, denn er sei »derjenige, der den Einheitsgedanken nie verbaut hat«.

Tatsächlich hat Brandt nie nach Wiedervereinigung gerufen: »Wie könnte ich etwas verlangen, was es nie gegeben hat!« Nie hat er die im Grundgesetz beschworene »Einheit« in Frage gestellt. Sie steht für ihn aber erst zur Debatte, wenn sich die Bürger der DDR in freier Selbstbestimmung zu einer wie immer gearteten Form des »Zusammengehens« mit der Bundesrepublik entscheiden.

Am vorletzten Samstag, nach Rückkehr von seinem Besuch in West- und Ost-Berlin, ließ sich Brandt zum erstenmal nach seinem Rücktritt wieder im SPD-Vorstand blicken. Die Genossen feierten ihn und überredeten den Zögernden mit rhythmischem Klatschen zu einem Auftritt vor der Bonner Presse, Seite an Seite mit Vogel. Brandt sagte auch zu, auf dem SPD-Parteitag am 18. Dezember zur Deutschlandpolitik zu reden. An diesem Tag wollte er sich eigentlich drücken - »weil ich Geburtstag habe und die doch nur wieder sülzen«.

Seit Montag voriger Woche ist überdies klar, daß Brandt auf Wunsch seiner Genossen auch in den nächsten Bundestag einziehen will. Johannes Rau meldete die Reservierung eines sicheren Listenplatzes. Brandt: »Als ehemaliger Kanzler ist man eh in Bonn, und wenn man eh da ist, kann man auch gelegentlich eine Rede halten.« f

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.