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»Der macht keinen Fehler«

Einer der mächtigsten Männer der alten DDR, Alexander Schalck-Golodkowski, hat den Untergang des SED-Staates auf wundersame Weise bislang unbeschadet überstanden - obwohl der Top-Manager der Stasi seine Hände in fast allen unsauberen Geschäften des realen Sozialismus hatte. Die Justiz fahndet nach 22 Milliarden seines geheimen Wirtschaftsimperiums. Eine Spur führt zur westdeutschen Bank für Gemeinwirtschaft.
aus DER SPIEGEL 19/1991

Für den letzten SED-Chef, Egon Krenz, ist der Mann bis heute »unser fähigster Ökonom«. Die Bonner Vertreter in Ost-Berlin, Günter Gaus und Klaus Bölling, priesen ihn - als der sozialistische deutsche Staat noch in voller Scheinblüte stand - einmütig als knallharten, aber ehrenwerten Top-Manager und Politprofi. Und der einstige CSU-Chef, Franz Josef Strauß, erinnert sich einer aus der alten Führungsgarnitur der SED, behandelte ihn »fast wie einen Sohn«.

Für den gemeinen Deutschen in Ost und West allerdings ist der Ex-Genosse Alexander Schalck-Golodkowski, 58, die zwielichtigste aller dubiosen Figuren aus dem untergegangenen Ostreich - und der Umgang der westdeutschen Politik mit dem größten Gewinnler der Einheit ein Skandal.

Nach außen hin nahm er in der ostdeutschen Nomenklatura nur einen mittleren Rang ein. Er war Staatssekretär im Ministerium für Außenhandel. Aber der Einheitssozialist Alexander Schalck-Golodkowski, die graublaue Eminenz aus der Kulisse des Erich Honecker, war mit der mächtigste Mann der Deutschen Demokratischen Republik, mächtiger jedenfalls als die meisten Genossen aus der Führungsspitze, dem Politbüro der SED.

Denn Schalck verwaltete die Kriegskasse von Partei und Staat, viel Ost-Billiggeld, aber vor allem harte West-Mark. In den 22 Jahren seiner Tätigkeit *___holte er, dem Embargo der Nato zum Trotz, elektronische ____Geräte für zehn Milliarden Mark ins Land - das Arsenal ____des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zur ____Überwachung der eigenen Bürger; *___stattete er die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), den ____Spionageapparat der Stasi, mit Valuten für »operative ____Zwecke« aus; *___schaufelte er, nach eigenem Bekunden, 50 Milliarden ____(West) in die DDR, nach Geheimdienst-Berechnungen waren ____es sogar 100 Milliarden; *___legte er in Ost wie auch in West etwa 1000 Konten an, ____von denen bis heute erst ein paar Dutzend überprüft ____sind.

In Schalcks Wirtschaftsimperium versickerten, so der bisherige Erkenntnisstand der Justiz, rund um die DDR-Wende Hunderte von Millionen DM - »klärungsbedürftig«, so die Staatsanwaltschaft, sei der Verbleib von insgesamt 22 Milliarden Mark, rund sechs Prozent des Bundeshaushalts oder präzise die addierten Etats 1991 von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg.

Ohne Schalck lief nichts, was teuer war, in der alten DDR. Die Bonzen versorgte er mit westlichem Luxus und das einfache Volk zu Weihnachten mit Apfelsinen, Bananen und echter Schokolade. Er beschaffte ostdeutschen Konzernen dringend benötigte Ersatzteile und der Nationalen Volksarmee militärisches Know-how von bester Qualität.

Der Honecker-Vertraute verscherbelte Waffen an jeden, der in Devisen zahlte - Hauptsache, die Kasse stimmte. Und an den Klassenfeind in Bonn verhökerte er im Auftrag des SED-Chefs jahrelang politische Häftlinge, für 95 847 Mark pro Dissidenten-Nase - nach der klassischen Maxime der Kapitalisten: Geld stinkt nicht.

Das biedere Outfit als Staatssekretär war nur Tarnung. In Wahrheit war der Devisenbeschaffer Schalck ein Top-Manager des Ministeriums für Staatssicherheit.

Der MfS-Offizier, in der Stasi-Hierarchie an 14. Stelle und einem Generalleutnant gleichgestellt, unterstand direkt dem Minister Erich Mielke. Um die Aktivitäten seines Spitzenmannes abzusichern, richtete Mielke eine eigene Spezialabteilung ein, deren Tätigkeit wie ein Staatsgeheimnis behandelt wurde: die »Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung«, im DDR-typischen Kürzel AG/BKK genannt. Deren Mitglieder bildeten den harten Kern jener Organisation, über die Schalck seine Geschäfte betrieb: die Abteilung »Kommerzielle Koordinierung« des Zentralkomitees der SED, kurz KoKo genannt. KoKo war in der SED-Hackordnung direkt dem im Politbüro für die Planwirtschaft zuständigen Genossen Günter Mittag zugeordnet.

Ohne das wirtschaftliche und technologische Know-how seines Zuträgers Schalck war Erich Mielke aufgeschmissen, beim Bespitzeln der eigenen Bürger ebenso wie beim Ausspähen des Klassenfeindes im Westen; und Mittags marode Planwirtschaft lief nur dank der Cleverness des Stasi-Managers halbwegs rund - Schalck war die Spinne im Netz der Diktatur, unentbehrlich für die Sicherung der sozialistischen Macht.

Nicht nur Bürger der ehemaligen DDR sind fassungslos, daß der Finanzier des untergegangenen Unrechtsstaats heute als bürgerlicher Biedermann unbehelligt im Westen lebt, in einer komfortablen Villa am Tegernsee. Auch dem Bundeskanzler ist das Wohlleben des Alexander Schalck-Golodkowski nicht geheuer. Helmut Kohl unlängst in Bild: »Eine schillernde Figur . . . Ich finde, es ist an der Zeit, daß die Staatsanwaltschaft jetzt die Ermittlungen abschließt und dafür sorgt, daß er sich vor einem ordentlichen Gericht verantworten muß.«

Doch danach sieht es bislang nicht aus. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, zuständig für die Verfolgung von Staatsfeinden und Agenten, hat angeblich keine Handhabe gegen Schalck. Der oberste Ermittler läßt erklären, es gebe nicht genügend Anhaltspunkte, daß der Top-Agent Mielkes tatsächlich gegen die Bundesrepublik gearbeitet hat. Es sei nicht einmal hinreichend belegbar, so argumentiert der Generalbundesanwalt, daß Schalcks KoKo-Organisation wirklich eine »integrative Abteilung« der Stasi gewesen ist.

Was sonst? Aus der Gehaltsliste des MfS von 1989, die auch den Karlsruher Oberanklägern zugänglich ist, geht hervor, daß die Kerntruppe von KoKo sämtlich aus hauptamtlichen Bediensteten des MfS bestand - straff organisiert in der AG/BKK des Mielke-Ministeriums. Die MfS-Liste umfaßt 113 KoKo-Namen, darunter außer Schalck und dessen Ehefrau Sigrid der Schalck-Stellvertreter Manfred Seidel und die Oberfunktionäre Karl Meier und Klaus-Dieter Neubert.

Laut Mielke-Order vom 1. September 1983 hatten Schalck und seine Leute alle Möglichkeiten, KoKo »für die politisch-operative Arbeit« der Stasi einzusetzen. Per Anweisung des Geheimdienst-Ministers war Schalck zudem die Beschaffung von Embargo-Waren übertragen - darunter kriegswichtige technische Geräte.

Über die Embargo-Geschäfte in Milliardenhöhe - immerhin Straftaten nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz - hat Schalck dem Bundesnachrichtendienst (BND) bereitwillig erzählt. Dem Generalbundesanwalt aber reichen auch diese Geständnisse nicht, gegen den Stasi-Manager vorzugehen.

Bei anderen MfS-Offizieren war von Stahl nicht so zögerlich. In München stehen derzeit der Stasi-Generalmajor Harry Schütt, 60, und sein Oberstleutnant Günter Rudolf Böttger, 52, vor Gericht, weil sie einen BND-Mitarbeiter in Pullach, der zugleich klammheimlich in MfS-Diensten stand, von Ost-Berlin aus betreut und beaufsichtigt haben (SPIEGEL 16/1991).

Zwischen den Taten des Stasi-Generals Schütt und denen des Stasi-Managers Schalck ist rechtlich kein großer Unterschied. Auch illegaler Technologietransfer, wie ihn Schalck organisierte, gilt vor westdeutschen Gerichten als landesverräterisches Delikt.

Der westdeutsche Ingenieur Hans Jochheim beispielsweise, der Schalck mit Embargo-Ware beliefert hat, wurde vom Oberlandesgericht Celle zu 40 Monaten Haft verurteilt. Die Celler Richter werteten den illegalen Technologie-Transfer nicht nur als Wirtschaftsstraftat, sondern auch als »geheimdienstliche Agententätigkeit«.

Die Schonung des KoKo-Chefs läßt in Bonn bereits die Gerüchte wuchern. Schalck, so kolportieren hohe Regierungsbeamte, habe dem BND in Pullach, der den SED-Dissidenten nach dessen Flucht in den Westen ausgiebig befragte, womöglich Hunderte Millionen harter Währung für einen Geheimfonds geliefert. Das Geld stamme von verborgenen DDR-Konten im Ausland, zu denen allein Schalck-Golodkowski bis heute Zugang habe.

Politiker im Kanzleramt halten diesen Verdacht für »absurd«. Der MfS-Mann habe zwar bereitwillig über die Struktur von KoKo berichtet, aber nicht über KoKo-Finanzen und den Verbleib von KoKo-Geldern. Weiter sei nichts gewesen; der BND habe sogar Schalcks Bitte abgelehnt, ihn mit einer neuen Identität auszustatten.

Mehr Sinn macht in der Tat eine andere Version. Schalck, Träger des ostdeutschen Karl-Marx-Ordens und des »Großen Sterns der Völkerfreundschaft«, plauderte auch ungeniert über die Geschäftspraxis westdeutscher Elektronik-Industrieller, die entgegen den Bestimmungen der Cocom-Liste und damit kriminell »hochsensible Ware« in den Osten verkauft haben; dieses Wissen sei den Pullachern soviel wert gewesen, daß sie fürsorglich anregten, im Fall Schalck doch kurzzutreten.

So sieht sich die Staatsanwaltschaft in Berlin, die an der Aufklärung der Finanzmanipulationen Schalcks arbeitet, heillos überfordert.

Die Berliner Ermittler wollen herausfinden, wo all die Devisen geblieben sind, die der SED-Finanzier Schalck auf den 1000 Konten daheim und im westlichen Ausland über die Jahre angehäuft hat. Die Aufgabe mußte zunächst ein einzelner Staatsanwalt bewältigen - unterstützt von sechs Beamten der Berliner Kripo-Sonderkommission »Regierungskriminalität«, die sich um Aufarbeitung des SED-Unrechts bemüht. Inzwischen kümmern sich um Schalck und KoKo immerhin zwei Staatsanwälte.

Allein in Berlin müssen sie einen Berg von 1100 Aktenordnern mit Ko-Ko-Vorgängen sichten, weitere 2000 Ordner mit wichtigen Dokumenten sind inzwischen über zahlreiche Archive westdeutscher Behörden in den alten Ländern verstreut. »Die Aufarbeitung dieses Materials«, klagt ein Justizbeamter, »ist in ein paar Monaten mit sowenig Personal nicht zu schaffen.«

In Bonn und den alten Bundesländern, so die Berliner, sei das Interesse an der Aufarbeitung der KoKo-Hinterlassenschaft ziemlich gering. »Über Ko-Ko«, sagt ein Insider, »weiß in Bonn bis heute kaum jemand Genaueres, und keiner will es eigentlich wissen.«

In diesem Jahr, verkündete die Berliner Justizsprecherin Jutta Burghart vorsorglich, werde auf keinen Fall Anklage gegen Schalck erhoben. »Es ist sogar fraglich«, so Frau Burghart in der Frankfurter Allgemeinen düster, »ob er überhaupt angeklagt wird.«

Dabei ist allein das, was der Berliner Schalck-Staatsanwalt Bernhard Brocher, 36, bisher zusammengetragen hat, nicht gerade Kleinkram. »Ausweislich bisheriger Ermittlungen«, so eine interne Justizanalyse, sei »der Verbleib von mehreren 100 Millionen DM unklar bzw. sie sind nicht mehr auffindbar. Im Gesamtbereich Kommerzielle Koordinierung sind insgesamt mehr als 22 Milliarden DM klärungsbedürftig« - der Verdacht liegt nahe, daß ein Großteil davon weg ist.

Brocher sucht beispielsweise *___1,425 Milliarden, die auf ausländischen KoKo-Konten in ____Luxemburg, Liechtenstein, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz lagerten; *___2,521 Milliarden auf Sonderkonten des ____Stasi-Ministeriums (Nummer 528) und des ____Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker (Nummer 628) bei ____der Deutschen Handelsbank (DHB) in Ost-Berlin; *___22,92 Milliarden Mark (Ost) auf KoKo-Konten bei der ____Deutschen Außenhandelsbank. Schlußfolgerung der Justiz: ____"Falls diese Konten umgestellt worden sind, müßten ____Guthaben von 11,46 Milliarden DM existieren.«

Das Geld, wenn es denn irgendwo ist, gehört der Bundesrepublik, die solche Beträge dringend für die Finanzierung des Aufbaus im Osten braucht.

Zuständig für das gesamte Vermögen des KoKo-Imperiums ist die bundeseigene Treuhand-Verwaltung. Zu KoKo zählen 67 Schalck-Firmen im deutschen Osten, dazu 108 in West-Europa.

Allein die 20 getarnten westdeutschen Unternehmen setzten 1988, im Jahr der letzten von Honecker mit »einverstanden« quittierten KoKo-Bilanz, über drei Milliarden Mark mit Handelsgeschäften, Druckereien und Transportunternehmen um; für 1989 peilte Schalck fast vier Milliarden an - darauf vertrauend, daß die »in den letzten Jahren sich abzeichnende stabile Entwicklung« (Schalck an Honecker) anhalten werde.

Nach der Wende gingen diese Firmen an die Berliner Handels- und Finanzierungsgesellschaft mbH (BHFG) über, die sich in Ost-Berlin noch unter der SED-Regierung als KoKo-Nachfolgerin etablierte und die jetzt der Treuhand untersteht. Doch die BHFG, an deren Spitze der frühere stellvertretende Außenhandelsminister und Stasi-»Offizier im besonderen Einsatz« Jochen Steyer steht, kümmert sich bis heute weniger um das Wohl der Bundesrepublik als darum, die KoKo-Firmen in treue private Hände zu übereignen. Mehrere ehemalige Schalck-Unternehmen in Westdeutschland - so fanden Experten heraus - sind im vergangenen Jahr lautlos und schnell in die Hände neuer Eigentümer übergegangen, ohne daß die Treuhand davon erfahren hat.

Erwerber waren mehrfach - zu auffallend günstigen Konditionen - die von Alexander Schalck-Golodkowski zu Honecker-Zeiten eingesetzten ehemaligen Geschäftsführer der Ex- und Importunternehmen. So war es zum Beispiel bei der Essener Firma Intema. Sieben Jahre lang amtierte der Kommunistenfreund Detlef von der Stück als nur mittelmäßig bezahlter Geschäftsführer des Essener Handelshauses, dessen Umsatz Schalck »ständig zu Jubel-Arien« (ein KoKo-Insider) veranlaßte. 1988 waren es 630 Millionen, auch der Gewinn von 12,1 Millionen konnte sich sehen lassen.

Im April 1990 kaufte von der Stück die von ihm geleitete Firma »für einen zweistelligen Millionenbetrag« von fünf Gesellschaftern, die ebenfalls zu Schalcks Imperium gehörten. Woher er das Geld hatte, beschäftigt nun auch so stille Schalck-Beobachter wie die vom Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz.

Eine Vermutung legten die Geheimdienstler in einem internen Bericht über die Firmenverkäufe aus KoKo-Beständen nieder: _____« Es muß davon ausgegangen werden, daß die Aktivitäten » _____« (Umfirmierung, Verkäufe, Käufe, Neugründungen) auf » _____« Veranlassung des Bereiches KoKo bzw. seiner » _____« Nachfolgeeinrichtungen vorgenommen worden sind und dazu » _____« dienen, SED/PDS-Eigentum zu »privatisieren« und damit vor » _____« dem Zugriff der Treuhandanstalt zu verschleiern. »

Solche Vermutungen werden plausibel, wenn man Waltraud ("Traudl") Lisowski kennt. Die verdiente SED-Genossin ist Geschäftsführerin der Effect-Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH, einer Firma, die extra gegründet wurde, den KoKo-Nachlaß für die Treuhandanstalt zu verkaufen. Traudl Lisowski, Jahrgang 1935, entschied bis vor kurzem allein, an wen die ehemaligen KoKo-Dependancen gingen, nach welchen Kriterien, kontrollierte niemand.

Mit ihrer Berufung machte die Treuhand die Ziege zur Gärtnerin. Frau Lisowski gehörte jahrelang zu den Hauptakteuren in Schalcks Milliardenspiel. Sie war engste Mitarbeiterin von Schalck als Leiterin der KoKo-Abteilung »Westfirmen« und unter anderem zuständig für den unsauberen Teil - die Verfälschung von Bilanzen.

Die Geschäftsführer DDR-gesteuerter Firmen mußten erst einmal ihr ein bleistift-geschriebenes Rechenwerk der Einnahmen und Ausgaben vorlegen, bevor es Dokumentencharakter erhielt und dem westdeutschen Fiskus eingereicht wurde. Hatte ein Unternehmen beispielsweise bei einem Umsatz von 300 Millionen Mark rein rechnerisch einen Gewinn von 25 Millionen gemacht, verlangte Traudl Lisowski energisch Korrekturen.

Fürs Finanzamt, so die Weisung, sei die Summe »auf sieben bis acht Millionen« zu drücken. Und stets lautete die offizielle Begründung für derlei Manipulationen gleich, wie aus dem Lehrbuch für billige Propaganda: »Jede abgezwackte Mark ist ein Garant mehr dafür, daß die BRD weniger Panzer baut.«

Solche Gewinnreduzierung sei »kein Problem« gewesen, da auf der anderen Seite ein Staatsapparat dahinterstand, sagt ein früherer Ost-West-Kaufmann. »Dann konnte man alles machen.«

Das Treiben der Effect-Geschäftsführerin Lisowski stoppten vor wenigen Wochen die gegen Schalck ermittelnden Staatsanwälte Brocher, Christoph Schaefgen und ein Bonner Wirtschaftsministerialer. Sie setzten durch, daß die Schalck-Vertraute einen Aufpasser bekam, der die weiteren geschäftlichen Aktivitäten der Effect kontrolliert.

Ein anderer Schalck-Vertrauter kann hingegen auch weiter ungestört arbeiten: Ottokar Hermann, der vom schweizerischen Lugano eine ganze Gruppe von Firmen regiert - bei den meisten, wie der Intrac S.A., hielt KoKo hohe Anteile.

Der vielseitige Hermann arbeitete nicht nur im Kunstgeschäft und im Technologie-Handel; für die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), den Spionageapparat des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit, besorgte er nach Erkenntnissen westdeutscher Verfassungsschützer Paßdruck-Maschinen für Dokumente verschiedenster Länder.

Selbst die Tourismusbranche ließ der »flinke Otto«, dessen rechte Gesinnung so gar nicht zum antifaschistischen Getue Schalcks paßte, nicht außen vor. Auf Fuerteventura zog er, mit Hilfe seiner Holding Befisa, deren Tochter Inver Canary und reichlichen KoKo-Geldern den gediegenen Ferienpark »El Castillo« hoch, samt Jachthafen.

Die 400-Häuser-Anlage in der Bucht von Caleta de Fuste ist nun im Angebot. 200 Millionen Mark soll sie beim Verkauf bringen, doch über Einzelheiten will Hermann mit dem SPIEGEL nicht sprechen, »das hat mir die Treuhand geraten«.

»Klärungsbedürftig« ist für die Berliner KoKo-Forscher auch das dubiose Schicksal des Goldschatzes, den Schalck für schlechte Zeiten seiner DDR aufgehäuft hatte. »Zur Bildung von Reserven« für den schlimmsten Notfall, etwa eine plötzlich hereinbrechende Hungersnot, ließ der KoKo-Chef im Herbst 1988 und im Frühjahr 1989 Gold kaufen - einen Teil in London, den anderen an einem noch unbekannten Börsenplatz.

Für die 19,97 Tonnen Edelmetall, gegossen in 25-Kilo-Barren, zahlte KoKo 493,2 Millionen Mark West. Als nach Schalcks Flucht staatliche Revisoren im Keller des KoKo-Hauptquartiers an der Ost-Berliner Wallstraße den Schatz hoben, war er 1,23 Tonnen schwerer. Bis heute ist für die Berliner Staatsanwaltschaft »Herkunft und Finanzierung« des Restes »ungeklärt«.

Nachdem die Zollfahndung am 3. Dezember 1989 Außenhandelsminister Gerhard Beil unterrichtet hatte, ließ der sofort eine Sondertruppe des Innenministeriums in die Wallstraße rollen: 25 Mann hatten vier Stunden zu tun, um die Beute auf fünf Lastwagen zu verladen.

Ziel der streng bewachten Konvois war die Staatsbank; dort wurde das Gold im unterirdischen Tresor deponiert und am 6. Dezember inventarisiert. Wert zu diesem Zeitpunkt: 482 Millionen. 20 Jahre sei er nun hier tätig, staunte der Tresorverwalter, doch soviel Gold auf einmal habe er noch nie gesehen: »Der höchste Stand war 1,2 Tonnen.«

Die Regierung de Maiziere verkaufte das Gold wenige Tage vor der Währungsunion für 463 Millionen an die Staatsbank - ein wirtschaftlich unsinniges Geschäft, dessen Zweck sich die Justiz nicht erklären kann. Denn die Staatsbank zahlte, wie damals noch üblich, in Mark der DDR.

Der Verkaufspreis lag nicht nur knapp 20 Millionen unter dem Wert, der auf dem Weltmarkt in harter Währung zu erzielen gewesen wäre. Da die Konten im Verhältnis 1:2 umgestellt wurden, halbierte sich zudem automatisch der Erlös.

Das von der Staatsbank so günstig erworbene Gold aber wurde zusammen mit dem DDR-offiziellen Geldinstitut gleich darauf bei der Währungsumstellung am 1. Juli 1990 teilprivatisiert. Den Schatz teilen sich nun die neuen Aktionäre: verschiedene Geschäftsbanken und der Bund.

Während das Goldgeschäft ganz offen in die Bilanz der Staatsbank aufgenommen wurde, bleibt bis heute ein zweiter Schatz der kriminellen Schalck-Organisation geheimnisumwittert. Ebenfalls unter Schalcks Hauptquartier in der Wallstraße, im Verschlag 0017, soll Ko-Ko Juwelen und Geschmeide im Materialwert von einer halben Milliarde Mark gehortet haben.

Ostdeutsche Rechtsexperten vermuten, daß ein Teil der Pretiosen aus dem Besitz von Übersiedlern stammt, denen der Staat vor ihrem Grenzwechsel Häuser, Edelsteine und Antiquitäten gegen Billigstpreise abpreßte; das Geschäft organisierte in aller Regel die von der Ko-Ko-Hauptabteilung II geleitete »Kunst und Antiquitäten GmbH« (siehe Kasten Seite 52).

Vom Schmuck-Schatz will Schalck nichts wissen. Er halte es sogar für »unwahrscheinlich«, daß es ihn überhaupt gegeben habe, erklärte er unlängst der Nachrichtenagentur ADN - schob aber gleich die Vermutung nach, sein Stellvertreter Manfred Seidel könnte ihn angesammelt haben.

Vielleicht, so Schalck, seien es »Staatsgeschenke« gewesen, die in den Panzerschränken von Erich Honecker oder Günter Mittag oder »einzelner SED-Ressorts geparkt« hätten. Seidel konterte seinen Ex-Chef giftig: »An dem Ganzen ist überhaupt nichts wahr.«

Wahr ist immerhin, daß Schalcks devisengeile KoKo in großem Umfang Westgegenstände verhökerte, die MfS-Spezialisten der Abteilung M beim notorischen Fleddern von Westpaketen in ber 1982 in Moskau Kreml-Chef Leonid Breschnew starb, nutzten die DHB-Banker ihren Informationsvorsprung, um per Fernschreiber noch schnell vor einem vorhersehbaren Kursanstieg an den internationalen Börsen Dollar für die DDR hereinzuholen.

Die SED-Spekulanten gerieten nur kurz aus dem Takt, als sie geschlossen zum Kondolenzbesuch in der nahegelegenen Sowjet-Botschaft Unter den Linden abkommandiert wurden. Direktor Ziesche drückte aufs Tempo, die DHB-Genossen fielen in der Botschaft durch ihre Beileidseile auf. Doch bei Börsenschluß hatten sie eine Million Dollar Gewinn gemacht.

Die Deutsche Handelsbank ist eines der Filetstücke aus der Hinterlassenschaft des Schalck-Imperiums - und ihr Verkauf eine der merkwürdigsten Transaktionen seit dem Vollzug der deutschen Einheit.

Mehrheits-Erwerber des einstigen SED-Schatzkästleins ist die Frankfurter Bank für Gemeinwirtschaft. Die früher gewerkschaftseigene BfG ist seit 1986 zu über 50 Prozent im Besitz der Aachener und Münchener Beteiligungsgesellschaft des Finanzkaufmanns Helmut Gies, 62. Der Kauf der BfG erwies sich für Gies, entgegen den Prognosen, bislang als unrentabel. Bis 1993 soll sich das Institut durch Schließung von zahlreichen Filialen und Stellenabbau gesundschrumpfen.

Daß sich Westdeutschlands Bankhäuser im stillen um die Zentralstelle des Schalck-Imperiums bemühten, hatte im vergangenen Herbst den Bundesnachrichtendienst alarmiert, der offenbar ein scharfes Auge auf das KoKo-Institut hielt. Am 12. November letzten Jahres schickte der neue BND-Chef Konrad Porzner eine vertrauliche Notiz (AZ: 909-0168/90 VS-NJD) an die Bonner Regierungszentrale, »betr: illegaler Geldtransfer der Handelsbank«.

Porzners Spitzel hatten spitzgekriegt: »Die Handelsbank beabsichtigt, ihre Gesellschaftsanteile an Intrac, Forum, Transinter« - alles Firmen aus der Ko-Ko-Erbmasse - »an eine West-Berliner Privatbank zu verkaufen . . . somit würde der Treuhand Vermögen entzogen.«

Tatsächlich verhandelte die DHB im Herbst 1990 mit der Berliner Handels- und Frankfurter Bank (BHF-Bank) in Frankfurt über einen Verkauf des ganzen Geldinstituts. Das Geschäft platzte in letzter Minute. Warum, teilte die BHF nicht mit. Branchenkenner vermuten, den Frankfurtern sei rechtzeitig ein Licht über die Vergangenheit der DHB aufgegangen.

Statt dessen kaufte - nur drei Tage nach Porzners Warnung an die Bonner - völlig überraschend die Bank für Gemeinwirtschaft einen DHB-Anteil von 64 Prozent. Preis für die Übernahme: 270 Millionen Mark.

Der Deal lief zwischen der Abteilung »Geld und Kredit« des Bundesfinanzministeriums und der BfG-Spitze. Die Treuhand, die als Verwalterin des Ko-Ko-Vermögens die restlichen 36 Prozent der DHB hält, wurde bei dem Geschäft glatt übergangen.

Der DHB-Kauf war für die BfG ein lohnendes Geschäft. Allein die Barmittel des Instituts beliefen sich nach Angaben eines kompetenten Mitglieds der Regierung Modrow beim Verkauf auf 200 Millionen Mark. Dazu kommen diverse Beteiligungen an KoKo-Firmen und am Internationalen Handelszentrum in der Ost-Berliner Friedrichstraße.

Am Handelszentrum, dessen Verkehrswert derzeit irgendwo zwischen 300 und 500 Millionen veranschlagt wird, ist die DHB mit 29 Prozent beteiligt. Außerdem hält sie Anteile an den früheren KoKo-Firmen Intrac-Handelsgesellschaft (29 Prozent, Stammkapital: 101 Millionen DM) sowie der Intershop-Betreibergesellschaft Forum (50 Prozent), die heute Hanco-Handels- und Cooperations Vermögensverwaltungsgesellschaft heißt und deren Eröffnungsbilanz immerhin 800 Millionen DM bei einer Gewinnrückstellung von 500 Millionen auswies; über Intrac ist die Deutsche Handelsbank auch am Stammkapital der Firma Transinter beteiligt, die sich heute Berliner- und Handelsvertreter-GmbH nennt.

Insgesamt hat die BfG nach Berechnungen von intimen Kennern der Ko-Ko-Strukturen beim Kauf der Deutschen Handelsbank rund 70 bis 80 Millionen verdient.

Richtig spannend wird der BfG-Deal freilich erst wegen eines Sümmchens, das bislang noch in keiner Gewinnrechnung aufgetaucht ist: Knapp eine Milliarde Mark West hat die nun mehrheitlich den Frankfurter Gemeinwirtschaftlern gehörende SED-Bank im stillen beiseite gelegt.

Am 20. Juli 1990, 20 Tage nach Inkrafttreten der deutsch-deutschen Währungsunion, überwies die DHB nach Erkenntnissen der Justiz »von den mit der Währungsumstellung entstandenen DM-Guthaben« insgesamt 950 Millionen DM auf ihr Konto Nr. 26404 bei der Ost-West-Handelsbank in Frankfurt. Das sowjetische Geldinstitut ist eine von vier Geschäftsbanken des Kreml im Westen.

Die knappe Milliarde setzt sich - nach dem bisherigen Recherchenstand - zum großen Teil aus Geldern zusammen, die Schalcks Firmen ihrer Hausbank überlassen hatten. Es sind vermutlich Gewinne aus einer Millionen-Mauschelei bei der Einführung der West-Mark im Osten.

Rund 220 Millionen stammen beispielsweise aus einem lukrativen Zugewinn, den die KoKo-Firma Berliner Import- und Export GmbH (BIEG) nach Ansicht der Justiz bei der deutsch-deutschen Währungsunion am 1. Juli 1990 einstreichen konnte. 1989 hatte der Elektronik-Konzern Robotron Schalck gebeten, dringend benötigte Ersatzteile im Westen zu beschaffen. Auftragswert: 100 Millionen DM. Der KoKo-Chef beauftragte seine BIEG, die gewünschten Artikel zu besorgen.

Die BIEG-Dienste waren der Einstieg in eine wunderbare Geld-Vermehrung. Denn BIEG ließ sich für die 100 Millionen West-Mark teuren West-Waren von Robotron 440 Millionen Ost-Mark gutschreiben. Dieses DDR-interne Rechen-System ("Industrievereinbarung"), wonach Schalck für die Beschaffung von Valuta-Waren den 4,4-fachen Devisenwert in Ost-Mark kassieren konnte, hatte jahrzehntelang seinen guten Sinn: Der Multiplikationsfaktor entsprach etwa den Aufwendungen, die KoKo hatte, einen entsprechenden Devisenbetrag zu erwirtschaften.

Doch nun ließ sich das Rechensystem versilbern: 440 Millionen, ursprünglich nur als interner Buchwert veranschlagt, brachten BIEG bei der Währungsunion nach der Umstellungsquote 2 : 1 die West-Geld-Summe von 220 Millionen. Profit nach Abzug der für Robotron investierten 100 Millionen: 120 Millionen West-Mark.

Solche Finanzwunder vollzogen sich bei der DHB offenbar gleich mehrmals.

In den Betrag von 950 Millionen, der auf dem DHB-Konto bei der Frankfurter Ost-West-Handelsbank deponiert war, gehören nach Justiz-Erkenntnissen auch 500 Millionen DM vom DHB-Konto mit der Nummer 1188. Inhaberin: die KoKo-Auffangfirma »Berliner Handels- und Finanzierungsgesellschaft mbH«.

Die 500 Millionen stammen aus Überweisungen der Ost-Berliner Ministerien für Finanzen und für Außenhandel in den letzten Monaten vor der Währungsunion. Von seinem Konto 6836-26-48432 bei der DDR-Staatsbank hatte das Finanzministerium »nach den vorhandenen Beweismitteln« (Recherchebericht) zwischen dem 11. April und dem 27. Juni mehr als eine Milliarde Ost-Mark auf das Konto der KoKo-Nachfolgerin bei der DHB transferiert. Die vorletzte Tranche am 15. Juni war die größte: 809 Millionen Mark aus der DDR-Staatskasse.

Die Ost-Geld-Überweisungen kamen möglicherweise nach derselben Formel zusammen wie die Einnahmen bei BIEG. Die KoKo-Firmen mußten von ihren Valutaeinnahmen regelmäßig »Gewinnabführungen« an das Finanzministerium leisten. Sie bekamen dafür in Ost-Währung jeweils den sogenannten Marktwert überwiesen, »multipliziert mit dem Richtkoeffizienten 4,4«.

Die Justiz geht davon aus, daß zumindest die kurz vor Toresschluß auf dem Konto bei der DHB angelandeten 809 Millionen Ost-Mark der 4,4-fache Gegenwert für insgesamt 183,9 Millionen im Osten als »Valuta-Mark« (VM) bezeichnete West-Mark waren, die KoKo zuvor an das Finanzministerium abgeführt hatte. Am 1. Juli, mit der Währungsunion, verwandelten sich diese 809 Millionen Ost-Mark wiederum in 404,5 Millionen West-Mark - ein phantastischer Einigungsgewinn zu Lasten der westdeutschen Steuerzahler.

Eine für die Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach verfertigte Analyse merkt dazu lakonisch an: _____« Unter Berücksichtigung der Ursprungszahlung von » _____« 183.900.000,-- VM/DM ergibt sich somit ein » _____« (unberechtigter) Umstellungsbetrag von 220.600.000,-- DM » _____« für die BHFG/ die zur Firmengruppe gehörenden » _____« Unternehmen. »

So kurz vor der Währungsunion, das ist die Ansicht in der Limbach-Behörde, hätte das Ministerium in Ost-Berlin die Ausgleichszahlungen an die Berliner Ko-Ko-Auffang-GmbH gar nicht mehr leisten dürfen. Falls sich nicht doch noch herausstellt, daß der Gewinn der Transaktion an die Treuhand abgeliefert wurde, sind nach Ansicht der Justiz nun Ermittlungen gegen »Verantwortliche des Ministeriums der Finanzen« der alten DDR wegen »Untreue« fällig.

»Eine Absprache«, so die Justiz, zwischen dem Finanzministerium und der KoKo-Firma über eine Mauschelei sei schon deshalb wahrscheinlich, weil »auch vordem enge Bindungen zwischen dem Bereich KoKo« und dem Ministerium »nach vorliegenden Beweisunterlagen bestanden«.

Ob die DHB-Übernehmer bei der BfG von dem Geheimvermögen auf dem Konto der Ost-West-Handelsbank wissen, ist offen. Bemerkenswert beim Verkauf der Deutschen Handelsbank an die ehemals gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft sind jedenfalls zwei weitere Details.

Die Gründung der Ost-West-Handelsbank in Frankfurt im Jahre 1972, heißt es lapidar in einem Justiz-Vermerk, »wurde seinerzeit von der Bank für Gemeinwirtschaft AG initiiert, die im November 1990 einen 64-Prozent-Anteil an der Deutschen Handelsbank erworben hat«.

Die Kooperation ging viel weiter. Die BfG gab den Russen sogar Management-Hilfe: Sie stellte den Leiter ihrer Abteilung für Ost-Geschäfte für den Vorstand der Russen-Bank ab.

Die zweite Auffälligkeit: Der frühere KoKo-Chef Alexander Schalck-Golodkowski und Dr. Diether Hoffmann, von 1977 bis 1982 Vorstandssprecher der BfG, sind seit langen Jahren nicht nur Geschäftspartner, sondern auch gute Freunde.

Daß Stasi-Schalck seine ordnende Hand bei allen Transaktionen seiner ehemaligen KoKo im Spiel hat, dafür spricht einiges. Schalck ist bis heute der einzige, der mühelos mit den Millionen und Milliarden aus dem alten Stasi-Bereich »Kommerzielle Koordinierung« jonglieren kann. Nur er kennt die konspirativen Verästelungen und komplizierten Tarnungen des Imperiums, er selbst hat sie entworfen und verfeinert, um seinen Machtbereich nach außen (und gegen die Konkurrenz anderer SED- und MfS-Institutionen) abzusichern.

Und: Schalck-Gefolgsleute sitzen bis heute an den Schalthebeln in Ostdeutschland - von seiner Vertrauten Traudl Lisowski bis Dieter Uhlig, bei KoKo zuständig für Allgemeine Handelspolitik und Waffenverkäufe, heute einer der Chefs bei der Berliner Nachfolge-GmbH der KoKo.

Daß Schalck noch immer mitmischt, glaubt auch die Justiz. »Es sind Anhaltspunkte dafür vorhanden«, heißt es in einem Vermerk, »daß jetzt unter Lenkung von Schalck, ggf. auch nur von seinen ehemaligen leitenden Mitarbeitern versucht wird, ursprünglich veruntreute Geldmittel für den Wiedereinstieg in das Wirtschaftsleben in der Bundesrepublik Deutschland zu verwenden.«

Genau in diesem Punkt wollen nun auch die Sozialdemokraten parlamentarisch die Aufklärung vorantreiben, an der die Regierungskoalition so auffällig wenig Interesse hat. Obschon BND-Präsident Konrad Porzner (SPD) seinen Bonner Parteifreunden kürzlich meldete, Schalck sei nach den »intensiven Befragungen« im Frühjahr 1990 »ausgelutscht«, argwöhnt der Partei- und Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Vogel: »Ein Mann, der das System Ko-Ko aufgebaut hat, arbeitet doch mit seinem Wissen weiter.«

Die Bundes-SPD entscheidet in diesen Tagen, ob sie die Einrichtung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses - es wäre der erste in dieser Legislaturperiode - beantragt. Es sei, so der parlamentarische Fraktionsgeschäftsführer Peter Struck, »vor allem angesichts der Finanzmisere in der alten DDR allererste Abgeordnetenpflicht, den verschwundenen Milliarden nachzusteigen«. Und wählerwirksam obendrein.

Auch Mitglieder der bayerischen SPD, allen voran die Bad Tölzer Landtagsabgeordnete Christa Harrer, plädieren für rasches Handeln. Sie wollen im CSU-regierten Freistaat einen eigenen parlamentarischen Untersuchungsausschuß durchsetzen. »Vielleicht«, schwärmt die Genossin Harrer, »gelingt ja am Ende auch in Bayern dem Volk, was den DDR-Bewohnern gelungen ist: derartigen Regimeträgern ihr fragwürdiges Handwerk zu legen.«

Eine fromme Hoffnung. »Uns«, sagt der CSU-Sprecher Peter Hausmann, »ist der Schalck wirklich nicht wichtig genug.« Und als die Parlamentarierin Harrer Mitte April im Landtag Fragen »betreffend finanzielle Unterstützung für Herrn Alexander Schalck-Golodkowski« stellte und die Staatsregierung um Aufklärung bat, antwortete ihr Parlamentspräsident Wilhelm Vorndran schnell, aber kühl: _____« Das Verhalten von Privatpersonen fällt nicht in die » _____« Zuständigkeit des Freistaates Bayern. Dieser » _____« Zuständigkeitsmangel kann angesichts des unbestimmten » _____« Personenkreises auch nicht durch die Frage nach der » _____« Kenntnis der Staatsregierung geheilt weren. »

Dabei könnten die Freistaatler auf interessante Verbindungen stoßen, die am ehemaligen KoKo-Sitz in der Ost-Berliner Wallstraße beginnen und im oberbayerischen Buchloe enden. Dort residiert der Fleischkonzern A. Moksel, der im letzten Jahr einen Umsatz von 3,4 Milliarden Mark machte.

Der Name Moksel taucht in den Beweismittelordnern der Staatsanwälte immer wieder auf. So unterhielt die Firma bei der Deutschen Handelsbank das Konto 651 (Kodewort: »Silvia"), auf dem zur Wendezeit noch mehrere Millionen Mark gebunkert waren; im Juni 1988 hatte Schalck fünf Millionen aufs Konto »Calvados« beim Schweizerischen Bankverein in Zürich transferieren lassen. »Dieser Transaktion«, so ein KoKo-Finanzrevisor, »liegt ein schriftlicher Vorschlag des Vorstandes der Fa. Moksel zugrunde.«

Eine ähnlich hohe Summe (5,5 Millionen) legte Schalcks Hauptabteilung I auch bei der Moksel-Tochter Allmeat im schweizerischen Speicher an. »Verbleib und Sachzusammenhang«, notierte Staatsanwalt Brocher, »sind teilweise unklar.« Dies gilt auch für drei Barabhebungen über insgesamt 1,16 Millionen Mark mit der »Zweckbestimmung AS Krumke«; an der Berliner Fleischhandelsfirma Krumke ist Moksel mit 66,67 Prozent beteiligt.

Moksel-Partner Schalck, so glauben die Berliner Justizrechercheure, könnte das Rätsel dieses Geschäfts lösen. Doch der spielt die Rentner-Unschuld vom Tegernsee. Immer mal wieder ruft er bei der Staatsanwaltschaft in Berlin an und erkundigt sich leutselig, ob noch irgendwelche ihn betreffenden Fragen offen seien, er wolle sie gern beantworten, er habe alles Interesse, daß die Untersuchung endlich zum Ende komme.

Sogar seine derzeitige Finanzlage gab er bereitwillig preis: Er legte ein Schreiben der Rosenheimer Familie März vor, in dem diese mitteilte, sie habe dem früheren Geschäftsfreund Alexander 420 000 Mark gepumpt, zu 4 Prozent Zinsen.

Die Familie März, Inhaber der Fleischfabrik Marox, kennt Schalck seit der Anbahnung des Bonner Milliardenkredits für die DDR im Jahre 1983. Die Brüder März gehörten zum engsten Freundeskreis von Franz Josef Strauß, der 1988 gestorbene Josef März hielt im Auftrag von Strauß engen Kontakt zum SED-Magnaten Schalck.

Das März-Geld hat Schalck auf den Namen seiner Frau gleich zu acht Prozent angelegt - bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank. Auch die kennt der KoKo-Mann aus alten Zeiten. Das Bayern-Institut wickelte 1983 den von Schalck und Franz Josef Strauß eingefädelten Bonner Milliardenkredit an Ost-Berlin ab.

Leben kann Schalck von dem Kredit kaum. Allein für die von einem Makler gemietete Villa in Rottach-Egern am Tegernsee zahlt er monatlich 4000 Mark. Im übrigen, so Schalck vage, bestreite er seinen Unterhalt von Beraterhonoraren.

Insider haben eine realistischere Theorie. Schalcks Freunde, so ihre These, leihen dem ehemaligen KoKo-Chef sein eigenes Geld. »Wenn ich 50 Millionen auf Schweizer Konten hätte«, spekuliert ein Justizbeamter, »fände ich auch Leute, die mir was borgen. Der Schalck rührt sich nicht, der macht keinen Fehler, er braucht nur zu warten, bis alles verjährt ist.«

Die Muße nutzt der einstmals überzeugte Kommunist und Atheist Alexander Schalck-Golodkowski am Tegernsee jetzt zu ausgiebigem Kirchgang. Der Genosse ist fromm geworden und grüßt Bekannte im Osten neuerdings mit der Christen-Formel »Gott schütze euch«.

Den Schutz von oben wird er selbst noch dringend brauchen. o

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